Rezension: Doma, Ákos – „Der Weg der Wünsche“

Roman
Verlag Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-87134-839-6
Bezug: Buchhandel, Preis: 19,95 Euro

Warum fliehen Menschen? Warum flieht eine Familie, die einigermaßen über die Runden kommt im Ungarn der Kádár-Zeit? Teréz, die Mutter und Károly, der Vater, der stille Dulder, dem im Leben schon viel genommen wurde, halten es nicht mehr aus; sie wollen hinaus aus Lüge und Täuschung, aus Beschwichtigungen und Schönreden. Bisher haben sie sich gewehrt, ihre Ideale und Träume hochgehalten, auch wenn sie deswegen bespöttelt wurden.
Der Autor Akos Doma ist auch geflohen, 1972 mit seiner Familie über Jugoslawien, nach Italien. In einem Interview erzählte er: „Geflohen sind wir über Jugoslawien, denn dorthin konnte man noch legal, in den „Bruderstaat“, und dann sind wir illegal über die Grenze nach Italien. Das erste Durchgangslager in Triest war erträglich, da waren wir einen Monat. Danach kamen wir nach Capua, bei Neapel, dort herrschten katastrophale Zustände. Manche Leute haben dort ihr ganzes Leben verbracht, weil kein Land sie aufgenommen hat. …Für meine Eltern war es ein Alptraum, aber für uns Kinder war es spannend … Das ist eben die Kinderperspektive“. Und aus dieser Kinderperspektive erzählt er die Flucht noch einmal – im Roman:
Ganz harmlos fängt die Geschichte an, mit Misis siebtem Geburtstag. Die ganze Familie ist zusammen gekommen, wie sonst nie, in einer Einzimmerwohnung ohne Küche und eigenem Bad – allesamt Verwandte der Mutter; der Vater hat schon lange keine Angehörigen mehr. Das Fest, wie auch das Leben der Familie Kallay scheint ein normales in Ungarn zu sein. Silber und Porzellan, aus besseren Tagen herübergerettet, glänzen auf der – allerdings schon angeschlissenen und verblassten – Tischdecke. Das alles kündet von normalem Leben – auch in der bleiernen Zeit des Kádár-Kommunismus mit allerlei Schikanen und Zurücksetzungen. Für die Kinder bedeutet dieses Leben dennoch Sicherheit und Geborgenheit im Familiennest, für den Leser ein Einlullen in scheinbare Normalität: So könnte es weitergehen, ist ja alles nicht so schlimm. Die Leute scheinen politisch nicht verfolgt zu werden – sie leben etwas beengt, aber andere doch auch!
Da taucht der erste Nadelstich auf: Teréz wird ihre Stelle an der Universität gekündigt, d.h., sehr subtil wird sie an einen Arbeitsplatz in die Provinz, weg von Budapest, versetzt – ohne Begründung, was einer Kündigung gleichkommt. Den Grund kennt sie natürlich: Sie weigert sich standhaft, in die Partei einzutreten.
Bori, die Tochter, ist 14 Jahre alt. Sie möchte wissen und verstehen, doch die Erwachsenen bleiben im Ungefähren. Die Kinder sollen geschützt, ihr Kindsein noch erhalten werden.
An diesem Geburtstag verkündet Vater Károly der versammelten Familie, dass er ein Jahresstipendium in Westdeutschland erhalten habe. Die Familie berät darüber; immer wieder legt jemand den Finger auf die Lippen, aus Angst vor der Bespitzelung durch den Nachbarn, der im Innenministerium arbeitet und schon lange ein Auge auf ihre kleine Wohnung geworfen hat. In dieser Situation erfasst Teréz plötzlich eine große Sehnsucht mit ihrer Familie all dies hinter sich zu lassen und irgendwo ein neues Leben zu beginnen.
