Rezension: Borbély, Szilárd – „Die Mittellosen“

Ist der Messias schon weg?
Roman
Aus dem Ungarischen von Heike Fleming & Lacy Kornitzer
Verlag: Suhrkamp, Berlin
ISBN: 978-3-518-42450-6
Originaltitel: Nincstelenek, 2013
Bezug: Preis: 24,95 Euro

Ein bedrückendes Buch, grandios geschrieben, welches den Leser atemlos zurück lässt: Im „hintersten“ Dorf von Ungarn, im Dreieck zu Rumänien und der Ukraine spielen sich die „autobiografisch grundierten“ Erinnerungen des Ich-Erzählers ab, eines Kindes, das die Grausamkeiten, das Schweigen, die Anfeindungen gegenüber seiner Familie und gegen sich selbst traumatisch erlebt hat.
In prägnanten, lakonischen Sätzen und starken Bildern lässt der Autor Angst und Schrecknisse seiner Kindheit wieder aufleben, die ihn damals so verstört haben; er erinnert er sich an das erbärmliche Leben, an seine unbeantworteten Fragen, an sein Ausgeliefertsein an Eltern, Lehrer und das Dorf. Es sind nicht nur seine eigenen Erinnerungen, sondern auch die seiner Eltern.
„Ich komme von ganz unten“ heißt ein Essay der Erinnerung an ihn im Anhang. Ja, er kommt aus einer ganz armen Familie, die nirgends richtig dazu gehört, die sich aber auch nicht anpassen will. Sie seien keine „richtigen“ Ungarn, befindet die alteingesessene Dorfgemeinschaft, gehören der katholisch-griechischen Glaubensgemeinschaft an, sein Vater ist vielleicht sogar der uneheliche Sohn eines Juden.
Immer wieder sieht sich der Ich-Erzähler – im Alter zwischen sechs und zehn Jahren – gehen: weite – zu weite – Strecken für ein kleines Kind – mit der Mutter, mit dem Vater, seiner Tante Máli, dem Großvater. Einsamkeit trennt sie und Schweigen. In Primzahlengröße sind sie voneinander entfernt, finden nicht zueinander. Gehen und schweigen, hauptsächlich mit seiner jungen Mutter. 23 Jahre älter als er – und „23 ist eine Primzahl, unteilbar, höchstens durch sich selbst“. Zählen kann das Kind schon, aber die Zahlen, die es liebt, das sind die unteilbaren; sie gehören sich selbst. Auch die Einsamkeit ist unteilbar; sie steht zwischen den Menschen, auch zwischen seiner Mutter und ihm. Das Kind zählt viel, auch um sich abzulenken: Schritte, Telegrafenmasten, Bäume, Hunde, Fenster, Blütenblätter. „Ich zähle alles, was man nur zählen kann.“ Das Zählen lässt manchmal den Hunger vergessen und die Kälte, lenkt ab von der schweren Arbeit, die er bereits leisten muss, das mitleidlose aber notwendige Töten von Tieren – eine Aufgabe, die den Männern vorbehalten ist, also auch ihm, dem kleinen Jungen. Das Kind ist der Knecht, wie es in einem Essay des Autors im Anhang heißt; es muss schweigen und arbeiten. Fragen werden grundsätzlich nicht beantwortet; Sexualität lernen die Kinder von den Tieren – und den schlüpfrigen Witzen der Erwachsenen. Die Eltern sagen nichts, behaupten immer noch, der Storch brächte die Kinder.
Zur Familie gehört noch die ältere Schwester und der kleine Bruder, der, kaum eineinhalb Jahre alt, schon sterben muss. Mit den übrigen Verwandten haben sie kaum Kontakt. Manchmal mit der Schwester des Vaters, manchmal mit den Großeltern.

