Lénárd, Sándor – „Am Ende der Via Condotti“

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Römische Geschichten
Autobiografie – Roman
Aus dem Ungarischen und mit einer biografischen Notiz versehen von Ernő Zeltner
Verlag Deutscher Taschenbuch Verlag, 2017
ISBN: 978-3-423-28112-6
Originaltitel: Romai történetek,
1969 (auf Deutsch bei DVA 1963)
Bezug: Buchhandel, Preis: 22 Euro

von Gudrun Brzoska

“Jetzt, da ich mich hingesetzt habe, um aus dem Schutt von Jahrzehnten ein paar Tage auszugraben, vergesse ich die Realität der um mich Lebenden, schreibe in einer Sprache, die im Umkreis von vielen Kilometern niemand versteht – über in der Ferne Lebende und Verstorbene, in Rauch aufgegangene Menschen, nicht eingetroffene Prophezeiungen… bis ich auf eine friedliche Insel auswandern kann – irgendwohin unter Palmen im Stillen Ozean“ (S. 276 ff), schreibt Sándor Lénárd, als er sich aus dem Abstand zweier Jahrzehnte die Jahre in Rom wieder ins Gedächtnis zurückruft, die Jahre seiner Flucht und Hungerjahre in der Emigration. Trotz der widrigen Umstände ist es ein Buch voller Humor und Satire geworden, ohne den harten Überlebenskampf, die Zeit des Krieges, das Versteckspiel vor der Geheimpolizei klein zu reden. Geschuldet. ist dies der tiefen humanistischen Bildung, der Anteilnahme, scharfen Beobachtung und dem nie versiegenden Optimismus des Autors. Gleichzeitig sind die „Römischen Geschichten“ eine Liebeserklärung an Rom, vor allem an das Viertel um die Via Condotti, wohin es den jüdischen Flüchtling im August 1938 verschlagen hatte. Er hatte klarer gesehen was kommen würde, hatte sich – im Gegensatz zu vielen anderen – auf den Weg gemacht und alles hinter sich gelassen. Seine ersten sechs Flüchtlingsjahre in Rom beschreibt er hier – insgesamt waren es fünfzehn, bis er jene „friedliche Insel unter Palmen“ fand.

Auch in seinem Buch „Ein Tag im unsichtbaren Haus“ erinnert er sich dieser Jahre: „Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen jeder sehen konnte, was ich treibe. Bei Nacht schlief ich unter einer Brücke, bei Tag lehnte ich an einer Säule. Manchmal wechselte ich die Säule. .“ und: „Fünfzehn Jahre lang trat ich das Pflaster Roms, schlief in seinen Ruinen und unter seinen Dächern, schlug Wurzeln in seinen Bibliotheken und pflückte Walderdbeeren auf seinen Gräbern.“. Mit diesen Rückblicken ist eigentlich schon alles umrissen, was diese – vor allem die ersten – Jahre ausmachte: Ein unbehaustes Leben in Hunger und Obdachlosigkeit, aber auch die Sehnsucht nach geistiger Nahrung und Bildung.

Lénárd war 28jähriger Medizinstudent in Wien, kurz vor seinem Diplom, als er über Nacht mit einem Köfferchen und wenigen Habseligkeiten floh. Während er vor dem Bahnhof in Rom sitzt und wartet „was geschieht“, geht ihm durch den Kopf, was wäre wenn…: Wenn Mussolini stürbe, wenn in „diesem aufgeklärten und vernünftigen Deutschland“ Verschwörer bereits gehandelt und Hitler beseitigt hätten… Aber die Weltgeschichte und das Schicksal nehmen ihren Lauf. Mussolini und Hitler bleiben am Leben und bestimmen die Geschicke ihrer Völker und der Welt. Lénárd muss in Rom bleiben, sich vor der Geheimpolizei verstecken und schauen, wo er schlafen – und was er essen kann.

Mit grimmiger Ironie beschreibt er, wie er sein neues Leben begann – und rät auch jedem, der in ein solches einsteigen will, dies ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse zu tun, ohne Aussicht auf Rückkehr. Nur so gelänge ein „neues Leben“.

Schon einmal, 10 Jahre vorher, war er in seinem „alten Leben“ in Rom gewesen, wie er während seiner Studentenjahre in Wien viele Länder und Städte bereist, sich umfangreiche Sprachkenntnisse und eine tiefgründige Bildung angeeignet hatte.

