Rezension: Julia Schiff (Hrsg.): Streiflichter – Fénycsóvák Lyrik: zweisprachig ungarisch-deutsch

Aus dem Ungarischen von Julia Schiff
Verlag Stiftung Lyrik Kabinett München „Blaue Bücher“, 2018
ISBN: 978-3-938776-47-6
Bezug: Preis: 24,00 Euro

von Gudrun Brzoska


Gleich zwei Publikationen ungarischer Lyrik sind 2018 erschienen. Die erste, Irgendeine schwere Frucht, als Sonderheft der Literaturzeitschrift orte, hat die zeitgenössische ungarische Lyrik zum Thema. Dieses Heft, herausgegeben und übersetzt von Anne-Marie Kenessey, habe ich unlängst besprochen.
Hier liegt nun eine weitere Lyrik-Anthologie vor mir, die, sehr lesenswert, eine ganz private Auswahl von Julia Schiffs Lieblingslyrikern versammelt. Nur von einigen ist bisher ein eigenständiger Gedichtband erschienen, z. Tl. ebenfalls übersetzt von Julia Schiff. In den 1985er Jahren habe sie angefangen ungarische Lyrik zu übersetzen, erzählt sie im Vorwort.
Die Sammlung kann nicht repräsentativ sein, ermöglicht aber einen schönen Streifzug durch die neuere ungarische Dichtung, angefangen von János Pilinszky, gestorben 1981, bis zu Gábor Lanczkor, der im gleichen Jahr geboren wurde. Schade, dass so wenige Frauen in diesen Band aufgenommen wurden. Auf Anhieb fallen mir ein: Zsófia Balla, Krisztina Tóth, Anna T. Szabó und die in der Slowakei lebende Mila Haugová. Das mag daran liegen, dass diese nicht von der Herausgeberin übersetzt wurden – oder dass Verlage und Autorinnen die Gedichte nicht frei gegeben haben. Nur zwei der Dichter, Fenyvesi und Visky, stammen nicht aus dem heutigen Ungarn, sondern gehören zur sog. Ungarischen Minderheit im ehemaligen Großungarn, heute Serbien und Rumänien. Auch hier hätte ich mir einige Namen gewünscht, welche die Besonderheit dieser Ungarn ausmacht.
Die Anthologie bietet ein Hineinschnuppern in die große Tradition der ungarischen Lyrik, welche für viele Leser im deutschsprachigen Raum nach wie vor unerschlossen ist. Dazu kommt, dass Lyrik hier keinen so großen Stellenwert hat wie in Ungarn.
Umso schöner ist es, dass sich das Lyrik-Kabinett und Julia Schiff aufgemacht haben, eine weitere Tür aufzumachen zur ungarischen Lyrik.
In ihrem Vorwort schreibt Julia Schiff, dass die Anthologie ein Schauplatz der Begegnung zwischen Gedicht und Leser sein soll und legt jeweils eine oder mehrere Gedichte von 5 Dichterinnen und 23 Dichtern vor, ab der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts. Sieben von ihnen – acht mit Csóori, der 2016 starb – leben schon nicht mehr.
Die Sammlung Streiflichter ist zweisprachig. (Nomen est omen: Die reiche ungarische Lyrikszene kann nur gestreift werden). Wo es nötig erscheint, werden historische und kulturelle Bezüge in den Anmerkungen erklärt. Dabei möchte ich anmerken: Ein ausführlicher Hinweis oder sogar eine Erklärung zur Entstehung des Gedichtes wäre hilfreich gewesen für den deutschen Leser, der weder Ungarns vergangene oder gegenwärtige Geschichte im Bewusstsein hat, noch Gegebenheiten der ungarischen Minderheit vor –und nach dem Wechsel, z. B. in Rumänien oder Serbien. (Jugoslawienkrieg!)