Die Großeltern väterlicherseits waren Bauern. Kulaken werden sie in den 70er Jahren des kommunistischen Ungarn immer noch genannt. Die meisten der enteigneten Bauern sind aus dem Dorf weggezogen. „Leid tat es niemandem, man musste ihnen nicht länger in die Augen sehen.“ Jetzt sind die Taglöhner die Herren, doch sie verstehen nichts vom Bauer-sein, so der Großvater. Die Eltern der Mutter waren nie Bauern. Das betont sie immer wieder – und sieht verächtlich auf das Dorf herab, was auf Gegenseitigkeit beruht. Sie prägt ihren Kindern ein, dass man sie als Fremde hasst, dass sie aufpassen müssen, mit wem sie sprechen und spielen. Am sichersten sei es, zu schweigen. Nur auf die Frage, wer sie seien, müssten sie antworten: „Wir sind Ungarn“. Beide Familien kommen ursprünglich aus Rumänien. Vielleicht waren sie auch Huzulen oder Ruthenen, die, zwangsmagyarisiert, ihrem orthodoxen Glauben abschwören mussten. An Ostern dürfen sie die reformierte Kirche nicht betreten: Ihr seid rumänische Zugereiste, sagen die Dörfler.
Die Mutter möchte weg, weg aus dem schlammigen schmutzigen Dorf mit seinen engstirnigen, brutalen, rohen Menschen und den archaischen Traditionen, in denen die Familie ihren Platz nicht finden kann. Das tägliche Leben spielt sich in einem einzigen Raum ab: „Am Küchentisch passiert alles. Unser ganzes verdammtes Leben. – Dort essen wir, dort macht meine Mutter die Wäsche. Dort knetet sie den Teig, und dort rupft sie das Huhn. Dort machen wir unsere Hausaufgaben…“. Der raue Umgangston und das schwere Leben färben ab: Auch die Mutter, deren Vater Ausbilder im Militär war, ist launisch, abweisend und wenig herzlich. Hauptsächlich ist sie aber übermüdet, überarbeitet und bettelarm. Sie schlägt die Kinder häufig mit dem nassen, stinkenden Putzlappen, voll Ungeduld und Ohnmacht. Tiere liebt sie, gegen Bettler ist sie großzügig, soweit sie das sein kann. Immer wieder droht sie, schwankend zwischen Hysterie und Depressionen, sich umzubringen. Die beiden Geschwister versuchen sie vorm Selbstmord abzuhalten, hängen sich an sie, schluchzen und betteln, bewachen sie abwechselnd in der Nacht.
Die ganze Familie hungert und friert, lebt am Rande des Existenzminimums. Wenn im frühen Frühjahr alles aufgegessen ist, was sie geerntet hatten, müssen die Kinder hungern: Die Mutter sagt nur: „Esst, was ihr findet. – Doch wir finden nichts“. Höchstens Speck mit Maisbrei oder Schmalzbrot.
Schon früh ekelt es das Kind vor dem ewigen Dreck, vorm Ausmisten des Hühnerstalls, was ihm, dem Mittleren, obliegt. Er muss die Sachen seiner älteren Schwester tragen – wofür er sie hasst – ein Junge in Mädchenkleidung. Die Fußlappen kann er sich noch kaum richtig um die Füße wickeln, doch keiner hilft ihm. Wenn er aber zusehen kann, wie seine kalten Fingerspitzen in den von Raureif überzogenen Maschendraht stoßen – und alles wie durch Zauber zerfällt, dann träumt er und vergisst das Elend,
Der Vater ist technisch geschickt und Lastwagenfahrer bei der LPG. Da die Partei ihm aber eine bezahlte Arbeit vorenthält, weil sie ihn nicht zur Dorfgemeinschaft zählt, wird er zum Trinker und Raufbold, der sich mit den Männern des Dorfes in der Kneipe trifft, obwohl jeder weiß – und es auch irgendwie akzeptiert – dass der Kneipenwirt ein Spitzel ist. Dann wird der Vater aus dem Dorf verdrängt, von den Geschwistern ums Erbe gebracht. Warum? Er ist schwächer als sie, man munkelt, er sei der uneheliche Sohn des alten Juden und gehöre nicht zur Familie. Außerdem hat er eine Fremde geheiratet. Obwohl beide Familien aus Rumänien zugewandert sind. Vielleicht beäugen sie sich deshalb umso misstrauischer.
