Rezension: Gelléri, Andor Endre – „Die Großwäscherei“

Roman
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Guggolz Verlag Berlin, 2015
ISBN: 978-3-945370-04-9
Originaltitel: A nagymosoda, 1931
Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro

In den 20er Jahren herrschte große Arbeitslosigkeit in Budapest. Da Andor Gelléri, trotz zahlreicher Literaturpreise und Stipendien, nicht von der Schriftstellerei leben konnte, machte er u.a. eine Ausbildung zum Färber in einer Dampfwäscherei. Er weiß also, wovon er spricht, wenn er uns die Geschichten der Angestellten in der Großwäscherei erzählt: Farbig, funkelnd und spritzig vor Leben, immer ganz nah am Menschen und damit auch beim Leser. 1931 erschien der Roman nach einer Reihe von Wäscherei-Erzählungen in Budapest, 1962 wurde er in der ehemaligen DDR mit allerhand Streichungen, die nicht ins politische Bild passten, erstmalig ins Deutsche übersetzt unter dem Titel „Dampfwäscherei Phönix“. Gratulieren kann man dem noch jungen Verlag Guggolz, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, vergessene Literatur aus Osteuropa neu zu verlegen, nicht nur dazu, gerade diesen spannenden Roman wieder zugänglich zu machen, sondern auch zur bibliophilen Aufmachung des Buches. Der Übersetzerin Timea Tankó ist zu danken, welche die farbig-brillante Sprache Gelléris ebenso farbig-brillant ins Deutsche komponiert hat. Wie sie im lesenswerten Nachwort schreibt, gilt es, ein eigenes Gelléri-Ungarisch hörbar zu machen.
Gleich findet sich der Leser mittendrin im Óbuda der 20er Jahre, das nicht nur seine verträumt-romantischen Winkel hat, sondern auch ein Heer von Armen und Arbeitslosen: man riecht und schmeckt die Ausdünstungen von Menschen und Maschinen, hört die Pferdewagen, das Geschnatter vom Federvieh, das Hupen der Lastwagen, sieht das Gewimmel von Passanten und Händlern. Man blickt in die Verschläge der Handwerker, die Kellerwerkstätten. Gelléris Figuren sind nie nur Opfer; sie sind lebende Menschen, die man ernst nehmen muss. Manchmal scheinen sie wie skurrile Karikaturen; doch so ist das Leben, zum Weinen und zum Lachen.
Und schon schwitzt und friert der Leser in der dämpfigen Luft der Großwäscherei Phönix. „Diese fünf zimmergroßen Räume sind voller Maschinen, Kessel, Menschen, Dampf und dem beißenden Geruch von Chemikalien“. Ungefähr einhundert Menschen arbeiten in diesem Betrieb. Sie alle sind sie abhängig von Jenő Taube, dem Geschäftsmann, der es aus kleinsten Anfängen zu etwas gebracht hat. Er ist Fachmann, hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Viele Frauen hatten ihm auf diesem Weg geholfen. Heute ist er stolz darauf, dass so viele von ihm abhängen: „… sehen Sie sich diese Frauen an. (…) Von wem bekommen sie ihr Brot? Von mir! Und wenn mir einmal danach ist und ich sie alle hinauswerfe, wo es doch in dem Beruf nirgends Arbeit gibt, was würden sie dann machen? …“
Klar, dass er Neider unter den anderen Händlern hat: Keiner gönnt es ihm, dem Juden, so richtig, dass er den Reichtum aus der Dampfwäscherei seinem Geschick und Geschäftssinn zu verdanken hat. „Er hat halt Glück gehabt“, sagen sie. Taube bleibt davon ungerührt. Wenn er mit seiner Karosse vor dem Betrieb auftaucht, wuselt es in diesem noch schneller und dienstbeflissener als sonst: „Der Alte ist da“: „Taubes Erscheinen erhitzt auch die jungen Frauen im Maschinenraum; sie arbeiten so ange-strengt, als wollten sie dadurch ihre ewige Treue zu ihm ausdrücken … Aber die Seelen, die besudelten Körper der Frauen rein zu waschen, ist nicht so einfach.“ Alles wird hier sauber und weiß, „nur sie werden immer schmutziger und befleckter.“
Gelléri erzählt die persönlichen dramatischen und lachhaften Geschichten von vielen Menschen:
Es gibt da z.B. einen Heizer, Tir, der mit den Revolutionären in China mitfühlt, sich als Heerführer Wu Peifu träumt, der sein Volk rettet. Doch wenn seine Pause vorüber ist, arbeitet er wie umgewandelt, ganz der folgsame loyale Arbeiter des Herrn Taube. Der bettelarme Tir ist im ganzen Betrieb der einzige, der mit seinen Kollegen fühlt, sich Gedanken um sie macht und hilft.
