Rezension: Török, Imre – „Insel der Elefanten“

Roman
Verlag Pop, 2010
ISBN: 978-3-937139-91-3
Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 19.90

Mit großem Vergnügen habe ich diesen Roman gelesen. Seit seinem Erstling „Butterseelen, mit Hölderlin und Hesse in Tübingen“, legt Török jetzt einen ausgewachsenen Roman vor: Unterhaltsam, spannend und tiefgründig, voll Ironie, Witz und philosophischem Tiefgang, wie wir das bereits von ihm gewohnt sind. In diesem Roman gehen die Protagonisten auf die Suche nach Sinn und Werten, nach einer Heimat, die nicht nur die geografische ist. Gleichzeitig wird die Macht der Erinnerung beschworen; der Autor widmet seinem Vater András von Szendrő eine wunderbare Hommage, in der sich Dichtung und Wahrheit eng ineinander verflechten, Rückblenden aus tatsächlicher und magischer Erinnerung blättern vor uns das Leben des jungen Mannes Bandi, den Dichter romantischer Liebesgedichte, den späteren Agronomen und Diplomaten auf, während gleichzeitig die wichtigsten Eckdaten des menschenverachtenden 20. Jahrhunderts ablaufen, die gemeinsame und sich überschneidende Geschichte Ungarns und Deutschlands. – Immer wieder streut Török kleine Exkurse über Unterschiede der deutschen und ungarischen Sprache ein, baut Verständigungsbrücken zwischen beiden Ländern.
Zwei große Erzählstränge schlingen sich ineinander und überlagern sich zeitweise: Die Erzählung von Valentin und Ilona, die jetzt und heute leben, ihr Leben zu bewältigen suchen und sich auf einer Urlaubsinsel treffen – und die Erzählung vom Vater, die sich nach und nach aus den Erinnerungen des Sohnes herausschält.
Valentin liebt die sonnendurchflutete Insel umgeben von lichtblauem Meer, von der ihm Ilona vorgeschwärmt hatte. Die vergangenen Monate hatten ihm übel mitgespielt; er trinkt zu viel, befindet sich in einer Sinnkrise und fragt sich, ob das alles am Ende mit Ilona zusammenhängt. Viele seiner Fragen könnte eine Person beantworten, sein Vater. Doch dieser hat sich ihm entzogen, als er vor 20 Jahren in den Armen seines Sohnes starb, und ihm anscheinend nichts hinterließ, als ein gut nach ihm riechendes Hemd. Hier auf der Insel bedrängen Valentin die Erinnerungen fast lebensbedrohlich. Wider Erwarten beginnt er Notizen zu machen – und hat doch Angst vor dem, was dabei herauskommen könnte. Geplant war eigentlich ein unbeschwerter Urlaub mit der langjährigen Freundin Ilona. Aus einer kollegialen Beziehung war eine heftige Liebe geworden, die Valentin ein Jahr zuvor zugunsten seiner Familie abgebrochen hatte. An mysteriöse Erinnerungen, Bewusstseinsspalten, die sich unvermutet auftun, Begegnung mit einer anderen, magischen Welt, die Valentin immer mehr in ihren Bann saugt, hat niemand gedacht. Ungeordnet fallen ihm Episoden ein, tatsächliche Erinnerungen mit und an seinen Vater Bandi, aber auch solche, die sich als geistige Schau in ihm zusammenfügen. Valentin versteht sich selbst nicht mehr. Von Natur aus sieht er sich eher nüchtern, naturwissenschaftlich orientiert. Fast wütend redet er sich und Ilona ein, dass es kein Jenseits geben könne. Deshalb zieht er (vorerst noch) die platte Realität vor. Selbstironisch und zynisch beschimpft er sich als ausgebrannten Suffkopf, als haltlosen Trinker. Ilona ist erschrocken über seinen miserablen Zustand, doch auch sie lässt sich durch sein äußeres Gehabe in die Irre führen. Mit ihr unterhält er sich zunehmend in der Sprache seiner Kindheit, ungarisch. Beide haben ihre Kindheit, Valentin auch seine Jugend, in Ungarn verbracht – er hieß dort noch Bálint – beide leben und arbeiten seit Jahren in Deutschland.
