Rezension: Márai, Sándor – „Befreiung“

Die 23-jährige Erzsébet – Protagonistin in Márais letztem in Ungarn verfassten Roman – wohnt zur Zeit der Belagerung im Dezember 1944 unter falschem Namen in einem Mietshaus in Budapest. Ihr Vater, ein bekannter Mathematiker, lebt seit Beginn der deutschen Besetzung Ungarns im Untergrund. Als die russischen Truppen sich der Hauptstadt nähern, muss Erzsébet sowohl für ihn ein neues Versteck organisieren als auch sich selbst vor den sich ausbreitenden Straßenkämpfen in Sicherheit bringen. Mit mehreren Hausbewohnern findet sie Unterschlupf in einem Luftschutzkeller und wartet dort auf das Ende des Krieges und die Befreiung durch die sowjetischen Truppen. Während viele der im Keller ausharrenden Menschen schließlich vor den heranrückenden Belagerern fliehen, entscheidet sich Erzsébet, zusammen mit einem gehbehinderten älteren Mathematikprofessor zu bleiben. Als ein russischer Soldat den Keller betritt, ist Erzsébet um ein Gespräch mit ihm bemüht, sie wird allerdings letztlich von ihm vergewaltigt. Als sie später den Keller verlässt, findet sie den Soldaten erschossen am Kellerausgang vor.

Márai hat diesen Roman in nur sieben Wochen – unter dem unmittelbaren Eindruck der intensiven Erlebnisse des Jahres 1945 – verfasst. Entdeckt wurde das Buch aber erst nach seinem Tod und erstmals im Jahr 2000 veröffentlicht. Der Autor vermittelt in drei großen rückblickenden Abschnitten authentisch und atmosphärisch dicht Bilder und Stimmungen zum Ende des Krieges 1945.

Im Gegensatz zu seinen anderen Romanen wirkt der Roman eher ‚unfertig‘ und weist einen insgesamt fragmentarischen Charakter auf – dies hat jedoch einen ganz plausiblen Grund: Márai selber hatte nicht die Absicht, den Roman zu veröffentlichen; überhaupt fasste er bereits 1943 den Entschluss, ausschließlich Tagebuch bzw. ‚für sich selbst‘ zu schreiben. Wie László F. Földényi im Nachwort des Romanes betont, ging es Márai demnach offensichtlich weniger darum, dem Publikumsgeschmack zu genügen, als vielmehr die verwirrenden Erfahrungen und die undeutliche Lage zum Ende des Krieges 1945 zeitnah zu ordnen und zu verarbeiten. Dabei steht die Frage nach dem Begriff der ‚Befreiung‘ im Mittelpunkt, dessen Bedeutung unter den gegebenen Umständen höchst fragwürdig erscheint: Ist die Befreiung von Hunger, Bombenangriffen und deutscher Besatzung zwar relativ gewiss, so birgt der sich nahende Eingriff der russischen Truppen eine große Unklarheit, die nicht zwingend – eine wie auch immer geartete – Freiheit für die ungarische Bevölkerung erkennen lässt.

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