Rezension: Paetzke, Hans-Henning – „Andersfremd“

Roman
Mitteldeutscher Verlag
Halle (Saale), 2017
ISBN: 978-3-95462-786-8
Bezug: Buchhandel; Preis:14,95 Euro

von Gudrun Brzoska

Die Umfragen zum Deutschen Nationalfeiertag am 3. Oktober 2017 haben wieder einmal gezeigt, wie wichtig und notwendig es ist, dass solche Bücher wie „Andersfremd“ geschrieben werden. In diesen Umfragen zeigte sich eine erschreckende Ignoranz nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen über Staatsform und Leben in der verflossenen DDR. Ahnungslos und desinteressiert sind sie, wenn es darum geht, die gerade vergangene Geschichte einzuordnen und zu beurteilen. Ebenso ahnungslos und desinteressiert sind sie gegenüber der Drangsal in sozialistischen Ländern bis 1989. Hier wird am Beispiel der DDR unter Ulbricht gezeigt, was einem jungen Menschen passieren konnte, der nichts anderes wollte als frei und unabhängig nach seinen Vorstellungen zu leben, ohne Ausreden, ohne Klimmzüge. Ein junger Mensch, der gegen die allmächtige Verwaltung der Gleichmacherei aller seiner Bürger ankämpfen musste, um sich selbst treu zu bleiben.

Humorvoll und oftmals ins Skurrile abtauchend lässt Paetzke einen „Normalbürger“, – nicht einen Dissidenten – sich mit dem Regime auseinandersetzen. Er ist nicht vorsätzlich auf Konfrontationskurs aus, doch eckt er durch seinen unbedingten Freiheitswillen immer wieder stark an und schafft sich dadurch größtmögliche Probleme. Bedingt durch die Geschichte seiner Familie rutscht er gleichsam in eine oppositionelle Situation, aus der er immer wieder zu entkommen sucht. Wenn es dann aber hart auf hart geht, weicht er nicht zurück, sondern verteidigt eloquent und manchmal auch trickreich seinen Standpunkt.

Die autobiografische Erzählung soll auf drei Bände angelegt sein, wovon hier der erste die Jugend des Erzählers bis zu seinem endgültigen Bruch mit der DDR erzählt und die mit seiner Ausreise nach Ungarn endet.

In einem Interview mit dem Mitteldeutschen Verlag wurde der Autor gefragt, wie er, der preisgekrönte Übersetzer (von Mészöly, Konrád, Nádas, Heller, Esterházy, Eörsi – um nur die – auch in Deutschland – bekanntesten Literaten zu nennen) dazu gekommen sei, sein Leben so reflektierend zu beschreiben. Er erwiderte, dass er gerne auch für die nachfolgenden Generationen festhalten möchte, was er damals gedacht – wie es ihm damals ergangen war. Ohne Vergangenheit gäbe es keine Zukunft. Er könne sich nicht frei machen von seinen eigenen Erinnerungen, von denen seiner Familie, von verflossenen Liebesbeziehungen, künstlerischen Versuchen, homoerotischen Verirrungen. Er könne sich nicht frei machen von den Erinnerungen an die Zeit im Gefängnis, an Kindheit und Jugend seiner ungeliebt-geliebten ostdeutschen Heimat, die seine Heimat nicht hatte sein wollen.

Heute sieht er es so: Mit der DDR hat mich, ohne dass ich mir dessen damals bewusst geworden wäre, stets eine Art Hassliebe verbunden. Geglaubt habe ich den marxistischen Religionslehrern so gut wie nichts. Trotzdem haben sie mich stark beeinflusst. Die von ihnen propagierte Friedensliebe ist ein Teil meiner selbst geworden, ich habe sie verinnerlicht, wörtlich genommen. Sie freilich versuchten, Friedensliebe und Friedenssehnsucht mit der Idee eines gerechten Krieges zu verbinden.“

Vorweggenommen gleich die Schwachstellen des Buches: Der Autor war, als Kleinkind in vom Bombenhagel stürzenden Trümmern verschüttet worden, verstummt – und hatte erst mit fünf Jahren wieder seine Sprache gefunden. Danach lag ihm, wie er selbst zugibt, das Herz auf der Zunge und er sprudelte alles heraus, was ihm in den Sinn kam. So auch in diesem Roman: Als Leserin will ich eigentlich die Einzelheiten gar nicht so genau wissen, wie viele Mädchen er verführt, wieviele er unglücklich gemacht hat, wie er aus Neugierde und auf der Suche nach Liebe, Anerkennung und intellektuellem Gespräch ins „andere Lager“ wechselte und auch homoerotische Neigungen ausprobierte. Don Giovanni könnte ein Seelenverwandter von mir gewesen sein. Auch ich hetzte von einem Abenteuer zum nächsten, wollte mich immer wieder aufs Neue beweisen.“ Mehr würde interessieren, wie er zu seiner Philosophie und Lebenseinstellung kam – zum Teil im Gespräch mit väterlichen Freunden und mütterlichen Freundinnen: Dieser Freundschaft verdanke ich prägende Lebensbilder, die mich viele Jahre später zur traurigen Erkenntnis führen sollen, dass Opfer und Täter in Diktaturen sich oft unlöslich ineinander verkrampfen, so dass sie gelegentlich einen Rollentausch vornehmen, dass ein Täter auch Opfer, dass ein Opfer auch Täter werden kann.“ Auch seine vielen Bücher werden ihm die Richtung gewiesen haben. – Über 2000 hatte er gesammelt, als er als junger Mann die DDR verließ. Eine gewisse Kürze hätte dem Buch gut getan und es dem Leser leichter gemacht die hin- und her galoppierenden Erinnerungen chronologischer einordnen zu können.