Bald trifft er sich mit anderen Flüchtlingen im Caffè Greco, einem berühmten Künstlercafé, in dem schon die Größen der Weltkultur abgestiegen waren. Hier wird debattiert und prognostiziert, was den Fortgang des Krieges betrifft und die Auswanderungschancen. Einige konnten genug Geld mit auf die Flucht nehmen, um gut über die Runden zu kommen, einigen gelingt die Ausreise, welche sie aber sehr ungern antreten. Zu sehr sind sie Westeuropäer, ja sogar Deutsche. Ein Herr Rosenwurz, man sieht es am Namen, ist auch Jude und Flüchtling. Sogleich konfrontiert er Lénárd mit seinem traurigen Schicksal: „Manche werden geboren, andere nicht. Geboren zu werden ist der schlimmere Fall. Der Mensch kann als Christ oder als Jude auf die Welt kommen. Als Jude geboren zu werden ist der schlimmere Fall.  In Europa kann man entweder in Frankreich oder in Deutschland das Licht der Welt erblicken. Deutschland ist der schimmere Fall. zu Hitlers Zeiten der noch schlimmere. Wer nach Italien kam … und wer noch kein amerikanisches Visum bekommen hat …. Ja er, Heinrich Rosenwurz, er ist der allerschlimmste Fall. ….“

Jegliche Zeit, die Lénárd nicht zum Überleben verwenden muss, feilt er an seiner Bildung: Lernt Italienisch, liest im Baedecker, besucht Kirchen, Museen und Plätze, macht sich mit der Geschichte der Stadt vertraut – und vergleicht diese mit seinem Heute von 1938. Er lernt Atmosphäre und Gerüche kennen, die Straßenhändler mit ihren Waren – und er hört immer wieder aus einem bestimmten Fenster die geliebte Musik von Johann Sebastian Bach.

Aus der „Jüdischen Rundschau“ erfährt er, dass es in Deutschland für Juden ab sofort verboten ist Musik zu machen, ein Instrument zu kaufen, ins Kino zu gehen und vieles andere mehr. Auch darf nicht darüber aufgeklärt werden, was noch nicht verboten ist. Lénárds ironische Auslassungen dazu:  Denn schließlich hatte sich ja gezeigt, dass das Klavierspiel der Juden von Übel war und Unheil gebracht hat. Deshalb hat man es abgeschafft. Das Brot wird weißer und bekömmlicher, wenn es in Furtwänglers Philharmonischem Orchester keine jüdischen Harfenistinnen mehr gibt.

Diktatur schafft Misstrauen auch unter den Flüchtlingen. Erst muss man „beweisen“, dass man dazugehört. Im Greco hört er viele Sprachen, Menschen, die sich über Literatur unterhalten. Das tut ihm gut. Ganz nebenbei macht uns der Universalgelehrte mit den neuesten Errungenschaften der medizinischen Forschung bekannt (Sulfonamide – Penizillin) und den dazu gehörenden Wissenschaftlern. Natürlich sind Hitler und Mussolini täglicher Gesprächsstoff. Wie weit werden sie gehen?

Einer seiner „Italienischlehrer“ ist Aldo, ein Beamter des Propagandaministeriums, der ihn neben dem Unterricht in die Geheimnisse und Arbeit dieses Ministeriums einweiht.

In diese Zeit fällt die „Münchner Konferenz“. Ironisch greift Lénárd die Schlagworte auf: „Peace for our time“. Die naiven Weltmächte gehen vor Hitler in die Knie. Um die Absurdität dieser Zeit vor dem Kriegseintritt aufzuzeigen und dem Leser vor Augen zu führen, wie die Aufmerksamkeit des Publikums auf Nebenschauplätze gelenkt wurde, erfindet Lénárd die Geschichte, wie eine große Moschee in Rom gebaut werden sollte. Endlich ein Projekt, mit dem man die Massen ablenken kann, worüber sie sich hitzig aufregen – und andererseits die Weitsicht des Duce beklatschen können. Das Projekt hat es nie gegeben, aber Lénárd zeigt an diesem Beispiel, wie Meinung gemacht wird, wie die Medien eine Idee aufgreifen – und sie dadurch bereits zur Realität wird: die Medien fiebern der Grundsteinlegung entgegen, während Deutschland bereits in Frankreich einmarschiert. Aldo zieht die Quintessenz „Wirklichkeit ist, was jeder glaubt und jeder weiß.  Unsere Moschee ist im Geiste und in geschriebener Schrift entstanden. Das ist die Realität  Sie ist bereits ein Symbol, bereits ein Sieg. Ich kann dir versichern, dass keiner mehr wollte und niemand mehr wollen kann.  Ich darf dir versichern, dass in Italien, in Deutschland, in Ungarn und in Albanien die Moschee bereits existiert. Nicht existent ist das, wofür wir keine Druckfarbe verschwenden.“

