Rezension: Gárdonyi, Géza – „Ich war den Hunnen untertan“

Jugendroman
Aus dem Ungarischen von Heinrich Weissling
Verlag: Corvina, 2002
ISBN: 963-13-5172-6
Originaltitel: A láthatatlan ember, 1902
Bezug: direkt beim Verlag Corvina, Budapest oder im Antiquariat

Im 5. Jahrhundert n. Chr. befasste sich der griechische Geschichtsschreiber Priskos am Hofe des oströmischen Kaisers Theodosius II. in Konstantinopel ausführlich mit dem Leben der Hunnen, insbesondere mit ihrem Fürsten Attila. Er räumt mit vielen Vorurteilen auf und beschreibt, dass sie bei Weitem nicht die Barbaren waren, als die sie hochmütig und verächtlich dargestellt wurden. Natürlich waren die Hunnen der Schrecken der damaligen Welt und ganz Süd- und Mitteleuropa hatte gehörig Angst vor ihnen, vor ihren Beutezügen und hohen Tributforderungen.
Nach dem großen Erfolg von „Sterne von Eger“, schrieb Gárdonyi einen weiteren packenden historischen Roman. In dieser Erzählung ließ er den ehemaligen Sklaven und Schüler Priskos’, Theophil, genannt Zeta, die Geschichte der Hunnen erzählen. Dabei hatte der Autor wohl genau recherchiert; denn er beschreibt akribisch ihren Alltag, ihre Lebensgewohnheiten, Religionstradition und Kriegsführung.
Zur Historie: Unsere Geschichte spielt ungefähr in den Jahren 441 – 453.
Der Hunnenfürst hatte 441 zum ersten Mal den Balkanraum verwüstet Noch teilte er sich die Herrschaft mit seinem Bruder Bleda, den er 444 oder 445 ermorden ließ. Unter Attilas Alleinherrschaft erreichte das Reich seine größte Ausdehnung, mit Attilas Tod zerfiel es wieder.
Dieses Reich setzte sich aus vielen Volksstämmen zusammen, die Attila mit Herrschergewalt und Charisma zusammen hielt; denn er verstand es, die wichtigsten Führer der unterworfenen Stämme an seinen Hof zu binden und ihm gern zu folgen. Dennoch reagierte Attila höchst ungnädig, wenn einer seiner Vasallen zur römischen Seite überlief. Er fordere ihn unter Drohungen zurück, um ihn dann hinrichten zu lassen. In dieser Zeit wurden die Hunnen halbsesshaft und ihr Führer hatte seinen Heersitz in der Theißebene. Das einfache Volk lebte in Zelten, König Attila in einem „Holzpalast“ auf einem Hügel, von Palisaden umzäunt. Auch die vornehmsten Fürsten und Attilas viele Frauen besaßen Häuser aus Holz. Die Hunnen züchteten Pferde und begannen etwas Ackerbau. Man sagte ihnen nach, dass sie sogar auf ihren Reittieren schliefen. Was sie so unschlagbar machte, war ihre völlig andere Kriegsführung. Nicht nur, dass sie einen besonderen Bogen verwandten, mit dem sie schnell hintereinander zielen und abschießen konnten, sie hatten auch Steigbügel, so dass sie beidhändig kämpfen und ihre Pferde dabei nur mit den Füßen lenken konnten. Ihren männlichen Kindern drückten sie bereits im Kleinkindalter die Nasen platt, damit diese später gefährlicher aussähen. Bekannt war auch, dass Attila ungeheuere Schätze aus Beutezügen und Tributzahlungen aufgehäuft hatte und den großen Prunk liebte, vor allem wenn Gesandtschaften der tributpflichtigen Völker bei ihm vorsprechen mussten. Für sich selbst lebte er bescheiden. 447 fiel Attila nochmals über den Balkan her und zwang den damaligen oströmischen Kaiser Theodosius II. in Konstantinopel zu hohen Tributzahlungen. Erst Theodosius’ Nachfolger Markian stellte nach dessen plötzlichem Unfalltod die Zahlungen ein. Da nach den Verwüstungen dort ohnehin nichts mehr zu holen war, zog Attila 451/452 schließlich gegen Rom, marschierte durch „Germanien“ und traf in Gallien seinen einstigen Verbündeten Flavius Aëtius, der in seiner Jugend im Austausch für Attila als Geisel am Hunnenhof gelebt hatte. Aëtius war inzwischen der Statthalter Westroms, hatte sich mit den Stammeskönigen der Franken, der Burgunden und Westgoten verbündet. Es gelang ihm, Attila und seine Vasallen in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (zwischen Orléans und Troyes) zurück zu schlagen. Die Schlacht endete ohne Sieger, jedoch die Hunnen verloren nach dieser Schlacht den Ruhm der Unbesiegbarkeit. Beide Seiten hatten riesige Verluste erlitten. Zudem brach unter Attilas Kriegern die Pest aus, an der viele elend starben. Attila zog danach zwar weiter und verwüstete in Italien mehrere Städte, musste sich aber wieder in die Ungarische Tiefebene zurückziehen.
Nach seiner triumphal gestalteten Rückkehr mit vielen Beutewagen und Sklaven, heiratete Attila die Gotenprinzessin Hildico (im Buch: Ildikó). Er starb in der Hochzeitsnacht an einem Blutsturz. Damit begann 454/455 der rasche Verfall des Hunnenreiches.
