Rezension: Sándor, Iván – „Husar in der Hölle 1914“

Aus dem Ungarischen von György Buda
Nischen Verlag Wien 2014
ISBN 978-3-9513345-6-2
Originaltitel: Az éjszaka mélyén, 2012
Bezug: Buchhandel; Preis: 19,80 Euro

In diesem Jahr kamen viele Bücher mit dem Thema „Der 1. Weltkrieg“ auf den Markt; unter ihnen auch das von Iván Sándor. Ein ungewöhnliches Buch, welches den ganzen Irrwitz des Krieges zeigt, in dem der einzelne Soldat gar nicht in der Lage war, sich auch nur annähernd einen Überblick zu verschaffen – das konnten nicht einmal die kriegsführenden Kommandeure. Sándor berichtet als außen stehender Beobachter. Fast emotionslos versetzt er sich als Ich-Erzähler mal in die eine, mal in die andere Seite. Kriegstaumel überall. Der Roman zeigt aber nicht nur die Gräuel, die ganze Sinnlosigkeit des 1. Weltkrieges, sondern er hat natürlich auch zwei Liebesgeschichten im Gepäck. Es sind aber nicht Liebesgeschichten im herkömmlichen Sinn; denn dafür lässt der Krieg keine Zeit.

Bei einer Fotoausstellung, die Lesungen verschiedener Schriftsteller zum Thema „Der Krieg in der Literatur“ umrahmt, kommt der Autor mit den beiden Fotokünstlern ins Gespräch. Es sind die Französin Susanne Alyette-Picguard und der Ungar Andreas K. Illés. Beide hatten je ein Familienfoto beigesteuert, das erstaunlicherweise ein und denselben Husar zeigt, einmal 1915 in ungarischer und einmal 1918 in französischer Uniform mit der Mutter der Fotografin. Der Autor ist interessiert und lässt sich die höchst verzwickten Geschichten der Beiden, die bislang nichts voneinander gewusst hatten, erzählen:
Kurz nach der Matura 1914, als er mit seinen Kommilitonen ausgiebig feiert, sieht der ungarische Student Ádám Kiss eine Leiche in der Theiss treiben. Außer ihm scheint sie keiner bemerkt zu haben – oder niemand wollte sie sehen. Dieses Erlebnis steht wie ein Vorbote kommenden Unheils über den weiteren Ereignissen.
Ádám, der Sohn eines Oberstallmeisters, war ein sehr guter Schüler – und zur Belohnung wird er von seinem Französischlehrer zu dessen Freund, einem ungarischen Landsmann nach Paris geschickt. Er soll dort seine Sprachkenntnisse vervollkommnen und auch eine Arbeit für seinen Lebensunterhalt finden.
In Paris angekommen, geht es wie im Zeitraffer weiter: Ádám kommt an: Er findet das Haus. Der Freund empfängt ihn. Er ist in Eile. Er ist Modeschöpfer. Er hat einen Termin im Schloss der Laurentis-Tholoson. Er will ihn dort als Pferdeknecht unterbringen. Ein Major der Husaren, Henry Picguard holt die Beiden ab. – Ich fühle mich dabei sogleich an alte Wochenschauen erinnert – braun-monochrom – das innere Auge zeigt eine Fülle von Farben: Das Getriebe auf den Straßen – Miliz auf Pferden – Kutschen – grüßende Soldaten – winkende Frauen – Offiziere sprengen auf ihren Pferden vorbei – stramm stehende Wachen – die wogende Menge, die ihren Alltagsgeschäften und Alltagseinkäufen nachgeht, als gäbe es die Kriegserklärung gar nicht, den Stellungsbefehl und damit den Abmarsch der Soldaten in eine ungewisse Zukunft. Von einem Krieg will keiner etwas wissen.
Das Fräulein Alyette-Laurentis verliebt sich ein wenig in den feschen Ungarn, der gut reiten kann, doch für weitere Annäherung ist keine Zeit: Der Krieg ist ausgebrochen.
