Rezension: Andor Endre Gelléri: Stromern

Novellen
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Verlag: Guggolz Berlin, 2018
ISBN: 978-3-945370-18-6
Originaltitel: Összegyűjtött novellái, 1964
Bezug: Buchhandel; Preis: 24,00 Euro

von Gudrun Brzoska

„Mein lieber Herr, schließlich sind wir nicht zur Welt gekommen, um Menschen zu sein.“ (Der Lastarbeiter)
Nur zu gut sind sie ihm bekannt, die Nöte, die Existenzsorgen der kleinen Leute, der Häusler, der Handwerker, der arbeitslosen Büroangestellten, der Wasch- und Bü-gelmädchen. Andor Endre Gelléri war selbst Zeit seines kurzen Lebens oft genug einer von ihnen: arbeitslos, schlecht bezahlt, ein Arbeitssklave. Auch die andere Seite kennt er nur zu gut, die Arbeitgeber, auf der Suche nach billiger Arbeitskraft. Sie behandeln die Menschen von oben herab, haben gar keine Ahnung von ihrem miesen Leben. Doch hin und wieder trifft die Arbeitslosigkeit auch solch einen ehemaligen „Herrn“.
Gelléri musste nur beobachten und sich manchmal ein wenig darüber hinaus träu-men. Kosztolányi schrieb bereits über seine Erzählungen als „feenhaftem Realis-mus“. Auf der einen Seite die raue, oft grausame Arbeitswelt, auf der anderen Seite das Märchenhafte, manchmal fast Überirdische. Nicht nur der Kampf ums Überle-ben, sondern auch die Sehnsucht nach Schönheit und Würde prägt viele seiner Gestalten und Erzählungen. Fast alle Protagonisten sind Persönlichkeiten mit ei-nem Namen. Die anderen sind „Menschen, Leute, ein Herr, eine Dame, eine Gnä-dige usw. Gelléri gibt seinen Helden ein Gesicht, ein Leben, Individualität, heraus-ragend aus einer Masse, die am Hungertuch nagt.
Er springt gleich hinein in die Geschichte, ohne Vorrede, ohne Erklärung. Das Pub-likum, für welches er schrieb, kannte ohnehin die Zustände, selbst dem heutigen Leser sind die Umstände präsent: Es herrschte, wie überall auf der Welt, eine tief-greifende Weltwirtschaftskrise. Ungarn hatte es besonders hart getroffen: Der verlo-rene 1. Weltkrieg, der Friedensschluss von Trianon, der ihm 2/3 seines Gebietes nahm, die Umstellung von der Monarchie in eine Republik hatte auch die Umstel-lung der gesamten wirtschaftlichen Situation zur Folge. Lebensbedrohlich wird die Situation für die Menschen vor allem im Winter. Da müssen auch die Obdachlosen ein trockenes Plätzchen finden In fast allen Erzählungen kündigt sich der Herbst an, ist es kalt, fällt Regen oder Schnee.
Gelléri, in Budapest geboren, damals an den Randgebieten noch in viele kleinere Orte zerfleddert, beobachtet die Menschen in seiner eigenen Umgebung; sein „Schauplatz ist Mitteleuropa. genauer gesagt: eine der Großstädte, die mit B anfan-gen. Es gibt viele Wörter, die mit B anfangen: Behörde! Bodenrecht! Beständigkeit! Beherztheit! Betrübnis und Bangigkeit!“.(B) Er kommt aus einem kleinbürgerlichen Elternhaus, sein Vater als Schlosser nach Zeiten der Selbständigkeit arbeitslos, die Beziehungen zwischen den Eltern oft gespannt, der Vater ein Fremder, den er gleichzeitig bewundert, wie man in den autobiografisch gefärbten Texten lesen kann. Auch er als Sohn ist gezwungen, nach vielen arbeitslosen Wochen allerlei Arbeiten anzunehmen, obwohl er doch so viel lieber schreiben würde. Meist bleibt ihm nur wenig Zeit, die Abendstunden nach einem harten Arbeitstag. Kaum eine seiner Novellen ist länger als zehn Seiten, manche viel kürzer. Seine ungefähr 100 Erzählungen wurden zu seinen Lebzeiten in verschiedenen Zeitungen und Zeit-schriften publiziert, 31 davon – nicht chronologisch geordnet – sind in diesem Buch versammelt: Kein Wort ist zu viel, kurz und prägnant, dabei dichterisch und über das Alltägliche hinausleuchtend.
