Rezension: Bordás, Győző – „Weidenpfeife“

Roman
Aus dem Ungarischen von Wolfgang Kempe nach der Rohübersetzung von Amália Csepcsányi
Forum Verlag Novi Sad, 1999
Originaltitel: Fűzfasíp, 1992
Bezug: evtl. im Antiquariat

Durch Zufall geriet ich kürzlich an diesen Roman, der farbig und überzeugend das Leben im Anfang des 20. Jahrhunderts in der Kleinstadt Ú. (= Újverbász – Neu-Werbas), nahe Szabadka in der Vojvodina, erzählt.
Neu-Werbas, Verbász ungarisch, heute Vrbas, serbisch, war damals eine aufstrebenden Kleinstadt mit früh entwickelter Industrie: mit einer Hanf- und einer Zuckerfabrik, die miteinander konkurrierten. In der Nähe verbindet der „Franzens-Kanal“ die Theiß mit der Donau. Eine Schleuse war gebaut worden, die Eisenbahnlinie verband die Provinz direkt mit der Hauptstadt Budapest. Ú. besaß ein Elektrizitätswerk, eine staatlich geförderte Oberschule, eine Bürgerschule und ein Kasino, in dem sich die Honoratioren der Stadt trafen. Újverbász war damals eine hauptsächlich deutsche Siedlung. Wie – im wahrsten Sinne des Wortes – grenzenlos das k.u.k. Habsburger Reich war, kann man auch daran ermessen, wieviele unterschiedliche Ethnien sich dort nieder gelassen hatten: Deutsche, Ungarn, Serben, Slowaken, Ruthenen, Karpaten-Ukrainer. und Juden. Selbst aus Siebenbürgen waren Leute zugezogen. „Verbász“ ist wahrscheinlich aus dem slawischen Wort vrba – Weide abgeleitet– und diese spielt auch eine große Rolle im Buch.
Bordás lässt die ganze Welt der Stadt, den Klatsch, den Tratsch, die Bälle und andere Vergnügungen vor uns auferstehen. Der Erzähler erinnert sich nach Jahren wieder an jede Einzelheit, als er Fräulein Bella, Onkel Zoltáns Tochter, zufällig trifft. Als kleiner Bub hatte er ihren Vater gekannt, der allen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, eines der ersten Autos besessen hatte und leidenschaftlich seltene Briefmarken sammelte, vor allem Eisenbahn- und Automotive. Damit fängt der Roman an, doch die eigentliche Geschichte beginnt am 22. August 1910 mit der Versetzung des Gymnasiallehrers Jakob Sauer. Er stammt aus Nagybánya (heute Baia Mare, RO) Nach bestandenem sehr gutem Examen hoffte er auf eine Anstellung und Karriere in Budapest. Doch er wird nach Ú. versetzt, wo er sich „wie zu Hause fühlen“ würde (als Deutschstämmiger), so der Rektor der Universität. Zunächst ist er enttäuscht, doch bald nimmt ihn das Leben in Ú. gefangen: Hier kann er forschen, hier kann er seine Ansichten, die er sich als Student gebildet hat, aufklärerisch in die Tat umsetzen. Sauer verkörpert ganz und gar den Typus des Lehrers Anfang des 20. Jahrhunderts: Von Forschergeist beseelt, vom Willen zur Aufklärung angetrieben, seinen Schülern in Strenge aber gerecht und freundschaftlich zugetan.
Jakob Sauer wird in der Stadt allgemein „Herr Doktor“ genannt, ein Dr. der Naturwissenschaften, Fachmann in Geografie und Naturkunde. Auch Sport hat er zu unterrichten. Der Direktor des Gymnasiums, Sándor Székely, gibt Ungarisch, Geschichte und Latein. Obwohl die Magyarisierung zu dieser Zeit schon weit fortgeschritten ist, achtet dieser kluge und weltoffene Mann darauf, dass sich die Kinder an seiner Schule in ihrer eigenen Sprache ausdrücken können. „Ú ist zu 80 % deutsch, mehr als die Hälfte der Schüler sind Deutsche, werden aber auf Ungarisch unterrichtet. Toleranz ist aber gegenüber allen Schülern angesagt, er (Sauer) muss also auch Serbisch, Slowakisch und Ruthenisch lernen. „Die Kinder denken in ihrer Muttersprache, es wird Ihre Aufgabe sein, das zu bewahren, zu fördern“.
