Rezension: Fejtő, François (Ferenc) – „Reise nach Gestern“

Reisetagebuch
Aus dem Ungarischen übersetzt und herausgegeben: Agnes Relle
Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 2012
ISBN: 978-3-88221-552-6
Originaltitel: Érzelmes utazás, 1936
Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 29,90

Fejtő macht 1934 als 25jähriger junger Mann eine Reise nach Kroatien, um seine Verwandten zu besuchen, zum ersten Mal wieder nach dem Krieg. Ungarn hat nach dem Schiedsspruch von Trianon mit einem Schlag 2/3 seiner Bevölkerung verloren. Grenzen sind zu überwinden, die vorher nicht da waren. Ferenc Fejtő hat zu diesem Zeitpunkt eine einjährige Haftstrafe hinter sich, weil er an der Universität Pécs einen marxistischen Studienkreis gegründet hatte. Als er im Gefängnis tatsächlich die Schriften von Marx, Engels, Rosa Luxemburg und anderen liest, wendet er sich total von der kommunistischen Ideologie ab, unterstützt durch seinen Freund Attila József. Kurz nach seiner Freilassung heiratet er. Weiter studieren darf er nicht, seine fertige Promotionsarbeit wird annulliert. Fejtő wird Journalist.

Akribisch führt er Tagebuch: Jede Beobachtung wird ihm zur Geschichte, wie er später bemerkt. Diese Notizen gibt er unter dem Titel „Zagreber Tagebuch“ in der wichtigen Literaturzeitschrift Nyugat (1936) heraus. László Dormándi verlegt das Reisetagebuch 1989 in Ungarn neu, diesmal mit dem Titel „Érzelmes utazás“ (Sentimentale Reise). Fejtő steuert die Kommentare zu den Fotos bei, die später, in der Übersetzung von Agnes Relle auf Deutsch, weiter ergänzt werden.

