Rezension: Bódis, Kriszta – „Artista“

Roman
Aus dem Ungarischen von Christina Kunze
Verlag Voland & Quist, 2009; ISBN: 978-3-938424-40-7
Originaltitel: Artista, 2006
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 19.80

Sehr direkt lässt Kriszta Bódis ihre Figuren zu Wort kommen: Jeder spricht für sich, „entlarvt“ sich selbst. Dazwischen teilt eine Erzählstimme mit, was wichtig und den direkt Betroffenen vielleicht entgangen ist. Es geht um den Leidensweg eines Heimkindes, das mit knapp 14 Jahren durch einen Unfall stirbt. Ein Jahr danach spricht die junge Psychologien noch einmal mit allen: Es kommen Freunde, Eltern, Bekannte, die Heimleitung, die Betreuer, die Erzieher zu Wort. Jeder wiegelt ab, die Geschichte ist ja schon ein Jahr lang her. Niemand fühlt sich schuldig – und wenn überhaupt, war es die wilde Ausreißerin selbst! Alle geben sich zuerst verständnisvoll, doch keiner hatte in entscheidenden Momenten Hilfestellung gegeben, versucht, das Mädchen wirklich zu verstehen. Alle sprechen nur von sich selbst und ihren Problemen. Wie ausgegrenzt das Kind war, zeigt, dass sie von allen nur mit ihrem Nachnamen „Pickler“ angesprochen wird. Ihren Vornamen erfährt der Leser kein einziges Mal. Mit diesem Roman führt uns Bódis beklemmend direkt und nah in die Lebenswelt sozial benachteiligter Menschen ein.
Die einzelnen Kapitel sind jeweils mit dem Namen des Sprechenden überschrieben. Im Ton passt sie sich genau ihren Erzählfiguren an. In diesem Zusammenhang muss die Übersetzung von Christina Kunze gewürdigt werden: Sie versteht es, die ungarische Umgangssprache kongenial ins Deutsche zu übersetzen.
Nach und nach erfährt man Artistas Geschichte, ein einziger Überlebenskampf. Die Mutter, ein verträumtes junges Mädchen, sensibel und etwas hysterisch, bekommt ein Kind, als sie noch gar nicht reif dafür ist. Als sie im Krankenhaus lieblos behandelt wird, verlässt sie die Klinik verwirrt und von Schmerzen geplagt, ohne Kind.
Schon vor der Geburt hatte sie sich mit einem anderen Mann, Kálman, eingelassen, kehrt aber für kurze Zeit zum Vater des Kindes zurück, der die Frau, die er als Nutte beschimpft, kurz darauf vor die Tür setzt.
Das Kleinkind wird schon mit zwei Jahren zum ersten Mal ins Heim abgeschoben – der sogenannte Stiefvater ist eifersüchtig, zwingt die Mutter das Kind zu vernachlässigen. Als sie 7 Jahre alt ist, schließt er Mutter und Tochter aus, sie übernachten für eine Nacht unter der Brücke. Danach bringt die Mutter sie ins Heim, was sich als wahre Katastrophe und Tragödie herausstellt. Das Kind ist wild und ungebärdig, nimmt von da an jede Gelegenheit zur Flucht wahr. Der leibliche Vater sinkt allmählich in Alkoholismus und wird obdachlos, holt die Mutter einmal die Tochter, sperrt der Stiefvater sie ein, behauptet, sie sei nicht zu bändigen. Wie sich aus späteren Erzählungen herauslesen lässt, missbraucht er das Mädchen auch. Immer ist das Mädchen, von allen nur Pickler genannt, auf der Flucht. Eigentlich möchte sie von ihrer Mutter Liebe und Geborgenheit bekommen, aber wenn sie bei ihr ist und ihre alkoholabhängige, unselbständige, hysterische und kindliche Mutter und deren Lebensgefährten erlebt, haut Pickler entweder wieder ab – oder benimmt sich so ungebärdig, dass Mutter und Stiefvater behaupten, nicht mit ihr fertig zu werden und sie wieder ins Heim zurückschicken. Als das Mädchen älter wird, kehrt sich das Ganze sogar um, Artista sieht ihren ganzen Lebenssinn darin, die Mutter zu beschützen. Der leibliche Vater hat inzwischen seinen ganzen Besitz in Alkohol umgesetzt; auch er endet auch unter der Brücke, gibt sich aber immer noch gern als bildungsbeflissener Mann.