Dies nur am Rande. Insgesamt ist der Roman eine spannende und einprägsame Erzählung aus Sicht eines jungen Mannes, der sich mit unmöglichen Forderungen, Zudringlichkeiten und Tücken einer Diktatur herumschlagen muss. In seinem flotten, häufig ironischen Ton gibt er einen guten Einblick in die damalige Situation und könnte auch dazu beitragen, heute manche Reaktion besser zu verstehen, wenn man denn willens ist, sich damit in unserer, als sicher geglaubten, Demokratie auseinander zu setzen.

Alles begann am 26. September 1963, als der 20jährige Erzähler in eine grüne Minna stieg, die ihn letztendlich als politischen Straftäter über Cottbus, Frankfurt an der Oder und schließlich in das Haftarbeiterlager Schwarze Pumpe bei Spremberg transportierte. Sein Vergehen: er hatte sich geweigert den Militärdienst zu absolvieren. Weder „gutgemeinte“ Ratschläge noch Drohungen hatten ihn umstimmen können. Wie hatte er sich auch erdreisten können, den Dienst an der Waffe gegen den imperialistischen Feind zu verweigern?

Der jugendliche Erzähler aber kannte die Geschichte seiner Familie, ihre Nazi-Vergangenheit. Er wusste darum, was das 3. Reich angerichtet hatte und wollte sich um gar keinen Preis zum Helfershelfer einer evtl. kriegerischen Auseinandersetzung machen lassen.

Ungefähr in der Mitte des Buches erklärt er ganz explizit seinen eigenen Standpunkt, das Resümee seiner Verweigerung, seiner Art sein Leben zu leben:

„Vor den Volksbeglückern graust es mich. Immer geben sie vor, andere beglücken zu wollen. Dabei geht es immer nur um sie selbst, um Rache für eigene Verletzungen, um das Übertünchen eigener Schwächen, um Omnipotenz-Fantasien. Um sich selbst zu verwirklichen, schicken sie andere in den Tod, um den Schmerz der eiternden Wunden, die doch nicht zu heilen sind, zu lindern, brauchen sie tagtäglich höhere Dosen der Droge Macht über Leben und Tod. Diesen Teufelskreis von Opfern und Tätern wollte ich mich entziehen. Angewidert von der um mich her existierenden Wirklichkeit beschloss ich, mich sowohl der Opfer- als auch der Täterrolle ein für alle Mal zu verweigern. Ich wollte mein Schicksal selbst in die Hand nehmen, mich nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lassen. Ich stellte mein Leben auf den Kopf, oder besser gesagt, versuchte, es neu zu ordnen. Als mein Jahrgang in die bedrohliche Nähe des Termins rückte, zum Wehrdienst für die Nationale Volksarmee gemustert und eingezogen zu werden, entdeckte ich in mir den Hang zu einer alternativen Lebensweise. Fortan – es herrschte Winter – ging ich nur noch barfuß in Holzlatschen, aß kein Fleisch mehr, lebte spartanisch, auch wenn mein Verlangen nach dem schönen Geschlecht keineswegs abnehmen wollte. Spontan entschied ich, nie eine Waffe in die Hand zu nehmen.“

Detailliert beschreibt er die Methoden des Regimes die Häftlinge zu erniedrigen, zu verunsichern, zu demütigen.

Vor Prozessbeginn war er per Anhalter kreuz und quer durch die DDR gereist, erklärte denen, die ihn mitnahmen, seine Beweggründe für die Kriegsdienstverweigerung, berief sich dabei auf ethische und religiöse Beweggründe. Zu seinem Erstaunen traf er aber nie auf Männer, die sich dazu bekannt hätten, im Krieg getötet zu haben. „Wie aber hatte es zu den Millionen von Kriegstoten kommen können, wenn doch niemand getroffen haben wollte?“

Er versuchte es mit Glaubensgemeinschaften und wollte damit demonstrieren, wie ernst es ihm mit seiner Verweigerung war. Manchmal half ihm seine schauspielerische Begabung: ein Wutausbruch, ein Weinkrampf, um Schlimmerem als einem Verhör zu entgehen, oder um ein kleines Privileg zu ergattern, wie z.B. den Besuch einer Einzeltoilette. Doch im Ganzen gesehen, musste er alles durchmachen, wie jeder gewöhnliche „Kriminelle“. „Nach dem Duschbad verlieren die Strafgefangenen ihre bürgerliche Identität. Kleidung und Namen sind in der Effektenkammer abzugeben.