Es ist die besondere „Gelléri-Sprache“, bildhaft und voll anmutiger Poesie, die den Leser so fasziniert, wenn er Situationen und Menschen beschreibt, dass es einem ganz „bange ums Herz“ wird, die bei aller Trübsal den Wunsch nach Schönheit und Menschenwürde haben. Dazu muss auch sofort bemerkt werden, dass Timea Tankó diese Erzählungen in ein so wunderbar frisches und farbiges Deutsch über-tragen hat, wie man es heute nur noch selten lesen kann. Ein Nachwort von György Dalos zu Gelléri und seiner Zeit rundet den Band ab.
Gleich in der ersten Erzählung Der Webergeselle (S. 5) erfahren wir, was es heißt, ein Handwerker zu sein, der seine Arbeit versteht und liebt – wenn er eine Arbeit hat. Wir erfahren, dass die Handwerker, die eine Weberei aufbauen und einrichten sollen, alle schon seit geraumer Zeit arbeitslos waren, bis zwei Unternehmer sie ge-dungen haben. „>Na<, dachte sich der Webergeselle, >der Blick der Herren ist so gut wie eine Unterschrift<. Und er steckte den gemeinsamen Blick der beiden in die Ta-sche, als wäre es ein Wechsel.“ Sie sind glücklich, haben wieder die Möglichkeit zu arbeiten; auch wenn sie nur wenig verdienen, haben sie ihre Menschenwürde zu-rück.
In den Geschichten Bei den Lieferern (S. 40) und Der Lastarbeiter (S. 124) nimmt Gelléri noch einmal dieses Thema auf: Das Glücksgefühl der Handwerker, die end-lich wieder eine Anstellung haben. Wie sie mit Feuereifer auch an die schwerste Arbeit gehen, wie sie trotz des kargen Lohns am Feierabend ihrer Freude freien Lauf lassen.
Gelléri vergisst nicht, was Trunkenheit und Aberglaube aus einem Menschen ma-chen können, was demütige, ängstliche Abhängigkeit und Enttäuschung bedeuten. Es ist das traurige Los der Abgehängten, Betrogenen, Unglücklichen, die sich in Trunkenheit flüchten.
Er hat Kinder und Jugendliche genau beobachtet: Z.B. soll ein Sechzehnjähriger endlich ein paar richtige Schuhe bekommen. Eine lange Hose hat er bereits. Er malt sich aus, wie er ab sofort auftreten, ins Erwachsenenleben eintauchen könnte. Aber ach, der Trunkenbold von Schuster hat die Schuhe zu klein gemacht. Der Traum ist aus! Liebevoll-ironisch beschreibt Gelléri den weinenden Jungen, in des-sen Herz noch eine kleine Hoffnung geblieben ist, wider besseres Wissen. Der Tag, der so hochgemut begonnen hat, endet so prosaisch, als seine Eltern beschließen, für das gesparte Geld ein Ferkel zu kaufen. (Jugend S. 131).
Auch Auflehnung, ja Revolte gibt es unter den Arbeitern und Angestellten. Das Hilfslehrmädchen Vera (Veras Tagebuch S. 102) hat die Nase voll: Geschäftsführer Weiszhaupt macht ihr das Leben schwer; immer hat er an ihr etwas auszusetzen. Da zerbricht ihr vor lauter Nervosität eine Caruso-Schallplatte. Weiszhaupt will ihr wöchentlich zwei Pengő von dem ohnehin schmalen Verdienst von sieben Pengő dafür abziehen. Das Mädchen gerät außer sich, beschimpft ihn vor den Mitarbeitern und Kunden, schlägt die Glastür hinter sich zu. Jetzt ist sie erwerbslos, träumt aber davon Tänzerin zu werden. Vor dem Spiegel betrachtet sie sich zum ersten Mal im Leben nackt, hat einiges an sich auszusetzen, anderes findet sie passabel. Sie wird Tänzerin werden und vielleicht sogar einen Geliebten haben!
