Tóth, Krisztina – „Die brennende Braut – Erzählungen“

©Verlag Nischen

Aus dem Ungarischen von György Buda
Verlag: Nischen
Wien 2017
Originaltitel: Pillanatragasztó, 2014 ergänzt mit weiteren neuen Erzählungen
ISBN: 978-3-9503906-4-3
Bezug: Buchhandel, Preis: 21,00 Euro

Meist ist es eine Erzählerin, die sachlich, fast dokumentarhaft ein Ereignis berichtet – man könnte sich jemanden hinter einer Kamera vorstellen, der eine zufällige Begebenheit einfängt, von der er weder den Anfang noch das Ende kennt. Dabei scheint die Situation auf den ersten Blick oft harmlos und belanglos zu sein. Da diese aber in grelles Licht getaucht und schlaglichtartig beleuchtet wird, erhält sie eine ganz neue Wichtigkeit. Tóths sarkastischer, oft auch bitterer Humor kommt dabei immer wieder zum Vorschein. Die Autorin deutet einige Szenen nur mit sehr dürftigen Hinweisen und Kommentaren an, der Film im Kopf des Lesers spult die Geschichte aber weiter und ergänzt selbst die Puzzleteile, steuert unbarmherzig auf ein Ende zu, das er so nicht erwarten würde oder das weder er noch die Erzählerin kennt.

Häufig geht es in den Geschichten um eine Atmosphäre des Verlassenseins, um Ehebruch, Enttäuschung, Wunschträume und Surreales. Es geht um die Überlegenheit des Mächtigen, um Neid auf den Nachbarn, um Vorurteile, Gedankenlosigkeit. Es geht um die Langeweile der oberen Schichten, deren Gedanken nur noch um sich selbst und ihr Aussehen kreisen (z.B. Magersucht) und die im Leben keinen Sinn mehr sieht. Aber es geht auch um den Schritt von Kindheit und Jugend zum Erwachsen-Werden. Eine brutale Welt, Vater oder Mutter demütigen die Kinder, stoßen sie in den Schritt zur Initiation.

Manchmal blitzen in den Novellen Chancen auf, dem eigenen armseligen, verlogenen und verpfuschten Leben eine Wendung zum Guten zu geben, doch dieser Schritt gelingt nicht.

Gleich in der ersten Geschichte Nie ein einziges Wort berichtet eine namenlose Erzählerin von ihrer Kinder- und Jugendliebe zu einem gleichaltrigen Mitschüler, der zu einer Volkstanzgruppe gehörte. Sie hatten sich immer nur angestarrt, aber nie ein Wort miteinander gewechselt. Nun ist sie wieder, mehr zufällig, in ihrer kleinen Stadt, besucht ihre Mutter, schläft aber im Hotel. Ein landesweites Tanzhaustreffen soll dort stattfinden. Sie beschließt zu bleiben, denn er wird sicher dabei sein. Einmal möchte sie ihm alles Unausgesprochene sagen, was sie seit ihrer Jugend unterdrückt hatte. Zu ihrer großen Enttäuschung trifft sie ihn nicht, doch ihre Mutter berichtet, dass die Tochter, immer, bei jeder Veranstaltung im Zuschauerraum gefilmt wurde und groß ins Bild des örtlichen Fernsehens kam. Die Frau ist enttäuscht, dass er sich nicht zu erkennen gegeben hatte und sucht ihn im Internet. Und siehe da, er ist Kameramann im Lokalfernsehen ihrer Kleinstadt. Er war die ganze Zeit dagewesen und hatte sie gefilmt. „Plötzlich wusste ich nicht, was ich mit ihm anfangen würde, stünde er jetzt vor mir; er war so anders und dabei doch dem so ähnlich, an den ich mich erinnerte.  Er blickte mir hinter dem Monitor in die Augen und ich hatte ihm nunmehr nichts zu sagen.“ Das ist die vordergründige Geschichte. Im Hintergrund erfährt der Leser, dass sie sich nicht gut mit ihrer Mutter versteht, dass ihr die ärmliche Wohnung zu schmutzig und dass die Mutter beleidigt ist, wenn sie nicht bei ihr übernachtet und sehr wohl fühlt, dass ihre Art zu leben der Tochter nicht mehr gut genug erscheint.

