Rezension: Oplatka, Andreas – „Der erste Riss in der Mauer“

Verlag: Zsolnay, 2009 ; ISBN: 978-3-552-05459-2
Bezug: Buchhandel Preis:
Euro 21,50

Schon im Sommer 1984, als der Autor auf der Heimreise von Moskau in die Schweiz über Ungarn fährt, nimmt er einen DDR-Bürger mit, der ihm erzählt, er habe genug vom Regime und vom Leben in der DDR und wolle in die Bundesrepublik. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass es an der ungarischen Grenze weder Tretminen noch Elektrodrähte gäbe und dass man von dort nach Österreich hinüber kommen könne.
Nach der blutigen Niederschlagung der Revolution und den grausamen Verfolgungen Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre, ließ Parteichef János Kádár die Zügel allmählich etwas lockerer. Abgesehen davon, dass über 30 Jahre lang nur von der „Konterrevolution“, gesprochen werden durfte, konnte die Bevölkerungsmehrheit nach und nach kleinere Freiheiten genießen. Allerdings kosteten die kleinen „Geschenke“ etwas, und Ungarn befand sich bereits 1982 in einer schweren Finanzkrise. An ein Zurückschrauben der Vergünstigungen war nicht zu denken und so erweiterte sich dieses Finanzloch immer weiter, bis das Land 1989 das am meisten verschuldete Land im Ostblock war.
In seiner Dokumentation zeigt Oplatka die Vorgeschichte zur weit reichenden und folgenschweren Entscheidung auf, die Westgrenze zu Österreich zu öffnen. Zwei Beschlüsse brachten den Stein ins Rollen:
Ende 1988, Anfang 1989 wurde in Budapest entschieden, die veralteten, zur Wiederherstellung viel zu teuren, Grenzbefestigungen abzutragen – und im August entschied sich die Regierung Miklós Németh, bereits von der Partei getrennt, Tausenden von DDR-Bürgern, die ihren „Urlaub“ in Ungarn verbrachten, die Grenze zu öffnen.
Die DDR-Führung versuchte bis zum Schluss, dies mit allen Mitteln, auch mit Drohungen, zu verhindern. Doch sie erwies sich als zahnloser Tiger, da sich Russland unter Gorbatschow ganz und gar zurück hielt, nicht aktiv wurde, und Ungarn gewähren ließ. Dabei neigt der Autor zur Annahme, dass niemand, auch Gorbatschow nicht, überblickte, was die Grenzöffnung im Endeffekt für Folgen haben sollte.
Am 2. Mai 1989 wurden die Abbrucharbeiten an Ungarns Westgrenze ganz öffentlich eingeleitet. Vorausgegangen war die Erkenntnis, dass der Einsatz an der Grenze für die Grenzbeamten allmählich unzumutbar wurde, da sie praktisch Tag und Nacht im Einsatz waren: Jeder Windstoß, Vogel oder Hase konnte Alarm auslösen. Und wenn Flüchtlinge gefasst wurden, waren es meist solche aus den „Bruderländern“. Dafür lohnte es also nicht, die hohen Kosten einer Neuanlage zu schultern.
Noch etwas kam hinzu: Ungarn war als erstes Ostblockland im März 1989 der Genfer Flüchtlingskonvention beigetreten. Das hatte allerdings nichts mit den aus der DDR Flüchtigen zu tun, sondern mit dem Irrsinnsplan Ceausescus, 8000 Dörfer in Rumänien schleifen zu wollen. Daraufhin setzte eine Fluchtwelle, vor allem der ungarischen Minderheit, ein. Es wäre für die Regierung Németh unvorstellbar gewesen, die Menschen wieder zurück zu schicken und sie dort den Repressalien des diktatorischen Regimes auszusetzen. Aber genau darauf – Ironie der Geschichte – konnte sich die ungarische Regierung später berufen, als die DDR unbedingt ihre Republikflüchtlinge wieder haben wollte.