Nächstes Bild: Ein Jahr ist vergangen. Der Vater ist wieder zurück, die Mutter hat ihn aus Westdeutschland abgeholt. Nun soll es in die Ferien gehen an den Plattensee. So wird es den Kindern gesagt. Beinahe hätten sie Misis neues Fahrrad nicht mitnehmen können. Und als sie es doch noch aufs Auto schnallen, ihren weißen VW-Käfer, wird dem Leser klar, dass es sich hier um den Beginn der bisher vor den Kindern verheimlichten Flucht handeln muss.
Die Wohnung haben sie zurückgelassen, so als ob sie nur für kurze Zeit weg wären; vor allem die blauen Reisepässe für die nichtsozialistischen Länder haben sie da gelassen. Ihr offizielles Reiseziel ist Jugoslawien. Da brauchen sie die Pässe nicht. Würden sie damit angetroffen, wären ihre Fluchtpläne gleich offenbar.
Zum großen Erstaunen der Kinder fährt der Vater am Plattensee vorbei. Ohne Erklärung. Nicht nur wegen der Enttäuschung der Kinder – es wäre auch gefährlich gewesen, ihnen von der Flucht zu erzählen; sie hätten sich unbedacht verraten können. Misi ist neugierig, Bori lauscht aufmerksam den Fragen und Antworten der Erwachsenen an der Grenze. Sie wüsste gern, was hier gespielt wird. Ans Meer also. Und schon sind sie in Jugoslawien. Das war erst mal reibungslos gegangen!
In Rückblenden werden Gründe und Hintergründe für die Flucht aufgeblättert: Es ist vor allem Teréz, die Unfreiheit und Lüge, Täuschung und Verrat nicht mehr ertragen will. Onkel Barnabás, zu dem sie Vertrauen hat, wollte sie zunächst zurück halten – auch im Westen sei nicht alles Gold, was glänzt: „Wie die Amerikaner die Welt mit ihrer Propaganda von Freiheit und Wohlstand und Demokratie berieseln und gehirnwaschen, während sie in Vietnam Millionen abschlachten“. Doch plötzlich schwenkt er um: „Dann geht in Gottes Namen, geht! – Ja, geht, geht lieber heute als morgen. Hier ist kein Platz mehr für anständige Menschen. War schon vor dem Krieg nicht, ist auch jetzt nicht. Wer auch immer an die Macht kommt, will nur noch die Füße hochlegen und Herr sein…“
Erst beim dritten Anlauf gelingt ihnen der Grenzübertritt nach Italien ohne Visum. Ein Grenzer zögert, sieht die ängstliche, aber nicht unterwürfige Familie an – macht eine kleine Bewegung, tritt zurück, lässt sie passieren. Ákos Doma dazu: Seine Familie habe es ganz blauäugig und offen über die jugoslawische Grenze versucht – und beim dritten Anlauf Glück gehabt. Und: „Wenn etwas gut ging, in meiner Familie, dann eigentlich wider jede Wahrscheinlichkeit.“
In einem Sammellager bei Triest stellen sie einen Antrag auf politisches Asyl. Sie werden in einer alten Kaserne untergebracht, umgeben von einem drei Meter hohen Maschendrahtzaun. „Niemand kam ihnen nahe, niemand sprach sie an, alle taten, als sähen sie sie nicht, und taten es doch“. Teréz und Károly werden endlos verhört. Teréz erzählt wahrheitsgemäß, froh, dass sie endlich frei sprechen kann, auch von der Zwangsaussiedlung ihres Mannes, als er 16jährig mit seiner Mutter in die Große Tiefebene verbannt worden war, ohne Angabe von Gründen, weil jemand ihre Wohnung hatte haben wollen. In einem Ziegenstall hätten sie hausen müssen. Die Mutter sei dort gestorben, bis Károly 1953 wieder gehen durfte. Der Vater war aus dem Krieg nicht zurück gekehrt.
Sie scheinen vom Regen in die Traufe zu geraten: „Die Enge, das Elend hatten sie wieder eingeholt. … Sie waren draußen… aber noch nirgendwo drinnen, sie lebten zwischen zwei Glaswänden, im Niemandsland“.
Anfang September (1972) werden sie ins Lager Capua, nahe Neapel gebracht.
