Rezension: Bessermann, Julius – „Greg und die Traumfänger“

Kinder- und Jugendroman
Aus dem Ungarischen von P. Dietlinde Draskóczy
Verlag Schenk Verlag, Passau, 2007
ISBN: 978-3-939337-31-7
Originaltitel: Gergő és az álomfogók, 2002
Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 16,95

Neugierig, gespannt und vergnügt kann sich nicht nur der jugendliche, sondern auch der erwachsene Leser auf diese märchenhaften Abenteuer ins Reich der Fantasie einlassen. Hier nehmen Träume ganz buchstäblich Gestalt an, werden zu Wesen aus einer anderen Welt, die uns etwas sagen – bzw. uns irgendwohin geleiten wollen. Obwohl viel passiert, geht es nicht so sehr um äußere Aktionen und Kämpfe, sondern um die Innenwelt, vor allem unseres Helden, des kleinen Greg:
Familie Blüm-Stolper ist keine gewöhnliche Familie. Sie lebt im tristen Mietshaus einer Großstadt, die Nachbarn sind, wie so oft, neugierig und zänkisch. Der Hausmeister freundlich, aber etwas seltsam.
Seit drei Monaten leben sie zusammen im gemeinsamen Haushalt: Die Mutter, Margarete Blüm führt einen Kräuterladen, spricht mit ihren Blumen und versteht sich auf allerlei Übersinnliches. Der Vater, Detlef Stolper liebt seinen Beruf als Schuhputzer – er ist der ungekrönte König der Schuhputzer, seine Tochter Sophie, ein ruhiges, hellsichtiges Mädchen, liest gerne und liebt die Natur. Sie hat nichts übrig für die angesagten Trends ihrer Klassenkameradinnen. Doch sie fühlt sich unglücklich in der neuen Familie (ihre Mutter war wegen eines Haarnadelfabrikanten weggegangen); denn bisher hatte sie für ihren ungeschickten Vater den Haushalt geführt. Jetzt ist alles so unruhig geworden. Besonders ihr Stiefbruder lehnt sie ab und ärgert sie. Der zehnjährige Greg, Margaretes Sohn, möchte ein ganz normales Kind sein, nicht anders als seine Schulfreunde, die stundenlang am Computer spielen, durch die Stadt streunen und das aufregende Leben der Großstadt genießen. Aber er hat einen geheimen Kummer. Als er sechs war, starb sein Vater, und seither plagen ihn Albträume. Zur Familie gesellt sich noch die unvermeidlich beste Freundin Appollonia, eine echte Großstadtpflanze, der nichts wichtiger ist gutes Aussehen. Sie nervt die Familie mit ihrem Gequassel und Getue, doch die gutmütige Margarete duldet die Freundin. Zu Appollonia gehören ihr keifender Pekinese Zuckerpuppe und ihr geliebtes Auto Lippenrot.
Das ist die Ausgangssituation, als sich in der Geister– und der realen Welt einiges zusammenbraut; denn ausgerechnet Greg, der den ganzen Zauber, mit dem sich seine Mutter umgibt, ablehnt, ist eben kein normaler Junge: In seinen Albträumen taucht ein sprechender Wolfswelpe auf – und was für ihn besonders Furcht einflößend ist, er findet sich immer wieder in einem Krankenhaus, in dem er sich bedroht fühlt.
Und eines Tages beginnt es: Träume schwirren umher, ein Sturm tost über der Stadt – und die unruhig schlafenden Menschen fühlen: Etwas hat begonnen…
Und damit sind wir auch schon mittendrin in der Geschichte von Greg und seiner Familie, die sich gegen dieses Etwas, gegen eine böse Macht, beginnt zur Wehr zu setzen, jeder auf seine Weise.
Margarete erhält nämlich eine Einladung ins Eulenbachtal, dem Gegenstück zur Großstadtwüste, ein lauschiges, verstecktes, naturbelassenes Tal, in dem sich Magier, Möchtegern-Magier, Zauberer, Hexen, Wahrsager, Spielleute, und Schamanen beim jährlichen großen Treff gegenseitig vorführen, was es Neues in der Geisterwelt gibt. Mit dabei sind die „Verzückten“, Wesen, die gleichzeitig in der realen und in der Geister-Welt leben können. Sie haben die Fähigkeit, ihre Seele los zu lassen und sich irgendwohin träumen zu können. Auch Margarete gehörte einst zu den Verzückten, hat jedoch unter den „Wachen“, den Menschen ohne Träume, ohne magische Fähigkeiten, viel von ihrer Zauberkraft verloren. Außer den „normalen“ Zauberwesen, sind da noch die sieben Verzückten und obersten Zaubergelehrten. Sie wachen über den Ur-Drachen, pflegen ihn, damit er Ruhe gibt und keine Katastrophen über die Welt bringt. Doch wie sich schon bald nach ihrer Ankunft im Eulenbachtal herausstellt, sind, außer Kende, dem ungarischen Magier, alle anderen schwer krank. Sie haben ihre Aufgaben und Bestimmungen zu Gunsten ganz weltlicher Lebensweise aufgegeben, sind Scharlatane geworden und ziehen den Wachen das Geld aus der Tasche. Die sechs Schamanen sind krank, weil sie sich haben von weltlichen Dingen wie Habgier, Eitelkeit, Ruhm und Macht einspannen lassen.
