Rezension: Novac, Ana – „Die schönen Tage meiner Jugend“

Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Verlag: Schöffling, 2009; ISBN: 978-3-89561-415-6
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 22.90

„Ich wurde als Frau und Jüdin – dazu arm und unsterblich – in Siebenbürgen (…) geboren“, der erste Satz der Autorin im Vorwort zur deutschen Ausgabe dieses Buches. Ja, „unsterblich“ ist die heute ungefähr 80jährige sicherlich. Nicht nur, weil sie Leben und Verstand über die verschiedenen Vernichtungslager hinaus, retten konnte, sondern auch durch dieses Zeitzeugnis, das sie als wahrscheinlich 14-15jährige in den Lagern als Tagebuch schrieb.
Dies ist innerhalb kurzer Zeit das zweite Tagebuch, das eine Frau, ein Mädchen in den Vernichtungslagern schrieb, um sich damit am Leben zu erhalten. 2006 erschien das Buch von Ágnes Rózsa „So lange ich lebe, hoffe ich“. Es sind die Tagebuchaufzeichnungen der 34jährigen Lehrerin 1944/45 in Nürnberg und Holleischen.
Das junge Mädchen hier, Ana, beginnt in Auschwitz zu schreiben. Zufällig findet sie einen Bleistiftstummel, reißt Plakate ab benutzt jegliches Papiermaterial um darauf ihre Notizen zu machen. Sie hat sogar den Mut, einem Lagerkapo ein Heft abzuschwatzen. Schon seit ihrem 11. Lebensjahr führt sie Tagebuch; denn Tagebuchschreiben ist für sie das Leben selbst, „so wichtig wie atmen und essen“. Das will etwas heißen in Lagern, in denen die ganze Gesellschaft „nur aus Bauch besteht“.
Unbarmherzig, mit spitzem Bleistift spießt die „Göre“, wie sie sich manchmal nennt, ihre Lagergenossinnen, die Blockältesten, die Aufseher und natürlich die „Fritzen“, die SS-Leute, auf, in scheinbar leicht-spöttischem Plauderton. Nur mit Sarkasmus und viel schwarzem Humor kann sie sich immer wieder retten. „Denen“ will sie es zeigen, will sich nicht unterkriegen lassen. Und sie erkennt auch ganz scharf, dass es Wut, Überlebenswille und Hunger sind, die sie weder geistig noch körperlich einschlafen lassen.
Die Rekonstruktion ihrer Notizen, die sie nach Jahren des Vergessenwollens vornimmt, lässt sie so beginnen: „Ihr werdet krepieren“! Die Aufseherinnen, selbst Gefangene, schwingen die Peitsche, um ihre Machtstellung zu sichern: Da wird Essen gestohlen, falsch und nachlässig ausgeteilt, unterschlagen. – Nüchtern, oft sarkastisch-überheblich notiert Ana ihre Beobachtungen, wie die Häftlinge gequält oder zu Tode gefoltert werden. Manchmal zweifelt sie an ihren Wahrnehmungen: Ist sie noch normal, können Menschen einfach abgeknallt, von Hunden zu Tode gehetzt, mit der Peitsche zu einem „Ding“ zerschlagen werden? – Mit ihrer Freundin Sofi, einer Schulkameradin, die sie zufällig im Lager wieder gefunden hatte, führt sie „logische“ philosophische Gespräche. Sofi will einen Grund erkennen, warum sie hier sind. Dann müsste es nämlich auch die Möglichkeit des Entkommens geben. Aber es gibt keinen Grund. Sie sind überzählig, unerwünscht. Juden. Und doch: für Ana gibt es nichts, das ihren Lebenswillen auslöschen könnte. Dabei hilft ihr das Tagebuch – es ist so etwas wie ihr Gesprächspartner.
Wenn Neuankömmlinge eintreffen, sind diese genau so ungläubig entsetzt, wie Anas Gruppe es vorher war, als sie die nackten, kahl geschorenen Frauen gesehen hatten. Für Ana sehen die weißen kahlen Schädel aus wie Kohlköpfe: Eine neue „Spezies“, eine typisch deutsche Entdeckung, etwas zwischen Mensch und Ding. Von den menschlichen Eigenschafen bleibt nur „ ein leidendes Ding“.
Ana beschreibt die Familienclans, die Dorfgemeinschaften, die sich hier fest aneinander klammern. Es scheint, dass die Frauen, die im normalen bürgerlichen Leben schon unangenehm oder berechnend, sadistisch oder wehleidig waren, es hier erst recht sind. Ana erzählt aber auch, dass sie viel gelacht, d. h. mehr gekichert haben, aber das sei das Lachen der Verzweiflung, das Kichern der blank liegenden Nerven gewesen. Auch dem Leser, der sich über Redewendungen und scharfzüngige Beobachtungen der jungen „Göre“ amüsiert, bleibt sofort wieder das Lachen im Halse stecken.
Immer öfter heißt es, „sie kommen“, die Russen, die sie befreien sollen, doch genauso oft werden die Gefangenen enttäuscht: Die „Gerüchte wachsen wie Pilze aus dem Boden“. Mit Verwunderung hört sie, dass das Warschauer Getto revoltiert habe, während ihnen zu Hause nicht einmal der Gedanke an Auflehnung gekommen war, obwohl sie doch so viele waren. Zynische Überlegung: „Man darf doch die Obrigkeit nichts verärgern“.
In einem weiteren Lager finden Sofi und sie sich als Arbeiterinnen im Steinbruch wieder. Nicht, dass die Steine gebraucht würden. Die Frauen sollen nur geschunden werden. Durch Zufall entdeckt Ana eines Tages einen Graben, in dem sie sich verstecken und schreiben kann – wenn die Kolonne zurückmarschiert, reiht sie sich wieder unauffällig ein. Ein Lebenskünstler! Sie arbeitet doch nicht für die Fritzen! Immer wieder hat sie auch wirklich Glück: Lagerkapo Konhauser, dem sie das Heft zu verdanken hat, stellt sie im Kleidermagazin an, er überredet sie auch, das Heft dem Aufseher und Mörder Otto mitzugeben, der aus dem Lager frei kommt. Dieses Heft kommt tatsächlich zur früheren Hausmeisterin ihrer Eltern – und bildet den größten Teil dieses Tagebuchs.
Mehrmals wird sie in andere Lager gebracht, sie wird tätowiert, wird krank, bekommt Rippenfellentzündung. Eine Ärztin päppelt sie wieder auf. Sie hat ein eigenes Bett und wird versorgt. in ihrer Mattigkeit spürt sie jedoch, dass sie ihren Kampfgeist weiter auf Touren laufen lassen muss, um zu überleben. –
Damit endeten die Notizen.
Im „Epilog“ beschreibt Ana Novac kurz, wie es weiterging:
Am 6. Mai 1945 werden sie von Tataren befreit, die sich zuerst ganz wie Sieger gebärden, sie aber schließlich mit so viel „Tschorba“ füttern, dass noch einmal viele von ihnen sterben. Ana geht noch durch fünf weitere Lager, bekommt Typhus. Irgendwie kommt sie dann nach Hause, verbringt 2 Jahre in Sanatorien in den rumänischen Karpaten und 20 weitere Jahre in Ceausescus Reich. Die Nazis, so sagt sie, wollten ihr nur den Körper rauben, die Kommunisten aber die Seele. Glücklich ist sie erst, als sie endlich die Stadt ihrer Träume betreten kann, Paris, wo sie auch heute noch lebt und von dort den Fall der Mauer erleben konnte, die Wende.

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