Rezension: Rakusa, Ilma – „Mehr Meer“

Erinnerungspassagen
Literaturverlag Droschl, 2009; ISBN: 978-3-85429-760-3

Für diese ihre „Erinnerungspassagen“ erhielt die Autorin 2009 den Schweizer Buchpreis: In 69 Kapiteln erzählt sie aus ihrer Kindheit, erinnert sich an kurze Verweilzeiten und an Schauplätze, die sie mit ihren späteren Reisen und Einsichten verknüpft. Dabei steigt sie unmittelbar in Szenen ein, zieht mich als Leserin in einen eigentümlichen Sog von eigener Kindheitserinnerung und Déjà-vue-Erlebnissen, obwohl ich ein ganz anderes Schicksal habe.
Wie im Film rollen die Sequenzen ab, mit Überblendungen zu später und heute, und mit eingeschobenen Zwiegesprächen.
Ilma Rakusa kommt 1946 in Rimaszombat, in der heutigen Slowakei zur Welt. Ihre Mutter ist Ungarin, der Vater Slowene. Ihre Vorfahren mütterlicherseits stammen aus Litauen und Polen: „Den Osten Europas, über den sich das Netz der Familiengeschichte breitet, habe ich kreuz und quer bereist, vor allem auf Schienen.[…] Und seltsam, dieses Weiter, wenn es sich denn nicht selbst genügt, zielt nicht auf Ankunft, sondern erscheint mir wie eine Kette von Abschieden. […] ich lese Aufschriften in Ungarisch, Slowakisch, Litauisch.“
Eineinhalb Jahre später zieht die Familie nach Budapest.
Rakusa beginnt ihre Erinnerungen mit dem Vater, der bei seinem Tod nichts Persönliches hinterließ – er hatte zu lange gewartet mit seinen Erinnerungen. Die Tochter macht das anders: Sie beschwört Bilder, Farben und vor allem Gerüche herauf, wenn sie an ihre Kindheit und Jugend denkt.
Sie erinnert, dass ihr die Mutter in Budapest viele Märchen erzählte, wohl auch gegen die eigene Angst – das Kind sieht sich an der Donau sitzen und hat bereits Fernweh: „Schwarzes Meer. Wie schwarze Sonne. Das sitzt noch heute als Sehnsuchtsmetapher“.
1949, Ilma ist drei Jahre alt, als der Vater ein neues Nest sucht, in Ljubljana: Der riesige Garten ist auf einmal wieder da, die Nächte, in denen der Garten schrumpft und die lauten Lokomotiven dem Kind Angst machen. Trost spendet nur Kesztye, ihr Pelzhandschuh, an ihn klammert sie sich und lernt die fremden slowenischen Laute – schweigend – bis es ihr gelingt, in ganzen Sätzen zu sprechen. Ein dreiviertel Jahr kann sie in ihrem Garten leben, dann zieht die Familie weiter: Nach Barcola bei Triest, mit Blick auf das Märchenschloss Miramar. Ilma hört Italienisch, Englisch. Slowenisch. Die Sprachenvielfalt beruhigt, sie wird ihre Heimat. Hinter den heruntergelassenen Jalousien des ochsenblutroten Hauses entdeckt sie ihre Phantasie. Das Kind denkt sich den Lichthasen aus, schaut durch die Ritzen und erzählt sich Geschichten: Das Siestazimmer wird ihr zur Zuflucht, „ein Kind der Jalousien.“ Dort beginnt schon ihr späteres Schreiben. Triest mit seinem Meer wird ihr Glück, ihre ständige Sehnsucht. Amelia, die Kinderfrau, bringt ihr Slowenisch bei, Märchen und Reime.
Schon das Kind Ilma schwelgt in Farben – oder nimmt sie diese erst bei ihren späteren Besuchen so intensiv wahr? „Das Meer war blau und grün und türkis und grau und aschfarben und schwarz, aber auch weiß und rosa und rot und orange und golden und silbern. […] Ich lernte seine Wandlungsfähigkeit, seine Unfassbarkeit zu lieben“. Von Triest aus lernt sie aber auch die Grenzen kennen, das Passieren der Grenzen, oft mit Schikanen verbunden, wenn die Eltern Verwandte im Hinterland besuchen wollen, was häufig geschieht: „Ich war ein Unterwegskind- Ein Kinderzimmer hatte ich nicht, aber drei Sprachen, die hatte ich“.
