Rezension: Kristof, Agota – Trilogie „Das große Heft“ / „Der Beweis“ / „Die dritte Lüge“

Am 27. Juli 2011 verstarb die hochgeachtete Schriftstellerin Agota Kristof in ihrem Exil in Neuchâtel/ Schweiz nach langer Krankheit.
Aus diesem Anlass möchte ich ihre berühmtesten Romane hier vorstellen. Den ersten Roman dazu schreibt sie mit 51 Jahren und wird mit einem Schlag weit über die französische Schweiz bekannt. Inzwischen sind ihre Romane in viele Sprachen übersetzt.
Ihre Themen sind die Katastrophen des 20. Jahrhunderts von Krieg, Grausamkeit, Diktatur, Flucht und Vertreibung und ihre eigene Erfahrung von Exil, Heimatlosigkeit und Entfremdung. Ihre Erzählweise ist karg und knapp, eisige Atmosphäre umfängt den Leser. Die Autorin schreibt zwar auf Französisch, doch Landschaft und Erinnerungen sind ungarisch. In einem Interview sagt Kristof einmal, dass es sich bei dem Ort um die ungarische Grenzstadt Köszeg handelt, in die sie 1944 zusammen mit ihren Eltern zog. Doch eigentlich könnte es jeder Grenzort sein, in dem Grausamkeiten und Perversitäten des Krieges noch mehr zu spüren sind, als anderswo.

Das große Heft; Le grand cahier; aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Piper, 1990, 2005; ISBN 978-3-492-20779-9; Preis als TB: 7,95 Euro

Der Beweis; La preuve; Roman; aus dem Französischen von Erika Tophoven-Schöningh
Piper, 1991, 2004; ISBN 3-492-21497-5; Preis als TB: 8,95 Euro

Die dritte Lüge; Le troisième mensonge; aus dem Französischen von Erika Tophoven
Piper, München, 1993, 2005; ISBN 3-492-22287-0; Preis als TB: 7,95 Euro

Im „Das große Heft“ berichten die noch namenlosen Zwillingsbuben lakonisch von ihrem Leben bei der Großmutter: Ihre Mutter hatte die Neunjährigen während des 2. Weltkrieges zu ihr aufs Land an der Grenze gebracht. Die Dorfbewohner nennen Großmutter „die Hexe“. Unwillig nimmt sie die Kinder auf, nennt sie „Hundesöhne“ und macht ihnen auch gleich klar, dass sie selbst für ihren Unterhalt arbeiten müssen. „Ich werde Euch zeigen, wie man lebt“. Schuhe und alles, was sie aus der Stadt mitgebracht haben, sind hier unnütz und werden verkauft. Welt und Gesellschaft sind aus allen Fugen geraten; das verstehen auch die Kinder. Auf dem Dachboden machen die Buben ihre „Studien“, wie sie es nennen. Sie schreiben, was sie sehen und hören, Aufsätze, die sie auf ihre eigene Wahrheit reduzieren. Erst wenn die Berichte korrigiert sind und ihren Ansprüchen genügen, werden sie in ein Heft eingetragen. Ein Überlebenstraining für die Beiden; sie machen sich hart, machen sich unempfindlich gegen Hunger und Kälte, gegen Schmerz und gegen Worte, seien sie verletzend oder liebevoll. Sie vergessen nie etwas, aber sie bleiben fast immer unbeteiligte Zuschauer. Da ihnen ein sachlicher Überblick fehlt, beginnen sie nach ihrem eigenen Ehrenkodex zu bestrafen oder zu belohnen; kümmern sich um das Nachbarmädchen, schützen ein jüdisches Mädchen, strafen den Pfarrer mit Erpressungen, versorgen einen desertierten Soldaten. Als die Großmutter stirbt, bleiben die Buben allein und sich selbst überlassen: Sie wollen überleben, selbst wenn das für einen von ihnen heißt, buchstäblich „über eine Leiche zu gehen“, um in die Freiheit zu gelangen; der andere kehrt ins Haus der Großmutter zurück. (Das große Heft existiert auch in einer sehr guten Hörspielfassung.)

„Der Beweis“ erzählt vom Zwillingsbruder Lucas, der geblieben ist, wie abgeschnitten ohne seinen Bruder, der im Ausland verschwunden ist. Lucas kümmert sich um eine junge Frau und deren uneheliches Kind, einen Krüppel, das er bald wie sein eigenes liebt. Doch diese, wie all seine Lieben, scheitert in trostloser Einsamkeit. Der Spiegell seiner Seele fehlt ihm, sein Bruder. Lucas kann sich seiner Vergangenheit genauso wenig entgehen, wie sein Bruder Claus, der sich durch Flucht entziehen wollte und am Ende des Romans auftaucht. Zu diesem Zeitpunkt ist Lucas jedoch verschwunden. Sein Adoptivkind hat sich erhängt und ein Heft mit herausgerissenen Seiten hinterlassen. Die äußeren Umstände spielen sich in der schrecklichen, stalinistischen Nachkriegszeit ab, in der Menschen gefoltert und getötet werden, in der Zeit des Volksaufstands und den etwas ruhigeren Jahren danach. Das Buch berichtet, wie schon das erste, von äußeren und inneren Trennungen. Schon wie zu Kinderzeiten, als die beiden ihre „wahren“ Erlebnisse in einem Heft aufgeschrieben hatten, so führt Lucas weiterhin Tagebuch-Hefte.

In „Die dritte Lüge“ tritt der aus dem Ausland kommende Bruder Claus als Erzähler auf. Seinen Bruder hat er seit 50 Jahren nicht gesehen. Er berichtet von Trennung, Not und Einsamkeit aus seiner Sicht – langsam wird klar, dass Lucas und Claus eine Person zu sein scheinen, aus Lucas wird Claus, aus Claus wird Lucas (Lucas und Claus, ein Anagramm). Der Zwillingsbruder ist das „alter ego“ eines traumatisierten einsamen Kindes, das sich den Bruder erdacht hat, um der Einsamkeit und dem äußeren Elend zu entgehen. Mit ihm zusammen war es stark. Und doch, vielleicht ist alles ganz anders, vielleicht gibt es doch diese Zwillingsbrüder, einen, der ausgewandert ist – und sein Glück nicht gefunden hat, einen, der zurückgeblieben ist und hier vereinsamte. Was wäre gewesen wenn?

Agota Kristof teilt nur das Wichtigste mit, knapp, schneidend, ohne überflüssiges Wort, ohne überflüssige Geste. Der Leser lässt sich atemlos und schaudernd in innere und äußere Abgründe mit hineinziehen.

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