In einer anderen Erzählung Einmal habe ich schon gewonnen, feiert ein Obdachloser junger Mann mit seiner Zufallsfreundin in einem großen Möbelhaus seinen 25. Geburtstag. Sie „spielen“ bürgerliches Paar, das Sekt aus Gläsern trinkt und nicht prolomäßig gleich aus der Flasche. Mit Hotdogs in der Hand schlüpfen sie ins Ausstellungsbett, wohl wissend, dass sie Videokamera sie filmt. Er träumt von Amerika, davon, dass er dort reich wird und dann seiner Freundin Vera ein Flugticket schicken kann. Der Freundin, die er zufällig in einer Straßenbahn kennen gelernt hat. Auch hier läuft im Hintergrund wieder der passende „Film“: Seine Mutter hatte sich kurz nach seiner Geburt davon gemacht, aber er stellt sie sich sehnsüchtig als schöne blonde Frau vor. Der Vater starb, als er vier war, seine Großmutter auf dem Land war im vergangenen Jahr gestorben und hatte ihm gar nichts vermachen können. So bleiben ihm nur sein Traum und Vera in der Straßenbahn aus Hannover. (Anmerkung: Nach der Wende konnte man in vielen Städten des ehemaligen Ostblocks ausrangierte Straßenbahnen und Busse aus Deutschland sehen, die aber immer noch viel luxuriöser und funktionstüchtiger waren als die einheimischen.)

Die Titelgeschichte, Die brennende Braut, erzählt von einer Frau, die in Litauen bei einem Kongress eine Funktion hat. Der Leser erfährt nicht, was sie dort tut, er erfährt nicht, warum sie sich so verlassen und überdrüssig fühlt, fast-tot, und warum sie gerne aus sich herausträte. Sie legt sich in einem Park in einen Laubhaufen, wird dort von einer Gruppe von Schauspielern entdeckt und aufgefordert sich ihnen anzuschließen. In einem Café kann sie einen Blick in eine englischsprachige Zeitung werfen und lesen, dass jemand eine Braut angezündet habe. Der Gedanke daran lässt sie nicht mehr los und am Abend, bevor sie in das Konzert der Gruppe geht, kommt sie noch einmal zu diesem Café zurück, um den Artikel genauer zu lesen. Es stellt sich aber heraus, dass Demonstranten in Ost-Indien eine Brücke angezündet hatten. Von einer Braut war nichts zu lesen. Aber manchmal werden surreale Dinge auch Wirklichkeit: Als sie dann durch den Park geht, sieht sie in der Dunkelheit einen Springbrunnen, der seine rot leuchtenden Wasserstrahlen hoch schleudert. In der Mitte steht eine Statue aus Licht: Die brennende Braut.

In anderen Erzählungen geht es um Krankheit und Sterben, um die Gedanken der Kranken und ihre Einstellung zu ihrem vergehenden Leben und dem baldigen Tod.

