Rezension: Bródy, Sándor – „Schneewittchen“

Kurzroman
Aus dem Ungarischen von Max Rothauser
Verlag Edition Alea, Badenweiler
ISBN: 978-3-944524-01-6
Originaltitel: Hófehérke, 1894
Edition Alea, Badenweiler, 2013
Bezug: Buchhandel Preis 17,90 Euro

Der 2012 neu gegründete Alea Verlag in Badenweiler hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bücher zu publizieren, die, obwohl einmal sehr bekannt, inzwischen aus dem literarischen Bewusstsein verschwunden sind. Der Verlag legt Wert nicht nur auf Kostbarkeiten der Literatur, sondern auch auf handwerkliches Können, was die Ausstattung der Bücher angeht.
Einer der ersten neu publizierten Romane ist die Novelle „Schneewittchen“, des zu seiner Zeit sehr bekannten, berühmten und geschätzten Schriftstellers und Journalisten Sándor Bródy. In älteren Literaturgeschichten wird er auf eine Stufe mit Krúdy und Mikszáth gestellt, Autoren, die in Deutschland auch eher ein Schattendasein fristen. Von 1896 bis 1900 wurde die Novelle immerhin viermal ins Deutsche übersetzt und publiziert. Die Übersetzung hier folgt der des Reclam-Verlages, ohne Jahreszahl. Bródys großes Vorbild war Jókai – auch er in Deutschland ein nahezu Unbekannter, in Ungarn aber nach wie vor geschätzt und verlegt.
Wir erinnern uns: Schneewittchen war doch die Figur, die ihrer Stiefmutter und Rivalin im Weg war und deshalb von ihr mit einem Apfel vergiftet wurde. Danach lag sie tot, aber wie lebendig aussehend, im gläsernen Sarg, bis ein Prinz sie mit seinem Kuss wieder auferweckte.
Bródys Schneewittchengeschichte entlehnt einige Elemente dieses Märchens, nimmt aber einen anderen Verlauf. Hier ist nicht die Rivalin die Täterin, sondern ihr – in die Tochter verliebter – Vater, welcher die Nebenbuhlerin aus dem Weg räumt, um das Glück seines Kindes zu sichern. Bródy stellt verschiedene Gesellschaftsformen dar, die langweilig-eintönige der Großstadt und die „reine“ des ländlichen Idylls. Detailliert beschreibt er Landschaft und Menschen, nicht ohne ironische Züge: „Ein ständiges, gleichmäßiges Elend lagerte hier auf allem, drückte Häuser und Menschen platt und machte sie förmlich alle gleich. In Bezug auf Gedankengang, auf Redeweise, ja sogar in Bezug auf die Gesichter. Die Phylloxera (Reblaus) raubte ihnen alles und der Hunger ward ihnen Gewohnheit. Dennoch trollten sie sich nicht, sie warteten darauf, dass der Rebenkäfer die Sache satt bekomme und inzwischen schlugen sie ein paar Beamte tot, die sich erfrecht hatten, nach den verfaulenden Reben zu langen“. Bródy, der vielseitige Schriftsteller, mischt hier Realität mit Phantastischem, schreibt in gehobener Literatursprache, um dahinein die Umgangssprache der Hauptstädter oder der ländlichen Bevölkerung zu schmuggeln.
Zum Inhalt:
Zwei Freunde sitzen im frühen Frühjahr zusammen und unterhalten sich über Frauen: Der eine fürchtet die schwarzhaarigen Mädchen, sie sind ihm zu schön und zu gefährlich. Er möchte ein Schneewittchen haben! Emerich (dt. Übersetzung von Imre – und im Folgenden immer Imre) Balassa, der Ingenieur, hat eine ganz genaue Vorstellung von seinem idealen Mädchen, sieht sie mitsamt ihrer Familie und ihrer dörflichen Umgebung, direkt vor seinem inneren Auge. So leibhaftig ist er von Schneewittchens Existenz überzeugt, dass er sogleich nach Siebenbürgen aufbricht, wo er seine Idealgestalt zu finden glaubt.
In Klausenburg angekommen, mietet er eine Kutsche und lässt sich nach einem wahllos herausgesuchten Ort fahren. Da das Dorf wie ausgestorben wirkt, die Schenke geschlossen hat, weist man ihn zum Pastor. Hier kommt ihm das Pastorentöchterlein, „Schneewittchen“ entgegen. „Sein Kommen überraschte niemand“. Sie ist fast genau so, wie er sie sich ausgedacht hatte, zart, zerbrechlich, eher ernst. Sie isst kaum, hat nie Langeweile, steht früh auf und geht früh zu Bett, liest und kocht gerne. Die ideale Hausfrau. Nur als sie einmal lacht, findet er sie nicht mehr so „schneewittchenhaft“ und es kommen ihm Zweifel, ob sie die Richtige für ihn sei. Dem Mädchen ist auch ohne Frage klar, warum Imre gekommen ist, und als er sie fragt, ob sie seine Frau werden wolle, willigt sie sofort ein „Ich folge Ihnen“. Schneewittchen fragt weder nach dem Woher noch nach dem Wohin – sie glaubt an ihn, offenbar von der Vorsehung auserwählt.
