Rezension: Görgey, Gábor – Trilogie „Sirene der Adria“ / „Der Jagdteppich“ / “ Der Untergang des Adellandes“

Drei Einzel-Romane
Aus dem Ungarischen von Jörg Buschmann
Verlag Salon Literatur Verlag; 2004; ISBN: 3-9809635-0-0, 2006; ISBN: 978-3-9809635-1-0, 2008; ISBN: 978-3-939321-17-0
Originaltitel: ?
Bezug: Buchhandel Preis: Euro je 19.80

Gábor Görgey machte sich 1987 daran, die Geschichte Ungarns von den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts an, zu erzählen. In Romanform spiegelt das fünfbändige Werk große Teile seiner eigenen Biografie, wie er selbst sagt. In Ungarn wurden die Romane mit großer Begeisterung aufgenommen, auf Deutsch bisher drei Bände übersetzt, wobei, anders als in der ursprünglichen Chronologie, der letzte Band zuerst verlegt wurde: „Die Sirene der Adria“, dann „Der Jagdteppich“ und zuletzt, bis dato, „Der Untergang des Adellandes“. In allen drei Büchern erzählt der Autor von seinem Helden Ádám Topporczy, Spross einer uralten Adelsfamilie Ungarns, die ihren Sitz in Oberungarn, der heutigen Slowakei hatte, auf Gut und Schloss Tárkány. Ádám steht für den Menschen, der glaubt, einstmals als Einzeller seinen Ursprung im Wasser der Adria zu haben, aber auch für den Menschen, der durch ein rohes Regime seiner Würde beraubt, mit Schmutz beworfen und in den Dreck getreten wird. Görgey erzählt aus der Jetzt-Zeit, zurückschauend auf verschiedne Epochen der jüngsten Geschichte Ungarns und damit auch seines Protagonisten.
Im zuerst herausgekommenen Buch, „Die Sirene der Adria“, unternimmt der siebzigjährige Ádám Topporczy 1998 eine Erinnerungsreise mit seiner Familie an die Adria. Mit seiner ehemaligen Frau Júlia, Tochter Zsófi mit Schwiegersohn Szabolcs und deren fünfjährigem Sohn Bence. Als sechsjähriger war Ádám mit seinen Eltern hier, im Paradies schlechthin. Seine ganze behütete Kindheit erscheint ihm heute als das Paradies, besonders der Stammsitz, das Nest, in dem er alle seine Ferien verbrachte. Zurückblickend denkt er an die Deportation seiner Eltern 1951 aus Budapest, an Schimpf und Entbehrungen, der ihnen angetan wurden, an das Arbeitslager, in das er, der asthmakranke junge Mann gesteckt wurde. Die selben Schergen, die schon die Juden deportiert, die Volksdeutschen ausgewiesen hatten, deportierten nun auch die Adeligen, das Großbürgertum und selbst die jüdischen Mitbürger, die die KZs überlebt hatten, wenn sie nur irgendeinen Besitz hatten, auf den die Parteigenossen scharf waren.
Görgey erzählt vom versunkenen Atlantis einer Gesellschaft, die so heute nicht mehr möglich, die ausgestorben ist, die aber die Zeit der Schönheit, des gesellschaftlichen Miteinander, des „altmodischen“ Umgangs war. Er erzählt von verratener Freundschaft eines Emporkömmlings, der ausgerechnet die Villa kauft, aus der Ádáms Familie deportiert worden war. Immer wieder bewegt sich der Autor in eingeschobenen Geschichten, Essays und burlesken Erzählungen zwischen heute und damals, zieht Rückschlüsse zur Gegenwart (also 1998), zur misslingenden Politik, zu Schwierigkeiten und Korruption, weil Emporkömmlinge sich das Vermögen der Gesellschaft angeeignet und nicht zurückgegeben haben und alte Geschichten nicht aufgearbeitet werden. Ádám ist ruhelos geworden, er kann nicht mehr zur Familie zurückkehren, findet sich in der neuen Welt nicht zurecht, sein Platz ist nicht mehr hier. Und so folgt er dem Ruf der Sirene und schwimmt er in die Freiheit…
Der nächste Band „Der Jagdteppich“, zeigt uns den Genießer und Liebhaber Ádám Topporczy, der sich zwischen Liebesszenen mit der 25 Jahre jüngeren Ágnes (Nóras Tochter, was er aber nicht weiß) der Geschichten erinnert, die mit dem Jagdteppich zusammenhängen: Wie der Teppich, „auf dem er bevorzugt liebt“, zu ihm kam – und schon hängen seine Gedanken bei den Judenverfolgungen in Budapest. Er erzählt aber auch von Scham und Ohnmacht der Menschen, die den ganzen Irrsinn begriffen, er erinnert sich, wie sein Vater ein jüdisches Ehepaar retten konnte, und trotzdem später mit seiner Familie ausgewiesen wurde. Wir erfahren etwas über wunderbare armenische Teppichknüpfkunst – und von der Undankbarkeit eines vor der Lynchjustiz geretteten Stasimitarbeiters während des Volksaufstandes 1956.