Fejtő lockt den Leser mit leichtem Plauderton immer wieder in überraschende Situationen, die er als Miniaturerzählungen in seine Aufzeichnungen schiebt: Die kleinen Feuilletons wenden sich einmal Freunden und Verwandten zu, dann wieder abgelenkt vom Blick in die Landschaft. Gleich darauf stellt der Journalist politische und gesellschaftliche Zusammenhänge vor oder gestattet uns einen Blick in sein Innenleben.
In diesen Streifzügen nach Zagreb und Dalmatien, bei denen er nach seinen mütterlichen und väterlichen Wurzeln sucht, reist er nicht nur ins Land seiner Kindheit und seiner Vorfahren, er macht auch eine Reise in sein Innerstes, klärt seine Gedanken, findet und benennt seinen Standpunkt.
Die Reise beginnt am 27. Juni 1934, und schon der Grenzübertritt ins nun fremde Land bereitet ihm – wie auch den Mitreisenden Sorge. Sie haben den Eindruck des Unrechtmäßigen, wenn sie als Ungarn über die Grenze nach Jugoslawien fahren. Dies Land ist ihm heute „fremd-vertraut“. Er erkennt vieles aus seiner Kindheit, aus den Ferien bei den Großeltern wieder – und doch ist es ein kühles Land für ihn geworden. Er trifft die Familie seine Schwester wieder, Onkel und Tanten, Cousinen und Vettern tauchen auf; er macht Besuche und er wird eingeladen. Mit jeder Figur rollt er die weitschweifige, farbige Familiengeschichte weiter auf. Dazu gibt er zauberhafte Landschaftsbeschreibungen, so dass man als Leser richtig Lust bekommt, dieses Land zu besuchen – um es mit den Eindrücken des jungen Mannes damals zu vergleichen. Kroatisch spricht er nur sehr ungenügend. Ungarisch will man in Kroatien nur ungern sprechen – aber mit Deutsch kommt er – 1934 – fast überall weiter. Vor allem der gebildete Bürger spricht Deutsch. Zagreb ist für Fejtő die Heimatstadt – obwohl er dort nicht geboren ist. Schon als kleiner Junge verliert er seine Mutter und kommt zu den Verwandten nach Zagreb. Zagreb, eine liebenswürdige österreichische Stadt. Überlall noch k.u.k. – auch jetzt noch, nach Trianon!
Er besucht Tante Toni, die Schwester seiner Mutter, ihren Bruder, Onkel Otto, der, Junggeselle, liebenswürdiger Kauz und überzeugter Kroate die Familie zusammenhält, die z. Tl. schrullige und versnobte Verwandtschaft, die nach dem Krieg zerstreut in Ungarn, auf dem Balkan und in Italien lebt.
Fejtő hört, dass auf dem Land große Not herrsche – doch hier in der Stadt merkt man nichts davon: „ In Zagreb gibt es noch ein Bürgertum, aufstrebend, lachend, selbstsicher, das seine Höchstform noch nicht erreicht hat, das nichts von seinem Todesurteil wissen will.“
Er spricht mit den Redakteuren verschiedener Zeitungen, mit Parteiführern und dem großen Schriftsteller Krleža. sie alle versuchen ihre eigenen Träume, Ideologien und Ideale durchzusetzen – das Bürgertum wird in jedem Fall untergehen.
Onkel Otto überreicht ihm eines Tages die Briefe seiner Mutter, die er für Ferenc aufbewahrt hatte. Zunehmend elektrisiert liest er die Briefe der jungen Frau an ihren Cousin, die sich so unglücklich in der erzwungenen Ehe fühlte, dass sie eines Tages, im siebten. Monat schwanger mit Nada, der älteren Schwester, zu ihren Eltern zurückging. Sie heiratet wieder, Ferenc’ Vater, Buchhändler und Verleger, wie Großvater Fülöp. Dieser war erst nach 1848, mittellos als Setzer, aus Böhmen nach Nagykanizsa gekommen. „Der Großteil der Zuwanderer in Nagykanizsa kam ganz wie mein Großvater aus dem Westen, aus Österreich, aus Böhmen. Sie stammten aus dem Bürgertum, hatten ihre Wurzeln verloren, waren aber voll Bereitschaft und Fähigkeit, Wurzeln zu schlagen. Gern und ohne Vorbehalte verzichteten sie auf ihr nationales Brauchtum. Ungar zu sein bedeutete für sie, Mitglied einer freundlichen Gemeinschaft zu sein. […]“
Damals war Nagykanizsa eine aufstrebende Stadt, bis sich kommunistische Agitatoren ihrer bemächtigten, die Streiks kein Ende nehmen wollten und ein Betrieb nach dem anderen Insolvenz anmelden musste. Heute, 1934, ist Nagykanizsa eine triste graue Stadt, nach dem Krieg abgeschnitten vom Hinterland. Durch die ganze Stadt zieht der bedrückende „Geruch der Armut“.
Mit wachem Geist und neugieriger Beobachtung nimmt der junge Mann die Strömungen der Unruhe, des Nationalismus, des sich ausbreitenden Kommunismus im Balkan auf. Der nächste Krieg liegt schon in der Luft. Nicht nur Schwager Ivica spricht bereits davon. Knallhart formuliert es der Maler Dubrović, ein Revoluzzer-Typ, der als Serbe in Pécs geboren wurde und dort aufwuchs: „Im nächsten Jahr werden hier schon die Bomben fliegen“. Es ging nicht ganz so schnell, aber es liegt etwas in der Luft: überströmende Lebensfreude, Lebensgier und Melancholie, Vergnügungssucht und bittere Armut.
Fejtő trifft viele Menschen, sucht Begegnungen, will Stimmungen einfangen, die Meinungen von Schriftstellern, Journalisten, Parteigängern und einfachen Leuten hören – und sich selbst eine Meinung bilden.
Wie eine Präambel wirkt die Reise zu seinen Verwandten, bevor die eigentliche Reise mit dem Schiff entlang der dalmatinischen Küste beginnt. Nun hat er die Ruhe und die Zeit, die Reise zu sich selbst zu unternehmen. Es wäre gut, den Frieden mit der Welt zu schließen.
Als Reisender muss er nun mit jedem Filler rechnen. Viel kann er sich nicht erlauben. Die Unterkünfte sind meist schlecht und voll Ungeziefer. Dennoch, er will etwas sehen von der Welt, von der er noch nichts kennt. Er will die Schönheit der Landschaft in sich aufnehmen, Bekanntschaften machen und viele Meinungen kennen lernen.
Seine Mitreisenden kommen aus allen Teilen der „Alten Welt“ der k.u.k.-Monarchie: Tschechen, Slowaken, Österreicher, Serben, Ungarn. Dazu Deutsche, Franzosen und Engländer.
Allmählich hat er das Gefühl, seine Überzeugungen revidieren zu müssen, sich mit seinem Leben zu versöhnen. Sehr deutlich spüre ich, dass sich alle meine Ansichten geändert haben. […].Ich gehöre zu einer Generation, die eine in allen Fugen knirschende Welt vorfand […].Wir waren Söhne des Bürgertums…
So wie er bei seinen Verwandten ganz allmählich deren Familiengeschichte zu Tage gefördert und rekonstruiert hatte, so fördert er nun seine eigene Meinung und Weltsicht zu Tage, Ziele, die er sich für sein weiteres Leben vornimmt: Freiheit und Verantwortung, die Möglichkeit zum Ketzertum, Disziplin, kluger Mut und die nötige Feigheit. Er fühlt sich durch und durch als Bürger und hat doch ein Herz für die Schwachen und Ausgestoßenen, nimmt sich der Sache der Verlierer an. […].Ich bin Bürger und Sozialist“. Unter den Bürgern bin ich Revolutionär, und unter den Revolutionären nehme ich die Traditionen des Bürgertums in Schutz. […].
Am 4. August endet seine Schiffsreise; er fährt mit dem Zug nach Zagreb zurück.

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