Bald stellt sich heraus, dass das Kind ungeheuer gelenkig ist, kein Fenster zu hoch, keine Wand zu glatt ist, um hinaus zu kommen. Es liebt die artistische Bewegung und versteht es, sich in seiner Fantasie aus dem Körper herauszuschwingen.
In verschiedenen Heimen lernt Pickler Leidensgenossen kennen, raucht, trinkt, nimmt Drogen, „wohlmeinende“ Erzieher, die sich „verständnisvoll“ zeigen, missbrauchen sie.
Judith, die junge Psychologin, ist die einzige, die im Buch nicht selbst zu Wort kommt, doch schon recht bald glaubt der Leser sie zu kennen, aus Fragen und Antworten der Befragten. Die Figuren sind alle keine sympathischen „Helden“, nicht einmal Judit, die als Psychologin nicht gelernt hat, sich außerhalb zu stellen, um wirklich helfen zu können.
Der Stiefvater gibt sich als einfühlsamer Ehemann, doch im weiteren Monolog zeigt sich der Macho, auf dessen Betreiben hin das kleine Mädchen ins Heim abgeschoben wurde. Sie störte bloß. Die Freunde finden die Kameradin zwar „voll in Ordnung“, aber auch verrückt und total daneben. Die Heimleitung tut so, als seien ihr die Hände gebunden, sie müsse sich schließlich an Gesetze halten, der eitle Erzieher nutzt das Verhältnis auch sexuell aus, indem er erst ein Vertrauensverhältnis schafft, indem er den Eindruck vermittelt, dass man sich ernsthaft mit ihm unterhalten kann – doch dann schwadroniert er nur über sich selbst als verkannter Künstler, blendet mit seinen materiellen Erfolgen, um dann die Abhängigkeit der Mädchen auszunutzen. Auch die Polizei zwingt das Mädchen und ihre ältere Freundin, eine angedrohte hohe Geldstrafe abzuverdienen und überlässt die beiden einem Wachtmeister, wahrscheinlich um als Voyeur dabei zu sein.
Wenn das Mädchen Pickler selbst zu Wort kommt, erfährt der Leser, wie viele Gedanken sie sich um alle, besonders um ihre Freunde macht. Die Erwachsenen kann sie nur zum Teil durchschauen, immer wieder fällt sie auf oberflächliche Freundlichkeit und zur Schau getragenes Verständnis herein. Aber was in ihren Freunden vorgeht, in welchen Abhängigkeiten sie zu anderen Menschen stehen, und vor allem Alkohol und Drogen gegenüber, das sieht sie sehr klar. Sie weiß auch, dass sie sich selbst immer tiefer in die Ausweglosigkeit manövriert, doch ihr Freiheitsdrang ist überwältigend. Nirgends hält sie es lange aus, immer wieder muss sie abhauen. Es ist die Zeit einer Heranwachsenden, in der sie den Drang verspürt, sich unbedingt selbst zu verwirklichen, sich gegen andere, besonders gegen die Erwachsenen ab- und durchzusetzen, selbst wenn es zum eigenen Nachteil geschieht. Weit und breit gibt es niemanden, der das mit ihr bespricht, der ihr und den anderen Heimkindern ehrliches Verständnis entgegenbrächte.