Im Nachwort kommt Orsolya Kalász darauf zu sprechen, wie Julia Schiff Autoren und Gedichte auswählt, indem sie sich von ihrer Intuition leiten lässt: Sie muss sich mit dem Inhalt der Gedichte identifizieren können und habe sich die Freiheit genommen, diejenigen literarischen Texte zu übertragen, die sie selbst begeistern. Sowohl für Deutsche auf Entdeckerreise, als auch für Ungarn, die sich für die klangvoll schöne Sprache begeistern, sei der Band gemacht. Die Autoren repräsentieren drei aufeinanderfolgende Generationen und vertreten diese durch maßgebliche Stimmen.
Der Band vereine Autoren, die durch jahrzehntelange politische Grabenkämpfe in Ungarn getrennt wurden und trotz aller Differenzen durch die gleiche Tradition verbunden.
Árpád Hudy macht uns mit einem kurzen Abriss der ungarischen Literatur bekannt. Angefangen bei der einzigartigen, jahrhundertealten Volksdichtung, den wichtigsten Protagonisten der ungarischen Dichtung das aufkeimende Interesse ausländischer Wissenschaftler, Philosophen und Literaten zu Beginn des 18. Jahrhunderts, die Aufklärung und das radikale Gedankengut der französischen Revolution, den Verlust eines Großteils seines Staatsgebietes an umliegende Länder, die darauf folgende Zerstückelung der bis dahin einheitliche ungarische Literatur. Hudy streift die Zeit des Kommunismus, die Zeit der „Normalisierung“ unter Kádár, welche die Lyrik mehr ins Private drängte, da viele Dichter sich in die Isolation zurück zogen. Nach der Wende wurden die Dichter zwar frei, verloren aber die staatliche Unterstützung und die gesellschaftlich Achtung als moralische Stimme.
Es schließen sich biografische Notizen der Autoren an. Sie erscheinen etwas dürftig; denn es ist weniger interessant, ob und wieviele Auszeichnungen ein Autor bekommen hat, sondern interessanter sind die Umstände unter denen er lebt(e) und schreibt.
In diesem Zusammenhang: Es fehlen die Biografien von Julia Schiff, Orsolya Kalász und Árpád Hudy.
Die Auswahl beginnt mit Pilinszky und seiner Hommage auf den großen Dichter Attila József. Und Nemes Nagy dichtet, dass wir alles zu wissen glauben, aber unsere Zeit steht still, wie in Frost erstarrt. Csóori verzweifelt in seinem Gedicht Dies ist also mein Land? (1996) an seinem Volk, das sich nicht aufrafft, sondern sich von „stolzen Krähen“ bewachen lässt. Die Weltläufigkeit der Gedichte sind Erinnerungen oder Denkmäler an andere Künstler: Márai, Hölderlin, Fühmann (Dichter und Übersetzer), Bartók, Van Gogh.
Gern hätte ich noch weitere Gedichte von Ottó Orbán gelesen, der mir bis dahin unbekannt war. Er vergleicht das Heute mit dem grausamen Mittelalter – und in Lieb Vaterland ist er seines Landes überdrüssig. Die Rechtsordnung funktioniert nicht, die Demokratie kann sich nicht durchsetzen, es entschuldigt die Nazis der Vergangenheit. Die verbalen Attacken und die Ungarntümelei verabscheut er. Die äußere Tünche kann nicht verbergen wie es im Inneren aussieht. Wie einst Bartók wünscht er Ungarn nach all seinen Revolutionen schön und herrlich zu sehen, treu einem besseren Ich.(2001). Wie er beschäftigen sich auch andere Dichter mit der Wende-Zeit, mit verlassenen Dörfern – und doch bleiben die Bewohner stumpf-optimistisch, mit dem Unvermögen des Westens, der nichts Neues zu bieten hat, außer schillernder Tünche.
Trotz einiger kleiner Mängel möchte ich dem interessierten Leser diese Anthologie ganz herzlich empfehlen. Auch wenn sie keinen umfassenden Überblick über die ungarische Lyrik und ihre Autorinnen und Autoren gibt, so öffnet sie doch, wie gesagt, eine wichtige Tür für neugierige Leser.

 

 

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