Borbély, Szilárd – „Kafkas Sohn“

© Suhrkamp

Prosa aus dem Nachlass

Aus dem Ungarischen übersetzt, mit Kommentaren und mit einem Nachwort versehen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer
Verlag Suhrkamp Berlin, 2017. 200 S.
ISBN: 978-3-518-42590-9
Originaltitel: Kafka fia
Bezug: Buchhandel, Preis: 24,00 Euro

Als sich Szilárd Borbély im Februar 2014 das Leben nahm, galt der im äußersten Zipfel Ungarns geborene Literaturwissenschaftler als einer der vielversprechendsten Schriftsteller Ungarns. Er hatte bereits wichtige Preise erhalten und fiel durch seine Gedichte auf und damit, wie er in Halotti pompa (2004), mit dem Raubüberfall auf seine Eltern umging. Die Mutter wurde totgeschlagen, der Vater schwer verletzt. In einem Interview sagte er dazu, dass er geglaubt habe, diese Tragödie mit den Gedichtsequenzen verarbeiten zu können – aber das sei wohl zu früh gewesen. Zeit seines Lebens habe er sich in die Depression zurückgezogen und gelernt damit umzugehen. Sein Roman Die Mittellosen[1] war 2013 in Ungarn erschienen und wurde sogleich zu den bedeutendsten Werken der zeitgenössischen Literatur gezählt. Auch in Deutschland (2014) rief sein Roman größte Beachtung hervor. Noch Ende 2013 schrieb er seinem Verleger, dass er einen fast fertigen Roman habe, den er bald schicken werde. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Gleichwohl waren die Textfragmente des neuen Buches für die Veröffentlichung bestimmt. Heike Flemming und Lacy Kornitzer machten sich daran, in ganz unüblicher Übersetzermanier, nichts – oder nur sehr wenig – zu glätten, auch abgebrochene Textteile nicht weiterzuführen, die Anordnung der Erzählungen so zu belassen, wie sie diese vorgefunden hatten. Dafür kann ihnen nicht genug Hochachtung gezollt werden. Verständlich wird vieles durch ihre Kommentare und die beiden einfühlsamen Essays am Ende des Buches.

Borbély, das deutet er in einem Text an, war schon als Jugendlicher auf Kafka gestoßen. Mehr zufällig hatte er sich den Prozess ausgeliehen und ihn atemlos gelesen, ein erschütterndes Leseerlebnis für ihn, denn

Die Heimatlosigkeit, Verlorenheit darin, die ich so gut kannte, riss mich mit sich fort. Die Sehnsucht nach Gewissheit, das Ausgeliefertsein, die Schutzlosigkeit und Nacktheit des verachteten und erniedrigten Menschen erheben in diesem Roman auf fast schon schamlose Weise die Stimme. was mich bei der Lektüre des Prozesses so sehr erschütterte, weil es mir unsäglich, wirklich unsäglich bekannt war“.

Borbély wendet sich in seinem Vorwort direkt an den Leser:

Dieser Roman spielt in Osteuropa. Er erzählt vom Reisen und von Reisenden. Von der Reise Franz Kafkas, der mit Franz Kafka nicht identisch ist. Und vom Bleiben an ein und demselben Fleck,  Und vom Raum, der alldem ratlos zuschaut.  Räume, die in Osteuropa trotz allen Gedränges genauso einsam sind wie der Mensch, der sie mit seinem Spaziergang durchmisst.“