Bald lernt der junge Lehrer die wichtigsten Personen des Städtchens kennen, die Witwe Alice Kochan, die sich in Wohltätigkeit übt, und seinem späteren Freund, dem Maler und Musiker Josef Pichler sehr zugetan ist. Wie im Klappentext zu lesen ist, setzt Bordás hier dem Vojvodinaer Maler Joseph Pechan, der in München studiert hat, ein Denkmal. Pichler schätzt die Einsamkeit der Provinz. Hier kann er in Ruhe seine Ideen verwirklichen und „Bilder von nationaler Bedeutung“ malen. Er war Schüler des Banater Malers Franz (Ferencz) Eisenhut und mit Ady, der damals in Paris weilte, befreundet. Pichler, als „Bohemien“ einerseits bewundert, andererseits auch schief angesehen, möchte seine Idee einer Künstlerkolonie mit Garten, in der man auch im Freien arbeiten könnte, in die Tat umsetzen. Das war damals noch eine Seltenheit in Ungarn. Sauer lernt den Wasserbauingenieur und Dirktor des Wasserwerkes kennen, die Direktoren der Hanf- und der Zuckerfabrik. Alle möchten den jungen forschungseifrigen Mann für ihre Zwecke einspannen, was nicht ganz ohne Intrigen und Kleinkrämereien abgeht. Für jeden soll er forschen und die Ergebnisse sollten natürlich dem jeweiligen Unternehmen zugute kommen. Der junge Wissenschaftler verbringt viel Zeit am Kanal und an der Schleuse, um Pflanzen und Tiere, die sein Interesse wecken, zu bestimmen und für sein Naturkundekabinett zu sammeln. Für die Weiden, die dort in großen Gruppen wachsen, kann er nicht nur seine Schüler begeistern. Er selbst wird ein richtiger „Weidenexperte“. Sauer nimmt Bodenproben und untersucht sie, damit der Anbau von Zuckerrüben gezielt gefördert werden kann – er findet ein natürliches Mittel, um den Zuckerrübenschädling einzudämmen – mit dem Gemeindearzt eruiert er, dass die überproportionale Zunahme von Diabetes mit dem übertriebenen Genuss von Zucker herrührt. Die Arbeiter wurden nämlich auch mit Naturalien in Form von Zucker bezahlt. Er begeistert sich für Ausgrabungen aus der Awarenzeit, die er mit seinen Schülern vornimmt – und wird dafür sogar von Budapest gefördert.
Der junge Lehrer setzt sich dafür ein, dass auch die Schulkinder den Film eines Wanderkinos, von den älteren Pädagogen und der Geistlichkeit misstrauisch beäugt, sehen dürfen.
Ein Kind wird der jungen Familie Sauer geboren – und schließlich, im April 1914 entdeckt er sogar eine Mineralquelle, die dem Ort zu größerer Bekanntheit verhelfen soll. Tiefenbohrungen werden von den beiden Fabriken finanziert, der Arzt will die Quelle sogleich für medizinische Zwecke ausbeuten, der Ingenieur lieber eine Badeanstalt bauen lassen. Der Tourismus soll auch hier Einzug halten. Bis es soweit ist, sind noch allerhand Querelen durchzustehen. Es lässt sich alles aufs Beste an und endlich soll die große Sensation verkündet werden – Budapest hat die Mineralquelle anerkannt. – Diese Sensation wird jedoch von einer anderen überschattet – dem Attentat von Sarajewo – am 28. Juni 1914.
Damit endet das Buch.
Bordás lässt seine Figuren so lebendig und wirklichkeitsnah vor uns auftreten, bedenkt sie mit so vielen Einzelheiten, dass wir Leser das ganze Leben in Ú. vor uns pulsieren sehen.
Ich habe viel zu diesem Roman recherchiert und nur wenige Angaben auf deutsch gefunden. Denen konnte ich entnehmen, dass ein Folgeband, in dem es um die Abtrennung vom Mutterland, nach dem Diktat von Trianon, geht, („Csukódó zsilipek“ – „Geschlossene Schleusen“) bereits erschienen ist, jedoch nur auf ungarisch.
Schade, dass sich kein westlicher Verlag an diesen Roman macht – und an seinen Folgeband. Vieles vom alten k.u.k. Reich und der Folgezeit könnte man nach der Lektüre besser verstehen. Für Leser, die ungarisch verstehen: Im Originaltitel Fűzfasíp scheint man den Roman in Ungarn noch kaufen zu können.

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