Kiss, Tibor Noé – „Stumme Wiesen“

©Verlag Nischen

Aus dem Ungarischen von Eva Zador
Verlag Nischen, Wien 2017
ISBN: 978-3-9503906-5-0
Originaltitel: Aludnod kellene, 2014
Bezug: Buchhandel, Preis: 19,00 Euro

Eine heruntergekommene Siedlung – irgendwo in Ungarn. Vergessen und fast verlassen. Niemand kommt, niemand kümmert sich. Früher, vor der Wende, war das anders gewesen, da hatte der Staat eine Reihe von zehn gleich aussehenden Häuschen gebaut für die Angestellten der Landwirtschaftlichen Genossenschaft. Alles hat sich gewendet. Diejenigen, die den Anschluss verpasst haben, sind die Übrig- die Zurückgebliebenen. Es herrscht nur noch Ödnis und Eintönigkeit in der vorherrschenden Farbe Grau.
Im vergangen Jahr hatte ich den serbischen Teil der Batschka besucht – die Dörfer oder Siedlungen von dort kamen mir sogleich in den Sinn, als ich „Stumme Wiesen“ las: Die gleiche Trostlosigkeit, die gleiche Hoffnungslosigkeit, kaum junge Leute, die waren entweder schon weggezogen, oder sie „verdienten“ sich ihren Lebensunterhalt mit Kleinkriminalität. Verfallende Häuser hüben wie drüben, ausgeplünderte Natur -Mais so weit das Auge reicht. Eine unbarmherzige Sonne bleicht die Natur aus – der Regen verwandelt sie in Schlamm und Grau.
Tibor Noé Kiss hat nicht nur eine Journalistenausbildung abgeschlossen, sondern war auch als Soziologin unterwegs: Sie schaut genau hin, beschönigt nichts, verurteilt aber auch nicht. Sie beschreibt, was und wie es ist.
Ganz langsam umkreist sie einzelne Bewohner der Siedlung, stellt sie kurz ins grelle Sonnenlicht, um sie dann wieder in den Schatten zurücksinken zu lassen. Geschichte findet nur in der Vergangenheit statt, wenn Schicksale in der Rückblende aufscheinen. Die Gegenwart ist nur Stillstand. Die Tage vergehen einer wie der andere. Die Männer – in der Siedlung leben fast ausschließlich Männer – glauben alles voneinander zu wissen – und kennen und helfen einander doch nicht. Solidarität – fehl am Platz! Sie belauern sich misstrauisch, trauen dem Nachbarn allerhand zu, beklauen sich. Frauen leben fast keine mehr hier: Entweder sind sie geflohen oder gestorben. Es wird überhaupt viel gestorben: weil man sich in den Suff flüchtete, zu viel rauchte, im Kindbett, durch Unfall, Mord, oder durch Selbstmord. Wer es fertig gebracht hatte, den grauen Ort zu verlassen, kam nie wieder. Fremde kommen nie hierher. Zu abseits liegt die Siedlung; so, als wäre sie eine verlassene Insel in der Welt, würde einsam vor sich hin ausdorren oder vereisen, je nach Jahreszeit. Die „große weite Welt“ interessiert aber auch nicht wirklich. Muss einer ins Dorf, um etwas zu besorgen, so kommt dieser „Ausflug“ ihnen eher unwirklich vor: „ [… ] spürte, dass das nicht die Wirklichkeit war, sondern nur eine Art Ausnahmezustand, der bald vorbei wäre. […] Und dann […] verschluckte ihn das hoffnungslose Grau, die Farben und Kontraste verschwanden aus der Welt.“ Alles dreht sich um die Belange jedes Einzelnen: Hat er genug Alkohol, genug zu essen, kann er sein Überleben sichern mit ein wenig Arbeit, die ihm Antal Pongrácz zuteilt? Dieser Antal Pongrácz „hatte sich (im Umbruch nach der Wende) die Siedlung beschafft“, wie es gleich zu Anfang heißt „und sofort alle Pappeln fällen lassen. Seitdem waren nur die Maisfelder zu sehen, ein paar verkümmerte Bäume und ein vergessenes Ölsilo. Am Rand der Zufahrtsstraße lag Müll. Plastikflaschen, Tüten, Zigarettenkippen.“ Kaum einer sprach mit ihm, nur diejenigen, die auf ihn angewiesen waren. Passte ihm etwas nicht, oder glaubte er zu wissen, wer ihn bestahl oder ihm schadete, prügelte er denjenigen brutal zusammen. Seine Frau Margit, schwer depressiv, hatte sich erhängt. Sie fehlt ihm, auch wenn Margit zum Schluss ganz verstummt war, nur traurig lächelte. Wenigstens die Gegenstände hatten zu ihm gesprochen – aber auch die waren verstummt. Nun blieb ihm nur noch seine Geliebte, die Lehrerin Éva, wie schon zu Margits Zeiten.
