Rezension: Végel, László „Sühne. Texte unterwegs“

Essays
Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer
Verlag: Matthes & Seitz, Berlin, 2012
ISBN: 978-3-88221-599-1
Originaltitel: die ungarische Ausgabe ist in Vorbereitung
Bezug: Buchhandel; Preis: 17,90 Euro

Immer wieder zieht es den Schriftsteller der ungarischen Minderheit aus der Vojvodina / Serbien nach Berlin. Seit seiner Kindheit versucht er, das Wesen der nicht mehr vorhandenen Deutschen in seiner Heimat zu ergründen; zunächst voll Abscheu gegenüber diesen „Teufeln“, die, wie es in den Schulbüchern steht, zu Recht von den Partisanen niedergemacht und aus ihren Häusern vertrieben worden waren. Später fragt er sich nachdenklich, was denn das Geheimnis der Deutschen ausmache und erinnert sich an eine Begebenheit, die er in seiner Kindheit gehört hatte: Wie ein deutscher Oberst, der Hitler zwar verabscheute, trotzdem loyal war. Er wollte sich nicht als Geisel der Partisanen benutzen lassen und stürzte sich selbstmörderisch in eine Schlucht. Eine Frage der Ehre und eine der Fragen, die sich Végel seit damals stellt, wenn er das Wesen der Deutschen ergründen will: Was ist ihre Ehre? Begierig nahm er alles auf, was von Deutschland erzählt wurde: Von den heimkehrenden Gastarbeitern in den 60er Jahren, die Wunderdinge berichteten, aber keinerlei Umgang mit den Deutschen hatten; das Feindbild existierte auf beiden Seiten: Hier die Bestien, welche von den Partisanen in der Heimat vernichtet worden waren – dort die Kommunisten, vor denen man sich in Acht nehmen musste, da sie die ganze Welt mit ihrer Ideologie einnehmen wollten. „Alle kritisierten die Deutschen und machten ihnen doch alles nach. Wenn von ihnen die Rede war, rümpften auch die Gastarbeiter die Nase und murmelten vor sich hin, allenfalls gaben sie manchmal unwillig zu, dass sie den Deutschen bei der Arbeit zwar begegneten, sie auf der Straße, auch in den Kaufhäusern sahen, sich aber nicht mit ihnen anfreundeten“.
Gern wäre der junge Végel auch einmal ausgereist, um alles mit eigenen Augen zu sehen, doch das blieb ihm als Mitglied der ungarischen Minderheit verwehrt. Erst spät konnte er reisen. Vier der fünf Essays des schmalen Bändchens sind lose mit seinen Berlinbesuchen verbunden. Es sind „Texte unterwegs“ – ein Reise-, Fahrten und Erinnerungsbuch. 1986 war er zum ersten Mal in West-Berlin und stand fassungslos vor der Mauer. Dort erinnerte sich der Wanderer durch die Stadt an seine Kindheit, sein Verhältnis zum Jugoslawischen Staat, an seine kindliche und jugendliche Begeisterung für Tito, dessen System ihm, dem Kind aus bescheidenen Verhältnissen, einen guten Schulbesuch und ein Studium ermöglicht hatte.
Doch meist grübelt er darüber nach, wie es denn sein kann, dass die Menschen in seinem Heimatland noch immer so starrsinnig an ihrer Heldenverehrung fest halten, ihre Erinnerung einerseits so rückwärts gewandt ist und sie sich gleichzeitig so wenig nach der Vergangenheit und der realen Geschichte ihres Landes fragen. Niemals seien sie bereit ihre Geschichte aufzuarbeiten, ihre Toten zu begraben und ihrer zu gedenken; die werden totgeschwiegen. Das gilt nicht nur für Ex-Jugoslawien, bzw. Serbien, das gilt auch für die anderen ostmitteleuropäischen Länder. Aber an seiner Heimat Serbien-Vojvodina macht Végel diese Beobachtungen fest.
