Rezension: Török, Imre – „Wanderer. Zwischenwelten“

Mit 19 Zeichnungen von Libuše Schmidt
Verlag Pop, Ludwigsburg 2015
ISBN: 978-3-86356-122-2
Bezug: Buchhandel, Preis: 21,90 Euro

Will man (einmal wieder) in die Gedanken- und Fantasiewelt Imre Töröks eintauchen, dann kommt dieses Buch gerade richtig: Es enthält die meisten, bislang in verschiedenen Publikationen und Büchern verstreute Kurzprosa und Gedankenblitze, bereichert mit Zeichnungen von Libuše Schmidt. Nur schade, dass die Entstehungszeit der einzelnen Erzählungen nicht festgehalten ist. Das wäre nämlich interessant! Ich habe in (fast) allen bisherigen Druckausgaben nachgesehen, wann welche Geschichten entstanden bzw. publiziert worden sind. Das fängt 1979 mit „Ägyptische Nacht“ an (in „Ameisen und Sterne“, 1986/1995/1999) über die ersten Luzius-Geschichten 1997 (in Cagliostro räumt Schnee am Rufiji, 1991/1999) verschiedene Kurzprosa wie „Ginökschorf“ (in Akazienskizze, 2009). Nicht zu vergessen eine entzückende Sammlung von „Märchen und Geschichten aus Illuministan“ (in Licht in Stein, 2004). Tief eintauchen kann der Leser in reale und Gedanken-Reisen, in Märchen und Fabeln, in Landschaften und Naturerfahrungen – tatsächliche und fantastische, in seine Lieblingsländer, Afrika und die Türkei. Auch seine Erfahrungen über Heimat und Heimatlosigkeit, übers Fremdsein und Hiersein breitet der Autor aus. In jeder seiner Geschichten wird eines ganz klar: Das Hoffen, das Wünschen, der geistige Spaziergang, die Fantasie, aber auch das Beobachten und Zuhören sind Töröks eigentliche Heimat.
Die Texte sind z. Tl. überarbeitet, es finden sich aber auch die Originale wieder, die er als ganz junger Mann geschrieben hat. Und man darf davon ausgehen, dass er immer noch dazu steht – sonst wären sie wohl nicht aufgenommen worden in dieses Kompendium. Es sind mit Bedacht ausgesuchte Geschichten, die nicht alt werden und auch nach vielen Jahren ihre Gültigkeit nicht verloren haben.
Einige dieser Bücher habe ich bereits rezensiert und kann meiner Freude über die tiefgründigen Sinnfragen, den leisen Humor und die bohrenden Fragen zu unserer realen Welt des sternen- und physikbegeisterten Autors eigentlich kaum noch etwas hinzufügen.
In seinen Geschichten spüren wir, dass er immer schon – und immer noch – viel von seinem Glühwürmchen Luzius ( „Das Buch Luzius“, 2012) in sich bewahrt hat; manchmal scheinen seine Helden liebestaumelnd und verwirrt den Boden unter den Füßen zu verlieren. Luzius, stellvertretend für alle lichtspendenden Optimisten gerät selbstvergessen und naiv in eine mörderische Welt von Küchenschaben, die die ganze Welt zu Kakerlakien umgestalten wollen. Fressen ist ihr einziges Anliegen, stark und mächtig sein, den Ton angeben – ganz wie im richtigen Leben.
Die Erzählungen, Geschichten, die Kurzprosa, bei der die Grenzen zur Lyrik sich manchmal verwischen sind kurzweilig und voll menschenfreundlicher Philosophie.
Neu für mich sind „Am feurigen Berg – ruh köprüsü“, „Lichtwege“ und „Degustation“, die ich hier erwähnen möchte:
