Rezension: Gauß, Karl-Markus – „Tinte ist bitter“

Literarische Porträts aus Barbaropa
Verlag Wieser, Klagenfurt 2014
ISBN: 978-3-99029-117-7
Bezug: Preis: Buchhandel, 9,95 Euro

Bereits vor der Wende, 1988, hatte der Wieser Verlag Klagenfurt dieses Buch schon einmal publiziert. Das Thema, die Literatur Mittel-Ost-Europas sollte inzwischen mehr denn je auf Europas Nägeln brennen; daher erschien 2014 dieser Neudruck.
Gauß zeichnet leidenschaftlich und engagiert in acht Porträts Exilanten, Ermordete, Vergessene aus den Ländern des ehemaligen k.u.k. Reiches Österreich-Ungarn, aus Mähren, Galizien, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Triest und Serbien. Vor 25 Jahren waren diese Schriftsteller im Westen praktisch unbekannt – in den letzten Jahren gab es doch einige wenige Übersetzungen ins Deutsche. Nur einer, der Serbo-Kroate mit ungarischem Vater, Danilo Kiš, ist hier richtig bekannt geworden – und vielleicht auch noch der ungarische Lyriker Miklós Radnóti, der als Jude auf einem Todesmarsch 1944 ermordet wurde. Alle diese Autoren haben uns auch heute noch Wichtiges mitzuteilen, nämlich, dass man für etwas einstehen – und Überzeugungen haben muss.
Nicht alle späteren Autoren hatten sich von vornherein dem Schriftstellerberuf zugewandt. Oftmals kamen sie erst nach Umwegen über andere Berufe, wie Militär, Jura, Medizin usw. zum Schreiben.
Die Älteren unter ihnen – und das sind sechs der acht proträtierten Autoren, wurden noch im multi-ethnischen Kulturraum der Habsburger Monarchie geboren; sie hatten sich noch grenzenlos im Vielvölkerstaat bewegen können, sahen aber auch die Schwierigkeiten des Hin- und Hergerissen-Seins zwischen den Kulturen. Sie alle begannen gegen die herrschenden Zustände, die Bevormundungen, die Unterdrückungen der Regierungen und gegen Verfolgung anzuschreiben.
Auffällig ist, wie viele Autoren sich von Frankreich angezogen fühlten, von dort mit avantgardistischen und umstürzlerischen Ideen in ihre Heimatländer zurückkehrten – oder aber auch über Frankreich ins Exil fliehen mussten.
Gauß geht es um Europa als Ganzes, um die Länder, die schon immer dazu gehört haben, aber während vieler Jahrzehnte einfach nicht mehr wahrgenommen worden waren. Im Vorwort schreibt er dazu:
Mein Vorsatz, gar nicht bescheiden, war ein doppelter: Zum einen den realen Reichtum, den die mitteleuropäische Kultur seit dem 19. Jahrhundert ausgebildet hatte, bekannter zu machen; und zum anderen diesen Reichtum nicht gleich an jene zu verraten, die gerade dabei waren, mit ihm neues Schindluder zu treiben. Denn wie oft wurden damals ketzerische Geister, die von der habsburgischen Obrigkeit verfolgt worden waren, missbraucht, um nachträglich für jene Welt von gestern zu zeugen, gegen die sie einst angeschrieben hatten! Wie gedankenlos wurde von einem „versunkenen Europa“ gesprochen, das doch alles andere als hübsch melancholisch untergegangen, vielmehr ausgelöscht, vernichtet worden war! Und erst die Phrase, dass Polen, Ungarn, Bulgarien endlich „nach Europa zurückgekehrt“ wären“! Ja, lagen diese Länder denn vorher in Asien?
Der intellektuelle und politische Austausch über Grenzen hinweg, von Portugal bis nach Rumänien, kann heute leichter gelingen, da die Menschen nicht mehr durch viele Grenzen voneinander getrennt sind. Freilich ist dazu etwas vonnöten, was ich vor 25 Jahren geradezu pathetisch verlangte: dass die Europäer nämlich begännen, sich endlich für sich selbst zu interessieren, für jenes Europa, das immer noch Terra incognita geblieben ist und der Entdeckung harrt.
Gauss versteht es, den Leser für die Vielfalt der Literatur aus Mittel-Ost-Europa zu interessieren und auf literarische Entdeckungsreise zu schicken.
Stellvertretend möchte ich das Porträt des ungarischen Dichters vorstellen: Miklós Radnóti oder Mauern entstehen um mich, Städte und Länder verschwinden.