In der Erzählung Geht spielen! zeigt schon der Beginn, dass Kinder und Jugendliche von den Erwachsenen nicht ernst genommen werden und wie diese ihre Überlegenheit und Macht ausspielen. Aber es kommt noch mehr zur Sprache: Der Gegensatz der Ungarn in Rumänien und derer im Mutterland. Die Verwandtschaft in Budapest gehört zur noblen Sorte, während die Szekler in Siebenbürgen zwar arm aber fleißig sind: Ein Vater nimmt seinen ältesten Sohn zusammen mit Arbeitskollegen nach Budapest mit. Dort sollen sie für seine Verwandtschaft einiges instand setzen. Schon die Überquerung der Grenze bringt für den Jungen Ata eine Enttäuschung: Die Dörfer auf der anderen Seite sehen genauso armselig aus. In Budapest wird ihnen gesagt, was sie machen sollen, dann fahren die Verwandten in Urlaub. Beide Seiten sind zurückhaltend und misstrauisch. Die Männer arbeiten hart. Ata versteht nicht, warum sie das bereit gestellte Bier nicht trinken, das vorbereitete Essen nicht zu sich nehmen, sondern sich nur billige Kleinigkeiten im Laden kaufen. Erklärt wird ihm nichts. Als die Familie zurückkommt, ist die Entlohnung üppiger als ausgemacht. Ata hat auch etwas verdient und hegt damit seine Träume. Auf der Rückfahrt geben die Männer ihren gesamten Verdienst für Pornohefte, Schnaps und Sex mit Prostituierten aus. Das ist Atas Eintritt in die Erwachsenenwelt: So etwas hat er sich nicht vorstellen können. Er fühlt sich gedemütigt, will das nicht sehen und zieht sich zurück. Die Männer lachen und verstehen sich, Ata wird erst wieder beachtet, als sie den letzten Forint ausgegeben haben. Da er seinen Verdienst nicht herausrücken will, schlägt ihn sein Vater brutal zusammen. Als er wieder zu sich kommt, sind sie schon zu Hause. Dort kehrt er in sein früheres Leben zurück. Er will seine Mutter beschützen, indem er die Hefte, die seinem Vater heruntergefallen sind, versteckt. Er wird seinem Vater gehorchen. Seine Gürteltasche mit dem Geld ist leer – Erklärungen gibt es nicht.

Ein ganzer Zyklus widmet sich dem überlegenen Machtgefühl entweder der Männer oder der Bevölkerung gegenüber Fremden (Migranten):

In der Erzählung Wortkette entlädt sich aufgestaute Wut und Vorurteil über eine im Zug reisende Mutter mit ihrem Sohn. Ohne dass der Begriff explizit genannt wird, geht aus der unflätigen Schimpfkanonade und der Drohung, dass ein Mann die „Zigeunerhur‘“ unter den Zug stoßen möchte, hervor, dass es sich um eine Zigeunerin mit ihrem Sohn handelt. Die Beiden waren ganz harmlos und vergnügt im Zug gesessen, um ein paar Tage Ferien zu machen. Keiner der Mitreisenden war ihnen zu Hilfe gekommen.

Auch das Thema Migranten wird in Sternlose Nacht angeschnitten: Die Erzählerin wird Zeugin, wie eine freundlich lächelnde junge Frau mit ihrer Kundschaft plaudert und nebenbei bemerkt, dass man „sie alle ins Meer schießen solle“. Als sie am nächsten Tag in einem Taxi unterwegs ist, beginnt der gelangweilte Taxifahrer, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, von „der verdammten Horde“ zu schwatzen. Er meint das Problem könne man doch ein für allemal lösen, indem man alle Einwanderer in ein großes Zelt triebe und dann ein wenig Gas hineinließe. Diese drei Geschichten werfen ein bezeichnendes Licht auf die aufgehetzte Stimmung in Ungarn.

Bei all diesen Stories habe ich als Leserin ein zwiespältiges Gefühl: Ich frage mich immer wieder, ob ich mit dieser Art von Realität konfrontiert werden möchte, einer Realität ohne Aussicht auf Erlösung. Es ist eine Realität, auf die man überall in der Welt stoßen kann – und die vermutlich nicht die Realität der Autorin Krisztina Tóth ist.

Trotzdem üben die Erzählungen einen gewissen Sog aus weiterzulesen. Die Sprache ist einfach und klar – die Geschichten dafür umso verworrener.

Gudrun Brzoska

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