In „Am feurigen Berg“ ist er der stille Zuhörer. Ein alter Mann erzählt. Erzählt von Geschichten aus uralten Zeiten, als die jungen Menschen noch rebelliert haben, erzählt von Geschichten, die sich auch heute ereignen. Erzählt davon, wie eine junge Frau ihren Liebsten für ihre Ideen von Freiheit begeistern konnte. Erzählt davon, wie die kleine Gruppe verfolgt wird und wie gleichzeitig Urgewalten der Natur losbrechen. Hava, die junge Frau, lässt ihre Liebe so stark erstrahlen, dass sie ihren Liebsten in ewige Höhen führt – und rettet. Soweit das Märchen, indem sich, wie in vielen Märchen die „Helden“ retten ins Überirdische. Ja, bekräftigt der alte Erzähler, noch heute kann man die Überreste dieser Seelenbrücke entdecken…
„Lichtwege“: Die Erzählung führt ins Dunkle, in den Schwarzwald, an den der Erzähler sich autobiografisch (?) erinnert. An eine Zeit, als der Junge in die fremde Gegend zog, die Sprache, den Dialekt nicht verstand – und sicher war, dass er weder die neue Stadt, noch deren Bewohner, noch die Schule je würde lieben können. Es ist anders gekommen. Er konnte sich einfügen – und sinniert heute darüber nach, warum erst die Erinnerung die Erkenntnis bringt. „Das Ziel ist unbeteiligt“ – Und „den Weg darf man dem Ziel nicht anlasten“. Die Prüfungen des Lebens werden schließlich bestanden. Inzwischen hat er in vielen Städten gewohnt, viele Schulen und Institutionen besucht – in der Erinnerung sind sie eine „Lichterkette der Lernorte – Ferngold der Erinnerung“.
„Degustation“: – Über Geschmack sollte man nicht streiten. – Witzig und doppeldeutig erzählt Török hier vom Betriebsausflug der Erfolgsbank in den schönen Kaiserstuhl. Aber nicht Ihringer, Bischoffinger oder Königsschaffhauser Vulkanfelsen bekommt die Gesellschaft zu trinken und zu kosten – Alkohol ist hier rationiert und geächtet – sondern verschiedene Hanfsorten gilt es zu degustieren. Der Erzähler kennt sich mit Wein aus – und im Kaiserstuhl; denn vor jede gute Hanf-Kostprobe könnte man die entsprechende Weinsorte setzen. Ist Rausch gleich Rausch?? Das kann ja wohl nicht ganz stimmen!
Auch in dieser Werkschau hat Török wieder einen Fantasieflug um den Dichterkollegen Nikolaus Lenau mit eingeflochten („Lenau Projektionen“): Wie er selbst, kam Lenau aus dem Karpatenbecken, reiste viel, sah andere Länder und Sitten, hatte Heimweh, beschrieb die Landschaften seiner Jugend. Ihm legt der Dichter Török Zukunftswissen um Dichterkollegen und Philosophen in den Mund, Zukunftswissen um die furchtbaren Gräuel des 20. Jahrhunderts. Mit ihm macht uns Török aber auch mit der wechselvollen, Freiheit suchenden und Freiheit verlierenden Geschichte Ungarns – bis heute – bekannt.
Es gäbe noch zu vielen Geschichten und Prosagedichten etwas anzumerken, Nachdenkliches, Heiteres, Philosophisches.
Ans Herz möchte ich dem Leser diesmal die „Frau des Märchensammlers“ legen, nur drei Seiten lang, sie passt ins Jetzt, entstanden aber vor ungefähr 30 Jahren: Ein altes türkisches Ehepaar, über 60 Jahre lang verheiratet, noch immer in Liebe und Zuneigung verbunden; sie helfen und stützen sich gegenseitig, auch in ihren gemeinsamen Ideen. Die Erzählung spielt in einem türkischen Kulturverein, in einer Kleinstadt in Süddeutschland: Er ein Gelehrter, sie seine ebenbürtige Gefährtin, die 30 Jahre zuvor nach Paris ins Exil gehen mussten. Und draußen zwei junge Lederjackenträger, die sich abfällig über die da drinnen äußern und sie Mores lehren wollen. – Wie heute! – Es hat sich in 30 Jahren nichts geändert. – Leider.
Und zum Schluss:
Lieber Imre Török, ich lese Ihre launigen, tiefgründigen und zeitlosen Erzählungen immer gerne! – Aber: Wann ergötzen Sie uns wieder mit einem neuen Roman?

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