Keiner der Erwachsenen weiß, was er angerichtet hat und will es auch nicht wissen. Man merkt es schon an ihren Ausreden. In ihren Augen ist eigentlich ganz allein das Mädchen Pickler schuld – sie hat sich selbst alles zuzuschreiben; denn wäre sie nie ausgerissen, hätte nie angefangen Drogen zu nehmen, zu rauchen, zu trinken, sich mit Jungen und Männern einzulassen, wäre auch nichts passiert.
Auch Jáno, 17, ein Freund aus dem Heim glaubt, er könne, wenn er nur wolle, vom Stoff loskommen, er will nicht, dass seine kleine Tochter, die er mit der 5 Jahre älteren Kati hat, in dieses Milieu kommt, doch das lässt sich fast schon voraussagen; denn auch Kati ist schwer drogenabhängig. Schwer verständlich ist, dass sich die junge Psychologin zu diesem einerseits überheblichen Macho, andererseits den Muttertyp suchenden Jungen, sexuell hingezogen fühlt.
Die Jugendlichen im Heim sind nicht wirklich solidarisch, das sieht nur so aus. Wenn sie die Möglichkeit haben, an Geld zu kommen, um Drogen kaufen zu können, gilt der Freund nichts mehr. Nicht nur in der Welt der Erwachsenen wird viel geschlagen. Auch die Jungen glauben sich mit Brutalität Recht verschaffen zu können, die Oberhand zu gewinnen. Es ist klar, allen diesen Kindern und Heranwachsenden fehlt ein geborgenes Elternhaus. Andererseits sind auch die Eltern allesamt Unglückliche, entweder, weil sie selbst durch Schicksalsschläge oder Veranlagung abgerutscht und, wie die Eltern von Pickler, ganz unten sind, oder weil ihre Kinder in schlechte Gesellschaft kamen, aus der sie nicht mehr herausfinden. Erschwert wird die Situation durch überhebliche unsensible Erzieher und ein System, das das Herauskommen aus diesem Milieu fast unmöglich macht.
Allein bei den Zigeunern, die selbst an den Rand der Gesellschaft geschoben werden, weil niemand ihre Riten und Kultur verstehen will, fühlt sich das Mädchen zeitweilig aufgenommen. Hier wird sie bewundernd „Artista“ genannt. Dieses kurze Glück endet leider mit dem Tod der Großmutter, die sie gern als Schwiegertochter gesehen hätte. Artista zieht sich zurück, als sie merkt, dass ein anderes Zigeunermädchen sich in den Sohn Nikolo verliebt hat.
Der absolute Tiefpunkt ist erreicht, als entschieden wird, dass Pickler in ein Erziehungsheim abgeschoben werden soll, wo die Freiheiten noch mehr beschnitten sind. Noch ein Mal will sie sich mit einer Freundin an einem Strommasten treffen. Der schmierige Erzieher, Mister D., fängt sie jedoch vorher ab, gibt zu, mit einem Zuhälter gemeinsame Sache zu machen und möchte sie an sich ziehen. Die Freundin kommt jedoch dazu – Artista steigt auf den Strommasten und fällt vom Schlag getroffen herunter. Es ist nicht klar, ob sie den Tod gesucht hat, nachdem Mister D. hat durchblicken lassen, dass sie abgeschoben wird, ob er letztes Vertrauen verspielt hat, ob das Mädchen fürchtet von Mister D. schwanger zu sein, oder ob es tatsächlich ein Unfall war, weil Artista sich immer wieder vorstellen konnte, aus ihrem Körper heraus zu fliegen. .Das Buch beginnt nämlich mit dem Zitat: „Was tust du?“ – „Ich versuche zu fliegen.“ – „Glaubst du, Menschen können fliegen?“ – „Menschen nicht. Aber ich.“ Das wirklich Beklemmende ist, dass sich solch eine Tragödie nicht nur im fernen Ungarn oder sonst wo abspielen könnte, sondern auch bei uns, wo alles so „aufgeräumt“ erscheint.

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