Das Gesetz des Dorfes ist Stärke. Wer die nicht zeigt, hat gleich verloren. Schon den Dorfkindern werden Furcht und Albträume ausgetrieben, indem man – während sie einschlafen – neben ihnen eine Katze langsam tötet. So erzählen es die Eltern.
Die gesamte Atmosphäre im abgeschiedenen Dorf ist voll Misstrauen, Verdächtigungen und Angst. Man verachtet die „Herren“ – das sind alle außer ihnen, den Bauern. Die Männer haben Angst – darum gehen sie in die Kneipe und trinken; das vertreibt die Angst ein wenig und die Einsamkeit, die sie nicht ertragen können.
Früher war der Jude Mózsi der Kneipenwirt gewesen – bevor man ihn weggebracht hatte, zusammen mit seiner Frau, der Schwiegertochter und den beiden schönen Kindern. Mózsi ist allein zurück gekommen, gebrochen. Sein Hab und Gut hat das ganze Dorf schon unter sich aufgeteilt, kaum war die Familie deportiert worden.
Und dann gibt es noch den „Messias“, einen schwachsinnigen, immer freundlichen Zigeuner, den man die leichtere Drecksarbeit machen lässt, z. B. die Plumpsklos leeren, zweimal im Jahr. Im Übrigen wird er gehänselt, doch er reagiert nicht, zieht sich nur traurig zurück.
Abwechslung bringen die traditionellen Begräbnisse: Die Dorfbewohner genießen das Ritual, noch wochenlang sprechen sie darüber wie sich die Männer auf den Schnaps und auf die Krautwickel freuten, wie die trauernden Frauen sich wie Rasende am Grab gebärdeten. Ein Schauspiel für alle: „Das Dorf bewahrt jede Erinnerung auf“.
Es sind verschiedene Assoziationen, welche die mäandernden Erinnerungen hervorrufen. Manchmal erzählt die Mutter, manchmal liest sie aus der Bibel vor, manchmal aus einem Buch mit eckigen Buchstaben, doch meistens schweigt sie. Die Kinder haben zu gehorchen und zu schweigen. Schweigen müssen nicht nur die Kinder, sondern auch die Frauen, vor allem Mutter, weil sie nicht zur Familie gehört. Überall werden sie und Vater übers Ohr gehauen, können sich nicht verteidigen, weil sie Opfer sind, zu Opfern gemacht wurden – und das auch zugelassen haben. Borbély erinnert sich, dass er wochenlang im Bett liegt und nicht sprechen kann, obwohl er nicht erkältet ist. (Eine frühe Depression, wie er in einem späteren Interview sagt.)
Die Mutter ermahnt ihren Sohn: Wir sind keine Bauern – du wirst nie ihr Freund sein – spiel‘ nicht mit ihnen, nimm nichts von ihnen und gib ihnen nichts. Die Bauern sind geizig, bewegen sich nicht, sterben dort wo sie geboren sind. …
Der Junge hat Angst, wenn man von den Juden redet, erstickt fast, hat Ohrensausen und Angst, man könnte ihm seine Furcht anmerken. Das Wort Jude ist voller Drohungen. Die Juden herunterzumachen und zu demütigen ist auch in den 70er Jahren im Dorf gang und gäbe. Die Kinder versuchen einander zu übertreffen mit ihren demütigenden Beschimpfungen auf die Juden – und auf den Erzähler. Als schwächstes Mitglied wird er von ihnen zum Juden gemacht, geschlagen und beschimpft.
