Rezension: Márton, László – „Das Versteck der Minerva“

Roman
Aus dem Ungarischen von Eva Zádor & Wilhelm Droste
Verlag: Folio Verlag;
ISBN: 978-3-85256-445-6
Originaltitel: Minerva búvóhelye
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 22.50

Im Plauderton nimmt László Márton den Leser mit auf eine Donaureise, bis Linz, wohin in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts ein ungarischer Freiheitsdichter verbannt worden war. Erzählfreudig, barock und überaus farbig lässt uns der Autor am tragisch gescheiterten Leben des einstmaligen Rebellen, des Ungarn Johann B., vormals B. János, teilnehmen. Ein Blick ins Geschichtsbuch zeigt, dass es einen Dichter Batsányi tatsächlich gegeben hat, ebenso seine Ehefrau, Gabriele Baumberg. Das ist das besonders Reizvolle und Spannende an dieser temperamentvoll geschilderten Biografie einiger Stunden im letzten Lebensjahr dieses Mannes: Fast alle genannten Personen gab es wirklich, den eisenharten Polizeipräsidenten Josef Graf Sedlnitzky, für den jedermann erst einmal verdächtig ist, Fürst M., Metternich, der mit Zensur und Spitzeldiensten versucht das Reich wieder zu restaurieren, den oberösterreichischen Landeshauptmann Baron Hingenau und weitere Figuren. Márton fächert ein mehrdimensionales Panorama der Zeit des Vormärz auf.
In den Tagen unserer Geschichte ist der Verbannte ein Greis von 81 Jahren, der seit 28 Jahren in Linz lebt. Angeklagt wurde er des Vaterlandsverrates: Als nämlich Napoleon 1809 den Ungarn in einer Proklamation die Loslösung von den Habsburgern nahe legte, soll Johann B. den Text der Proklamation selbst verfasst, ins Französische und wieder zurück ins Ungarische übersetzt haben. Obwohl man ihn nicht überführen konnte, wurde er nach Linz in die Verbannung geschickt. Wahrheitssuche und Weisheit wurden ebenso weggesteckt. Er wird dort vergessen – und mit ihm Minerva, die Göttin der Weisheit.
László Márton zeichnet seine Figuren durchweg doppelbödig: Er führt sie liebenswürdig ein, den alten Mann, der immer noch seinen Freiheitsidealen nachhängt, inzwischen aber enttäuscht und ausgebrannt ist – um dann, sozusagen von „höherer Warte aus“, ironisch vom dickköpfigen, unbelehrbaren und unduldsamen alten Mann zu sprechen. Die „opferbereite“ Gattin Gabriele B., in Wirklichkeit schon seit fünf Jahren tot, aber weil es dem Erzähler besser passt, lebt sie hier immer noch – ist gar nicht so opferbereit; denn sie habe bis zum letzten Atemzug einen anderen geliebt.
Die Gattin und gebürtige Ungarin des oberösterreichischen Landeshauptmannes, Gräfin Stefánia Tholdalagi, „gütig wie ein Engel“, von der Márton genüsslich erzählt, dass sie nicht nur sehr temperamentvoll, sondern überaus starrsinnig und hochmütig sei, will unbedingt die Freilassung ihres Landsmannes Johann B. erwirken. Das wird allerdings durch die Schaulustigen einer Sonnenfinsternis vereitelt, die in Wirklichkeit bereits zwei Jahre vorher zu bestaunen war. Aber schließlich war der wirkliche Batsányi, János ja auch in Linz in der Verbannung gestorben, 1845.

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