Rezension: Heller, Lysann – „Die Paprikantin. Ungarn für Anfänger“

Verlag: Ullstein, 2008; ISBN: 978-3-548-26860-6
Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 8,00

Lysann Heller verbringt die Jahre zwischen 2003 und 2007 in Budapest und arbeitet dort als redaktionelle Mitarbeiterin „für Kultur, Soziales und kuriose Randerscheinungen” der deutschsprachigen Budapester Zeitung. Bevor sie ihre Reise im November 2003 antritt, hat sie sich kaum mit der Landesgeschichte und der Nationalsprache Ungarns auseinandergesetzt – die wenigen Erinnerungen an die am Plattensee verbrachten Familienurlaube zu DDR Zeiten gelten lediglich dem Verzehr des ersten Hot-Dogs oder dem Kauf einer Sonnenbrille.
Ihre Erfahrungen, die sie während ihres vierjährigen Aufenthalts in Budapest – aber auch in anderen Gebieten Ungarns macht – vermittelt Lysann Heller in leichtem, lockerem und oft selbstironischem Ton und bietet dabei Ungarninteressierten einen vielseitigen Einblick in das Land. Dazu gehört sowohl die geopolitische Information, dass Ungarn zentralistisch aufgebaut ist und größere Städte wie Debrecen und Pécs als Peripherie bezeichnet werden als auch der Hinweis, dass die “dumpfen Glanz vergangener Pracht” ausstrahlende Andrassy ut nach dem Vorbild der Champs-Elysées gebaut wurde. Der Leser wird neugierig gemacht auf touristische Anziehungspunkte, wie beispielsweise das Kaffeehaus Müvész, in dem „Menschen auf den Spuren der subversiven Revolutionäre, hochsensible Dichter und stilvolle Bohemien” anzutreffen sind.
Immer wieder informiert die Autorin in Ansätzen über historische Hintergründe. so z.B. über den Vertrag von Trianon, die Geschichte der Donauschwaben oder die Schlachten gegen die Türken. Die Nationalfeiertage finden Erwähnung, ebenso das schwierige Verhältnis Ungarns zu Rumänien; nicht zuletzt geht Heller auch auf Ungarns Beitrag zur Wende 1989 ein.
All diese kurzen Informationen werden von der Autorin eingebunden in einen Erfahrungsbericht aus ihrem Berufs- und Lebensalltag; gewitzt und kurzweilig erzählt sie von ihren Begegnungen mit den Landsleuten und den kulturellen Eigenheiten des Landes. Dazu gehört die Beobachtung, dass „die Scharmgrenze der Ungarn allgemein weit unter dem deutschen Durchschnitt“ liegt, dafür Badeanzüge in der Sauna konsequent getragen werden. Wie gemütlich die Ungarn sein können, entdeckt die Autorin an den langen, schnellen U-Bahn Rolltreppen, auf denen nicht gedrängelt wird, sondern jeder einfach ‚rum steht‘. Nicht unerwähnt lässt die Autorin darüber hinaus sowohl das ’nicht existente Zeitgefühl‘ der Ungarn, das mit dauernden Verspätungen einhergeht als auch die in Ungarn verbreitete Schattenwirtschaft – nach dem Motto: „der ruft jemanden an, der jemanden kennt.“ Als typisch für die ungarische Mentalität betrachtet die Autorin eine schulterzuckende Schicksalsergebenheit: ‚Az élet nem habostorta‘ (deutsch: Das Leben ist keine Sahnetorte).
Auch die sozialen Missstände – auffällig hohe Anzahl von Obdachlosen und Rentnern an den Metrostationen – und Probleme wie Alkoholismus werden von der Autorin registriert. Nicht zuletzt greift Heller die schwierige Beziehung zwischen Ungarn und Roma auf, wobei sie den Ressentiments gegen Roma ihre eigenen positiven Begegnungen mit Roma-Kindern in einem Ferienlager entgegenstellt.
Unweigerlich führt insbesondere das Erlernen der ungarischen Sprache zu unzähligen Einblicken in das Land und ihren Eigenheiten. So entdeckt Heller beispielsweise, dass es „tausend verschiedene Varianten des Grüßens und Siezens älterer Zeitgenossen” gibt oder exotisch anmutende Verniedlichungsformen, wovon sich eine auf deutsch etwa mit ‚gernchen geschehen‘ übersetzen ließ. Nicht zuletzt führt das Sprachenlernen auch zu amüsanten Missgeschicken. Letzteres beispielsweise in der Konversation mit dem Hausmeister ihrer Wohnung über die nicht funktionierende Waschmaschine. Aber auch bei dem beabsichtigten Kauf eines Joghurts in einem Supermarkt: In der Vermutung, die ungarische Bezeichnung für das Wort ‚Joghurt‘ nicht ableiten zu können, greift sie zu einer großen Packung ‚Teijföl‘ (= saurer Sahne) – muss dann entdecken, dass sie es weit einfacher hätte haben können: Joghurt heißt auf ungarisch einfach ‚Joghurt‘!
Saure Sahne bleibt selbstverständlich nicht die einzige kulinarische Besonderheit Ungarns, deren Bekanntschaft die Autorin macht. Angetan hat es ihr ferner der ‚Túró Rudi‘ – ein Schokoriegel mit Quark, den sie als das ‚Aushängeschild der ungarischen Süßwarenindustrie‘ betrachtet. Weniger glücklich ist sie über die Hahnhoden, die sie bei den Eltern ihrer Arbeitskollegin serviert bekommt, und den Palinka zur Begrüßung findet sie zunächst auch gewöhnungsbedürftig.
Mit vielen Dingen und Menschen konnte sich die Autorin anfreunden in Ungarn, vieles blieb der Autorin aber auch fremd– wie sie selbst in einem Interview mitgeteilt hat. Unabhängig davon ist sie in jedem Fall dem Charme der Stadt Budapest spürbar erlegen, egal ob es dort „vorwiegend nach Staub, Hundekot und Abgasen” riecht und das Fahrradfahren „mit negativer Energie und Angsthormonen verbunden” ist, denn:
„Bei Sonnenuntergang oder nachts über die Brücken zu fahren, ist unsagbar schön.”

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