Rezension: Kondor, Vilmos – „Der leise Tod“

Kriminalroman
Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki
Verlag Knaur Taschenbuch, München 2010
ISBN: 978-3-426-50576-2
Originaltitel: Budapest Noir
Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 8,95

Budapest 1936. Ministerpräsident Gömbös ist auf Grund seiner akuten Nierenkrankheit in einem Spital in München gestorben. Dieses Thema beherrscht vordergründig Politik und Medien, der Trubel um das Staatsbegräbnis, die Ansprachen der Vertreter bedeutender Staaten.
Kriminalreporter Zsigmond Gordon, mit Auslandserfahrung in New York, ein ausgemachter Stadtmensch, Liebhaber und Kenner von Boxkämpfen, sieht zufällig im Büro des Kriminalinspektors Vladimir Gellért das Nacktfoto eines schönen Mädchens.
Als er wenig später zur Leiche einer jungen Frau gerufen wird, bei der man nichts als ein „Mirjam“, ein jüdisches, Frauengebetbuch, gefunden hat, erkennt Gordon das Mädchen vom Foto wieder. Der Reporter hat schon über viele Verbrechen geschrieben; seine Neugier ist geweckt. Trotzdem schiebt er sein Interesse an dem Fall zunächst beiseite, bis ihn seine Freundin Krisztina, der er die komische Geschichte erzählt, darauf hinweist, dass „manche Details nicht zusammen passen“. Gordon beginnt zu recherchieren und stößt auf weitere Ungereimtheiten, auf Spuren, die in die allerhöchsten Etagen führen.
Kondor bedient sich in seinem Erstlingsroman einiger der üblichen Versatzstücke in der Kriminalliteratur: Sein Chef lässt ihn Interviews mit ausländischen Ministern machen, ein fremdes Ressort für einen Kriminalreporter. Seine zunehmend bohrenden Fragen werden manchen Kreisen so unangenehm, dass er lebensgefährlich zusammengeschlagen wird. Als Ermittler soll er von seinen Recherchen um die tote Prostituierte abgezogen werden, der Kriminalinspektor warnt ihn, sich nicht weiter darum zu kümmern, doch die Polizei selbst scheint nicht zu ermitteln. Gordon gibt natürlich nicht auf.
Spannend ist jedoch der historische Hintergrund der Metropole Budapest, im Herbst 1936: Die bereits düstere Stimmung in Ungarn, vor allem aber in der Hauptstadt, Verlogenheit und Vergnügungssucht in den allerhöchsten Kreisen, Armut und Elend in der Unterschicht. Vilmos Kondor führt uns in das gesellschaftliche Leben ein, das sich hinter den Kulissen abspielt: Freudenmädchen werden hochgestellten Persönlichkeiten für viel Geld aus einem „Katalog“ angeboten. Die Unterschicht wettet bei verbotenen und brutalen Boxkämpfen, die auch schon mal den Tod des Gegners in Kauf nehmen. Die Kreise von Zuhältern – Mördern – Schlägern – Erpressern – Kleinkriminellen überschneiden sich mit den Interessen des Oberhauses und reicher Geschäftsleute.
Ahnungsvoll werden Göhring und die ungarischen Bewunderer der Nazis vorgeführt – ebenso die verlogenen Ansprachen am Grab von Gömbös, die aus Amerika und England kommen. Diese Mächte wollten nicht sehen, was sich vor ihren Augen abspielt. Kondor zeigt, wie eng verknüpft bereits die Bindungen zwischen Ungarn und den Nazis auf höchster Ebene sind. Auch die Budapester Gesellschaft will noch nichts wissen von der gefährlichen Umarmung mit Hitlerdeutschland, Anzeichen eines drohenden Krieges will sie nicht wahrnehmen. Wir erleben die sich allmählich aufladende antisemitische Stimmung. Noch scheint äußerlich alles ruhig, solange mit den Juden lukrative Geschäfte zu machen sind. Doch in den Zeitungen werden bereits zahlreiche Namensänderungen von Kaufleuten, Ärzten und Rechtsanwälten bekannt gegeben, die ihre ausländischen Namen magyarisieren. Die Angst vor Stalin ist größer als vor Hitler, von dem man sich erhofft, dass er die verlorenen Gebiete Oberungarn und Siebenbürgen zurückbringen wird. Wir erfahren von der kommunistischen Wühlarbeit im Untergrund, der auch Ernő Gerö angehört, Ungarns Innenminister nach dem Krieg, der seinen Gegnern noch viel Leid bescheren wird. Hier wird nicht ganz schlüssig, warum Gordon die aufgespürten Kommunisten nicht anzeigt. Sympathisiert er mit ihnen, weil ihm das faschistische System Ungarns, das so eng mit Mussolini und Hitler kooperiert, zuwider ist?
Gordon deckt die Familientragödie um das tote jüdische Freudenmädchen aus angesehener Familie auf. Der unbedingte Wille eines getauften reichen Juden, der dazu gehören will, opfert seine einzige Tochter, damit die deutschen Partner nichts an ihm auszusetzen haben und weiterhin Geschäfte mit ihm tätigen.
Wenn auch der Debütroman des Autors einige Schwächen aufzeigt, in der Schilderung der meist ruppigen Geliebten Krisztina, die ihrem Freund nur mit größtem Widerwillen bereit ist zu helfen, die aber, wenn es darauf ankommt, als gewiefte Fotografin einspringt, oder als harmlose Bekannte ein Dienstmädchen befragt. Großvater Mór, ein pensionierter Arzt, der seine Zeit mit dem Erfinden neuer Marmeladenrezepte ausfüllt, soll wohl den familiären Hintergrund in die Geschichte bringen. Wirklich vorstellen kann man sich den Taxichauffeur Csövek, sofort zur Stelle, wenn er gebraucht wird, der diskret und dienstbeflissen „mit Beeilung“ durch Budapest kurvt, oder über Land fährt, wenn Gordons Recherchen es verlangen. Hier wäre für den Leser ein Stadtplan von Budapest hilfreich, mit den vielen Namen von Straßen und Plätzen damals und heute; denn nicht nur Csövek fährt mit dem Taxi in Budapest, sondern auch Gordon geht viel in der Stadt mit den unzähligen Straßen und Plätzen herum, und mit ihm der Leser.
Gordon könnte eine Ermittlerfigur im Budapest der 30er Jahre abgeben, die dem Leser in weiteren Bänden noch viele spannende Stunden bescheren könnte.

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