Waschmeister Rusz wird gleich zu Anfang des Romans gemobbt. Der aalglatte Emporkömmling, der Färber Novák will seinen Posten und ergreift die Gelegenheit, als Rusz es nicht fertig bringt, verfärbte Seidenhemden wieder zu entfärben. Taube entlässt ihn kurzerhand: „Ja, wer so wenig Mumm hat, wer kein Wort herausbringt. … Sie scheren sich fort, springen am besten in den Fluss, denn Sie sind ein Schwein, Sie sind niederträchtig.“ Der Wäschereibesitzer schätzt nur Menschen wie er selbst es ist, aus hartem Holz geschnitzt und rücksichtslos. Nováks Art sich aufzuspielen, gefällt ihm. Ihn will er zu seinem Nachfolger machen, einführen in die Geheimnisse des „Geldmachens“ bei gleichzeitigem Genuss der willigen Frauen.
Taube selbst langweilt inzwischen alles. Er könnte ganze Dörfer aufkaufen, jeden Konkurrenten ausschalten. Wie langweilig! Er schläft lieber und träumt…“Die letzten fünf Jahre versanken vor ihm wie ein großes Gähnen. Er erinnerte sich an so gut wie gar nichts.“ Kurz vor dem Einschlafen denkt er an seine eigene Frau, zu der er manchmal nach Hause geht, daran, dass sie immer für ihn da ist, auf ihn wartet: „Wie oft ich sie betrogen habe, dachte Taube, immer wieder habe ich ihr die Liebe, die ihr gebührte, gestohlen“.
Novák indessen, fühlt sich schon ganz als der Herr: wie könnte er die Belegschaft effizienter einsetze, weniger zahlen und mehr erwirtschaften? Er kann nun tun und lassen, was er will; denn mit Taube ist eine große Wandlung vorgegangen. Mit Unlust und Langeweile hatte es angefangen; nur die Lebensgeschichten anderer Menschen interessiert ihn noch, reißen ihn für kurze Zeit aus seiner Lethargie. Da kommt z.B. der Vertreter Izrael Lanker, nach guten Tagen, heruntergekommen, bemüht er sich, reichen Leuten Radios, Heimkinos und Plattenspieler zu verkaufen. Schlau beginnt er das Verkaufsgespräch – doch Taube durchschaut die Strategie. Trotzdem schickt er ihn nicht weg: Endlich ist er wieder wach. Der Vertreter ist so alt wie er, 1880 in Polen geboren. Und Lanker erzählt, erzählt; Taube amüsiert sich, biegt sich vor Lachen. „Hinter den lachend vorgetragenen Geschichten konnte man tief ins Elend blicken, seine leichten Beuten zeigten so deutlich den entsetzlichen Kampf der Menschen um das täglich Brot.“ Und als Lanker weiter pikante Geschichten erzählt, entgegnet Taube: „… Keine von ihnen hat sie geliebt. …Es war, als hätte sich Taube bereits mit Lankers Gestalt vollgesogen und blicke nun in seine eigene bis zum Rand mit dieser gefüllten Seele“: Vielleicht wurde auch er nur wegen seines Geldes geliebt. Er erinnert sich an seine Geliebten, die im Grunde auch nichts anderes wollten als Geld, Kleidung und Schmuck. Wie ein Berauschter hatte er das Leben vieler Arbeiter zertreten – nur wer rechtzeitig von ihm abgelassen hatte, dem war es gut gegangen. Allein seine Frau liebt ihn immer noch. Jeden Abend wartet sie auf ihn – auch wenn er sich die Zeit mit seinen Geliebten vertreibt. Sie kämpft mit im Betrieb – sie ist seine beste Angestellte. Das ist der Wendepunkt in Taubes Leben: In der Nacht kommt es wie ein Dämon über ihn. In einer halben Stunde zieht sein ganzes Leben an ihm vorbei. So wenig hat sich wirklich ereignet – in einer halben Stunde ist alles gesagt.