Erst 1946 wurde in der Nähe von Györ ein Grab mit 22 Leichen gefunden, getötet durch einen Genickschuss. Es waren ungarische Juden, die entkräftet nach einem zweimonatigen Hungermarsch, nicht mehr weiter konnten und sich das eigene Grab hatten schaufeln müssen. Bei einem der Ermordeten fand man, verborgen in seiner Jackentasche, eine Anzahl von Gedichten. Er war Miklós Radnóti.
Sechs eigene Gedichtbände hatte Radnóti veröffentlichen können; mit diesen wurde er schnell berühmt. Aber, so Gauß, seine höchste Kunst habe er in den hinterlassenen Gedichten entfaltet, im Lager und während des Todesmarsches – diszipliniert und formvollendet. Radnóti hatte damals sein inzwischen wohl berühmtestes Gedicht geschrieben, „Gewaltmarsch“, ohne Hoffnung, dass je ein Leser es zu Gesicht bekäme. „ Der Widerstand eines Dichters.., der am Ort der puren Menschenvernichtung mit dem Schreiben von Gedichten fortfuhr – und der dem Alltag aus Mord, Hunger und Entwürdigung buchstäblich bis in den Tod seine … Dichtung entgegen hielt.“
Der Tod, so Gauß, hatte schon an Radnótis Wiege gestanden, als seine Mutter bei seiner und der Geburt des Zwillingsbruders starb. Vielfach hat er in späteren Jahren den Tod besungen, herbeigewünscht und beschimpft. Als er 12 Jahre alt war, starb der Vater. 1909 geboren, sah das Kind früh den Tod in mancherlei Gestalt.
Hoffnung und Verzweiflung stehen sich in Radnótis Lyrik unversöhnlich gegenüber, doch das nahm er als sein persönliches Schicksal an, ohne damit an der ganzen Welt zu verzweifeln.
Mäandernd führt uns Gauß durch Radnótis Leben, der als Vollwaise später den Textilbetrieb seines Onkels führen soll und daher gegen sein Sträuben auf eine Fachhochschule geschickt wird – über die Stationen seines Literatur- und Sprachstudiums in Szeged, als endlich der Onkel eingesehen hatte, dass Kaufmann-Sein nichts für seinen Neffen war, über seine Anfänge als „experimentierender, hochexpressiver Lyriker“ bis zum formstrengen Meister, „der sich den wahrlich grenzüberschreitendem europäischem Reichtum anzueignen verstand.“
Um die Jahre 1935 hatte der junge Gymnasialprofessor, mit Sympathien für die Kommunistische Partei, unter der Horthy-Regierung keinerlei Aussicht auf Anstellung. Er trat aber nie der Partei bei; im Gegenteil, er führte zermürbende Auseinandersetzungen mit ihr und versuchte, der Bedrängnis mit Reisen nach Frankreich, zusammen mit seiner Frau, zu entgehen. Dort war er der Erste, der schwarzafrikanische Lyrik ins Ungarische übersetzte. Unbedacht kehrte er wieder in die Heimat zurück, wo es ihm noch gelang, einen Gedichtband und sein einziges Prosawerk Monat der Zwillinge zu publizieren, bevor er nur noch an Übersetzungen arbeiten konnte: Hölderlin, Trakl, La Fontaine, Apollinaire u.a. – Jahre im Arbeitsdienst folgten, bis nach der Besetzung Ungarns auch dort die verschärften Judengesetze griffen. Doch außer Landes gehen wollte er nicht. „ je finsterer die Zeiten werden, umso rührender das Lob der ungarischen Landschaft und ihrer Menschen“. Noch im Lager schrieb er – umgeben von Tod und Folter – erschütternd für uns heutzutage – Stimmungslyrik.
Gauß schließt dieses Porträt mit den Worten: Miklós Radnóti war ein Dichter des Todes wider den Tod.
Zeit also, sich endlich einmal wieder aufmerksam und neugierig mit dem Werk dieses großen Dichters und Europäers zu befassen.
Karl-Markus Gauß, ein engagierter österreichischer Schriftsteller und Journalist, bedacht mit vielen Auszeichnungen, befasst sich seit Jahren mit den kleinen Sprachen und wenig beachteten Literaturen Mittel-Ost-Europas. Unter anderen hat er noch ein zweites lesenswertes Buch geschrieben, in dem er weitere Autoren porträtiert: Die Vernichtung Mitteleuropas. Wieser Verlag Klagenfurt, 1991; ISBN 3-85129-043-7

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