„Kriegstrunkenheit erfasst den ganzen Kontinent – Kaiser Wilhelm erklärt Russland den Krieg, Österreich-Ungarn steht mit Serbien im Krieg, man schließt sich der Kriegserklärung des Kaisers an, der Krieg, erklären französische Männer, Liebhaber der deutschen Kultur, werde auch zwischen den Kulturen um den vollständigen Sieg ausgefochten, deutsche Studenten werfen Bücher französischer Autoren auf den Haufen, in den Domen segnen Bischöfe ähnliche Befehle werden in verschiedenen Sprachen in den kaiserlichen Palästen gegeben, in den königlichen Empfangsräumen, in der Residenz des Zaren, in den Besprechungszimmern der Minister, in den Oberkommandos, in den Operationsstäben, in den Häfen und an Flugplätzen, die Damen flüstern in den Salons in Paris, Berlin, Wien, St. Petersburg, Budapest, Belgrad und Rom dasselbe, indessen sie die Sommerhitze mit ihren Fächern mildern, ach, quel malheur …..“ Überall der gleiche Irrsinn – austauschbare Bilder, Hass. Alles was man vorher geliebt und geachtet hatte, die Kultur der Anderen – ist auf einmal nichts mehr wert – auch zum Feind geworden, den man ausrotten – und dem man es zeigen muss! Fahnenflüchtige werden sofort erschossen. Für Ehre und Vaterland soll in den Krieg gezogen werden, hüben wie drüben. Aber welches „Vaterland“ ist für Ádám zuständig?
Um einer Internierung als Feind zu entgehen, wird er in eine französische Husarenuniform gesteckt und zieht in den Krieg als Adam Petit, ohne Aufenthalt, immer im Galopp, ohne stehen zu bleiben, der Krieg spült ihn mal hierhin, mal dorthin. Der Überlebenskampf zwingt ihn, unterschiedliche Uniformen zu tragen, weil man ihm gar keine Zeit gelassen hatte sich zu entscheiden. Der Kampf geht Mann gegen Mann. „Sie fallen übereinander her wie angestaute Wassermassen. – Ádám Kiss … sieht die in der Strömung treibenden Leichen, nur die Uniformen unterscheiden sie voneinander, das Blut der deutschen und französischen Toten färbt das Wasser gleichermaßen rot …“ Noch bewahrt er sich seine Menschlichkeit, trägt Sterbende aus dem Gefecht. Major Henry Picguard, Alyettes Verehrer, zeichnet ihn wegen Tapferkeit aus. – Der Kampf geht weiter. Ádám tötet inzwischen ohne nachzudenken: er – oder ich. Überall liege Tote. Ádáms Pferd wird getroffen. Immer wieder wird die Truppe, in der er kämpft, aufgerieben, Im französisch-deutschen Grenzgebiet wird er gefangen genommen und wagt es nicht, sich zu erkennen zu geben – er fürchtet den Hass der Anderen – als Ungar gehört er zu niemandem. „…über die Flüsse ziehen ähnliche Züge nach Westen, da treiben französische Soldaten die gefangen genommenen deutschen Soldaten, Frauen, alte Männer, Kinder vor sich her, lassen deutsche, französische, russische, österreichische, ungarische, serbische, italienische, türkische Offiziere, begleitet von Soldaten in verschiedenen Uniformen, Menschen antreten, werden Fackeln mit derselben Bewegung auf die geplünderten Häuser geschleudert“
Auf deutscher Seite wird die Optimierung der Gefangenenhaltung vorangetrieben, Giftgasangriffe ausprobiert – man ahnt schon das Fürchterliche des 2. Weltkriegs.
Schließlich offenbart sich Ádám einem Offizier in ungarischer Uniform. Nun kämpft er mit den Ungarn und den Deutschen. Die Kämpfe Mann gegen Mann sind mörderisch. „Soldatenlieder erschallten in deutscher, französischer, ungarischer, russischer, serbischer und italienischer Sprache…“ „In den Dörfern wird requiriert. Die Menschen werden aus ihren armseligen Häusern getrieben. …“… Bei Lemberg trifft er seinen Klassenkameraden Hosszú, inzwischen Feldwebel Hajdú. – An Weihnachten feiern sie gemeinsam mit den gegenüber liegenden Kosaken, im Bewusstsein, dass am nächsten Tag der Kampf weitergeht und sie sich gegenseitig erschießen werden.
Verwundet kommt Ádám nach Lemberg, wo er Anna kennenlernt, die Tochter eines jüdischen Gelehrten und Redakteurs. Annas Schwester Sara macht mit Selbstauslöser ein Foto von ihnen allen: Anna, Ádám, ihr Vater und Sara: „Die Familie und Ádám Kiss, 1915“. Dieses ist das eine Foto, welches in der Ausstellung gezeigt wird.
Anna und Ádám verbringen eine Liebesnacht miteinander. Sie erzählen sich gegenseitig ihr Leben. Für mehr ist nicht Zeit – am anderen Morgen muss er schon weitermarschieren. Neun Monate später kommt ein Sohn zur Welt. Die weitere Geschichte erzählt sein Stiefbruder, der Fotograf Andreas K. Illés.