Ilona Arany, die Freundin und einstige Geliebte, versucht ebenfalls, Ordnung in das Gefühlschaos ihres Lebens zu bringen. Sie redet sich ein, die Sache mit Valentin sei vorbei; doch ihre Reaktionen auf seine Ironie, Anzüglichkeiten und seinen unwiderstehlichen Charme sprechen eine andere Sprache. Ihr geht es anfangs nur um ihr eigenes Beziehungsdrama und um die Frage, wie sie in Zukunft ihrem früheren Geliebten begegnen könne. Die Sache mit Valentins Vater findet sie zwar interessant, doch ihr augenblickliches Leben interessiert sie mehr. Nach und nach wird auch sie immer mehr in den Bann der Erinnerung um den Vater gezogen. Selbst ihre eigenen Auftritte im Roman drehen sich, von Anmerkungen abgesehen, zunehmend um den Verstorbenen, bis die Geschichte in der zweiten Hälfte des Romans wieder in die Jetzt-Zeit kippt. Beide Protagonisten erzählen abwechselnd aus ihrer Sicht, wobei sie die Ich-Erzählung mit der Vater-Geschichte verknüpfen.
Der andere Erzählstrang ist die Elefantengeschichte, wobei die Dickhäuter mit ihrem kolossalen Gedächtnis für die Erinnerung stehen, die nichts vergisst, sich an kleinste Einzelheiten erinnert. Elefanten tauchen immer wieder auf, wenn Valentin an seinen Vater denkt. Die Insel wird zum Ort eines magischen, umfassenden Welt-Gedächtnisses, das auch noch nach der Rückkehr von dort anhält.
Valentin fühlt sich einsam; hat Sehnsucht nach seinem Kinderland Ungarn. Der Vater, mit dem er über alles sprechen könnte, fehlt ihm mehr und mehr. Doch je intensiver der Sohn sich mit der Person des Vaters beschäftigt, umso mehr muss er erkennen, dass dieser immer bei ihm war, ein Teil seines Selbst ist. Die Erinnerungen überfallen ihn ungeordnet, kreuz und quer, Gedanke schließt sich an Gedanke, macht einem neuen Platz, fließt wieder zurück. An vielen Enden werden die Gedankenfäden aufgenommen. Ilona möchte dem verunsicherten Freund helfen, ermuntert ihn, die Geschichte des Vaters in den Laptop zu tippen, verspricht auch, zu helfen.
Valentin erinnert sich an das Sterben seines Vaters, an ihre Gespräche kurz vor seinem Tod, an Vaters Vergangenheit, der aus politischen Gründen die Heimat verließ und im neuen Land viele Demütigungen hinnehmen musste. Die Gedanken des Sohnes wandern zum menschenwürdigen Sterben überhaupt, krallen sich fest an der Feigheit von Vaters dritter Ehefrau, die es nicht wagte, ans Totenbett zu kommen, wandern weiter zu einem Lichtstreif an der Wand des Sterbezimmers, auf dem nach dem Tod des Vaters eine lange Reihe Elefanten hintereinander hergeht, große und kleine: die Felder der Erinnerungen eines Lebens. Nun sind diese Erinnerungen frei und Valentin kann sich ihrer bemächtigen.
