Rezension: Rubin, Szilárd – „Der Eisengel“

Roman
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Verlag Rowohlt Berlin, 2014
ISBN: 978-3-87134-789-4
Originaltitel: Aprószentek, 2012
Bezug: Buchhandel; Preis: 19,95 Euro

Ende der 60er Jahre erfährt Szilárd Rubin bei einem Besuch im Kriminalmuseum erstmals von Mädchenmorden aus den Jahren 1953 und 54 in Törökszentmiklós. Fünf Mädchen waren es. Er sieht in einer Vitrine das Modell eines Bauernhauses und davor eine Zweiergruppe von jungen Frauen. Die eine liegt, die andere scheint sie zuzudecken. Eine sehr romantische Darstellung. Rechts und links hängen Fotos. „Das Bild sollte eine Geburtstagserinnerung sein, heute ist es ein kriminalistisches Dokument: Die Familie sitzt auf ebenjenem Sofa, auf dem später die verschwunden Mädchen vergewaltigt und erdrosselt wurden“ – darunter steht: der Schauplatz. „Auf der anderen Seite hing das Bild eines Kindes oder jungen Mädchens“ – die Täterin. Der trotzige und gleichzeitig rätselhafte und unheilverkündende Blick der jungen Frau berührt den Autor: „Der Polizeioffizier, der das Verhör leitete, sagte über sie: „Sie gehörte dem finstersten dörflichen Lumpenproletariat an und war nur fünf Jahre lang zur Schule gegangen. Dennoch war sie ein außergewöhnlich gescheites, gebildetes Mädchen, mit einem großen Talent zum Zeichnen und Malen, und sie schrieb verblüffend schöne Gedichte….“ Eine regelrechte Obsession ergreift Szilárd Rubin für Jahrzehnte. Er will ergründen, hinterfragen und nachforschen über die junge Frau, die als zwanzigjährige schon am Galgen endete, über die Stadt in der sie lebte, über ihre Opfer – über alles. Er wolle die Verbrecherin nicht entschuldigen, sagt er, nur wissen will er – und das alles für eine Tote? „Aber weshalb sollte sie eine Tote bleiben? Ich würde sie auferstehen lassen! Ich wusste noch nicht wie, aber ich würde sie zum Leben erwecken.“
Der Fall war ein Staatsgeheimnis, – das wurde ihm bereits nach seinem ersten Besuch in Törökszentmiklós klar, und dass es sehr schwierig sein würde, ihn aufzudecken. Immer wieder stieß er auf Mauern des Schweigens, auf die Untätigkeit der Polizei, auf das Duckmäusertum der Bevölkerung und auch das der Angehörigen. Alle verschwiegen etwas. Der Eindruck, dass Piroska Jancsó nicht die alleinige Täterin war, sondern Soldaten der russischen Armee eine Rolle spielten, drängte sich ihm immer mehr auf, was er aber letztlich nicht beweisen konnte. Nicht einmal nach der Wende erhielt Rubin Zugang zu den Akten.
So schrieb er einen Dokumentarroman aus den Berichten, an die er herankommen konnte, aus eigenen Nachforschungen und Gesprächen mit Eltern, Freunden und Bekannten, mit dem einzigen Fast-Opfer, das davon kam, mit allen möglichen Kontaktpersonen, die noch lebten. Dazu kamen seine eigenen Überlegungen in Form innerer Gesprächen mit seinem Freunden Lőrinc Szabó, János Pilinszky und László Németh, mit allen, die seine schriftstellerische Laufbahn irgendwie gefördert hatten. Bei ihnen holte er sich imaginären Rat, mit ihnen „diskutierte“ er, wenn er nicht mehr weiter kam, versuchte den Fall mit ihren Augen zu sehen, wie es gewesen sein könnte, beleuchtete Hintergründe und die Person der Mörderin und warum sie so geworden war..

