Rezension: Nadj Abonji, Melinda – „Tauben fliegen auf“

Verlag Jung und Jung, 2010
ISBN: 978-3-902497-78-9
Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro

„Unsere Kinder sollen es einmal besser haben – deshalb haben wir doch die Heimat verlassen“ – sagt Vater Miklós nicht nur einmal, wenn er das Verhalten seiner Töchter nicht mehr verstehen kann.
Miklós und Rózsa Kocsis, zur ungarischen Minderheit in der Vojvodina gehörend, kommen Anfang der 70er Jahre als Gastarbeiter in die Schweiz, an den Züricher See. Ihre beiden Töchter, Ildikó und Nomi können erst vier Jahre später nachkommen. Sie verleben inzwischen bei ihrer Mamika eine kurze glückliche Kinderzeit – wie im Bilderbuch, mit Tieren, Garten und Natur.
Die Icherzählerin Ildikó blickt auf die wichtigsten Stationen von über 20 Jahren Emigration ihrer Familie – verschiedene Ereignisse assoziieren Erlebnisse in der Vojvodina oder in der Schweiz, erinnern an Familiengeheimnisse, die schon vor ihrer Geburt liegen, und an die bisher nicht gerührt werden durfte.
Ildikó macht große Gedankensprünge, doch ein aufmerksamer und einfühlsamer Leser kann mithalten; denn Nadj Abonjis klangvolle Sprache, hinter der die ungarische Sprachmelodie mitschwingt, verzaubert und lässt uns nicht unberührt vom Schicksal dieser Familie:
Die Eltern waren nur mit dem Wort „Arbeit “in die Schweiz gekommen, haben alles gemacht, was sich bot: der Vater hat unwissentlich schwarzgearbeitet für wenig Lohn – auch später wurde ihm oft nur die die Hälfte dessen ausgezahlt, was seine Schweizer Kollegen bekamen. Die Mutter hat als Putzfrau gearbeitet, als Kassiererin, als Mädchen für alles, bis sie sich eine kleine Wäscherei aufbauen konnten. Bis dahin waren die Kinder schon nachgekommen und versuchten sich staunend in das fremde Leben einzugliedern. Immer wieder fährt die Familie in die Vojvodina: Für die Kinder die einzige Heimat, die sich nicht verändern darf, damit sie sich sicher fühlen können: für den Vater der Stachel im Fleisch. Er glaubte, dort nicht mehr bleiben zu können, wo ihm alles vorgeschrieben wurde. Er gibt sich geringschätzig, gerade weil sich nie etwas verändert. Er führt seine immer größeren und komfortableren Autos der staunenden Verwandtschaft vor: 1980, nachdem Tito gestorben war – was er mit viel Alkohol feiert – einen schokoladebraunen Chevrolet; später kommen sie mit Mercedes’, einer komfortabler als der andere. Es sind Statussymbole, die zeigen sollen, dass sie nicht umsonst ausgewandert sind, dass sie es zu etwas gebracht haben. Kein Wort davon, wie schwierig ihr Leben, trotz der Einbürgerung in die Schweiz, noch immer ist, da niemand sie einlädt. Ihre Kontakte zu den Einheimischen beschränken sich auf Kunden und Gäste. Freilich, da gibt es nette Menschen, die sich für die Familie aus Jugoslawien einsetzen, zu ihr halten, sich für sie interessieren. Da gibt es aber auch Neider, die immer noch hetzen, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann, wenn Einwanderer Schweizer Bürgern vorgezogen werden, beim Erwerb einer Cafeteria in bester Lage.
Familie Koscis will sich unbedingt hocharbeiten, gute Schweizer sein, fleißiger, gleichzeitig bescheiden und unsichtbar, damit die Einheimischen sie als Ausländer einfach vergessen. Wie Mutter immer wieder sagt: „Wir haben hier noch kein menschliches Schicksal, wir müssen es uns zuerst noch erarbeiten“. Die Angst vor einer Ausbürgerung sitzt den Eltern tief; die Töchter, die zweite Generation sieht das schon anders. Nomi und vor allem Ildikó spüren, wie sie ausgenutzt werden, wie manche ihnen misstrauisch und missgünstig begegnen, auch wenn das abgeschwächt wird mit: „Bei Ihnen ist das etwas anderes – Sie sind ja schon angepasst“.
Die Kinder empfinden stärker als ihre Eltern, dass sie nirgends mehr richtig dazu gehören: Nicht zur Verwandtschaft in Jugoslawien, die über ihr westliches Gehabe, über ihre Kleidung neidisch lacht, noch zu den eingeborenen Schweizern, die zwar nichts gegen Ausländer haben, aber … .
Viel wird verschwiegen in der Großfamilie – oder nur ganz zufällig erzählt. Tief sitzt die Angst der Erinnerung. Der Großvater, Papuci, konnte sich längere Zeit gegen die Anwerbungen der Faschisten, später der Partisanen wehren. Ohnmächtig musste die Familie mit ansehen, wie Vieh und Ernte vom Hof weggebracht wurde. Als er sich aber den roten Genossen widersetzte, wurde er abgeführt und gefoltert. Sein 11jähriger Sohn Miklós war gezwungen, die Verhöre mitanzuhören, über dem Folterkeller in der Schule. Nachbarn und „gute Freunde“, die sich den Kommunisten angeschlossen hatten, bereicherten sich an der Familie. Papuci überlebte die Heimkehr nur um ein Jahr. Miklós konnte und wollte sich im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Móric nicht anpassen. Nach mancherlei Repressalien durfte er endlich mit seiner Frau Rózsa in die Schweiz auswandern. Die beiden Töchter ließ er für vier Jahre bei seiner Mutter, der geliebten und verehrten Mamika.