Seine Zellengenossen erzählten ihm ihre Geschichten von Zumutung, Nötigung, Fluchtversuch, Diebstahl. Alles wird streng geahndet, am strengsten aber ein Fluchtversuch. Das sind die ganz starken Seiten des Buches: Die schier unzähligen Geschichten der Menschen, mit denen er zusammenkam. Es sind die Lebensgeschichten seiner Zellengenossen, derer, die seine Freunde wurden, aber auch die seiner Gegner, der Mitläufer im Regime Ulbricht. Anhand dieser eingeschobenen Erzählungen kommt der Leser dem eingeschlossenen Leben in der DDR ganz eindringlich nah, wobei Ironie und Sarkasmus diese Geschichten so leseleicht machen. Das hatte man auch im Westen vernommen, wie selbst die eigenen Familienmitglieder bespitzelt und ausgeliefert wurden. Der Erzähler erfährt das von seinen Mitgefangenen. Unter anderen auch die Geschichte des ersten CDU-Außenministers der DDR, Dertinger, der als angeblicher Spion zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Seinen Sohn übergab das Regime einer Familie zur Adoption, damit aus ihm ein linientreuer Kommunist würde.

Immer wieder, manchmal recht abrupt, schwenkt er in die eigene Familienhistorie, in seine Kindheits- und Jugendgeschichte: Schon einmal war er mit der sozialistischen Behörde zusammengerasselt, als er sich mit 16 Jahren während eines Ausflugs über Ulbricht lustig machte, von seinem Klassenlehrer denunziert und von allen weiterführenden Schulen der DDR ausgeschlossen worden war. Als Konsequenz fing er eine Schauspielerausbildung an: „Die Freiheit, die ich anstrebte, hatte nichts mit staatlichen Rahmenbedingungen zu tun, nichts mit Politik. Ich sehnte mich nach einem Mikrokosmos Gleichgesinnter, die Tag für Tag aus der Wirklichkeit in eine Fantasiewelt flohen, darin ihr Leben fanden. Für mich aber hatte das nichts mit Flucht oder innerer Emigration zu tun, wovon ich als Sechzehnjähriger noch keine Vorstellung hatte. Nein, die Welt der Bühne, der Fantasie, des Andersseins, sie, die sich der Wirklichkeit des Alltags verweigerte, schien mir die wirkliche Welt zu sein. Nur in ihr und für sie wollte ich leben.“

Er versuchte es an verschiedenen Theatern, mit unterschiedlichem Erfolg. Doch immer wieder hatte er Glück und fand einen Freund, der es wirklich gut mit ihm meinte, mit dem er sich ehrlich unterhalten konnte.

In seinem damaligen Leben fühlte er sich heimatlos, was nicht nur dem Umzug seiner Familie aus dem vom Krieg zerstörten Leipzig geschuldet war: <em>„Seither habe ich an circa zwanzig verschiedenen Orten Deutschlands versucht, heimisch zu werden.“ Erst in Budapest, wo ich zwischen 1968 und 1973 gelebt habe und wohin ich 1994 zurückgekehrt bin, ist es mir gelungen, wieder Wurzeln zu schlagen, mich heimisch zu fühlen.“ „Was ist Heimat? Ist Heimat nicht auch all das an Erlebtem, was dich belastet, was du gern verdrängen würdest? Und die Sprache? Sie setzt sich über alle erlittene Schmach hinweg. Lässt sich nicht abschütteln, ist deine Seelenhaut.“

Als er nach acht Monaten Haft entlassen wurde, musste er versuchen, sein Leben ganz neu zu ordnen. In die früheren Tätigkeiten konnte er nicht zurück kehren, eine abgeschlossene Ausbildung hatte er nicht. Fast jeder Versuch scheiterte, selbst seine ernst gemeinten Liebesbeziehungen scheiterten. Nur sein nachgeholtes Abitur auf einer Abendschule konnte er erfolgreich bestehen.

Da eröffnete sich ihm die Möglichkeit ganz legal nach Ungarn auszureisen, mit all seinen 2000 Büchern. Ein Umzug ins gelobte Land!? – Das wird uns hoffentlich der nächste Band dieser Lebenserinnerungen aufzeigen.

Gudrun Brzoska

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