Ádáms Truppe wird aufgerieben und das Husarenregiment an die italienische Front verlegt. Er wird schwer verwundet, kommt in ein französisch-italienisches Lazarett, wo ihn Alyette, inzwischen mit Picguard verheiratet, Oberschwester im Offiziersrang erkennt. Als er für gesund erklärt wird, steckt man ihn in eine französische Uniform. Ádám Kiss geht mit Alyette spazieren – sie bittet unterwegs einen Feldarzt, der einen Apparat besitzt, sie beide zu fotografieren. – Das andere Foto in der Ausstellung: Es zeigt die Mutter der Fotografin mit Ádám, 1918. Zusammen verbringen sie die Nacht. Sie möchte ihn als Oberstallmeister auf ihr Schloss bitten, doch Ádám will kein französischer Soldat bleiben und flieht. In einem Haus kann er die französische Uniform gegen Zivilkleidung austauschen, hört Kampfgetümmel und trifft auf einen toten Husarenleutnant, dem er die ungarische Uniform auszieht. Später trifft er wieder auf Hauptmann Hajdú: „Du kommst selbst aus der Hölle noch zurück“. Ádám hört nur noch Kampfgetöse, sieht nur noch, wen er vor seinem Gewehr hat: Er oder ich.
Nach dem verlorenen Krieg zieht er mit den restlichen Soldaten und Hajdú als Kompanieführer nach Ungarn zurück.
Dort ist eine neue Zeit angebrochen. Viele von Ádáms Mitschülern sind gefallen. Die Rotarmisten terrorisieren alle, die nicht mitlaufen. Sie überfallen Dörfer und hängen die Menschen auf oder erschießen sie (der Rote Terror).
Kommandant Hajdú zieht ein Freicorps auf, dem sich auch Ádám anschließt; er will kein Deserteur sein. „Wir zahlen für alles zurück“, sagt Hajdú immer wieder. Wer verdächtig ist bestimmt er. Ádám spricht noch weniger als sonst, das macht ihn verdächtig, doch vorerst retten ihn noch seine Auszeichnungen. „Jede Nation hasst die andere – aber dass Menschen derselben Nation einander so hassen, das habe ich vielleicht nur bei den Russen gesehen“ –denkt er. Die Dörfler denunzieren die, die ihnen nicht passen; sie werden als Kollaborateure erschössen. Die Männer des Freicorps sind wie im Blutrausch (der Weiße Terror). Als Ádám einen jungen Matrosen erschießen soll, bringt er es nicht fertig, wohl wissend, dass er nun der nächste sein wird.
Ergreifend in diesem mitreißenden Buch sind aber die „kleinen Geschichten“ die der Autor in verschiedene Episoden und Kriegsszenen hineinschiebt. In ganz anders gefärbter Sprache, nicht mehr im Kriegsgalopp. Da erzählt er von Menschen, mit denen Ádám Kiss in Berührung gekommen ist, als Gefangener, im Schlachtfeld, am Rande einer tödlichen Verteidigung, als zufälliger Beobachter: Eine Frau, der er als Gefangener hilft, ihr Kind, das ihm zuwinkt, ein kleiner Junge, den er in einem verlassenen Dorf nahe Lemberg findet und der sich ihm vertrauensvoll anschließt, bis er in einem Gefangenentrupp seine Mutter entdeckt und auf sie zuläuft, gerade als sie mit vielen anderen gerade einwaggoniert wird. Da sind die beiden Scharfschützen, ein deutscher und ein französischer, die sich gegenseitig töten – und in ihren letzten Minuten gewahr werden, dass sie beide Juden sind. Ádám Kiss hebt eine Grube aus und legt sie nebeneinander hinein. Da ist die Geschichte eines Kosaken, der ganz aus der Art geschlagen, weder hasserfüllt noch kriegerisch war, jungverheiratet ungern in den Krieg zieht – und den Ádám im Überlebenskampf tötet. Die Geschichte von Ádáms Französischlehrer und wie es ihm in der „neuen Zeit“ in Ungarn ergeht, die Geschichte seines Pariser Freundes, der ihn besucht – aber doch wieder nach Frankreich zurück will, obwohl er schwere Jahre, interniert in schrecklichen Gefängnissen, verbracht hat – und natürlich die Geschichte der Alyette-Laurentis Tholoson und die der Familie von Anna und ihren beiden Söhnen.
Jeder der Protagonisten hat seine eigene Stimme, jede Erzählung die eigene Färbung. Sándor erzählt lakonisch, ohne Schnörkel, kein Wort zuviel.

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