Rezension: Krasznahorkai, László – „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“

aus dem Ungarischen: Christina Viragh
Verlag: Fischer Taschenbuch 2007
ISBN: 978-3-596-17243-6
Originaltitel: Északről hegy, délről tó, nyugatról utak, keletről folyó
Bezug: Buchhandel

Schon der Titel gibt Auskunft darüber, wie das ideale buddhistische Kloster angelegt sein muss.
Poetisch und melancholisch führt der Autor den Leser mit dem „Enkel des Prinzen Genji“ in ein berühmtes Kloster nahe Kyoto, kongenial übersetzt von Christina Viragh.
Dieser steigt aus einem Vorortzug aus, geht durch einen seltsam menschenleeren Ort, steigt zum menschenleeren Kloster auf, kommt zu einem mächtigen Gingkobaum. Nur Pflanzen gibt es dort und Tiere, sterbende, die sich zur Ruhe des Klosters geschleppt haben. Der Enkel des Prinzen Genji sucht nach dem allerschönsten Garten, der im Kloster verborgen sein soll; seine ganze Sehnsucht ist darauf gerichtet – und er geht achtlos an ihm vorüber.
Doch, wie er mit ihm die Hallen durchschreitet, verfolgt der Leser den Aufbau des Klosters, seine Heiligtümer, seine Gebäude, die alle so „natürlich“ wirken, in Wirklichkeit aber genau geplant sind. Alles wurde bedacht, das Wachsen der Stämme, die zum Bau gebraucht wurden, das Schnitzen der Figuren, den der „miesen Welt“ abgewandten Buddha. Selbst der verborgene Garten ist so angelegt, dass aus der scheinbaren Zufälligkeit von alters her ein Plan bestand, ihn mit seinem schimmernden Moospolster und den acht wunderschönen Hinokizypressen genau so – und nicht anders – entstehen zu lassen.
Zeit der Ruhe und Gelassenheit strömt dieses Kloster aus; es steht schon seit 1000 Jahren so da, braucht die Menschen nicht, überdauert alles.
Ganz am Rand, quasi aus den Augenwinkeln nimmt der Leser die Hektik und Verrücktheit der Welt wahr: die chaotischen Privaträume des Abtes, in denen ein Buch aufgeschlagen liegt mit dem Titel „Das Unendliche, ein Irrtum“, ein Buch das einem die Lust auf die „reale Welt“ nehmen muss, ebenso wie die Eskorte des Prinzen, die ihn sucht, aber so betrunken ist, dass sie gar nicht mehr weiß, was eigentlich ihre Aufgabe ist.
Und eigentlich ist ja auch der Enkel des Prinzen Genji ein Legende, denn, so heißt es einmal im Text, schon seit 200 Jahren sucht er diesen Garten – und findet ihn nicht. Auch der Zug hält zum Schluss wieder an der verlassenen Bahnstation – und niemand steigt aus – niemand steigt ein…
Das Buch mutet uns an wie Musik aus einer anderen Welt, lädt ein, darin zu verweilen, in der vollkommenen, von aller Hektik abgeschiedenen Ruhe eines Klosters, das der Menschen gar nicht bedarf – nachdem es vor 1000 Jahren einmal so vollkommen aufgebaut worden war…

 

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