Nun denkt er ständig an den Tod, hat das Gefühl, um ihn herum würden sich schwarze Tücher legen, er erschrickt vor der Dunkelheit. Sein eigener Beruf kommt ihm plötzlich schmutzig vor – wie eine dreckige Brühe. Ihn ekelt vor allem.
Novák hat sich inzwischen in einen Pascha verwandelt, er ist viel schlimmer als sein Patron. Vor ihm hat man noch viel mehr Angst. Er, der sich den Betrieb nicht erarbeitet hat, ist viel grausamer, fauler, geldgieriger. Die spanische Grippe wütet in der Stadt; verlangt wird das Färben unzähliger Trauerkleidung. „Die Häuser dröhnen vom unaufhörlichen Niesen, das ächzende Klagen der Fiebernden fliegt beim morgendlichen Öffnen aus den Fenstern auf die Straße hinaus. Und der Himmel blickt gelb und stumm auf die erkrankte Stadt hinab“. Auf seinen ehemaligen Kollegen Angelov sieht er geringschätzig herab. Er lässt ihn noch mehr arbeiten, erhöht seinen Lohn nicht. Angelov lebt mit seinen 21 Jahren in völliger Hoffnungslosigkeit. Seit zehn Jahren arbeitet er schon in der Wäscherei. „Seine Seele ist ein Skelett, das sein Fleisch verloren hat: Eine Erinnerung an einen Menschen ist sie, aber nicht dessen Leben. Schon so oft hat er sterben wollen….“ Er „sieht, wie die gesamte Dampfwäscherei in Nováks Hände gerät und dieser die Menschen wie Linsen zwischen den Fingern langsam auf den Boden rieseln lassen kann“. Und als er nicht mehr kann, als er nicht mehr die an ihn gestellten (unmöglichen) Aufgaben erfüllen kann, als Novák am Ziel ist und ihn ausbootet, da nimmt sich Angelov das Leben.
Unterdessen lebt Taube weiter in seinem Wahn, alles, wirklich alles muss weiß werden. Nachts lässt er die verschmutzte Fassade seines Hauses weiß kalken, sucht ständig nach jedem auch noch so kleinen Fleck, der sofort beseitigt werden muss.
Erinnerungen quälen ihn, denen er nicht entkommen kann. Schnell fabriziert er sich eine Entschuldigung: „Es ist nicht meine Schuld, das Geld trägt die Schuld an allem! Nicht mich sollte man erhängen, sondern das Geld, das Geld! …“ …“Denn ich war ein armer Junge…. Wenn ich nicht reich geworden wäre, hätte ich nicht siebenhundert Geliebte gehabt, wenn ich arm geblieben wäre, wären die beiden Gehilfen nicht verbrannt, dann wäre auch Angelov nicht gestorben. Das Geld müsste man umbringen, nicht mich.“
Am Ende kommt ihm Gott in den Sinn. Er sucht alte Gebetbücher zusammen, versucht Gebete zu sprechen: „klettert mit den Augen durch das komplizierte Gestrüpp der hebräischen Buchstaben“. Doch nichts kann ihn mehr retten, weder Gebet noch Opfergaben. Nur die große Waschmaschine in seinem Betrieb scheint fähig, den ganzen Dreck aus ihm herauszuwaschen. „Die Maschine lief und klagte wie ein Mensch, und sie drehte sich, drehte sich wie die Erde. Sie lief und spuckte Blut wie die Kriege….“
Noch ein Hinweis: Wer sich eingelesen hat in die „Wäscherei-Geschichte“, dem seien noch die Erzählungen empfohlen: „Budapest und andere Prosa“. Bibliothek Suhrkamp, ISBN: 978-3-518-01237-6; erhältlich im Buchhandel. Preis 12,99 €. Die Erzählungen haben ebenso autobiografischen Charakter wie die Novellen „Zauberer, hilf“, die nur noch antiquarisch zu haben sind. Vielleicht ein weiteres lohnendes Projekt für den Guggolz Verlag!

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