Ungarns Westgrenze sollte auch nach dem Abbau der Grenzanlagen weiterhin streng bewacht bleiben. Der Abbau fand aber öffentlich statt, Ungarn hatte zu dieser Zeit bereits eine halbfreie Presse und eine einigermaßen organisierte Opposition: Die DDR-Bevölkerung konnte im Westfernsehen anschauen wie die Außenminister Alois Mock und Gyula Horn in aller Öffentlichkeit symbolisch den Zaun durchschnitten. Im Frühsommer rollte daher eine riesige DDR-Touristenwelle auf Ungarn zu. Aus Angst vor innenpolitischen Unruhen konnte die SED-Führung nichts dagegen unternehmen, beschwor aber die ungarische Regierung immer wieder, ihren Teil des 1969 geschlossenen Vertrages zu erfüllen: Die jeweiligen Flüchtlinge sollten aufgegriffen und ins Heimatland zurück geschickt werden.
Vergessen darf man bei all diesen, für uns Deutsche so aufregenden Entwicklungen nicht, dass die Probleme der DDR-Deutschen, ihr Flüchtenwollen nicht die erste Sorge der Ungarn war: Einerseits war das Land, wie schon erwähnt, hoch verschuldet, die Mehrzahl der Bevölkerung musste an zwei bis drei Stellen arbeiten, um über die Runden zu kommen, andererseits war die Opposition inzwischen so stark, dass es ihr gelungen war, die bisher vergeblich geforderte feierliche Neubestattung von Imre Nagy, dem 1958 hingerichteten Ministerpräsidenten der Revolutionsregierung, zu erreichen. 200 000 Menschen waren bei der Trauerfeier am 16. Juni 1989 zugegen. Das offenbarte gleichzeitig, wie schwach die Partei bereits war und nicht mehr viel ausrichten konnte.
Am 19. August fand das „Paneuropäische Picknick“ in der Nähe von Sopron statt. Ursprünglich war es als Fest zwischen ungarischen und österreichischen Grenzbewohnern geplant, doch durch gezielte Indiskretionen der Regierung, Verteilung von Flugzetteln auch im Innern Ungarns, mit dem Inhalt, dass die Grenze für einige Stunden geöffnet sein würde, lockte über 600 DDR-Bürger an, die diese Möglichkeit ergriffen und die Grenze unbehelligt passierten. Die Grenzsoldaten hatten sich einfach weggedreht, um dem noch immer bestehenden Schießbefehl ausweichen zu können. Ministerpräsident Németh hatte mit dieser kleinen Grenzöffnung auch das Verhalten der Sowjetunion getestet: Und Moskau verhielt sich stumm.
Am 22. August wurde im engen Regierungskreis beschlossen, die Deutschen, die sich im Land aufhielten, ziehen zu lassen. Die Verhältnisse waren für alle Seiten allmählich untragbar geworden.
Oplatka resümiert, dass der waagemutige Beschluss, die Grenzen für die DDR-Deutschen zu fällen, nur von Ministerpräsident Németh kommen konnte, auch wenn sich in der BRD hartnäckig die Legende hält, dass das die Entscheidung von Außenminister Horn gewesen sei. Németh hatte die Verantwortung, auch im Falle eines Scheiterns, denn ganz sicher konnte niemand sein, ob Russland nicht doch noch etwas dagegen unternehmen würde.
Der Autor ist sich auch sicher, dass die Grenzöffnung zwar den Zerfall der DDR beschleunigt, ihn aber nicht herbeigeführt hat. Die Menschen hatten, ebenso wie in den übrigen Satellitenstaaten, einfach genug von Bevormundung, Überwachung, Mangel- und Planwirtschaft.
Andreas Oplatka spricht mehrere Sprachen und konnte die meisten der damals Zuständigen interviewen, hat Archive besucht, Dokumente und Protokolle im Original nachgelesen, was das ganze Buch sehr authentisch macht. Doch er sagt selbst, nach 18 – 19 Jahren verschieben sich Erinnerungen, mancher Politiker möchte gern an seinem Denkmal basteln – und so ergeben sich auch abweichende Aussagen, die nicht aufgelöst werden können. Er kommt aber zur Erkenntnis, dass es bei einem solchen Prozess einfach mehrere Wahrheiten gibt – mit denen man leben muss.
Das Buch ist so interessant und spannend zu lesen, wie ein Politkrimi, den man nicht mehr aus der Hand legen mag. Und so erfährt der Leser manch Unbekanntes und Brisantes aus der Innenpolitik Ungarns, manchen Hintergrund und aufhellende Details.

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