Rezension: Jónás, Tamás – „Als ich noch Zigeuner war“

Erzählungen
Buchreihe: Literaturwunderland Ungarn
Aus dem Ungarischen von Clemens Prinz
Verlag: Kortina, 2006; ISBN:963 86269 6 8
Originaltitel: Cigányidők & Bánom, hogy a szolgád voltam
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 10.00

In der deutschen Ausgabe sind die zwei Teile zu einem Buch zusammengefasst: Der erste erzählt von der Kindheit des Zigeunerjungen Tamás: Seine Gedanken springen hin und her, Erinnerungen werden wach, Gedächtnissplitter blitzen auf. Heute ist aus dem Zigeunerkind ein Dichter, ein Autor geworden, gerade so, wie er es sich damals vorgenommen hatte. Damit hat er sich befreit aus der ausweglos scheinenden Spirale von Elend, Gewalt und Ausgestoßensein.
Mitreißend und einfühlsam erzählt er vom prügelnden „Vati“, von „Mutti“, die den größten Teil des Lebensunterhaltes erbettelt oder immer wieder leiht, obwohl sie nicht zurück zahlen kann, von sich als kleinem Jungen, der, wie seiner Geschwister, durch bittere Armut und die Schulden seiner Familie in verschiedene Kinderheime abgeschoben wird, zu Pflegeeltern kommt, die ihn grausam quälen, ihn hungern lassen, prügeln, bis auch sie im Gefängnis landen. Als er mit sechs Jahren wieder nach Hause kommt, „war nichts mehr so wie früher“….“Seitdem weiß ich, dass ich mich nur auf mich selbst verlassen kann“. ..
Verwundert erinnert er sich seiner Pubertät, seiner ersten Lieben, erinnert sich daran, wie er so oft abseits stand, gehänselt und ausgelacht wurde. Er macht sich kindliche Gedanken über den großen kriminellen Bruder Árpi und über seine Schwester: „Zsuzsi war eine Hure. Ein bisschen stolz war ich schon auf sie“ … Und dann: „Und ich werde Dichter“ …
In den Augen des Kindes „musste das wohl alles so sein“, die Armut, die Grausamkeit, die Leidenschaft….
Der Leser muss sich einlesen in diese Erinnerungsfetzen, die nicht chronologisch geordnet sind. Obwohl die Kapitel mit Überschriften versehen sind, weiß man selten, um welche Zeit es sich gerade handelt – doch die Spannung, wie es wohl weitergehen mag mit diesem Kind, treibt ihn fast atemlos vorwärts.
Der zweite Teil erzählt Geschichten, die fiktiv, aber genau so in seinem Dorf geschehen sein können. Jónás erzählt spannend und einfühlsam, nüchtern und zurückhaltend, aber immer voll Leidenschaft, Melancholie, Ironie, manchmal mit Schalk von den abstrusen, tragischen heftigen und leidenschaftlichen Episoden aus dem Leben eines Zigeunerdorfes. Seine Geschichten erinnern an die mündliche Erzähltradition dieses Volkes. Immer wieder hofft der Leser auf eine gute Wendung, aber leider: das Leben ist und bleibt grausam, die Wendung kommt oft unverhofft, jedoch traurig, skandalös und gewalttätig.
Die Farbigkeit des Zigeunerlebens machen allein seine Träume, seine Illusionen, seine Fantasie, aber auch seine Stärke und sein Lebenswille aus.
Das Buch ist erstklassig übersetzt, die Alltagssprache der Zigeuner gut getroffen im österreichischen Idiom.

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