Rubin gliedert sein Buch in verschiedene Kapitel, danach folgt noch eine Bemerkung (anstatt eines Nachwortes) über seine Recherchen und über die zweifelhaften Berichte, welche nach Piroskas Hinrichtung verfasst wurden. Dazu eine Anmerkung des Lektors, welcher das Manuskript mit dem Erben Rubins, Péter Siklós, nach dessen Tod 2010 fertig stellte.
Der Kriminalroman ist eigentlich ein Thriller, denn die Täterin ist schon sehr früh bekannt.
Im 1. Teil beschäftigt sich Rubin mit der Dokumentation der Opfer. Wie sie gelebt hatten, was von ihnen und ihren Eltern in Erfahrung zu bringen war. Die Eltern erzählten jedoch nur Alltäglichkeiten und der Autor war viele Jahre danach noch sprachlos angesichts der gespielten Unschuld ihrer Worte. Über keines der verschwundenen Mädchen erfuhr er etwas Charakteristisches. Das, was sie einte, war nur ihr Schicksal.
Z. B. erzählte die Mutter des ersten Opfers über deren Umgang mit den russischen Soldaten der nahen Kaserne, es seien nette Jungs gewesen und Marika habe ihnen gern beim Akkordeonspiel zugehört. Manchmal hat sie sogar Vesper von ihnen bekommen. „Eine Idylle wie aus einem Pionierlesebuch…“
Im 2. Teil berichtet er von den Personen, die mit den Opfern und der Täterin zu tun hatten. Er besuchte sie selbst und fragte sie aus: „Später, als ein Mädchen nach dem anderen verschwand, hat man so manches erzählt. Es gab Leute, die auf die Juden der Gegend schimpften, weil sie angeblich das Kinderblut für ihre Kirche brauchten, die sie gerade renovierten. Manche haben gedacht, vielleicht nehmen die Russen sie für die Weltraumforschung…“ Schon nach dem Verschwinden des ersten Mädchens, wagten Eltern und Nachbarn nicht, die Vermutung vor der Polizei zu äußern, dass man es in den Viehbrunnen geworfen habe; denn wenn es dann doch nicht die „Russkis“ wären, könnte ihnen wer-weiß-was blühen. Die Polizei verhielt sich seltsam zurückhaltend, obwohl doch schnell der Verdacht aufkam, „dass Piroska an der Ermordung der verschwundenen Kinder beteiligt sei und sich deren Kleidung in ihrer Wohnung befinde. … Sie gingen nicht zum Haus der Jancsós, und Piroska Jancsó wurde lediglich als Zeugin vorgeladen und der Anzeigenden gegenübergestellt.“ Auch dann nicht, als ein Mädchen Piroska kurze Zeit später im Mantel der Vermissten sah. Die Polizei ermahnte sie streng, dieses Gerücht nicht weiter zu streuen.
Als dann die Leichen in gerade diesem Brunnen gefunden worden waren – neben einer Leiche lag ein Militärgürtel – und die Eltern sie identifizieren sollten, sagten diese übereinstimmend, die Leichen könnten nicht ihre Töchter sein. „Am Ende der Leichenschau waren die Trauernden zu Hoffenden geworden … die vielleicht irgendwann ihre entführten Kinder wiederfinden würden! Eines ist sicher: Der Leichnam von einem der fünf Opfer, deren Ermordung Piroska Jancsó gestanden hatte, wurde nie von irgendjemandem identifiziert.“ Die Gräber auf dem Friedhof vermoderten nach und nach, keiner kümmerte sich um sie.