Der Autor verschiebt und verknüpft mehrere Erzählstränge ineinander und miteinander: Wir sehen Franz Kafka, wie er durch das nächtliche Prag irrt, wir begleiten ihn, erfahren von seinen unbeholfenen Briefen an Felice Bauer, werden Zeuge, wie er über sich selbst urteilt, lesen, wie er sich seinem Vater lebenslang unterlegen fühlte. Dahinein verwebt Borbély seine eigenen Erfahrungen, die zum Teil fast identisch sind mit Schilderungen aus Die Mittellosen. Zwischen den Zeilen zieht er Parallelen zu Kafka, den er, wenn er direkt von ihm spricht, immer bei seinem jüdischen Namen Anselm nennt. Er zieht Parallelen zu dessen Heimatlosigkeit, zu seinen Unsicherheiten, zu seiner Sehnsucht in der Welt zu verschwinden, zu seinem Schreibzwang – denn nur durch sein Schreiben will er sichtbar sein. Darin wird er ihm zum (Zwillings-) Bruder. Der dritte Erzählstrang sind die Briefe des Vaters Hermann an seinen Sohn Franz. Anders als in Kafkas berühmtem Brief An den Vater, kommt hier Hermann zu Wort. Kraftstrotzend, von sich selbst überzeugt. Einer, der sich aus dem Elend selbst herausgearbeitet hatte. Sein Vater, ein koscherer Metzger, hatte seine Familie nicht ausreichend versorgen können. Talmud und Synagoge waren ihm wichtiger. Daher lehnt auch der Sohn alles Jüdische ab und fühlt sich düpiert von Franz‘ Interesse an allem Jüdischen.

Die Antworten des Vaters lassen auf die Vorwürfe des Sohnes schließen. Die arme Kindheit und Jugend ähnelt derjenigen Borbélys, während Franz Kafka, zwar einsam, aber behütet aufwuchs; denn der Vater sorgte bei aller Sparsamkeit für seine Familie, für eine geräumige Wohnung, für eine gute Ausbildung und damit auch für einen einträglichen Beruf, dem Franz als Beamter in einer Versicherungsanstalt nachgehen konnte. Der Vater liebt seinen Beruf und er liebt seinen Sohn – aber auf seine Weise. Und da der Sohn sein Leben nicht so gestaltet, wie es sich der Vater für ihn gewünscht hatte, demütigt er ihn und reagiert mit Aggression. Den Sohn stößt das ab. Er hat das Gefühl, sein Vater sei allgegenwärtig, würde ihn belauern und bespitzeln. Kafka ist zutiefst unglücklich, sinnt immer wieder über Selbstmord nach, hat Vorahnungen, was die Juden in Europa betrifft. Das kommt am deutlichsten in den Erzählungen Erinnerung und Nähe (S. 130) und in Kafka auf der Brücke (S. 149) zum Ausdruck. In der ersten Erzählung spürt er die Dämonen der Juden, die ihn so bedrängen, so dass er bis zum Morgen am Schreibtisch sitzt, um Luft aus dem Wasser der Nacht zu bekommen:

 „Schon seit Jahren rang er nach Luft. Er wusste, dass die schmutzige Flut nahte, dass der Geruch von Leichen sich überall in Mitteleuropa ausbreitete.“ In der zweiten Erzählung beugt er sich über die Steinbrüstung und schaut in die Moldau. Dort sieht er sich selbst. Er stellte sich vor, die Moldau würde diesen lächerlichen Körper, der ihm gehörte, mit sich fortspülen, und all seine Sorgen würden verschwinden, die sich gerade daraus ergaben, dass er sich mit diesem Körper nicht abfinden konnte, der dazu da war, dass Kafka sich selbst, der ohne seinen Körper unerfassbar gewesen wäre, für andere sichtbar machte.

Immer wieder beschwört Borbély die hochgewachsene schlaksige Gestalt, die durch Prag streift. Wir begleiten ihn also zusammen mit seinem Autor durch die immer gleichen Gassen, über die Brücken, an bestimmten Häusern, am zerstörten Ghetto vorbei – Thema mit Variationen – fast identisch begonnene Erzählungen enden in der Variation ganz neu und anders.

Borbély sieht in Kafka seinen (geistigen) Vater, der ihm Vorbild ist, mit dem er sich vergleicht und Gemeinsamkeiten aufzeigt: Kafkas Vater lehnte alles Jüdische ab, zog es sogar ins Lächerliche. Kafka mutmaßt, dass dieser vermutete, nicht der biologische Sohn des Großvaters zu sein. Aus den Mittellosen wissen wir, dass Borbélys Vater in seiner Familie ausgeschlossen wurde, da gemunkelt wurde, er sei der Sohn eines Juden.

