Rezension: Howard, P. (alias Jenő Reich, später Jenő Rejtő) – „Ein Seemann und ein Gentleman“

Roman
Aus dem Ungarischen von Vilmos Csernohorszky jr.
Verlag: Elfenbein, 2008 ISBN: 978-3-932245-93-0
Originaltitel: Az elveszett cirkáló, 1938
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 22.00

Alle Zutaten für einen turbulenten Kriminal- und Abenteuer- Roman sind vorhanden.
Den Hintergrund bildet das mächtige englische Kolonialreich, bedacht auf Ehre und Treue seiner Untertanen in aller Welt.
Oberstes Gebot, alles, was seinem Ansehen schaden könnte, muss unbedingt verheimlicht werden. So auch diese Geschichte, über die, würde sie aufkommen, die übrige Welt bis in alle Ewigkeit lachte. Behauptet der Autor – und tischt sie uns auf:
Ein edler junger Mann begibt sich auf die Suche nach seinem verschollenen Bruder, der unschuldig als Mörder an seiner Geliebten verfolgt wird. Mit Hilfe einiger knorriger, in die Unterwelt abgerutschter Gestalten, denen Leben und Tod wenig gilt, begibt er sich auf die Suche. Es wird viel gerauft, gestochen und erdolcht, doch sie haben das Herz am rechten Fleck. Deshalb kann auch zum Schluss das Gute siegen. Obendrein gibt’s noch eine zarte Love-story.
Der Autor versteht es stilsicher, den Leser mitsamt seinen Helden vergnüglich und augenzwinkernd auf den Weiten des Ozeans durch Zyklone und Nebel zu schippern, in äußerst verzwickten und lebensbedrohlichen Situationen fast alleine zu lassen, dabei sarkastische Seitenhiebe auf jenes übertriebene Ehrgefühl des British Empire auszuteilen. Die Helden haben nicht nur Glück, sie sind auch mit einer gehörigen Portion Schlauheit ausgerüstet. Ihnen ist nichts Menschliches fremd – und erst recht nichts Unmenschliches. Auch der junge Mann lernt, wie es im wirklichen Leben zugehen kann – die Ganoven wenden sich, wenn auch nur vorläufig, einem redlicheren Leben zu – so lange, bis die Langeweile sie dem nächsten Abenteuer zutreibt.

Bei der Lektüre ist waches Mitdenken des Lesers unbedingt erforderlich; denn es
gibt nicht nur seltsame Vereinigungen wie die „Tischgesellschaft der Scharfrichter“, deren Kassenwart ein Mann mit dem sprechenden Namen „Krokodil“ ist, sondern auch genügend Verwicklungen, Missverständnisse und sprachliche Turbulenzen. Ein großes Lob auch dem Übersetzer: Sicher ist es nicht einfach, die ungarische Umgangssprache so amüsant umzusetzen.