Als es auch nichts mehr hilft, ganz wenig zu essen um Geld für die Miete zu sparen, wird Lénárd obdachlos: „Obdachlos zu sein wäre gar nicht so schwer, wenn es die Nacht nicht gäbe. Ich laufe in meiner neuen Rolle durch die Straßen, als wäre Rom gar nicht mehr die Stadt von gestern.  Auch meine Kleider verlassen mich »wie die Ratten das sinkende Schiff«. Auch die wenigen Patienten, denen er Kalzium spritzen kann, können ihn nicht über Wasser halten, aber er darf sich bei ihnen auf dem Diwan ausruhen, ein wenig schlafen. Hat er ein paar Lire gespart, kann er zum Barbier gehen – niemand soll – niemand darf sehen, dass er ein Penner ist. „Nur ein Mal, ein einziges Mal möchte ich in einem Bett schlafen!“ Manchmal hat er Glück, trifft auf Touristen (die gibt es noch!), welche er in Rom herumführen kann und dafür zu einem Mittagessen eingeladen wird, oder er bekommt ein Billet geschenkt für ein Konzert: „Alte Musik, altes Deutschland, alte Welt. Es lohnt sich doch zu leben. Wie wunderbar das Cembalo für Johann Sebastian Bach geklungen hat!“ Daraus ergibt sich eine schöne Zeit bei einem Fürsten in dessen Palazzo: Es gibt gutes Essen, interessante Gespräche und vor allem gemeinsames Musizieren:„Bach ist meine Muttersprache.“ Leider wird er nicht eingeladen zum Übernachten – und dem herausgeklingelten Portier kann er auch kein Trinkgeld geben. Die hohen Herren stehen über so etwas – können sich nicht vorstellen, wie einem armen Schlucker und Flüchtling zu Mute ist.

Einer seiner Kollegen darf endlich nach Norwegen ausreisten und schenkt Lénárd sein Blutdruckmessgerät. Das wird von nun an sein Leben bestimmen: Je nachdem wie vielen Patienten er den Blutdruck misst, kann er Miete oder Essen bezahlen – oder sogar beides. Der Einmarsch nach Polen beginnt –die Menschenjagd geht auch in Italien weiter. Sogar die Schweizer schießen auf alle, die sich der Grenze nähern.

Ein Landsmann lädt ihn ein, ihn in der Biblioteca Nazionale zu besuchen. Bücher! Lesen!  Selbst wenn man gegessen und geschlafen hat, sehnt man sich nach einem Buch.  Heute Abend gehe ich zum Fürsten, und morgen bin ich in der Bibliothek.“

Als er sich bereits sechs lange Jahre in Rom durchgeschlagen hat, waren schon fast alle seine neuen Bekannten ausgereist und konnten eine neue Bleibe finden, nur er kann nicht weg. Der Krieg ist in vollem Gange! Lénárd hat eine Freundin gefunden, Diana, eine Italienerin, die zu ihm in sein Dachatelier am Ende der Via Condotti, der Künstlerstraße, gezogen ist.

Was wird nach diesem Krieg, in dem schon so viel zerstört wurde, überhaupt noch übrig bleiben? Und wem werden die letzten Zeitzeugen überhaupt berichten können? „Millionen von Kindern verbrannten, nicht einmal ihre Namen blieben übrig.“  Einer von tausend, von zehntausend schreibt seine Erinnerungen auf. Und wie viele von ihnen wollen sich doch nur rechtfertigen, ihre Hände in Unschuld waschen oder die Zeitgenossen schmähen?  Ganz wenige sind es, die wirklich Zeugen waren und etwas zu berichten haben: »Das habe ich gesehen, das gehört, so ist es gewesen.« Aus dem Abstand der Jahre weiß der Autor, wie schwierig die Aufarbeitung der Geschichte ist. Als er 1963 dieses Buch auf Deutsch schreibt, ist mit der Aufarbeitung noch gar nicht so richtig begonnen worden.

Rom wird bombardiert, Mussolini gestürzt, der Krieg in Russland dauert an, Durchhalteparolen auf deutscher Seite, der Sieg sei so gut wie sicher. Häufig lässt sich Lénárd über Mussolini aus, mal sarkastisch, mal spöttisch, immer überlegen. Auch, wenn er beschreibt, wie dieser General im alten Rom schlimmer gewütet habe, als die Bomben der Alliierten: ganz nach Diktatoren-Manier, welche Stadtviertel, die in Jahrhunderten gewachsen sind, abreißen lassen, um geschmacklose Prunkbauten hinzustellen.

Gespräche mit einem Archäologen zeigen die fundierte Bildung Lénárds: Den Kriegsfortgang beschreibt er in Diskussionen über die vergangene Historie und der Leser vergisst keinen Augenblick, in welcher Situation sich der Flüchtling, sich Rom, Italien, ja ganz Europa befinden. Auch wenn unser Autor sich dem „Wohltemperierten Klavier“ von Bach hingibt, über Literatur und Römische Geschichte nachdenkt und debattiert. Ganz abgesehen von den täglichen Hamstergängen, die das Überleben sichern helfen.

Lénárd überlegt sich, ein Konversationsbüchlein mit übersetzten italienischen Redewendungen ins Englische zu schreiben – für den Fall der Befreiung. Doch die praktische Diana antwortet ihm nur, dass man keine Gesprächsvorschläge für Leute schreiben könne, die auf die Befreiung warteten. „Mit der Befreiung kann man sich doch gar nicht unterhalten.“ Damit endet das Buch. Noch hat die Bevölkerung fast eineinhalb Jahre vor sich bis zum Kriegsende, die sie durchstehen muss.

Dem Übersetzer Ernő Zeltner kann ich nur großes Lob zollen, für seine frische Übersetzung, die den kurzweiligen, ironischen Ton seines Autors so gut trifft.

 

 

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