Schon in seinem, in den 60er Jahren in Jugoslawien erschienenen Roman „Bekenntnisse eines Zuhälters“, der in Deutschland erst 2011 erschien, erfahren wir von den total desillusionierten jungen Leuten in der Vojvodina, die dem Staat nichts mehr glauben; 2007 wurde auf Deutsch sein Roman „Exterritorium“ publiziert, der sich mit dem Jugoslawienkrieg und den Friedensverhandlungen beschäftigt, mit dem unruhigen und eingeengten Leben der ungarischen Minderheit. Auch darin setzte er sich mit der verdrängten Vergangenheit auseinander, mit den Morden der Partisanen an Ungarn und Deutschen, worüber nie gesprochen wurde – auch nicht in der engsten Familie. Ängstlich schwiegen alle und klärten auch die Kinder nicht auf, nicht mal über die Morde in der eigenen Minderheit.
In seinen Essays greift Végel die ganze Problematik noch einmal auf: Diese ganze vergiftete Geschichte sitzt noch immer versteckt aber hautnah unter der Oberfläche und beeinflusst bis heute das Leben. Auch der Autor hat keine Antworten auf seine Fragen. Vielleicht kann die Geschichte der Zukunft sie beantworten.
Ein weiterer Fragekomplex schließt sich an, warum denn der Osteuropäer so von Minderwertigkeitskomplexen besetzt sei. (Meine persönliche Erfahrung dazu: Minderwertigkeitskomplexe ja, gleichzeitig gepaart mit einer unangenehmen Überheblichkeit, die stets darauf hinaus läuft, dass man ihn, den Osteuropäer doch nie verstünde.) Auch Végel klagt, dass der Westler sich erst gar nicht die Mühe mache, hinter die Geschichte zu sehen, dass er abwinke, weil er die Historie – das sei aber nur die Oberfläche – zu kennen glaube. (Ja, liebe Ostmitteleuropäer: Wenn man denn Eure Geschichte mal endlich kennen lernen könnte, so wie sie wirklich war: Fakten, auch die unangenehmen und schrecklichen, dann könnte sich auch der interessierte Westler damit auseinandersetzen. Denn das Wissen darüber ist immens wichtig und unbedingt wissenswert im zusammenwachsenden Europa.) Aber auch Westeuropa und Amerika haben ihre Geschichte nicht wirklich aufgearbeitet, was den ehemaligen Ostblock betrifft. Sie haben diese Länder den Sowjets einfach „zum Fraß“ vorgeworfen, sie im Stich gelassen. Jetzt müssen diese die Folgen allein ausbaden.
Végel hatte einen Traum von Europa, genährt durch seine eigene europäische Bibliothek, die ihm ein kulturelles und freies Europa suggerierte. Aber in Berlin begreift der neugierig Reisende, dass er nicht willkommen ist, dass sich der Westen vor ihm verschließt: er spricht nicht die Sprachen der großen Nationen, kommt aus einem Randgebiet Europas, ist ein Stiefkind, ein Bastard, wie er es nennt. Nur in den heruntergekommenen Stadtteilen hört er vertraute Laute: Hier leben die Gastarbeiter, nicht nur die aus Ostmitteleuropa, europäische Sklaven, die davon träumen, mit ihrem Ersparten sich in der Heimat einen „Garten Eden“ kaufen zu können. „Hier im Westen, in der Wiege des Individualismus, wird deine Persönlichkeit wie die Wurst an der Imbissbude verzehrt. Lass alle Illusion fahren; jahrzehntelang träumtest du im Barbaricum, das sich von allem isolierte, von deinem eigenen Europa, hegtest sorgsam deine Illusionen, weil du nicht den Mut hattest, auszubrechen.“ Er hatte von sich gedacht, er sei ein tapferer Oppositioneller – jetzt dämmert ihm, dass er einfach nicht weg wollte aus seiner Heimat, dass er nur ein Spielzeug war in den Händen der Kommunisten. Er erkennt, wie sehr man ihn jenseits der Mauer jahrelang belogen hatte über das Bild der westlichen Welt. Einerseits hat er sie idealisiert; sie stellte für ihn die Freiheit schlechthin dar – andererseits waren da die Feindbilder, die sich mit seinen Idealen einfach nicht decken wollten. Damals, bei seiner ersten Berlin-Reise, 1986, durfte er den Ostteil nicht betreten. Drei Jahre später erreichte ihn die Nachricht, die Mauer sei gefallen. Für die Berliner Freunde begann und endete aber die große Schande der Teilung allein an der Berliner Mauer. Das andere interessierte sie nicht: Die Teilung Europas stand nicht zur Debatte, sie wurde ignoriert. „In Europas Randgebieten sind die Mauern unbezwingbar. … Schon immer haben die Großen leichtfertig ihre unehelichen Kinder geopfert. …..“