Dies ist nun die Geschichte von Theophil, Zeta genannt, einem Sklaven aus Thrakien, der aus Liebe zu einer Fürstentochter, am Hof Attilas lebte, mit ihm in den Krieg zog und schließlich Bibliothekar des Kaisers in Konstantinopel wurde:
Theophil wird als zwölfjähriger Knabe von seinem Vater auf dem Sklavenmarkt von Konstantinopel verkauft, um die große Familie zu ernähren. Maximos, ein Ratgeber Kaiser Theodosius II. erwirbt ihn als Spielkamerad für seine Kinder, die sich allerdings einen Spaß daraus machen, das Kind zu demütigen und zu misshandeln. Eines Tages kann er einem Gast, dem Schreiber Priskos, sein Leid klagen, worauf ihn der mitleidige Mann kauft und sorgfältig erziehen lässt. Nach acht Jahren, kurz bevor er in einer Gesandtschaft an den Hunnenhof reisen soll, lässt Priskos den jetzt 20jährigen jungen Mann, Zeta genannt, frei. Dieser will jedoch bei ihm bleiben wie ein Sohn und begleitet ihn zu den gefürchteten und allseits verabscheuten Hunnen. An Attilas Hof lernt er Emőke, die schöne Tochter des Fürsten Csáth kennen. Zeta verliebt sich unsterblich in sie. Während die Delegation unverrichteter Dinge zurückkehrt, trennt sich der junge Mann von ihnen, um bei den Hunnen – und damit in Emőkes Nähe – zu bleiben. Sie aber lässt ihn kaum an sich herankommen. Er weiß, da er sich weiter als Sklave ausgibt, um in Csáths Haus dienen zu können, dass er sich ihr nicht nähern darf. In diesem Haus lebt er schlechter, als jemals bei Priskos. Allerdings wird er nach und nach zum großen Bewunderer Attilas. Gárdonyi schildert die Abenteuer des Zeta, das Leben am Hof, die Stellung eines gelehrten Schreibers und die Traditionen der Hunnen so lebendig, dass man sich mitten unter ihnen fühlt. Bald lernt jedoch Fürst Csáth Zetas Qualitäten kennen, bevorzugt ihn vor den anderen Sklaven und lässt ihn das Kriegshandwerk lernen; denn das zählt hier mehr als seine Gelehrsamkeit. Ein freigelassener Grieche hatte Zeta erzählt, dass man auch als Ausländer und ehemaliger Sklave mit Tapferkeit bei Schlachten und mit Loyalität zu Attila, reich werden und Privilegien genießen könne. Als Attila unter einem Vorwand gegen Rom mobil macht, hofft Zeta, sich im Krieg gegen das Weströmische Reich so auszuzeichnen, dass er Emőke für sich gewinnt könne. Aber alles kommt ganz anders: Attilas Truppen werden zurückgeschlagen, die Pest greift um sich, viele fallen auf beiden Seiten. Die Schlacht geht unentschieden aus. Auch Zeta wird schwer verwundet, überlebt die Pest und findet bei einem gütigen christlichen Bischof Unterschlupf – er könnte wegen seiner Gelehrsamkeit sogar sein Nachfolger werden – doch eines Tages ergreift ihn wieder die Sehnsucht nach Emőke so stark, dass er ins Hunnenreich zurückkehrt. Dort wird er freudig aufgenommen. Bei Attilas Hauptfrau Rika, in deren Gesellschaft sich Emőke häufig aufhält, kann er sich beliebt machen wegen seiner großen Kenntnisse und Geschicklichkeit. Es fällt ihm nicht auf, dass Emőke nur von Attilas Heldentaten hören will – und ihn kaum beachtet. Umso mehr kümmert sich die Magd Dschidschia um ihn, was sich Zeta nicht gefallen lassen will. Er stößt sie grob zurück.
Als der Hunnenkönig mit reichlich Beute und Sklaven zurückkehrt, heiratet er die Burgunderprinzessin Ildikó. Noch in der Hochzeitsnacht stirbt er an einem Blutsturz. Gerüchte von Vergiftung tauchen auf, es ist niemand mehr sicher an Attilas Hof. Dschidschia warnt Zeta davor, als Gefolgsmann Attilas mit zu seinem Begräbnis zu gehen; sich vielmehr zu verstecken. Er denkt kaum darüber nach. Doch als Emőke ihn bittet, für ihn mit dem Trauerzug zu gehen, willigt er ein. Erst spät erfährt er, dass alle Diener Attilas getötet wurden, um ihn ins Jenseits zu begleiten. Emőke ist auch dabei. Da geht ihm auf, dass sie nur Attila geliebt hat, der für sie unerreichbar war.
Dschidschia hatte jedoch die ganze Zeit ein Auge auf ihn und beschwört Zeta zu fliehen, denn nun beginnt an Attilas Hof ein Kampf jeder gegen jeden um die Nachfolge. Doch niemand kann sich wirklich durchsetzen, keiner hat Attilas Charisma – das Reich zerfällt.
Aus dem Prolog entnehmen wir, dass Dschidschia Zetas Frau wird und dieser Bibliothekar am Hof Theoderichs. Als solcher verfasste er seine Erinnerungen.

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