Bálint-Valentin sieht sich als kleinen Bub auf dem Schoß des Vaters sitzen und einen Fotoband über die Weltgeschichte der Geografie anschauen, er sieht sich im Schwimmbad auf den Vater zurudern sicher in seinen Armen aufgefangen. Aus den ungeordneten Erinnerungsfetzen und inneren Erlebnisbildern setzt sich nach und nach die Geschichte des Vaters zusammen: 1909 als Spross einer alten ungarischen Adelsfamilie geboren, mutterlos in Eger aufgewachsen, zunächst in der Obhut eines zynisch-egomanen Vaters, der ihn fast an einen Onkel verkauft hätte. Der Vater, heiratet wieder, Valentin-Bálints später heißgeliebte Mamóka, die sich um den jungen Bandi kümmert. Dieser besucht das Gymnasium, studiert Argrarwissenschaften und bereitet sich auf eine Karriere als Diplomat vor, obwohl er eigentlich hatte Dichter werden wollen. Seine, schüchtern den bewunderten Zeitgenossen Márai und Szerb, vorgelegten Ergüsse lassen ihn diesen Vorsatz vergessen. Eigentlich hatte er auch seine geliebte Marie, die Enkelin seines Dorfschullehrers heiraten wollen, aber von ihm wurde eine standesgemäße Heirat erwartet. Er beugt sich; die Ehe wird bald wieder geschieden. Eigentlich hatte er in der Puszta arbeiten wollen – dort war er in seinem Element – aber er wird als Diplomat nach Berlin geschickt. Hitler ist schon an der Macht, aber niemand kann sich vorstellen, dass ein Kulturvolk wie die Deutschen, auf seinen Hass und Rassenwahn hereinfallen. Ein folgenschwerer Irrtum. Seinen dreißigsten Geburtstag feiert Bandi in Berlin. Dort erreicht ihn die Nachricht, dass seine Marie geheiratet hat. Der Krieg bricht aus, nur wenige Jahre später stirbt Marie. Der junge Diplomat ist verzweifelt, spielt mit Gedanken an Selbstmord. Zuvor will er sich noch um einen ungarischen Landarbeiter kümmern, der ins Lager Buchenwald verschleppt worden ist. Er ist angewidert vom zynischen Verhalten des Lagerarztes Hoven; als Diplomat weiß er bereits um die sogenannten „Arbeitslager“ und den Vernichtungswahn der deutschen Regierung. Fast wie in Trance lässt er sich zu einer Aufführung des Staatstheaters in Weimar mitnehmen. Er ist zutiefst verunsichert und melancholisch, eigentlich will er sich immer noch umbringen, doch das Schicksal greift ein in Form eines Seidenfadens aus dem Schal der gefeierten jungen Primaballerina Sophie la Bendola. Er verliebt sich in sie; das Ende des Krieges bricht in Berlin über sie herein. Bandi will die geliebte Frau retten, fälscht einen Pass, der sie als seine Ehefrau ausgibt, um ihr das Schicksal anderer junger Frauen zu ersparen. Von den Siegern werden sie mit den Angehörigen verschiedener Botschaften in ein Internierungslager nahe Moskau gebracht, ein halbes Jahr später, Ende 1945, im Viehwagon nach Ungarn zurückgeschafft. Der Vater ist 36 Jahre alt. In Ungarn können sie endlich heimlich heiraten. Der wirkliche Leidensweg des Adeligen beginnt: Titel und Besitz werden ihm genommen, von seinen Landsleuten wird er in stalinistische Gefängnisse gesteckt und gefoltert. Das beschäftigt ihn bis an sein Lebensende sehr: Dass ihn die eigenen Landsleute gefoltert haben! Ergreifend sind die Passagen über den Vater, der aus dem Jenseits zu seinem Sohn spricht, was ihm gefehlt hat, damals als er im Gefängnis drangsaliert und gefoltert wurde, er aber doch der Stärkere blieb, weil es ja nichts zu gestehen gab. Die junge Familie, mit Bálint und seiner jüngeren Schwester, lebt sehr beengt, der Vater ist ständig dabei etwas zu „organisieren“, um alle mit dem Nötigsten zu versorgen. Er trocknet Tees, züchtet Seidenraupen. Als sich Valentin an diese Zeit erinnert, wird ihm bewusst, wie sehr Vater ihm damals gefehlt hat; da er häufig „unterwegs“ war, um etwas zu organisieren, oder verhaftet im Gefängnis. Anfang der 60er Jahre emigriert die Familie nach Westdeutschland. Zwanzig Jahre hatte die Ehe mit Sophie in den Grausamkeiten der kommunistischen Diktatur gehalten, nun in der Freiheit zerbricht sie. Die Ehe wird geschieden, Bandi heiratet ein drittes Mal. Vater und Sohn sind sich weiterhin nahe – und doch verliert Valentin seinen Vater aus den Augen, bis zur Todesstunde.