Erst später erfährt sie von den dunklen Seiten Triests, als einem der Durchgangslager nach Auschwitz. Doch für immer wird sie Heimweh nach den Jalousien haben, immer die Strandfelsen von Miramar, immer die Akazienalleen vermissen.
Im Januar 1951 macht sich die Familie erneut auf. In letzter Minute erhalten sie die Einreiseerlaubnis in die Schweiz. Wieder muss das Kind alles Vertraute verlassen. Es weint nicht, klammert sich nur wieder an Kesztye. „Der Norden bringt ihm bei was Vereinzelung ist. Und Kälte. – Vater wollte in ein demokratisches Land, stabile Verhältnisse für die Familie“. Ihr kleiner Bruder ist drei Monate alt – wird bald krank und muss viel liegen. Sie fühlt sich ausgegrenzt, zieht sich in ihr Innerstes zurück: „Ich träumte mich nach innen, in schneckenartige Labyrinthe, bis an den Tränenpunkt“. Viel hat die kleine Ilma wieder zu lernen: Hochdeutsch, Schweizer Dialekt, Schlittenfahren (bei einem Unfall zieht sie sich eine Schädelfissur zu und wird lebenslang Migräne haben), den Umgang mit Kindern, die sich anfangs von ihr fern halten, sie misstrauisch beäugen, mit ihrem langen Lammfellmantel, welche die Familie ablehnen, weil die Mutter rote Fingernägel hat. Doch Ilma lernt etwas für ihr ganzes Leben Entscheidendes: Sie entdeckt das Lesen. Damit kann sie in fremde Welten, in andere Leben ganz und gar eintauchen, alles um sich herum vergessen: „Schon vor der Einschulung war ich hungrig nach Lektüre. […] In einer neuen Sprache: Deutsch. Ich lernte sie gierig, durch die Bücher. […] Das bedeutete Abgrenzung. Von Zuhause, wo das Ungarische die Familiensprache blieb, von der Umgebung, die Dialekt sprach“. Sie beginnt kleine Sätze zu schreiben: „Ich möchte am Meer leben und den Schiffen zusehen“. Da Ilma sehr musikalisch ist –auch der Vater liebt die Musik – lernt sie Klavierspielen. Später wird sie lange Zeit im Konflikt mit sich sein, will sie die Musik, oder die Literatur zu ihrem Lebensinhalt machen? Sie wird sich zunächst auf eine Musikerlaufbahn vorbereiten, bedeutende Musiker kennen lernen, bis ihr Rostropovich eines Tages ans Herz legen wird, das, was sie tut, mit ganzer Kraft und ganzem Herzen zu tun. Es wird die Literatur sein.
Als Kind wollte sie Weltforscherin werden. Neugierig und interessiert reist sie mit dem Finger auf dem Atlas. Auch später wird ihre Liebe zum Reisen eine ihrer besonderen Seiten. Nur, dass sie dann tatsächlich reisen kann, mit Vorliebe in den Osten. Sobald aus ihrem Staatenlosenpass ein Schweizer Pass geworden ist, reist sie zum geliebten Großvater nach Maribor.
Auch in Zürich kann die Familie nicht lange in der möblierten Mietwohnung bleiben. Ein missgünstiger Nachbar zeigt sie bei der Fremdenpolizei an – und der Vater kauft ein Häuschen auf dem Zürichberg – obwohl er sich das eigentlich nicht leisten kann – um in Ruhe und Würde leben zu können. Wieder wird Ilma aus ihrer Umgebung herausgerissen, aber auch entschädigt: Sie lernt Vera kennen. Die jüdischen Rituale der Familie gefallen ihr. Mit Vera verbindet sie eine schöne Freundschaft. Doch als Ilma Dostojewskis „Schuld und Sühne“ entdeckt, kann ihr Vera, der Verstandesmensch, nicht mehr folgen. Ilma taucht ab, in ganz andere Welten. Erst ihr Religionslehrer, der polnische Pater Janusz, der ihr die Schönheiten und das Vertrauen in Glauben und Religion eröffnet, sieht in ihr eine Gesprächspartnerin. Pater Janusz bringt den Kindern und vor allem Ilma die Liturgie der Ostkirche nah – eine Liturgie, die sie Zeit Lebens anspricht.