„Weil für sie jeder ein Jude ist, der nicht dort stirbt, wo er geboren wurde“, sagt die Mutter. „Sie spüren, dass der, der weggehen wird, anders ist. Sie riechen bei dem, der nicht so ist wie sie, den Fremdengeruch. Sie können nur Ihresgleichen ertragen. Wer weggeht ist ein Verräter. Auch wer anders ist. Und wer anders sein will. Sie halten jeden für einen Juden, der seinen Verstand gebraucht….“. „Jude“ ist die Metapher für das Fremde, den Nicht-Ungarn, für denjenigen, der kein „richtiger Ungar“ ist.
Als seine Geschwister den Vater im Nachlassverfahren nach Großvaters Tod leer ausgehen lassen und ihn als Juden verleugnen, zerbricht etwas im Vater: Am Abend feiern sie Schabbes (Sabbat), der Vater mit dem Hut auf dem Kopf, wie die Juden, er spricht die Segensgebete, die ihm noch nicht so recht über die Lippen gehen.
1973 können sie endlich aus dem Dorf wegziehen.
Unbedingt erwähnen möchte ich die kongeniale Übersetzung von Heike Flemming und Lacy Kornitzer, welche „das Ungarische“ des Romans so richtig zur Geltung bringt.

Im Anhang, im Essay „Verlorene Sprache“ spricht Borbély darüber, wie seine Eltern 1999 überfallen und die Mutter von den Raubmördern umgebracht wurde. Der Vater überlebte zwar, starb jedoch nach sechs Jahren Einsamkeit. Alles erscheint dem Sohn so sinnlos: Er hatte weder Gelegenheit noch Mut gehabt, das Schweigen aufzubrechen und die Eltern zu befragen. Zwar hatte er es geschafft, dem Dorf zu entkommen, aber um den Preis des Verrats. So zumindest empfindet er es. Mit seinem Weggehen entfremdete er sich nicht nur seiner Umgebung, sondern auch seinen Eltern. Eigentlich hatte er erwartet, nach so langer Zeit über die Schrecken seiner Kindheit hinweggekommen zu sein; doch beim Schreiben des Romans steht diese Zeit wieder grausam-frisch vor ihm; denn der Roman ist auch ein Spiegelbild Ungarns, welches sich bis heute zeigt: „Die ungarische Kultur und Mentalität ist voller verschwiegener Dinge, birgt zahlreiche nichtgestellte Fragen. … In der heutigen ungarischen Bevölkerung lebt es als Trauma von Generationen und Familien weiter, dass ein bedeutender Prozentsatz um den Preis der Magyarisierung, um den Preis des Verrats, der Leugnung der Herkunftsgemeinschaften, des Bruchs mit den sprachlichen und kulturellen Wurzeln von der herrschenden Nation aufgenommen wurde. Migranten sind immer argwöhnisch, misstrauisch, neidisch und gekränkt. Solidarität ist für sie Luxus…. Das Dorf machte sich die Stadt gleich. Deshalb spricht die ungarische Gesellschaft auch heute die Sprache der Aggression, verehrt die Stärke, die Gendarmenohrfeige, die Kopfnuss, die Maulschelle.“
An diesen Essay schließt sich die Erinnerung der Übersetzerin Heike Flemming an: „Ich komme von ganz unten“. Erinnerung an Szilárd Borbély. Beide kannten sich schon lange und sprachen viel miteinander: Schon 1989 hatte er auswandern wollen, blieb dann aber nach dem Systemwechsel. Doch im Laufe der Jahre fühlte er sich nicht mehr wohl in Ungarn, wäre 2013 gern in Wien geblieben.
Borbély war schon lange depressiv, ein Erbe seiner Mutter, verstärkt durch die Traumata seiner Kindheit. Er sei verzweifelt an Ungarn, an der restriktiven Politik – und habe allmählich die Hoffnung aufgegeben, dass Ungarn ein normales demokratisches Land werden könne, schreibt Heike Flemming. Am 19. Februar 2014 wählte er den Freitod.

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