Rezension: Kertész, Imre – „Roman eines Schicksallosen“

Roman
Aus dem Ungarischen von Christina Virágh
Verlag Rowohlt 1996 & 2002
ISBN: 3-499-22576-X
Originaltitel: Sorstalanság, 1975
Bezug: Preis: Buchhandel

„Auch, wenn ich von etwas ganz anderem spreche, spreche ich von Auschwitz. Ich bin ein Medium des Geistes von Auschwitz“, so Kertész in einem Interview. So fügt sich jedes weitere Werk des Autors als Mosaikstein in das Bild seines Lebens und seiner Zeit.
13 Jahre arbeitete Kertész an diesem Roman, ohne den alle seine Werke nicht wirklich zu verstehen sind.
Die Eltern des 15jährigen György Köves sind geschieden. Er lebt bei seinem Vater und dessen neuer Frau in Budapest. Der Vater wird 1944 zum Arbeitsdienst eingezogen. György fühlt sich seltsam unbeteiligt beim Abschied.
Andere bestimmen über ihn; sechs Wochen später muss er das Gymnasium verlassen, wird als Hilfsarbeiter in einer Fabrik mit anderen jüdischen Jungen eingestellt. György fühlt sich wichtig und sicher mit seinen Arbeitspapieren. Trotzdem wird er eines Morgens aus dem Bus geholt und mit vielen anderen, Jugendlichen, Kindern, Erwachsenen abtransportiert – mit unbekanntem Ziel. Nach mehrtägiger Fahrt im Viehwagen landen sie in Auschwitz-Birkenau. Neugierig auf eine geregelte Arbeitszeit, auf „Spaß“ mit den Kameraden, kommen die naiven Jungen dort an.
Zu seinem „Glück“ wird György als „16jähriger“ zur Arbeit eingeteilt, während Jüngere, Kinder, Frauen und Arbeitsunfähige ermordet und im Krematorium verbrannt werden, was dem Leser bereits bewusst ist. Ohne Anekdoten spricht György, der Ich-Erzähler vom Überleben und Begreifen, Schritt für Schritt, Tag um Tag, ohne etwas auszulassen, ohne die Gräuel jemals auszumalen, nüchtern und gnadenlos, wie er die Wirklichkeit der Todeslager bewältigt hat. Die Sprache selbst ist die Handlung, mit den Augen des arglosen Jungen betrachtet, der erst zögernd, dann aber schlagartig begriffen hatte, dass man ihn ermorden wollte, ja, dass seine Gefährten schon in Rauch aufgegangen waren.
Als Kranker mit einem entzündeten Knie, einem Abszess an der Hüfte, wird György schließlich nach Buchenwald gebracht. Der Junge beobachtet seinen vergreisenden Körper, nimmt Taubheit und Gleichgültigkeit in sich wahr, wehrt sich gegen nichts mehr. Alles scheint ihm aus seiner Situation „folgerichtig und natürlich“, doch als er gepflegt wird, spürt er, wie sein Lebensgefühl wieder aufflackert, spürt, dass er gar nicht scheitern kann.
Von amerikanischen Soldaten gerettet, schlägt sich György nach seiner Genesung wieder nach Budapest durch. Denen, die „nur“ den Krieg erlebt haben, und nicht das Grauen der Lager, kann er nichts begreiflich machen, doch auch er versteht die Dagebliebenen nicht. Vergessen soll er, wird ihm geraten – doch er erinnert sich, muss sich erinnern an das, was er das „Glück der Konzentrationslager“ nennt, an das Überleben, Tag für Tag.

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