Die Story:
Im Hafen von Piräus sucht ein junger Mann, ein richtiges Milchgesicht, nach seinem verschollenen Bruder, Thomas Leven, der zwei Jahre vor diesem Abenteuer noch Kapitän im Generalstab der englischen Marine war. Tom hat eine wichtige Erfindung gemacht, von der er nur seiner Geliebten erzählte. Als er merkt, dass sie ihn hintergeht, stellt er sie zu Rede, kurz darauf wird sie erstochen aufgefunden, der Kapitän des Mordes verdächtigt. Er flieht, die Erfindung beansprucht ein anderer Offizier.
Der jüngere Bruder macht sich auf die Suche nach ihm, und da die Erfindung der Kriegsindustrie Englands zugute kommen könnte, wird ihm ein Schutzpass für Tom ausgestellt, außerdem 50 000 Pfund versprochen, wenn er in England seine Erfindung zum Laufen bringt. Der Flüchtige ist angeblich in die Fremdenlegion in Burma abgetaucht. Rostig, ein junger Herumtreiber, rettet das Milchgesicht im Hafen aus den Klauen der Unterwelt, fühlt sich schnell als sein Beschützer und nennt ihn fortan „Bubi“. Zusammen suchen sie Rat bei verschiedenen „Gremien“ der selbsternannten Gesellschaften und Einzelgänger. Mit köstlichem Humor schildert Howard die einzelnen Charaktere der heruntergekommenen Helden. Ein Fälscher stattet sie mit neuer Identität aus. Mit dem ehemaligen Fregattenkapitän Fred Unrat und anderen zwielichtigen Gestalten gründen sie eine Aktiengesellschaft, deren Ziel es ist, Tom nach London zu bringen um die Hälfte des Preisgeldes zu kassieren. Zu viert fahren sie auf einem Luxusdampfer, Bubi als Erdölingenieur, Rostig als Spezialist für Schlafkrankheiten. Mit auf dem Schiff reist auch der junge Earl of Sudessex in Gesellschaft des englischen Hauptmanns Bradford. Die beiden Freunde müssen sehr aufpassen, alle neugierigen Fragen zu parieren, um sich nicht verdächtig zu machen. Zufällig belauscht Rostig ein Gespräch, in dem der Name Tom Leven fällt. Neugierig geworden erfährt er, dass in Burma ein Krieg angezettelt werden soll, an dem nicht nur aufständische Einheimische mit einem General Kwang, Waffen schmuggelnde Japaner und Amerikaner, sondern auch Soldaten der Kolonialmächte Frankreich und England beteiligt sein würden. Im nächsten Hafen, Colombo, muss Rostig seinen jungen Freund wieder aus allerhand Gefahren retten und macht dabei eine bestürzende Entdeckung: Bubi ist ein Mädchen, die Schwester des flüchtigen Tom. Um diesen aus den Fängen der Fremdenlegion zu befreien, muss ein Schiff her! Da „bietet“ sich ein menschenleerer Panzerkreuzer, „Balmoral“, an, dessen Besatzung unter Quarantäne steht. Mit einer Mannschaft von 20 ehemaligen Matrosen und weiteren drei Freunden können sie entkommen, als ein Zyklon ihre Verfolger aufhält. In dieser Situation fangen sie das SOS eines sinkenden Schiffes auf, beschließen die Menschen zu retten, kommen aber zu spät. Ein einsames Rettungsboot ist, wie sich herausstellt, von der „Radzeer“ übrig geblieben, mit dem Earl of Sudessex und Hauptmann Bradford. Rostig hat einen großartigen Plan: Sie nehmen die Beiden gefangen, übermalen den Namen ihres Schiffes mit „Radzeer“ und können fortan in allen Meldungen angeben, dass sich das Kriegsschiff „Radzeer“ Kalkutta nähert. Die Mannschaft erinnert sich an ihre besseren Zeiten und macht ab sofort den Eindruck gehorsamer disziplinierter Marinesoldaten, Rostig und Bubi nehmen die Stellung von Earl und Hauptmann ein.
Als Rostig seinen Gefangenen die ganze Geschichte erzählt, behauptet Bradford, der Mörder und Erfindungsrivale zu sein, was ihm aber niemand abnimmt. In den Häfen von Rangun und Mandalay wird das Kriegsschiff von der französischen Garnison mit militärischen Ehren empfangen. Bei den Beratungen um die Waffenlieferungen geben sich die zwei Hochstapler ganz geschickt und nonchalant, kommen auch auf den Fall Tom Leven zu sprechen, an dessen Erfindung die Franzosen genauso interessiert sind. Der Fall Kwang liegt schwieriger. Tapfer vertritt Bubi den wirklichen Standpunkt des Earl und setzt sich für Verhandlungen am Runden Tisch ein. Da taucht der echte Earl auf, dem es gelungen war, sich zu befreien. Rostig trumpft aber weiter auf, denn er spürt, dass man sie beide nicht so leicht enttarnen könnte; denn dies würde eine große Blamage für ganz England sein. Bubi ist trotz aller Gefahren wild entschlossen, den Bruder zu suchen. Sie lässt sich mit Rostig und einem weiteren Begleiter an Land setzen. Dem eilig davondampfenden „Radzeer“ gelingt es wieder, alle Verfolger abzuschütteln. Dem eilig davondampfenden „Radzeer“ gelingt es wieder, alle Verfolger abzuschütteln. Die drei Freunde beschließen ihr Täuschungsmanöver weiterzuspielen, bis Rostig gefangen wird. General Kwang löst endlich alle Verknotungen. Den Schluss möchte ich hier nicht preisgeben.

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