Im Zug wird Bori auf einen Ungarn aufmerksam, der von seiner Flucht erzählt. Anders als die anderen Flüchtlinge sieht er so adrett und sauber aus, in seinen weißen Hosen und seinem weißen Hemd. Ihn wird sie im Lager wieder treffen und er wird Bori für sich einnehmen, bis sie sich in ihn verliebt.
In Capua weist man ihnen eine Baracke zu: im Lager Schlamm und Pfützen, zertretenes Gras, tür- und fensterlose Löcher in den schmutzigen Wänden unter Wellblechdächern. Ein schmutziger Raum ohne Möbel, mit Fäkalien übersät. „Wir wollen den Raum schön herrichten“, redet Teréz den entgeisterten Kindern schön, „damit Papa sich freut, wenn er ankommt“. Károly hat die Erlaubnis mit seinem VW hinterher zu fahren.
Teréz will die menschenunwürdigen Zustände nicht hinnehmen, beschwert sich beim Lagerleiter, der zwischen Höflichkeit und Unverständnis laviert. Als sie hinauskomplimentiert wird, überkommt „sie wieder ein Gefühl von Scham, das Gefühl, ein Bittsteller zu sein, ein Mensch zweiter Klasse, lästig und unerwünscht, ein Ostblockler eben“. – Wochenlang haben die Flüchtlinge nichts zu tun: „Die Tage vergingen, nachts kamen die Ratten … Teréz versuchte beständig, das Zimmer zu verschönern, hängte Laken vor die Tür- und Fensteröffnungen, fertigte aus Drähten und einem Handtuch einen Lampenschirm …. Abends schrieben sie… Antragsformulare und Briefe an Károlys früheres Institut in Deutschland, an das Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen, den zuständigen ungarischen Seelsorger in Rom“.
Bori hat sich mit dem Mann aus dem Zug, mit Attila, angefreundet; er macht sie neugierig: er kann Kunststücke und er behandelt sie wie eine Erwachsene, grüßt sie mit „Borbála“ , fragt sie aus und scheint im Übrigen genau zu wissen wo es lang geht.
Die Eltern bemerken kaum etwas von der Veränderung ihrer Tochter, die eigenen Sorgen halten sie gefangen: Nichts geht voran, die Anträge werden nicht bearbeitet, keine Reaktion des deutschen Instituts. Teréz wird zwar von der Lagerleitung ein besseres Zimmer angeboten, doch der direttore schüchtert sie gleichzeitig ein, Deutschland würde nur Gastarbeiter aufnehmen. Und schlau lässt er den Faden zwischen Verunsicherung und Hoffnung nicht abreißen: Der geschickte Károly soll seine Uhr reparieren – und als Teréz ihm die Uhr bringt, lädt er sie ein, verwickelt sie in eine Unterhaltung. Sie erzählt von ihrer Emigration: „Wir gingen, weil uns nichts anderes übrigblieb, nicht einfach so, aus Abenteuerlust … verstehen Sie, wir sind keine Glücksritter. Wir wollten nie weggehen, man liebt doch seine Heimat…“. Der Lagerleiter will ihr die Augen öffnen, sie sollten zurückkehren, würden nicht in den dekadenten wertelosen und gleichgültigen Westen passen. Außerdem seien ihre Dokumente wertlos. Es bedürfe allerdings nur ihres, Teréz‘ Entgegenkommen, dann würde er seine Beziehungen spielen lassen….
Am 4. November wird Bori 16 Jahre alt, ein „Revolutionskind“, nennen sie die Eltern.
Doma fügt hier einen Ausschnitt ungarischer Geschichte ein über die Revolutionstage 1956 – wie sich die Menschen so frei und befreit gefühlt hatten: „Denn schlimmer noch als die Verbrechen des Systems waren die Lügen gewesen, mit denen sie gerechtfertigt und schöngeredet wurden“.