Mit grimmiger Ironie schildert Kiss die einzelnen Charaktere. Dabei ist weder dem Leser, noch den Protagonisten zum Lachen. „Wie viele verlorene Menschen. Sie lachen übereinander, aber lächeln nie. In der Siedlung werden sie langsam wahnsinnig, aber an der Kreuzung machen sie immer kehrt, für sie ist es doch gut hier. Sie schließen die Tür hinter sich, schweigen. Spähen aus dem dunklen Zimmer hinter der Gardine hervor. Und wenn die Nacht niedersinkt, stehlen sie sich aus ihren Häusern. Mit gebeugtem Rücken stolpern sie von Baum zu Baum. Ihr Platz wäre in der Anstalt. Sie sind genau wie die Leute hier, hinter denen man nach dem Zapfenstreich die Tür zusperrt.“
Feri Gulyás, gerade 60 geworden, hat seine Zahnprothese verloren. Er wird sie nicht mehr finden und ohne sie weiterleben müssen. Denn diejenigen, die sie gefunden haben, jene Bewohner der Anstalt für Suchtkranke, Trinker, die alles gegen Alkohol eintauschen, selbst wenn er mit Pflanzenschutzmittel gestreckt wird, haben sie gefunden. Sie wissen auch, dass sie Feri gehört, machen sich über ihn lustig – und sind keinesfalls bereit, sie ihm zurück zu geben. Seine Frau Judit ist ihm weg gelaufen: „Keine Familie, keine Arbeit, kein Geld, nur dieser Sumpf“, hatte sie ihm auf einem Zettel hinterlassen, bevor sie davon ging. Tochter Editke schreibt nur ab und zu einen Brief. Zu Besuch kommt sie nie. Jetzt lebt er mit Irénke zusammen, die sich nach der Wende nicht so verändert hatte wie die anderen Frauen, einfach das tat, was Feri ihr auftrug, ohne zu mucken. Jetzt, alt und verbraucht, leicht dement, führt sie ihm den Haushalt. Als einzige Frau im Ort, ist sie den Männern ein Ziel ihrer Begierde – und muss deshalb von Feri bewacht werden.
Manchmal spielt er Karten mit den Jüngeren, mit Laci Pék, dessen Mutter sich davon gemacht hat, als er noch ein Kind war – und der seinen Vater als Jugendlicher tot und festgefroren an einem Eisenschrank gefunden hatte. Bandi Szokola mit dem Glasauge gehört auch zur Kartenrunde, ein Witwer, der seine Frau bei der Geburt des fünften Kindes verloren hatte – und der nun seine drei Kinder alleine groß ziehen muss. Pista Tatár, Junggeselle und Wachmann bei Antal Pongrácz, gehört dazu, ein Schweiger, der schließlich seine Mutter von ihrem Leiden glaubt erlösen zu müssen. Sie beschummeln sich beim Spiel, genauso wie sie auch im weiteren Alltag den Anderen übervorteilen, wenn es geht. Keine Hilfsbereitschaft, nur ein Belauern, Hassen, Misstrauen, Schadenfreude. Brutalität.
Kiss erzählt von der heruntergekommenen Siedlung, gegenüber ein Wäldchen, in dessen Mitte eine Wiese, der einstige Fußballplatz, vergammelt. Auch die Hallen der Kolchose sind leer, die Fenster zerbrochen, die Neonröhren zerschlagen. Wenn es regnet, hört es ich an, als würden Maschinengewehrschüsse auf die Hallendächer prasseln. „Die Menschen hielten seit Jahren Wache, jeder trauerte um seine eigenen Toten. Und gab es keine Toten, dann trauerten sie um die Lebenden, die sie für immer verloren hatten.“ Tagsüber bleiben sie zu Hause, schützen sich vor sengender Sonne, vor prasselndem Regen oder eisigem Schnee. „Bei Einbruch der Dunkelheit streiften sie auf den Pfaden durch das Wäldchen, sie wussten selbst nicht, warum. Sie gingen zu den Feldern hinaus, liefen viele Kilometer, den Traktorspuren folgend, dann machten sie kehrt. Sie irrten zwischen den verlassenen Ställen umher, als suchten sie jemanden. […] Auch im Dunkeln erkannten sie den anderen von Weitem […] Doch sie gingen sich lieber aus dem Weg, konnten nie wissen, was der andere im Sinn hatte.“
