Rezension: Kinsky, Esther – „Aufbruch nach Patagonien“

 Matthes & Seitz Berlin 2012
ISBN 978-3-88221-585-4
Bezug: Buchhandel, Preis: 17,90 Euro

„Aufbruch nach Patagonien“ ist der zweite Gedichtband von Esther Kinsky, die sich mit ihren vorherigen Veröffentlichungen in poetisch und eigentümlich schlichter Sprache tief in die Seele ihrer Leser hineingeschrieben hat. Ebenso wie in dem vorhergegangenen Lyrikband „die ungerührte schrift des jahrs“ durchdringt sie auch in diesen Gedichten leise schwebend und dennoch zuweilen rau Landschaften, Lebewesen sowie insbesondere die im Wechsel der Jahreszeiten erfahrene Natur. Dies geschieht mit Hilfe eindringlicher Bilder, denen ein besonderer Zauber zu eigen ist – so etwa, wenn die auf einer Apfelsinenkiste klavierspielende Nachbarin „ihr ganzes/ leben aus den schultern hinaus“ lachte, oder wenn der Sommer sinnlich erfahrbar wird:
„hier im schutz vor/ dem wind den sommer/ zu asche besprechen/ während der herbst schon/ im nahem schilf liegt/ und lauscht wie der sommer/ endet als schwarze/ narbe im feld.“
Unaufdringlich verleiht Esther Kinsky den Lebewesen und Dingen eine Aura und lässt größere Sinnzusammenhänge erkennen. Heimat, Sehnsucht oder Vergänglichkeit sind die grundsätzlichen Themen, die dabei hindurch schimmern: „Ein herz sich erfinden/ das an der ferne hängt/ diesen muskel/ im eigenen dunkel zum/ kompass ernennen“. Traumschön spiegeln sich diese Themen insbesondere auch in den Gedichten, die in dem zweiten der insgesamt fünf Kapitel unter dem Titel „Lektionen“ zusammengefasst sind und sich dem Schlaf und der Nacht zuwenden: „Was war es das uns/ am herzen lag/ so nah so nah zum/ greifen als wir schliefen?“ Von Engeln ist hier mitunter die Rede, die „vom wind gefleddert von nacht /und nebel zersaust“ erscheinen.
Werden in Esther Kinskys Gedichten generell viele Vogelarten erwähnt, so spielen die Raben in diesem Band eine besondere Rolle: Unter dem Titel „unterfünfraben“ ist ihnen ein eigenes Kapitel gewidmet. Die diesen Vögeln seit jeher in Sagen und Märchen zugesprochene Weisheit und Intelligenz bleibt auch hier nicht in unberührt:
„So/ klingt der brief aus der fremde/ an die hungrigen/ daheim: ihr/ wisst nicht/ ihr wisst/ nicht wie schwer/ die sprache der raben ist/ allen anderen/ tieren/ verschlägt es das wort.“
Fast scheint es, die Flugfähigkeit der Raben hebt die Lyrik dieses Bandes über die – von Esther Kinsky bislang in ihrer Prosa und Lyrik bevorzugte – Landschaft Mitteleuropas hinaus: „die hände am ruder am segel am tau im schlaf“ befindet sich ihre Lyrik jedenfalls vor dem „ungerührte(n)/ seuzfen der offenen see“ im Aufbruch nach Patagonien: „leeres Land“ – „das wird die Losung sein“
An einer Stelle ihrer Gedichte heißt es: „ein mageres Schriftchen von angebrochener vergangenheit steht jetzt im schnee ratlos. Unverhofft hinterlassen.“ Ein Bild, dass den Einband des schmalen Gedichtbandes – eine Federzeichnung auf weißem Grund – kennzeichnet.
Unverhofft hinterlassen, ein wenig ratlos und unnachahmlich schön; so mag man dieses Buch und seinen Inhalt gern in seiner Nähe haben.

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