Darauf weist auch das Vorwort an den Leser hin: Kafka sei mit Kafka nicht identisch, also nicht mit dem Anselm Kafka, den er beschreibt. Wir wissen nicht, was Borbély wirklich über Kafka dachte, wieweit er sich mit ihm identifizierte. Wir können aus den Textfragmenten nur mutmaßen. Das Buch, so Borbély, handelt von Osteuropa, wo die Söhne Väter werden und sogleich vergessen, wie brutal diese an ihnen gehandelt hatten. Sie fallen ins gleiche Muster, sind versoffene, brutal schlagende Väter, um ihre Angst und Einsamkeit zu betäuben. Es geht in diesem Buch auch um entsetzliche Einsamkeit, um erstarrte Heimatlosigkeit in der eigenen Familie (oder / und im eigenen Volk. – Borbély wurde nämlich von seinen Landsleuten heftig angegriffen ob seines Interesses für das Judentum). Es geht um Kafkas und Borbélys Abmühen, im Schreiben Heimat zu finden. Schreiben war ihnen alles, ihr Gebäude aus Worten und Sätzen. Worte, die damit zu Literatur wurden. Borbély lässt Kafka einen Besuch auf dem Friedhof machen um dort zur Erkenntnis zu gelangen, dass die Buchstaben der Friedhof der Wörter seien.

Auch mit jüdischer Theologie setzt sich Borbély-Kafka auseinander. So geht Anselm Kafka eines Tages zu einem Rabbi, um sich bei ihm Rat und Hoffnung für sein Schreiben zu holen. Er erklärt ihm, dass er schreiben müsse, nur das Schreiben mache ihn aus. Dahinter könne er als Person verschwinden. Der Rabbi, der sich Kafkas Vornamen nicht merken kann und ihn sogar einmal als Adolf anspricht – was dem Leser als großer Schreck in die Knochen fährt, kann ihm keinen Trost gewähren. Die Juden könnten nicht vergessen, aber auch ihre Hoffnung (auf den Messias) nicht aufgeben. Judentum sei Schicksal, so sehr man sich auch dagegen sträube. Das meint auch der Vater in seinen Gesprächen und Briefen an den Sohn. Zum Schluss ermahnt ihn der Rabbi, immer alles aufzuschreiben. Und das tat Kafka auch in unzähligen Tagebüchern, in denen er minutiös alles, von seinem Tagesablauf bis zu Tischgesprächen mit dem Vater festgehalten hat. In einem Brief an Felice Bauer reduzierte er sich einmal ganz und gar als Werkzeug des Schreibens, als schreibende Hand.

Im letzten Brief des Vaters an den Sohn, ist dieser schon tot. Alle düsteren Ahnungen des Vaters haben sich erfüllt. Sein Sohn hat Schande über ihn gebracht, denn er, der Vater musste Kaddisch an seinem Totenbett sprechen und nicht umgekehrt.
Unter Borbélys Feder und der umsichtigen Übersetzung von Heike Flemming und Lacy Kornitzer wurde die lose Szenenfolge zu großer Literatur, die nicht nur einen Einblick in Borbélys Welt erlaubt, sondern auch in jene Kafkas.

Es würde sich also lohnen, sich nicht nur (wieder einmal) mit Kafka zu beschäftigen, sogar auf seinen Spuren Prag zu erleben, sondern vor allem die Persönlichkeit Szilárd Borbélys näher kennen zu lernen. Dazu müssten uns deutschen Lesern aber erst seine zahlreichen Gedichte und Essays in Übersetzungen nahe gebracht werden.

Gudrun Brzoska

[1] Szilárd Borbély: „Die Mittellosen“. Roman. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 250 S.

 

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