Der „Einbeinige“ gehört zu den Männern in der Anstalt. Er beobachtet, er weiß vieles, kann oft nicht schlafen. Er weiß auch um die schwule Veranlagung des Pflegers, Miska Szebeni. Szebeni ist der Einzige, der nicht in der Siedlung lebt, er wird es vielleicht einmal schaffen, auszubrechen.
Die Natur ist allgegenwärtig: „Der Einbeinige betrachtete die Sichel des Mondes, etwas anderes gab es in der Siedlung nicht mehr zu sehen.“ […] „Der Hof der Anstalt war der Lieblingsplatz der Krähen […] den Einbeinigen mochten sie besonders, einige kamen regelmäßig auf den Balkon[….]. Die Krähen werden immer mehr und kreisen über Bandi Szokolas Haus – Vorboten des Unglücks. Nur sie wissen Bescheid, sitzen zusammen, als flüsterten sie sich etwas zu. Sie sehen alles, hören alles, was in der Siedlung vor sich geht. Traumboten.
Es scheint, als geschähe alles zu gleicher Zeit, doch darauf kommt es nicht an –Rückblenden und Erinnerungen verflechten sich mit der Gegenwart: Stellen Sie sich ein großes Bild vor: wenn der Betrachter genauer hinschaut, sieht er unter grauem Dunst die ganze Siedlung und ihre Bewohner, sieht, was sie gerade tun, sieht sie in früheren Jahren, sieht sie in verschiedenen Jahreszeiten – es verändert sich nicht wirklich etwas in dem Bild: Die Sonne scheint weiter heiß und unbarmherzig – Gewitter mit Sturm und Regen braust über die Siedlung, Schnee fällt, alles vereist –das Leben schleppt sich gleichförmig ohne sichtbare Höhen und Tiefen weiter. Und doch tut sich etwas hinter dem Gleichmaß: Leidenschaft und Triebhaftigkeit kommen kurz hoch, Menschen schleichen herum, schauen in die Fenster der Nachbarn, haben ihre Geheimnisse, prügeln, töten, erpressen und morden. Der äußere Schein der Einförmigkeit trügt. Hinter dem Firnis bricht da und dort etwas auf, bis ein erstickendes Grau wieder alles zudeckt. Wünsche werden keine wach. „Er sah zum Himmel hoch, vielleicht würde er eine Sternschnuppe bemerken. Sich etwas wünschen, das war alles, was er wollte.“ Szandra hatte auch versucht die Siedlung zu verlassen. Sie kam nur bis zur Kreuzung. Der Einbeinige findet sie. Tot. Die Krähen sind empört, dass sie gestört wurden.
Tibor Noé Kiss erzählt in kurzen prägnanten Sätzen über Armut, Wunschlosigkeit und die daraus resultierenden Folgen nach der Wende, als die Menschen sich wie im luftleeren Raum wiederfanden. Alle Erfahrung, die sie bisher gemacht hatten, konnten sie nicht mehr anwenden. Sie zogen sich zurück, grenzten sich ab, machten alles mit sich selber aus, Opfer und Täter in einem. Obwohl das Buch Eintönigkeit beschreibt, zieht es den Leser sogartig immer mehr in seinen Bann und fesselt bis zum Ende.
Wie ich schon am Anfang bemerkte, hat sich leider auch bis heute noch nicht viel geändert. Im Gegenteil, diejenigen, die nicht dazu gehören, werden immer mehr – und immer weiter ausgegrenzt. Und das in Europa!
Eva Zador hat die lakonische Sprache glänzend übersetzt. Daran kann es also nicht liegen, dass sich die deutsche Literaturkritik mit diesem wichtigen Buch kaum beschäftigt. In Ungarn wurde es 2014/15 von allen namhaften Literatureinrichtungen hoch gelobt. Es wäre also an der Zeit, dieses Buch auch einem größeren Leserkreis hier vorzustellen. Ich hoffe, noch weitere Bücher von dieser großartigen Erzählerin zu lesen.

Gudrun Brzoska

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