Rezension: Schlag, Evelyn – „Die große Freiheit des Ferenc Puskás“

Roman
Verlag Zsolnay, 2011
ISBN: 978-3-552-05516-2
Bezug: Buchhandel; Preis: 19,40 Euro

Evelyn Schlags Roman verbindet das Leben zweier Männer zwischen dem Ungarischen Volksaufstand 1956 und 2008. Zur Erleichterung für den Leser haben die Kapitelüberschriften Monatsnamen und Jahreszahlen; denn Geschichte und Personen wechseln manchmal abrupt.

Ein Prolog führt in die Problematik ein: Eine Familie auf der Flucht. Der Vater István, Pischti, voraus, dann der elfjährige László, Laci, der sich vor russischen Mördersoldaten ängstigt und dahinter die Mutter Etelka, Etti. Sie gelangen über die grüne Grenze nach Österreich; ihr Leben im Exil beginnt. –

Im Mai 2008 lernen sich zwei Männer an einer stillgelegten Tankstelle nahe Wien kennen. Rechtsanwalt Dr. Valentin Görtz hat gerade seine Geliebte, Katharina, zum Flughafen gebracht. László Földes, Ungar, geboren 1946, ist 1956 mit seinen Eltern über die grüne Grenze geflohen. Seine Fragen und Antworten wirken seltsam verwirrt, doch im Laufe der Geschichte wird dem Leser klar, dass er Deutsch nur zu gut kann. Er legt den tieferen Sinn der Wörter, der Sprache bloß.
Schon gleich bei der ersten Begegnung blitzt eine zweite Ebene hinter der vordergründigen Geschichte auf: Als Görtz sich vorstellt, reagiert Földes sofort. Er scheint die Familie zu kennen, den Geburtstag der geschiedenen Frau, den Beruf des Vaters, Rechtsanwalt i. R.. Er deutet den Selbstmord seiner Mutter an – das Treffen scheint kein Zufall zu sein. Wider Willen ist Valentin Görtz wie elektrisiert und möchte herausbekommen, was sein Vater mit der Familie Földes, Földesch, mit dem Selbstmord „der kleinen Ungarin“ zu tun hat.
Die Kapitel von 1956 – 1975 stellen uns mitten ins Leben der Exilantenfamilie Földes. Dazwischen verknüpft die Autorin verschiedene Fäden mit Mai 2008, der Begegnung und den weiteren Treffen der beiden Männer, der Lebenssituation von Görtz, seinem Verhältnis zur viel jüngeren Katharina, Regisseurin am Schauspielhaus Zürich. Auch sie kommt in Földesch’s Vergangenheit vor.
Zusammengefasst schält sich ein Emigrantenschicksal von Flucht und nur teilweise geglückter Integration heraus:

István Földes gerät durch Zufall in einen Zug von Demonstranten beim 1956er Volksaufstand, der auch in Mosonmagyaróvár, nahe der österreichischen Grenze, ausbricht. Er läuft mit, obwohl er Angst hat, wird ohne sein Zutun in der Menge nach vorne gespült, schreit mit, schreit seine Wut heraus, als sie zum Rathaus und zu den Kasernen marschieren. Dort schießen ohne Vorwarnung ungarische Soldaten in den Zug. Seine mitmarschierenden Kameraden werden zum Teil tödlich getroffen, er selbst wird mit Verwundungen ins Krankenhaus gebracht. Als sich dann zeigt, dass sich der Freiheitstraum in Nichts auflöst, dass die Revolution nicht gewonnen werden kann, ist es für die Familie klar, dass sie fliehen muss. István würde verurteilt als Konterrevolutionär und Sohn Laci würde in Ungarn keine Chance mehr haben als Sohn eines Verurteilten. Mit einem Empfehlungsschreiben und der Bitte seines Schwiegervaters in der Tasche, der Familie in der Bundesanstalt für Milchwirtschaft (im fiktiven) Wickendorf, einem Ableger des Betriebs von Mosonmagyaróvár; Arbeit zu geben, können sie dort auch bald Fuß fassen. Nun könnte eine glückliche Integration in der Fremde beginnen. Doch eigentlich bringt die Flucht keinem der drei Auswanderer Glück: István kann die deutsche Sprache nur sehr schwer und ungenügend lernen. Aus dem fleißigen Handwerker wird hier ein fleißiger Hilfsarbeiter, ständig abhängig von der Gunst des Institutsdirektors Weitmann. Ohne Ungarisch ist Pischti „kein Mensch“. Etelka hat zwar ihre roten Pumps mitgenommen, die ihr Pflicht zu Hoffnung und Glück sein sollen, doch auch sie findet nicht in ein normales Leben. Dabei hätte sie die größten Chancen gehabt. Ihre Mutter ist Ungarndeutsche, daher spricht und schreibt sie die neue Sprache ohne Schwierigkeiten. Sie gleicht einer Traumtänzerin, zwischen den Anforderungen, die das neue Leben an sie stellt und ihren Wünschen. Sie gibt sich als die Starke, steuert die Familie. Sie schaut, dass ihr Pischti sich allmählich in eine dauerhafte Stelle hocharbeitet und Laci richtig Deutsch lernt. Sie allein hat eine feste Stellung in der Kanzlei des Betriebs. Und ausgerechnet sie verguckt sich in den weltmännisch wirkenden Direktor, einen „Weiberer“, einen Frauenhelden. Etelka wagt es sogar, sich ein gemeinsames Leben mit ihm vorzustellen. Früher „hatte Pischti alles richtig gemacht“, doch auf einmal geniert sie sich, wenn er in seiner Arbeitskleidung auftaucht, schlecht Deutsch spricht, abhängig ist von den Anweisungen des Direktors.
Von ihr hat Laci das Traumtänzerische geerbt. Mit Karl May und der Sportzeitung lernt er Deutsch, träumt sich in Heldensituationen, in denen er es den Russkis so richtig zeigen kann. Besonders Fußball interessiert ihn; sein Held ist Torkönig Ferenc Puskás, der die Ehre Ungarns verteidigt hat. Dem Jungen glückt, trotz grammatikalischer Fehler, ein Aufsatz über seinen Helden. Dieser Aufsatz wird zum Kernstück des Romans. Drollig in der Diktion des ungarischen Emigrantenkindes erzählt er die Geschichte des großen Fußballhelden mit seinem goldenen Fußballbein, der alle Fußballspiele gewonnen hatte, außer dem legendären Spiel in Bern gegen Deutschland, 1954. Als zwei Jahre später die Revolution in Ungarn blutig niedergeschlagen wird, kehrt Puskás nicht in die Heimat zurück. Auf Druck des ungarischen Fußballverbands sperrt die FIFA alle geflohenen Nationalspieler. Als Laci seinen Aufsatz 1958 schreibt, war gerade die Sperre gegen Puskás wieder aufgehoben worden. Er hat nun die Freiheit, überall in der Welt als gesuchter Fußballspieler und Trainer herumzureisen, ganz anders als Familie Földesch, die der „Gnade“ des Direktors Weitmann ausgeliefert ist. Sie wollen nicht auffallen, sondern ankommen, gute Österreicher sein, sprechen nur hinter geschlossenen Türen und Fenstern Ungarisch, nennen sich Földesch. Auf dem Sohn ruhen Hoffnung und Ehrgeiz der Eltern. Er muss sich auszeichnen, studieren, soll einmal Institutsdirektor werden.
Im weiteren Verlauf des Romans wird Lacis Spiel mit der Sprache immer offenkundiger, er nimmt den Inhalt nur zu wörtlich, was bei seinen Gesprächspartnern Unsicherheit erzeugt, aber auch die Lust mitzuhalten.
Auch Valentin Görtz’ Geliebte, kommt ins Spiel: Das Kind Katharina suchte damals die Aufmerksamkeit des Ungarnbuben zu erringen. Er beflügelte ihre Fantasie; sie stellte ihn sich auf einem Pferd reitend vor: Wild und frei! Erst spät erfährt sie von den Gerüchten um Etelkas Selbstmord.
Földes sucht die junge Frau in Zürich auf, ebenso trifft er sich mit einem ehemaligen Praktikanten, einem Freund Valentins, den er von Wickendorf her kennt. Der erinnert sich, wie tüchtig László auf dem Gut gearbeitet hatte, wie auf ihm die Hoffnungen seiner Eltern ruhten, einmal Direktor des Instituts zu werden. Doch auch daraus wurde nichts; das Institut fiel dem europäischen Konkurrenzdruck zum Opfer und wurde „eingespart“.
1963 erhält die Familie die österreichische Staatsbürgerschaft. Laci ahnt vom Verhältnis seiner Mutter und des Direktors. In Gedanken beschimpft er seinen Vater, der so ahnungslos ist. Und 1964 ist er sich sicher. Zu einem Zeitpunkt, als Weitmann auch die Mutter bereits wieder hintergangen hatte – und sich mit einem (weiteren) geprellten Ehemann prügelt. Damals konnte Valentins Vater eine Anzeige abwenden. Kurz darauf muss sich Etelka das Leben genommen haben. Dass ihr Mann auch davon wusste, erfahren wir erst ganz zum Schluss, als Pischti am Grab seiner Frau, elf Jahre später, wie so häufig, mit ihr spricht, ihr alles erzählt. Er ist überzeugt, dass Etti alles sieht und weiß, dass sie sich einmal wiedersehen werden. Zwei Dinge wirft er sich vor, dass er sie nicht glücklich – und nicht eifersüchtig hatte machen können. Doch ein einziges Mal will er von ihr „hören“ – erfahren, dass auch sie Weitmann für einen Dreckskerl hält.
An diesem Tag erschießt sich der Direktor, aber nicht wegen Frauengeschichten, sondern weil er Geld veruntreut und Angst um seine Reputation hatte.

Bei einem letzten Treffen fassen Valentin und László die Geschichte noch einmal zusammen: Valentin: “Er hätte Achtung vor Ihrer Mutter haben sollen, bei ihrem Schicksal. Er hätte wissen müssen, dass er sie nicht aus der Bahn werfen durfte, dass sie Rücksicht auf ihre Familie nehmen musste.“ László: „Er hat meine Mutter veruntreut“.

Was den Roman so raffiniert macht: Alle Beteiligten, Leser, Valentin, László, wissen etwas, jeder hat ein paar Puzzlestücke der Geschichte vor sich: der Leser weiß, dass Familie Földesch hat fliehen müssen; Valentin erinnert sich, dass in der Kanzlei seines Vaters einmal von „einer kleinen Ungarin“ gesprochen wurde und vermutet, dass es sich dabei um Lacis Mutter handelte. Laci kennt natürlich seine eigene Geschichte, aber er will genau wissen, wie der Dr. Görtz sen. in den Fall mit verwickelt war. Auch Katharina, die den Ungarnbub als Kind, Jugendlichen und jungen Mann kannte und anhimmelte, kann einige Mosaiksteinchen beitragen.

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