Drastischer fällt die Revolte in der Erzählung Rausch (S. 144) aus, eine der drei Geschichten aus dem Zyklus „Stromern“: Schwerstarbeit in einer Färberei! Schön ist es, wenn die Angestellten Stoffe färben können, da zeigt sich ihre ganze Kunstfer-tigkeit; mit Freude gehen sie daran. Doch es wird ihnen auch gefährliche Arbeit aufgehalst, die zudem nicht genehmigt ist: Mit Benzin sollen sie Flecken entfernen. Gleichzeitig muss alles schön aussehen, in Ordnung sein, da ausländische Gäste zur Besichtigung kommen. Die Arbeiter geraten im Benzindampf in einen solchen Rausch, dass sie ihren Chef packen, ihn mit allen möglichen Farben anmalen und ihn dann in das Zimmer mit den Gästen stoßen. Sie wissen schon, dass sie sich nicht mehr blicken lassen dürfen – und doch – wie schön war es, den Fettwanst so hilflos und gefärbt zu sehen!
Auch die Männer einer Ziegelei empören sich (Fasching S. 171): Der Verwalter ist krank und deshalb gibt es schon seit drei Monaten keine Arbeit mehr, keine Kohle, kein Essen. Es ist Faschingszeit. Keiner kann sich mehr eine Maske zu kaufen leis-ten, und doch scheint es Kostümierungen überall zu geben – oder doch nicht? Eine Frau mit einem erfrorenen Säugling auf einer Bank, ein Mann mit zerschossenem Kopf auf dem Eis, ein Greis an einem Baum hängend. Die hungernden und frie-renden Männer geben dem Verwalter die Schuld an ihrem Elend: Sie wollen arbei-ten, doch er lässt sie nicht – wegen seiner angeblichen Krankheit. So machen sie sich auf unter einem Rädelsführer zu einem „Faschingsumzug“ mit Tod, Henker, Engeln, einem Jesus und einem Sarg. Symbolisch wollen sie den hartherzigen Verwalter hängen. Irgendwie geraten sie dann auch in sein Krankenzimmer und sehen, wie todkrank der Mann in Wirklichkeit ist. Sie beginnen ihn zu trösten, ihm Mut zuzusprechen. Bedrückt schleichen sie in ihre eigenen kalten Wohnungen. Dem Verwalter geht es noch schlechter als ihnen!
Die Arbeiter revoltieren, versteckt oder offen, aber es ist kein Hass in ihnen. Wut, auch Zorn – ja! – aber kein Hass.
Politik interessiere ihn nicht, hat Gelléri gesagt. In einer Erzählung nimmt er jedoch verschleiert den Justizmord an den beiden Juden Sándor Fürst und Imre Sallai als kommunistische Rädelsführer 1932 zum Thema: In Hinrichtung der Ukrainer (S. 53) sind es Ukrainer, die als Aufwiegler gegen die polnische Repression hingerich-tet werden sollen. Gelléri schildert das vergiftete Klima zwischen einem ukraini-schen Vater, der, zu Wohlstand gekommen, ganz vergisst, dass er auch einer von ihnen ist – und dem Sohn, der zu denen hält, die Unterschriften gegen das Urteil sammeln.. Es ist ein Aufruf, diejenigen zu schützen, die sich in Diktaturen gegen Ungerechtigkeiten stemmen und weltweit solidarisch mit ihnen zu sein. (Parallelen zur Gegenwart dürfen gezogen werden!)
