Rezension: Chocas, Viviane – „Manchmal muss man das Leben kosten“

Roman
Aus dem Französischen von Michaela Meßner
Verlag Limes, 2009; Blanvalet TB, 2011
ISBN: 978-3-8090-2554-2; Taschenbuch: 978-3-442-36828-0
Originaltitel: Bazar magyar, 2006
Bezug: Preis: Euro 7,99 für Taschenbuch

Liebe geht durch den Magen, sagt man. Auch die Liebe zu einem Land, zu Abstammung und Herkunft.
Klara, die Erzählerin, fühlt sich doppelt heimatlos, da sie ihre Vergangenheit nicht kennt; denn ihre Wurzeln wurden doppelt gekappt: Sie selbst ist in Frankreich geboren, ihre Eltern stammen aus Ungarn. Nach ihrer Flucht 1956, „töteten die Eltern als erstes ihre Sprache“, später, nach der Einbürgerung änderten sie auch ihren ungarischen Namen. Sie wollten ihr Kind unbeschwert als Französin aufwachsen lassen, sprachen nie ungarisch mit ihm. Die Vergangenheit war tabu. Doch: „…auf dem Umweg über die Gerichte, die auf den Tisch kamen und die so knusprig oder so scharf waren, dass es einem das Wasser in den Mund trieb, betrat ich jenen verbotenen Kontinent, von dem meine beiden Erzeuger gekommen waren.“…. . „Die Gerichte waren das einzige lebendige Gedächtnis, das mir gewährt, hinterlassen und überliefert wurde“. Doch nicht nur die ungarischen Gerichte sind es, die sich Klara einverleibt, nein auch die Sprache ist für sie sinnlich wahrnehmbar, sie bemächtigt sich ihrer, nimmt sie auf mit Haut und Haaren.
Ihre Begegnung mit Ungarn, mit ihrer großen Verwandtschaft, ereignet sich erst bei der Beerdigung ihrer Großmutter. Da war sie elf oder zwölf Jahre alt. Die Großmutter war dagegen gewesen, dass Vater Péter in den Westen ging – und Péter befreite sich mit dem Grenzübertritt, ließ sein ganzes bisheriges Leben hinter sich, schrieb nie mehr in die alte Heimat.
Klara stellt sich im Laufe der Jahre vor, wie die Menschen 1956 flohen, was sie durchgemacht hatten; doch ihr Vater äußert sich dann doch einmal dazu, es sei keine Massenpsychose gewesen, es hätte sich einfach ereignet. Nur ihre Mutter Zsuzsa bemerkt, dass sie damals mit nichts als einer Zahnbürste in den Westen gekommen sei.
Nach dieser ersten Begegnung setzt Klara alles daran, Ungarisch zu lernen. Von ihren Eltern, die bereits seit Jahren getrennt leben, erfährt sie keine Hilfe. Allein lernt das Mädchen in Abendkursen Ungarisch. Vor dem Abitur stellt sie sich einer Sprachprüfung. Alle die anderen Migrantenkinder sprechen hervorragend Ungarisch, hoffen, sich mit einer hohen Punktzahl ein besseres Abitur zu ergattern, lesen aus berühmten literarischen Werken. Nur Klara hat nichts als ihr Sprachbuch: „Wir lernen Ungarisch“. Trotzdem gibt ihr der Prüfer, wohl gerührt über ihre unbedingte Entschlossenheit, die nötige Punktzahl. – In der Folge besucht sie Dichterlesungen, sieht sich ungarische Filme an, setzt alles daran Ungarin zu werden. Mit 24 Jahren, bereits Studentin an der Sorbonne, reist sie nach Buda

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