Török füllt diese Daten mit Leben, reichert sie mit Ereignissen und Episoden an, so dass ein ganzes, ein buntes Leben vor uns entsteht: Das Leben eines starken Mannes, wenn es darum ging, seine persönlichen Überzeugungen zu verteidigen, seiner Familie zu dienen, sie zu bewahren, der aber schwach und zögerlich handelte, wenn es um sein eigenes Glück ging. Nur einmal hat er beherzt zugegriffen, als er Sophie mit sich nahm. Valentin ist dankbar dafür, dass es ihn so gibt, wie es ihn gibt. „Das Leben ist schön“.
Im Laufe der Erinnerungen an den Vater beschäftigt sich Valentin mit philosophischen Fragen, versucht sich darüber klar zu werden, wie er zu Ilona steht, wie er sein Leben weiter gestalten will: „Gottsuche ist Informationssuche. Uneingeschränkt. – Wahre, wissensdurstige und gläubige Schöpfungssuche hat es seit Menschengedenken gegeben. – Vater, ich danke dir, dass du mich verleitet hast, nach dir zu suchen. Denn nun weiß ich wieder, an welchen Metaphern feiner Abstimmungen, an welchen Fantasien ich mich wahrlich glücklich saufen möchte“. Zu einer aktiven Umsetzung kommt es nicht mehr; denn Ilona muss den Freund lebensgefährlich verletzt in einer Bucht finden. Tagelang hatte er sich nicht mehr sehen lassen. Nur anhand seiner Eintragungen in den Laptop konnte Ilona sehen, dass er immer wieder gearbeitet hatte. Als es möglich ist, nimmt sie ihn zu sich in ihre Wohnung an den Bodensee. Dort sitzt der wiedergeborene Valentin und tippt in seinen Laptop. Denken kann er, sprechen noch nicht, aber die Erinnerung ist glasklar: In der letzten Nacht geschieht ihm das erwartete Wunder der Erkenntnis: „In Wellen, glitzernd aus himmlischem Lametta purer Information, erschien die Mondgöttin Isis“. Sie gibt ihm Antwort auf seine Lebensfragen: „Liebe muss nichts, … sie ist – und wenn wir in der Liebe überhaupt etwas erproben, dann nur unsere brennende Geduld“. Und weiter: „Ich sah … unzählige ineinander fließende Gestalten…Ich erkannte darin Ilona ebenso wie die Marie meines Vaters, ich erblickte meine Mutter Sophie …“. Dann wandern wieder Herden von Elefanten, die ihn mit dem Blick seines Vaters ansehen: Sein Leben, seine Gedanken und Erinnerungen.
Wer sich weiter für das spannende und berührende Schicksal von Imre Töröks Eltern interessiert, dem sei das biografische Buch seiner Mutter Gerti Michaelis Rahr: „Der Vorhang fiel – Lebenswege einer Künstlerin durch drei Diktaturen“ empfohlen. Sie schildert die Zeit ihrer Begegnung mit Bandi und ihr weiteres Leben aus ihrer Sicht als Künstlerin und Ungarin wider Willen.
Das Buch ist erschienen im demand verlag, 2004. ISBN: 3-935093-33-0.

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