Im 3. Teil widmet sich Rubin Piroskas Geschichte. Diese sucht er zu ergründen. Er überlegt, dass die Geschichte einer Verbrecherin zu schreiben ist ebenso schwer sei wie die einer Heiligen. Über beide weiß man nur Nebensächliches: „Und doch ist der Schriftsteller damit beschäftigt, diese Dinge am Rande auf Hochglanz zu bringen…. Ebendies ist seine Aufgabe…“
Aus verschiedenen Zeugenberichten, Vernehmungsprotokollen, Aussagen von Menschen, die mit Piroska zu tun hatten, entfaltet sich ein sehr zwiespältiges Bild der jungen Frau: Sie war die Tochter einer ledigen Mutter, die fünf Kinder von vier Männern hatte. Ihre Mutter Borbála nahm schon als Kind alle möglichen Arbeiten an, „für Lebensmittel gab sie sich jedem hin, der sie wollte.“ Sie sei eine friedliche Frau gewesen, doch ihre Tochter Piroska wurde gefürchtet. Diese ärgerte und schlug andere Kinder, ließ sich nichts gefallen. Selbst Erwachsene bedrohte sie und stahl, indem sie den Frauen ihre Hilfe beim Tragen anbot, mit dem Korb aber heimlich verschwand. Die Familie lebte in größter Armut und größtem Schmutz. Trotzdem war Piri, wie sie auch genannt wurde, auf der Straße immer sauber und modisch gekleidet. Außerdem hatte sie eine Menge Bücher, denn sie las gerne.
Piroska war bereits Mutter zweier Kinder. Das erste, ein Mädchen, hatte sie mit 15 bekommen, den Jungen, Misi, mit 18.
Gefasst und überführt wurde sie, als es einer jungen Frau gelang, sich trotz Betäubung aus einer Schlinge zu befreien, die Piroska Jancsó ihr um den Hals gelegt hatte. Bei der Durchsuchung wurden die Leichen von fünf Mädchen im Brunnen gefunden; neben der obersten Leiche lag ein Militärgürtel. Der Feuerwehrkommandant sagte später: „In dem Moment haben wir begriffen, was auf uns zukam“.
Und Piroskas andere Seite? Menschen, denen sie nichts zuleide getan hatte, waren bezaubert von ihrer Bescheidenheit, Zurückhaltung, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft. Zudem war sie sehr schön, ein Bild von einem Mädchen, zierlich, mit einem süßen Gesicht. Um ihre Kinder kümmerte sie sich hingebend, solange sie ihr nicht weggenommen und vorübergehend in ein Heim gesteckt wurden. Immer kämpfte sie darum, ihre Kinder wieder zurückzubekommen.
Zur Bereichsleiterin des Gefängnisses sagte sie später, „Ich hasse mich! Wie konnte ich so etwas tun?“ Und auf die weitere Frage, wie lange sie es noch für sie gemacht hätte, antwortete sie „bis hundert“.
„Piroska Jancsó wurde am 29. September 1954 für aus niederträchtigem Grund verübten, besonders grausamen fünffachen Mord, einen Mordversuch, fünffachen Raub und einmaligen Diebstahl für schuldig befunden. – Trotzdem scheint es, als seien in ihrem Gefolge die Kinder nur zufällig umgekommen, so der Autor.
Im Anhang schreibt Rubin über die Schwierigkeiten des Dokumentarromans und wie ihm, selbst nach der Wende, keine Einsicht in die Akten gewährt worden waren. Es hatte allerdings zwei sich total widersprechende Berichte des Innenministeriums gegeben und er kommt zum Schluss, dass sie die Handlangerin von pädophilen russischen Soldaten war, die sie mit ihrem russischen „Verlobten“ erpressten.
Obwohl man die Täterin kennt, ist das Buch ungeheuer spannend zu lesen. Spannend deshalb, weil Rubin es versteht, die einzelnen Fragmente aus Dokumenten, Befragungen, Ortsbesichtigungen und seinen eigenen Überlegungen, immer hin- und herspringend zwischen den Morden, seinen Recherchen und seinem Schreiben, so anzuordnen, dass man einfach immer weiter lesen muss. Gleichzeitig erhält der Leser einen Einblick in Gesellschaft und Atmosphäre des kommunistischen Ungarn während der 50er bis 80er Jahre, welche geprägt waren von Angst, Misstrauen und Nichts-sehen-wollen. Außerdem wartet Rubin mit einigen skurrilen Erlebnissen während seiner Recherchereisen auf. Der Roman ist auch literarisch ein Genuss, befördert durch die Übersetzung von Timea Tankó.

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