Bessermann malt jede noch so kleine Traumgestalt mit überbordender Fantasie aus, und füllt sie mit Leben. Die meisten Beteiligten haben „sprechende Namen“, sowohl die Menschen wie die Geister.
Die Kräuterfrau möchte nun mit ihrer Familie einige unbeschwerte Tage unter den Traumfreunden verbringen, doch schon Vorbereitungen und Hinreise, zu der sich ganz plötzlich auch Appollonia angeschlossen hat, gelingen nur unter großen Schwierigkeiten. Irgendetwas will verhindern, dass Greg ins Eulenbachtal kommt.
Schneller als Greg ist dem Leser klar, dass da verschiedenes nicht stimmen kann: Weder ist Herr Wetterstein der, für den man ihn hält, und eine schwarz gekleidete Dame, ein Baum, der sich in eine Leiter verwandelt und Greg unter sich begräbt, müssen Wesen aus einer anderen Welt sein.
Greg sollte das eigentlich auch bemerken, wenn er nicht so stur „normal“ sein wollte. Er leistet Widerstand, ist misstrauisch, wenn es um seine Mutter geht; denn diese hat ihm doch schon viel über Magie und Zauberei erzählt. Letztendlich muss er sich fügen, mitfahren und seine Lektion lernen.
Geschickt führt uns der Autor nicht nur ins Reich der Träume ein, sondern auch in alte Mythen und Märchen vieler Völker über Geisterwesen, Schamanen und Heiler, die er mit neuen Mythen und Formen von Aberglauben verknüpft. Bessermann räumt dabei mit so manchen esoterischen Vorstellungen und Scharlatanerien auf, auf die auch unsere moderne Welt, die sich trotz aller Wissenschaft und Aufklärung nach Mythen sehnt, nur zu gerne hereinfällt.
Lange Zeit bemüht sich Gregs Traumfreund, der Wolfswelpe, vergeblich, ihm klar zu machen, dass er seine Bestimmung annehmen und handeln muss. Erst als Greg mit seiner Familie, als das ganze Eulenbachtal und damit die ganze Welt in Gefahr gerät, gibt er nach und macht sich auf den Weg zum Weltenbaum.
So nach und nach werden die Geheimnisse aufgelöst. Es wird klar, dass Krähe die schlechten Geister los lässt. Sie ist ein mächtiger und böser Vogel, der alle aufeinander hetzt und gegeneinander ausspielt – und auch diejenigen verblendet und irre macht, die eigentlich nur Schabanack treiben wollen. Alle Geister benutzt sie für ihre Zwecke, um zu verhindern, dass Greg, in der Geisterwelt Wolf genannt, von seiner Begabung und seiner Bestimmung als Schamane erfährt – und die Prüfungen dazu besteht. Greg/Wolf verzückt – lässt seine Seele den Weltenbaum hinauf schweben – trotzdem – und auf jeder Stufe erwartet ihn eine neue Aufgabe. Nur er scheint Eulenbachtal und die ganze Welt vor dem Drachen schützen zu können. Hierbei helfen ihm nicht nur sein treuer Traumfreund, das Totemtier der Wolfswelpe, sondern auch andere, gut gesinnte Geister, die sich für ihn und zur Rettung der Welt – vor allem im Kampf gegen das Böse – in Lebensgefahr begeben.
Jedes Mal, wenn der Junge seinen eigenen Schwierigkeiten ins Auge geblickt, eine Aufgabe gelöst und sich selbst überwunden hat, und damit auch wieder etwas Böses besiegen konnte, kommt er eine „Erkenntnisstufe“ weiter. Er kann auch den sieben Weisen helfen, indem er ihnen auf den Kopf zusagt, was in ihrem Leben als Schamane falsch gelaufen ist.
Mit Liebe besiegen er und alle Wohlgesonnenen das Böse und auch das eigene Versagen, weisen die Kräfte der Natur wieder in ihre Schranken.
Das Buch kann als spannendes Kinderbuch gelesen werden, in dem man sich einfach in diese Zauberwelt der Fantasie entführen lässt – als Jugendbuch, indem man spürt, wie man seinen eigenen Ängsten begegnen muss und kann – und als Buch für Erwachsene, welche die symbolhafte die allegorische Seite darin entdecken. Sie werden sich mit Freude und Schmunzeln in die Welt der Träume, der Wichtigtuer und geheimen Helfer entführen lassen.
Die bösen Neigungen im Menschen, wie Neid, Eifersucht Habgier, verkörpert Krähe mit ihren Helfershelfern, die entweder verblendet sind oder Angst vor ihr haben, oder auch selbst Teil haben wollen an der Macht und am Bösen. – Der Drache verkörpert die Welt, unsere Erde, die zugemüllt und nicht mehr beachtet, geehrt und gepflegt wird. Aus Wut und Trotz bäumt sie sich auf mit Katastrophen und Unglücken, lässt sich aber wieder besänftigen, wenn man sich um sie kümmert.
Irgendwann wird auch klar, was Greg so bedrückt, schon seit Kindertagen, seine „Schuld“, die eigentlich gar keine ist, die er sich aber als solche einbildet. Und erst als er „Vergebung“ erfährt, sich versöhnt, sind auch die Schreckensbilder verschwunden, die bösen Geister, die Albträume. Nun kann er seine Träume lenken, indem er den Schrecknissen ins Auge sieht.

© Gudrun Brzoska, Juli 2012

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