Über die Zeit danach hören wir nichts, bis zum Dezember. Da soll die Hochzeit sein. Balassa hat inzwischen eine Gehaltserhöhung bekommen, eine neue Wohnung gemietet – bis nach Neujahr möchte er seine junge Frau mit in die Hauptstadt nehmen.
Auf der Schlittenfahrt dahin müht er sich umsonst, seine Braut vor sich zu sehen: „Eine körperlose Weiße, ein sanfter, unbestimmter Duft umfloss ihn“ – „Und jetzt geht er, um diese körperlose Weiße, diesen unbestimmten Duft zu holen“.
Der Kutscher verirrt sich auf der langen Fahrt im eintönigen Weiß – ein schwerer Schneesturm kommt auf, Imre verlässt den Schlitten und bahnt sich seinen Weg durch die weiße Wüste. Total erschöpft kommt er an einen gefrorenen See, auf dem ein Fräulein auf Schlittschuhen seine Runden dreht. Am Ufer sitzt bei einem Feuer eine alte Bauersfrau, die dem Fräulein auf rumänisch und ungarisch immer wieder etwas zuruft. Als das Mädchen Imre sieht, staunen sich beide an: „Wie eine wundersame Erscheinung, so überraschte sie der gegenseitige Anblick“. (Wieder greift das Schicksal ein.) Nach einigen weiteren Runden lässt sie sich von der Frau die Schuhe abschnallen. Imre sinkt todmüde am Feuer nieder: „Wer bist du? – Ein Bräutigam – wohin willst du? – Zur Hochzeit – Woher kommst du? – Ich weiß es nicht – Was suchst du hier? – Ich verirrte mich“. Während die Alte losläuft um den Arzt (den Vater des Mädchens) zu holen, entspinnt sich nochmal ein kurzes Gespräch zwischen den Beiden: „Wer bist du? – Io Bannai – Du bist mein – Ja, ich bin es. Aber ich erlaube dir nicht, die Augen zu schließen, ich will, dass du mich sehest. Hörst du! Mich sollst du sehen. Ich will es!“
Eine Woche bleibt er im Arzthaus, wird gepflegt –muss dann noch Tauwetter abwarten, bis er zu seiner Braut reisen kann. Mit Io kann er sich gut und freizügig unterhalten, sie versucht sich zu bilden, liest, weiß durch ihren Vater in den Naturwissenschaften Bescheid. Das Mädchen hat sich inzwischen heftig in ihn verliebt – und auch Balassa bleibt nicht unberührt: „Niemals zuvor hatte Emerich Balassa so gute Tage, wie diejenigen, die er hier verlebte. Er wollte den Wunsch in seiner Brust unterdrücken, aber derselbe brach dennoch hervor. Er wäre am liebsten für immer dageblieben. So süße Stille, so bewundernswerte Ruhe herrschte hier.“ Io will ihn nicht gehen lassen, aber er will seiner Braut die Treue halten und reist ab. Der Vater ist zornig, dass seiner verliebten Tochter nicht das Glück zuteil werden soll, das ihr nach seiner Meinung zusteht. Auch Io ist überzeugt, dass Imre nur sie liebe: „Fort ist er, mein Schöner, Guter. Fort ist er, den man mir sandte, damit er mich in seinen Armen mit sich trage. Ich bin ja seine Herrlichkeit, seine Ruhe, seine Welt. Mich will er, nur mich, mich allein und keine andere.“
Anfang Januar kommt Balassa zurück, will aber nur den Arzt mitnehmen. Seine Braut ist todkrank geworden: „Sie vergeht, ohne dass man die Ursache wüsste. […]. Ich bin zu Ihnen gekommen, damit Sie sie heilen. Ihnen wird es gelingen, Ihnen vertraue ich“. Der Arzt fährt mit ihm: […]. Eine stilisierte, aus dem präraphaelischen Zeitalter stammende heilige Jungfrau stand vor dem Doktor. […]. Und dieser Schatten will meiner Tochter den vom Blute bestimmten Geliebten rauben? […]. Dieses Nichts, das nicht einmal menschlich glücklich zu sein vermag, will meine liebedürstende, schöne, einzige Io unglücklich machen! In Gegenwart der Familie lässt sich der Arzt über sein Steckenpferd aus und spricht darüber, wie unnötig es sei, jemanden zu heilen, der einen organischen Schaden habe, er sei eine Gefahr für die ganze Menschheit. Der Staat sei verpflichtet, jene zu vernichten, die mit organischen Krankheiten behaftet seien. (schon damals gängige Gedanken zur Euthanasie). Zum Glück versteht ihn nur Imre Balassa. Als der Arzt sieht, wie Schneewittchen sich wieder kräftigt, kommt nochmals unbändige Wut in ihm hoch, dass Diese seiner Tochter den Mann rauben will. „Töten, vernichten! […].Im Grunde genommen würde er nur eine Pflicht erfüllen, wenn er die Vernichtung dieses Mädchens, dieses zweifellos schlechten, ja schädlichen Materials beschleunigte.“ Bei einem seiner nächsten Besuche findet er die Braut wieder kränklicher und nimmt sich ihrer wieder an. „Ihr Hinscheiden war so leicht, dass man es nicht einmal merkte. […]. Das Pastorenkind, das kleine Schneewittchen, wurde in den grün bemalten Sarg getan. – ein Tag vor Ostern. […].