Natürlich merkt Teréz doch, dass Bori mit einem Mann zusammen ist, immer wieder verschwindet sie ohne etwas zu sagen, täuscht die Eltern. Doch die Tochter will nicht reden, hat das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Für die Eltern steht fest: Sie müssen so schnell wie möglich von hier weg. Eines Morgens geht Teréz dann zum direttore, bringt es hinter sich. – Von da an überschlagen sich die Ereignisse: Alles ist auf einmal da: die Papiere, die Pässe, der Entlassungsschein, das Transitvisum für die Schweiz, die Einreiseerlaubnis für Deutschland, die Briefe vom Institut, ihre Anerkennung als politische Flüchtlinge.
In Rom erzählt Teréz von ihrer Flucht 1945, als sie 16, ihre Schwester Jolán 9 Jahre alt waren: Wie sie zu Dritt mit ihrer Mutter vor der Roten Armee flohen, der Vater noch in Kriegsgefangenschaft. Bori hört zu, würde am liebsten liegen bleiben in der Obhut ihrer Familie. Aber dann würde sie Attila nicht wiedersehn. Und so schleicht sie hinaus, in seine Arme, in seinen schwarzen Moskwitsch mit ungarischem Kennzeichen, das ihr auffällt, doch Attila weiß sie abzulenken. Spätestens hier kommen dem Leser Zweifel: Wie kommt ein ungarischer Flüchtling, der ohne alles aufgebrochen war, an einen Moskwitsch? Die Überlegung liegt nahe, dass er von der Geheimpolizei eingesetzt wurde, um Flüchtlinge wieder zurückzubringen.
Wie Bori sich herausretten kann, ist ein weiterer Teil der spannenden Erzählung und wirft ein Schlaglicht auf die Machenschaften der Kommunisten, die ihre Flüchtlinge um jeden Preis zurückholen wollten – um sie dann in Gefängnissen verschwinden zu lassen.
Doch noch sind sie nicht in Deutschland, noch kommen Prüfungen auf die Familie zu; denn Misi hat durchs Schlüsselloch etwas beobachtet, das weitreichende Folgen haben könnte. – Aber Teréz wurde schon einmal genötigt, als Sechzehnjährige für einen Passagierschein, als sie auf der Flucht Brot besorgen wollte, kurz vor dem Ziel: Von amerikanischen Soldaten war sie vergewaltigt worden: „Jetzt wusste sie, dass es keine Rolle spielte, auf welcher Seite man stand, dass beide Seiten gleich waren und die Sieger nicht besser als die Besiegten, dass die Demarkationslinie eine Lüge war, dass der Frieden eine Lüge war, dass die Befreiung eine Lüge war, dass Gut und Böse, dass alles was Erwachsene sagten, eine Lüge war, jetzt wusste sie es, jetzt war auch sie erwachsen. Fortan würde auch sie nur lügen“. –
Eine Familie auf der Flucht. Vor 45 Jahren so aktuell wie heute, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen. Ein zeitloser Roman. Ausschnitte ungarischer Geschichte – auch sie könnten heute wie damals in vielen Ländern passiert sein, wo Unfreiheit und Bevormundung herrschen. Ein Heranholen von Lebensumständen und Menschen, die ihrem scheinbar vorbestimmten Schicksal trotzen, ihr Leben in die Hand nehmen und sich auf den Weg machen. Auf den Weg ihrer unterschiedlichen Wünsche und Vorstellungen.
Wohltuend schlicht und unspektakulär, trotz der dramatischen Ereignisse, zeichnet Doma die Flucht seiner Familie nach, ein spannendes Dokument über Ursachen von Flucht, über Beweg- und Hintergründe, über Repressalien und Zumutungen, denen Flüchtlinge immer ausgesetzt sind.
Der Autor hatte den Roman übrigens schon lange angefangen – und auch fast fertig geschrieben, als die Flüchtlingswelle in Europa ankam. Umso eindringlicher, weil unbeabsichtigt sind seine Schilderungen von seelischer Not und äußerem Zwang, von innerer Verantwortung und äußerer Nötigung derer, die am längeren Hebel sitzen, der Macht der „Sieger“ und der Beharrlichkeit der „Besiegten“.

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