Trotz der wirklich ernsten Problematik der Essays versteht es Végel, launig und sarkastisch von seinen Reisen aus oder nach Berlin zu erzählen, die immer wieder in seine bohrenden Fragen münden – und gleichzeitig das Undisziplinierte und Wenig-Verlässliche seiner Landsleute, die Streitlust, aber auch die Einigkeit, wenn es um den guten Ruf geht, zu porträtieren. Witzig erzählt er von einer Lesung mit anderen Schriftstellern aus Ex-Jugoslawien: Wie sie sich vor den Deutschen hatten keine Blöße geben und zusammenhalten wollen. Wie die jeweiligen Nationalitäten gehofft hatten, dass zu ihrer Lesung wenigstens einige Landsleute zugegen sein würden. Doch außer den Albanern, die in großer Zahl ihren Schriftsteller unterstützt hatten, war z.B. kein einziger in Berlin lebender Ungar gekommen. Keinerlei Solidarität!
Mit dem westlichen Europa war er in den 60er Jahren nur dann in Berührung gekommen, wenn er, wie seine Landsleute auch, nach Triest fuhr, um sich dort westlich einzukleiden. Mit bissiger Ironie schildert er diese Besuche, die Kniffe, die angewandt wurden, um durch den Zoll zu kommen, die großmütigen Zöllner, die wegschauten, den jugoslawischen Kellner, der eine Stelle in einem Triester Kaffeehaus ergattert hatte und nun den armen Landsmann hochmütig darauf hinweist, dass dieser sich einen solchen Besuch gar nicht leisten könne.
Als Tito 1980 starb, verharrte die Stadt Novi Sad in Schockstarre. Doch die ersehnte Freiheit kam nicht, die Minderheiten zogen den Kürzeren, ungebremster Nationalismus machte sich breit.
„Das Schlimmste am Titoismus war, was nach ihm kam. Jene untröstliche Menge, die in tiefe Trauer gefallen war und ihre Tränen wasserfallartig vergossen hatte, gedachte ein Jahrzehnt später mit ebenso tiefer Verachtung ihres einst geliebten Führers. … Unser einstiger jugoslawischer Nationalismus wurde zu einem blutigen Eroberungskrieg ehemals gläubiger Kommunisten. Die Dichter … von einem Tag auf den anderen mutierten sie zu Oppositionellen….. Die Fahne nach dem Wind hängen, Lügen, Heuchelei, Umschreiben und Fälschen von Biografien in großem Stil – so nahm die mitteleuropäische Demokratie ihren Anfang.“ Und noch immer wird die Wahrheit über die Vergangenheit nicht ausgesprochen: Végel erfährt von seiner Mutter erst kurz vor deren Tod, dass sein Vater als Ungar zur Zwangsarbeit eingeteilt war. „Mit jeder Generation beginnt in dieser Gegend die Geschichte neu, und sie wartet mit einer Fülle unberechenbarer Metamorphosen, Interpretationen und irrationaler Wendungen auf. Nie kann man wissen, welches ihr wahres Gesicht ist. Weil keine authentische Historie existiert, wimmelt es von so vielen Historien in Mitteleuropa, vor allem auf dem Balkan. Weil keine Einigkeit über die Geschichte existiert, muss man sie immer wieder neu erfinden. In Mitteleuropa wird ein Palimpsest der falschen Geschichte auf das nächste überschrieben. ….“
Zu Beginn der 90er begann die Zeit der Wendehälse. Friedenskonferenzen wurden einberufen – Demokratie sollte gelehrt werden, doch die Massen interessierten sich nur dafür, wann das Leben im Schlaraffenland endlich beginnen würde. Immer wieder reibt sich der Autor an den Widersprüchen, an den Gesinnungswechseln. Scharf nimmt er die Wendigkeit der eigenen Minderheit ins Visier: Sie haben gejubelt, als Horthy einritt, sie schwenkten in vorderster Reihe die Fahne als Tito kam, wurden Parteisekretäre und die erwirkten, nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin, auch als erste die Ausreisen ihrer Familienmitglieder nach Deutschland.