Nach vier Wochen schon trifft Imre wieder im Arzthaus ein. Acht Monate später heiraten sie. Der Arzt wollte, dass sie gerade in jener Kirche getraut würden, damit dem Schicksal Genüge getan sei. In den nächsten Monaten gehen die Beiden so total ineinander auf, dass sie beinahe den Verstand verlieren, bis der Vater eines Tages in der Kanzlei seines Schwiegersohnes steht und sich anklagt, er habe Schneewittchen vergiftet mit Arsen, damit es dem Glück seiner Tochter nicht im Wege stünde. Nun habe er Wahnvorstellungen und sehe das Mädchen immer vor sich. Sophistisch setzt er ihm auseinander, dass er und Io rein dastünden, nichts mit seiner Tat zu tun hätten. Und überhaupt, er hat getötet, damit Imre die Frau aus Fleisch und Blut bekomme, die seiner würdig sei. Wichtig sei nur, dass seine Tochter nichts davon erfahre; denn, so ist der Vater überzeugt, würde sie ihm sogar ins Gefängnis folgen, ihren Mann verlassen, an dessen Seite sie unrechtmäßig lebe. Von nun an entzieht sich Imre seiner Frau, an die er sich unrechtmäßig gebunden glaubt. Verzweifelt schreibt diese an ihren Vater, der verspricht, alles in Ordnung zu bringen. Imre bleibt nun nichts anderes übrig, als ihr vom Mord ihres Vaters zu sprechen. Jetzt steht das Gespenst des gemordeten Mädchens zwischen ihnen: „Das Phantom des Pastorenkindes, das Andenken des Opfers ihrer Liebe trennte sie voneinander, weckte aber gleichzeitig ein heißes, weil verboten, verbrecherisch scheinendes Sehnen in ihnen […] Io war ein wenig eifersüchtig auf die Tote. […] Er rechtfertigte sich und erzählte bis ins kleinste Detail, wie er in das Haus des armen Pastorenkindes gelangte […]. Ich hätte sie so gern geliebt und wäre doch für immer unglücklich mit ihr geworden“. Es kommt ihnen wie Sünde vor, wenn sie sich lieben, aber sie kommen nicht voneinander los. Fast schon glauben sie sich selbst als die Schuldigen. Schneewittchen zieht als weißes Phantom mit in ihre Wohnung ein: für Io die Rivalin, für Imre die unerreichbare Geliebte.
Eines Tages zeigt sich der Arzt selbst an – Io verlässt am nächsten Tag den Gatten, um bei ihrem Vater zu sein. Eine Exhumierung wird anberaumt. Die Ärzte erklären dem Untersuchungsrichter, dass sich ihr Kollege des Mordes angezeigt habe, dass dies aber einfach Wahnsinn, also unmöglich sei. Als der Sarg geöffnet ist, blicken alle auf das Mädchen: „[…] Und da lag das Mädchen, unberührt, in zauberischer Weiße, […]. Sie war schön wie ein Engel, sie lächelte.“
Die Anwesenden ergehen sich in Fachausdrücken und Alle sind sich einig, dass Schneewittchen eines ganz natürlichen Todes gestorben sei. Nun scheint alles in Ordnung, doch es dauert Monate, bis das Ehepaar wieder zueinander findet: Die Tochter bleibt vorerst beim Vater, der etwas sonderbar wird – der Ehemann schickt nur Blumen – beide haben große Sehnsucht nach einander, doch Io bestimmt, dass sie sich nur aus der Ferne lieben dürften. Als der Vater als Erster bemerkt, dass seine Tochter schwanger ist, erzählt sie ihm, wie sich das weiße Gespenst nach seinem Geständnis zwischen sie gedrängt habe. Der Vater sagt nichts, doch als er spät nachts heimtaumelt, will er nicht, dass die Tochter Licht macht. Er sei gestürzt und habe sich innerlich verletzt. Er weiß, dass er sterben wird und redet seiner Tochter zu, ihren Mann zurückzuholen.
In einem letzten Brief an den Schwiegersohn schwor er, dass er das Pastorenfräulein nicht umgebracht, sondern dass sie eines natürlichen Todes gestorben sei. Es sei der Wahnsinn gewesen, der aus ihm gesprochen habe. Damit ist für die Beiden alles gut geworden. Ihr Mädchen nennen sie im Andenken an das (bisher namenlose) Schneewittchen „Katharina“.
Schneewittchen im Sarg aber weiß – und wird nichts sagen, dass sie, dass ihr Schatten nun zum zweiten Mal getötet wurde vom Vater, der noch auf dem Sterbebett gelogen hatte, um das Glück seines Kindes zu erzwingen.
Die tiefgründige sowie gut zu lesende Geschichte macht Appetit auf mehr. Es wäre schön, in absehbarer Zeit wieder etwas von Bródy zu lesen!

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