Noch anderes wird lange verschwiegen: die Halbschwester Janka aus Vaters erster Ehe, die unglückliche Kindheit der Mutter, die Macht der Väter, die ihre Töchter verstoßen, wenn sie einem Liebhaber ihrer Wahl folgen. Doch davon wird nie offen gesprochen, wenn sich die Großfamilie in manchem Sommer in der Vojvodina trifft –wenn jemand stirbt oder heiratet. Miklós muss seine Erinnerungen, seine Wut auf die Kommunisten, die ihm sein Leben versaut haben, sein Heimweh, oft nur in Alkohol ertränken.
In der Schweiz sind die Kocsis’ die fleißigen Immigranten, von vielen geachtet, aber immer noch fremd. Die Töchter wollen dazugehören, versuchen es im ungezwungenen „Hausbesetzermilieu“, doch auch ihnen ist klar, dass dieses nicht eigentlich ihre Welt ist. 1993 scheint die Familie es endlich geschafft zu haben, mit dem Erwerb der Cafeteria Mondial. „mondial“ = weltumspannend, weltoffen. Das soll das Café auch sein, doch gleich nach der Eröffnung kündigen bereits die beiden Schweizer Serviertöchter – und, obwohl die Familie „Schweizerinnen bevorzugt“, kann sie doch nur eine weitere Jugoslawin einstellen. Der Balkankrieg tobt bereits seit zwei Jahren – Sarajevo wird seit einem Jahr belagert. Der Krieg holt sie auch hier in der friedlichen Schweiz ein: Nicht nur, dass sich ihre Angestellten, die Serbin Dragana, und die Kroatin Glorija, lautstark streiten, sich in ihrem Nationalstolz getroffen und beleidigt fühlen, nicht nur, dass Ildikó sich in den Serben Dalibor verliebt (eigentlich müssten sie Todfeinde sein) – es wird den Auswanderern auch klar, dass ihre Cousins z. B. gegen die Cousins von Dragana kämpfen müssten. Nur durch lange Telefonate mit ihren Angehörigen erfahren sie Genaueres vom Irrsinn dieses Krieges. Die Schweizer Gäste ihres Cafés schwadronieren heftig über die Lage – jeder fühlt sich zu Kommentaren berufen, aber kaum einer weiß, dass die Familie zwar aus Jugoslawien kommt, aber zur ungarischen Minderheit in der Vojvodina stammt.
Ildikó hat ihr Studium ausgesetzt, nicht nur, um den Eltern zu helfen, sondern auch, weil sie nicht weiß, wie sie ihrem Vater beibringen soll, dass sie nicht mehr die klar umrissenen Rechtswissenschaften studiert, sondern sich dem „nebulösen“ Studium der Geschichte der Neuzeit und der Schweizer Geschichte zugewandt hat. Geschichte hat der Vater hautnah erlebt, anderes lässt er kaum gelten.
Die Schwestern hatten sich einmal geschworen, wieder in die Vojvodina, in ihr Kinderparadies zurückzukehren, sobald sie volljährig sind. Inzwischen sehen die jungen Frauen ein, dass es nicht nur der Krieg ist, der sie daran hindert.
Das Fass zum Überlaufen bringt die eines Tages absichtlich mit Kot verschmierte Herrentoilette im Café. Ildikó putzt verbissen, lässt sich auch von der Mutter nicht helfen. Die möchte die „Sache“ wieder unter den Tisch kehren, nicht darüber sprechen, alles verschweigen. Doch in ihrer Tochter wächst ein Hass auf die, die sie ausnutzen, die wohlangesehenen Bürger, die scheinheilig freundlich sind – und sie dann so beleidigen. Der Schock sitzt tief: Einbürgerung war nur an der Oberfläche. Ildikó zwingt ihre Eltern zur Stellungnahme – und zieht aus. Die Eltern können es nicht fassen: In genau so eine schäbige kleine Wohnung, wie sie eine bewohnt hatten, als sie in die Schweiz kamen. Aber es ist Ildikós eigene Wohnung – und die Hausmeisterin, eine spießige Einheimische, besucht sie in ihrem Zimmer. Mit ihr kommt sie ganz gut klar.
Das Schlussbild zeigt uns die beiden Schwestern auf dem Friedhof an einem „Gemeinschaftsgrab“. Sie singen ein Lied für ihre verstorbenen Verwandten, die sie zum Teil gar nicht kennen gelernt haben und legen für sie einen Strauß Blumen hin.
Nadj Abonji erzählt mitreißend vom Schicksal dieser Familie, ohne jemals rührselig zu sein, auch nicht, wenn sie berichtet, was jeder mit der Heimat verloren hat. Vor allem die Eltern glauben, sie hätten mit der Emigration das größere Opfer gebracht, ihr Schmerz stand immer im Vordergrund – das Heimweh und der Verlust der Heimat ihrer Kinder musste da zurückstehen.
Ein wichtiges Buch, das uns Leser vor allem in das Leben der zweiten Emigrantengeneration hineinführt. Die junge Generation, die nicht gefragt worden war, ob sie gehen oder bleiben wollte. Manch einen Emigranten werden wir künftig sicher mit anderen Augen ansehen – und das ist doch schon sehr viel.

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