Im bisher zuletzt erschienen Band „Der Untergang des Adellandes“, unternimmt Ádám mit seinen Freunden, dem Dichter János und der Malerin Panni eine Erinnerungsreise nach Tárkány, dem Paradies seiner Kindheit. Dort, auf Schloss und Gut seines Großvaters Elemér verbrachte er seine unbeschwerten Kindheitstage. Krieg und Kommunismus haben inzwischen alles verändert, das begreift Ádám jetzt, auf dieser Reise, erst so richtig: Die ungarischen Bewohner wurden schikaniert und vertrieben. Während der Deportation erkrankt der Großvater und bleibt mit seiner Haushälterin Hilda zurück, kommt in ein Sanatorium. Von da an weiß niemand mehr etwas von ihm.
Doch Ádám lässt es nicht ruhen, nicht zu wissen, wo und wie Großvater gestorben ist und so benutzt er die Reise, heimlich nachzuforschen; denn vordergründig geht es nur darum, den Freunden das ehemalige Paradies zu zeigen, dazu die Sehenswürdigkeiten unterwegs.
In allen drei, in sich abgeschlossenen Bänden wiederholt Görgey, zum Glück für den Leser, immer wieder besonders wichtige Fakten im Lebensweg Ádáms:
Als Kind lebt er in Budapest mit seinen Eltern, der Vater, hochdekorierter General des 1. Weltkrieges, seine Mutter eine tatkräftige praktische Frau, in einer Villa auf dem Rosenhügel. Die Ferien verbringt er in Tárkány. Während der Besetzung Budapests rettet Vater ein jüdisches Ehepaar. Trotzdem wird die Familie 1951 als Volksschädling deportiert, auf einen „Kulakenhof“ nach Mocsány, den sie nicht verlassen dürfen. Der asthmakranke junge Mann kommt sogar ins Arbeitslager. Anfang der 50er Jahre darf er wieder zurückkehren, doch die Eltern können das nicht mehr miterleben. Er heiratet Júlia. Beide sind völlig mittellos, aber glücklich und verliebt. Sie schwören sich, immer zusammen zu bleiben. Dieses Bewusstsein bringt ihn auch über eine schwere, lebensbedrohliche Krankheit hinweg, die kurz vor der Hochzeit bei ihm entdeckt wird. 1956 rettet Ádám einen Stasimann vor der Lynchjustiz der aufgeputschten Menge. Der klärt ihn über den Wert seines wunderbaren und einzigartigen Teppichs auf und rät ihm, Bildermakler zu werden. Damit kommt Ádám in der Folgezeit besser über die Runden, als viele seiner Schicksalsgenossen. Er kann als hingebungsvoller Vater für seine Tochter Zsófi sorgen. Als die Tochter erwachsen und verheiratet ist, wird er selbst immer ruheloser, kann sich in das neue Leben (nach der Wende) so wenig einfinden, wie er es vorher bei den Kommunisten konnte. Das alte Leben kann keiner mehr aufnehmen. Er beginnt Liebschaften, glaubt, etwas versäumt zu haben und trennt sich schließlich von seiner Frau. Mit seinen Freunden Panni und János macht er eine Erinnerungsreise nach Tárkány, zum ehemaligen Familiensitz und erfährt dort schließlich, dass Großvater sterben musste, weil er ein Feudalherr war, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hatte. Jahre später macht Ádám wieder eine Erinnerungsreise, diesmal an die Adria, wie er meint, zu seinen Ursprüngen, denn er glaubt, dass er eins mit dem Meer war. Er erinnert sich einer Reise auf eine Insel als Kind, wo er bei den Ureinwohnerinnen die Urmutter, die Uramme zu erkennen glaubte. Dorthin zieht es ihn und er schwimmt in seine ewige Freiheit.
Görgey wählt das sagenumwobene Atlantis als Sinnbild für die alte, vergangene Kultur Ungarns. Er erzählt spannend und ironisch, humorvoll und genießerisch von den Freuden, die Ádám Topporczy gerade erlebt, aber im Rückblick auch von seinen Leiden und denen, die ein Großteil von Ungarns Bevölkerung auf sich nehmen musste durch Verfolgung, Bespitzelung und Deportation. Er sagt selbst, dass es für ihn wichtig war, Bilanz zu ziehen, aber kein Rachewerk zu schreiben. So leicht und schnell würde die Zeit der 50er Jahre vergessen, die Stupidität, die Primitivität im Ausdruck, die ganze Absurdität. Und damit der Leser sich auch einen Eindruck davon machen kann, und nicht vergisst, sind Originaltexte, Verlautbarungen, Aufrufe kursiv gedruckt, eingestreut.
Ein wichtiges und sehr lesenswertes Zeitdokument des kollektiven Erinnerns!
© Gudrun Brzoska

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