Ein Meisterwerk ist die Erzählung Haus im Gelände (S. 72). Der Kriegsveteran Pet-tersen war, bis er aus dem Krieg heimkehrte, ein angesehener Mann. Inzwischen ist er genauso arbeitslos wie viele andere. Als es Winter zu werden droht, sucht er sich auf einem verlassenen Gelände aus den zerbrochenen Ziegeln so viele heraus, dass er sich daraus eine Hütte bauen kann. Er ist zufrieden, sogar glücklich, als es ihm gelingt, einige Gerätschaften auf dem Müllplatz zu finden, sich etwas zu erbet-teln oder gar zu klauen. Als dann noch das arbeitslose Dienstmädchen Anna Un-terschlupf bei ihm bekommt, fühlen sie sich wie im Paradies. Das Leben kann so schön sein! Kurz bevor es richtig kalt wird, kommt der Eigentümer vorbei und ver-treibt die Beiden mit Hilfe eines Polizisten. In wilder Wut zerstört der Besitzer die Hütte mit allem Inventar. – „Gleichmütig führt der Polizist diese beiden Menschen ab, die vom Ende des Geländes zurückblicken wie Adam und Eva an der Pforte des Pa-radieses.“
Eine der anrührendsten Novellen ist Ich möchte Trompete spielen (S. 160). Es ist die erste veröffentlichte Erzählung, die in Az Est 1924 erschienen ist: Ein schwer Lungenkranker liegt im Sterben. Seine Frau öffnet das Fenster: „Eine angenehme Wärme rutschte herein und umarmte das ganze Zimmer.“ Der Kranke spürt die Ver-änderung, wird hoffnungsfroh, glaubt, bis zum Ende des Sommers wieder gesund zu werden; verspricht es seiner Frau. Es ist ihm fast wie früher. Glücklich erinnern sich beide an die Vergangenheit. Der Mann fühlt sich sogar imstande wieder in sei-ne Trompete zu blasen, so wie er früher mit dicken Backen geblasen und die Mäd-chen beeindruckt hatte. Er setzt die Trompete an, die ersten Töne sind kläglich, aber er will mit Übung schon wieder richtige herausbringen. Falls es der Arzt erlaubt, meint seine Frau. Da ist es plötzlich mit seiner Heiterkeit vorbei. Sie möge das Fens-ter schließen und die Trompete mitnehmen. „Eine traurige Müdigkeit huschte durchs Zimmer. Die Frau nahm das Tablett und die Trompete und ging mit feuchten Augen hinaus.“
Ganz anders die Geschichte, die wieder einen Aufbruch ins Leben bedeutet: Bitte-res Licht (S. 238), posthum erschienen, zeigt uns einen tiefen Melancholiker, den nichts mehr freut: „Es war ein tiefgefärbter, stürmischer Abend.“ Am liebsten würde er sterben und sich um nichts mehr kümmern müssen, am wenigsten um sich selbst. Auf Umwegen kommt er schließlich nach Hause. Schon am Gartentor hört er die Flöte seiner Frau, die immer dann spielt, wenn sie gut für ihn gekocht hat. Da jubelt er innerlich: Leben!! Und er spürt, dass das der wahre Ton war, sein wahrer Wunsch für immer!
Noch viele Begebenheiten erzählt uns Gelléri, kleine Dinge, die jedoch für die je-weiligen Protagonisten einen großen Stellenwert einnehmen: Ein ehemaliger gut verdienender Angestellter, der keine Arbeit mehr bekommt, weil er schon fünfzig ist, ein Verwandter, der mit allerhand Klagen vor Gericht seine siebenköpfige Familie zu ernähren sucht u.a.. Es sind auch autobiografische Geschichten darunter, vom letzten Geschenk seiner Großmutter, einem blauen Tuch, oder wie er einen Vertre-ter mit einer Erzählung vor einer drohenden Entlassung rettete. Ein wenig dürfen wir auch in seine Schreibwerkstatt und in seine Träume schauen in der Erzählung Stille (S. 138 – Stromern) Er liebt die Stille und das Träumen. Mit seinen Worten kann er die Geschicke der Menschen formen. „…sehnte ich mich nach einem Traumleben auf Erden, nach himmlischem Sein.“ Die Jahre vergingen, sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Selbst diejenigen, die Arbeit hatten, hungerten so sehr, dass für ihn als Träumer erst recht nichts übrig blieb. Schließlich geht er als Vertreter für Augentropfen, die einen feurigen Blick verleihen sollen. „Empfangen wurde ich von einem erschöpften Treppenhaus, dessen Holzstufen mich bis zum Büro hinaufhoben, das eng und weiß war wie eine Papierschachtel.“ „So bekamen meine Augen eine Anstellung, durch die ganze Stadt sollten sie ziehen: Als zwei lebende Plakate wur-den sie engagiert, mit ihnen meine glänzenden Träume…“ Doch hin und wieder ge-lingt es ihm, in einem Park in die Stille einzutauchen, einzuschlafen, zu träumen und erst wieder zu erwachen, wenn die Stille von der erwachenden Stadt gestört wird: „…ach, welcher Lärm das Erwachen des Menschen begleitet: Am Himmel ist eine Sonne geboren, und niemand hat es gehört …“ Seine Erzählungen haben bei allen widrigen und herzzerreißenden Situationen häufig eine Tendenz ins Positive, Tröstliche. Ein Trotz-allem!

 

 

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