Immer wieder blendet Rakusa in ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen die Erfahrungen späterer Reisen ein: Farben, Licht, Gerüche assoziieren sofort bestimmte Szenen aus der Kindheit – oder umgekehrt.
Mit 20 Jahren bricht sie zu einem Studienjahr nach Paris auf. Ihr Zimmer ist ein ungemütlicher Schlauch, aber in bester Lage. Sie kann sich ein Klavier leihen – und vergisst spielend die Umgebung. Entschädigung bietet die Liebe zum Organisten M.. Er ist verheiratet und beide wissen, dass ihre gemeinsame Zeit nur begrenzt sein wird. Danach schreiben sie sich noch lange, doch die Abstände werden immer größer. Das scheint ihr öfter zu passieren: Ihre Lieben kann sie nicht festhalten – oder – ist sie selbst nicht zu fassen? Wie bei einem Tanz schreitet das Paar aufeinander zu, umrundet sich, dreht ein paar Takte zusammen, auch innig, driftet wieder auseinander und verliert sich aus den Augen.
„Mit meinem Schweizer Pass begann meine Rückkehr in den Osten: Im April 1966 fährt sie nach Prag. Dubček verkündet den politischen Frühling. Das sozialistische Grau scheint wie weggewischt. Sie kommt wieder und wieder. 1967 sind alle voller Hoffnung. Am 21 August 1968 walzen sowjetische Panzer den Traum vom Prager Frühling nieder. In den 70ern kommt Rakusa dann wieder: Ein total anderes Land. Sie zittert an der Grenze, schmuggelt trotzdem Buchverträge von Dissidenten hinein und trifft Regimegegner.
1969 reist sie zum Studium und zur Vorbereitung ihrer Dissertation nach St. Petersburg, das damals noch Leningrad ist. Außer der Trostlosigkeit des grauen Sozialismus retten sie zunächst die Bücher in der Bibliothek und dann die Gastfreundschaft ihrer neuen Freunde und Kommilitonen. Theater- und Konzertbesuche nimmt sie wahr, so oft wie möglich. In Leningrad lernt sie die russische Literatur auf ganz andere, neue Weise intensiv kennen. Alle zitieren hier aus den „verbotenen Büchern“, lernen vor allem Gedichte unliebsamer Schriftsteller auswendig. Kaufen kann man die Bücher nicht. Alles muss im Kopf weitertransportiert werden. Noch jahrelang kommt sie in die Stadt zurück, bis sie dann so offensichtlich beschattet wird, dass sie zwischen ihre Besuche eine mehrjährige Pause einlegt. Ein eingeschobenes Zwiegespräch mit Jura macht deutlich: „Weißt du, woran wir die Ausländer erkennen? Sie schauen einem offen in die Augen. Während unser Blick ausweicht“. Als Rakusa nach der Wende wieder kommt, ist nicht nur das Leben rastloser geworden, auch die Freunde haben keine Zeit mehr.
In den letzten Kapiteln ihres Buches spricht Rakusa von dem, was sie vermisst, von dem, was sie sammelt, da es ihr doch als Kind nicht vergönnt war, „Schätze“ aufzuhäufen und sie immer, einer Abreise gewärtig, leichtes Gepäck vorbereitet hatten. Doch zum Schluss spricht sie auch so tröstlich davon, dass ihr Neugier und Vertrauen geblieben sind.
Kann es etwas Schöneres geben, trotz so vieler, auch negativer Erfahrungen?

© Gudrun Brzoska, Juli 2012

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