Végel versteht es, in seinen mäandernden Texten immer wieder auf den Punkt zu kommen, so dass der Leser das Wesentliche und den Fortgang der Erzählung nie aus den Augen verliert. Auf verschlungenen Pfaden wird er in das Wesen der Balkanbewohner eingeführt: Wie sie z.B. bei einem Flug im Gewitter alles besser wussten als der Pilot, wie sie bei einer Busfahrt nicht nur ihre gesamten Spezialitäten mitnahmen –in Deutschland kann es so etwas Gutes gar nicht geben. Und wie sie sich unglaublich schlau vorkamen, die österreichischen Zöllner übers Ohr zu hauen und gewohnheitsmäßig noch immer mit gefälschten Pässen reisten. Végel beschreibt die Fahrt so farbig und plastisch, dass man selbst im Bus mitfährt – und wer jemals in solch einem Fernbus, z. B. aus Rumänien nach Deutschland gefahren ist, der weiß, wie stimmig dieses ganze Bild ist.
Jedes Detail der Reise, jede Überlegung seiner Unterwegs-Texte erinnern Végel daran, wie auch die heutige Jugend in Ex-Jugoslawien nicht die geringste Ahnung von der vergangenen Geschichte hat: Studenten in einem deutschen Sprachkurs: Sie wussten nichts von der Geschichte, ihre Eltern hatten auch ihnen nichts erzählt. Er fragte sie, ob sie sich noch an Deutsche in ihren Dörfern erinnerten, ob sie in der Schule von ihnen gehört hatten, Filme gesehen? Aber keiner erinnerte sich. Sie lernten die Sprache— und beklagten sich, dass die deutsche Sprache schwieriger sei als die englische. Ich erzählte ihnen, einst hätten in der Vojvodina mehrere Hunderttausend Deutsche gelebt. In Novi Sad sei muttersprachlich jeder Vierte deutsch. In der Stadt hat einmal jeder, der etwas auf sich hielt, drei Sprachen beherrscht. …..Und wohin sind die Deutschen verschwunden?, fragten sie. .. Wir haben sie verjagt oder erschossen, sagte ich. Alle haben vergessen. Auch er, Végel würde manchmal gern vergessen, aber er kann nicht.
Allmählich kommt ihm der Gedanke, die Deutschen seien ein Volk des Geheimnisses, das sie vor niemandem aufdecken wollen, auch nicht vor sich selbst. Sie sühnen. Und damit glaubt er ihr Geheimnis ergründet zu haben – und auch sein eigenes. „Unser Geheimnis ist die Sühne“. D.h., jemand, der schuldig geworden ist, hebt diese Schuld durch eine Ausgleichsleistung auf oder mindert sie. Und daran haben wohl auch Verständigung und Verständnis ihren Anteil.
Im letzten Kapitel beschreibt er einen Sprachkurs, den er in England besucht hat – und in dem jeder Teilnehmer etwas über sein Heimatland erzählen sollte.
What is Yugoslavia? Was also ist Jugoslawien, das es gar nicht mehr gibt.
Végel tut sich sehr schwer damit. Hat mein Land jemals existiert oder lag es von Anfang an in Agonie? Er lässt nochmal das zerfallende Jugoslawien vor seinen inneren Augen Revue passieren und begreift, dass er in einem vergänglichen Land gelebt hat. Er sah, wie aus diesen Welten die bestialischen balkanischen politischen Leidenschaften hervorbrachen, doch seinen Platz findet er auf keiner Seite, er hat alles verloren – er kommt aus Jugoslawien, ist aber kein Serbe, etwas Drittes, ein postmoderner Kentaur.

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