Rezension: Schröder, Ernst-Lutz – „Philharmonie – aber mit V“

Eine melodramatische Romanze
Verlag August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt a. M.
ISBN: 978-3-8372-1203-7
Bezug: Buchhandel, Preis: 26,80 Euro

Ja, was soll man dazu sagen, wo anfangen?
Ich war auf diesen Roman aufmerksam geworden, da er auf der Frankfurter Buchmesse 2013 in der Rubrik „Ungarische Literatur“ angeboten worden war. Es sollte um Anikö, eine ungarische Geigerin gehen.
Nach der Lektüre gibt es für mich nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat der Autor mit dieser „melodramatischen Romanze“ eine Krimi-Persiflage beabsichtigt, oder er kommt, als inzwischen 75jähriger, mit seinen Hormonen nicht klar:
Das Buch scheint ein Zusammenschnitt aus allen gängigen Tatort -und anderen Krimis zu sein. Wie anders ließe sich sonst erklären, dass nicht nur der Ich-Erzähler, sondern auch Staatsanwältin und Polizei kaum etwas anderes im Sinn haben, als an erotische Abenteuer zu denken, sich ständig zu befummeln und selbst in lebensbedrohlichen Situationen immer nur „an das Eine“ zu denken.
Der Reihe nach, sofern das bei den vielen Verwechslungen und Missverständnissen überhaupt möglich ist:
Der Frauenarzt, Hobbypianist, -komponist und -dirigent, der „große Dr. Peter Graf“ aus Nürnberg, ist eingeladen, in Berlin in einem Wohltätigkeitskonzert den Klavierpart seines eigenen Werkes zu spielen. Die Karten sind teuer, die Crème de la Crème ist eingeladen, alles was Rang und Namen hat in Gesellschaft und Politik. Dr. Graf, „der Graf von Nürnberg“ genannt, hat es eilig in die Kammerphilharmonie zu kommen. Auf der Suche nach einem Taxi, vor seinem Hotel Kempinski, rempelt ihn eine junge Frau an und lässt das Flyer einer nackten Schönheit mit einer Einladung in den Nightclub „Vielharmonie“ fallen. Die Eile ist vergessen, er spurtet der jungen Frau hinterher, die ganz offensichtlich mit der Schönheit identisch ist. Ein Dialog voller Missverständnisse entwickelt sich; Graf sieht nämlich einem Bekannten der jungen Frau, dem Tänzer Leo, zum Verwechseln ähnlich. Der Pianist hat nun nichts anderes mehr im Sinn, als mit ihr anzubandeln, gleichermaßen von „seinem inneren Schweinehund“ angestachelt und „seiner weißen Seele“ gewarnt. Der „Schweinehund“ gewinnt in der Folge fast immer.
Offenbar ist der Frau ihr Tanzpartner vom Nachtclub abhanden gekommen und der Pianist soll einspringen. Wie praktisch, dass er auch eine Ausbildung als Turnier- und Ausdruckstänzer hat. Im Laufe der anzüglichen Unterhaltung stellt sich heraus, dass die junge Frau, wenn sie nicht als Veronique Martinez alias Violetta im Club auftaucht, ganz ernsthaft Violine spielt, als Anikö von Vászáry. Graf malt sich bereits genüsslich aus, wie sexy sie dabei aussieht. Nach dem Konzert soll er ihr als Tanzpartner im Nightclub Vielharmonie aushelfen.
Beim erneuten Suchen nach einem Taxi wird er als „alter Bekannter“ namens „Hugo“ in einen Streifenwagen gezogen. Auch diesem Hugo soll Graf täuschend ähnlich sehen. Verwicklungen und weitere Verzögerungen folgen. Polizeikommissar Müller hat es sich in den Kopf gesetzt, dass Graf, alias Hugo, ein Hoteldieb sei, Vroni (Veronique – Anikö), diejenige, welche die Kavaliere ablenkt, so dass er ungestört die Gäste ausrauben kann.
Klar, dass er mit der akrobatischen Schönheit Vroni fliehen kann, wobei ihnen eine Motorrad-Gang, deren Anführer sich als Polizist entpuppt, zu Hilfe kommt. Das Berlinerisch der Beamten reißt den Leser nicht wirklich vom Stuhl, auch nicht, dass die bildhübsche Polizistin in Zivil umwerfend aussieht, „bi“ ist, sich von der Staatsanwältin streicheln lässt – und trotzdem ein schmachtendes Auge auf den „Verbrecher“ geworfen hat. Überhaupt, wohin „der Graf von Nürnberg“ auch kommt, egal als wen er angesehen wird, ob als Pianist, Tänzer oder Dieb, die Frauen liegen ihm zu Füßen. Er bräuchte sich nur eine auszuwählen. An zweideutigem Geplänkel und eindeutigem Fingerspiel, zu zweit, zu dritt, mit einer oder mehreren Frauen, herrscht kein Mangel. Überhaupt, um nichts anderes, als um die Männerfantasien des Autors, der hier als 38jähriger auftritt, dreht sich der ganze Roman. Die Kenntnisse in Musik und Tanz, die ganze „Romanze“ verbrämen diese intimen Träumereien nur ungenügend – wenn das Ganze nicht doch eine Persiflage sein soll. Das will ich einmal dahingestellt sein lassen.
Noch vor dem Konzert können Vroni und Graf den Eigentümer des Etablissements in einer Hauptprobe mit ihrem Tanz beeindrucken, stellvertretend für das Paar Viola und Leo, welches ihnen täuschend ähnlich sieht. Sie kommen dann natürlich zu spät zum Konzert, doch kein Problem. Die zuvor verhinderte Pianistin ist wieder aufgetaucht – Graf muss nur dirigieren, Anikö spielt Geige. Doch noch bevor die Beiden richtig loslegen können, taucht die Polizei auf und will Graf und Vroni-Anikö sofort verhaften. Praktischerweise hat der Kommissar gleich einen Untersuchungsrichter und die Staatsanwältin mitgebracht. Ein Strafverteidiger findet sich auch im Publikum (Mitinhaber des Nightclubs) – er hält vor versammeltem Konzertpublikum ein Plädoyer, welches darauf hinausläuft, dass Graf unmöglich der Hoteldieb sein könnte – er müsste denn einen Zwillingsbruder haben. Den hat er auch, wie sich für alle überraschend herausstellt. Aber auch der ist kein Dieb. Schließlich wird die Pianistin erschossen, ein Beziehungsdrama, wie sich zeigen wird, die Attentäterin von der ebenfalls angeschossenen Geigerin Anikö erwürgt. Trotzdem legt sie mit Graf wieder eine filmreife Flucht vor, diesmal auf einer Harley-Davidson (Veronique – Violetta – Anikö aus Ungarn kann einfach alles!), um noch rechtzeitig zu ihrem Tanzauftritt zu kommen. Aber es kommt noch besser: Anikö kollabiert, wird wiederbeatmet, an einen Defibrillator angeschlossen – der Leser langweilt sich bei seitenlangen Fachausdrücken und Beschreibungen über die Arbeit dieses Gerätes (diese Lexikoneinträge sollen wohl die Kompetenz des Erzählers beweisen und den dürftigen Text strecken). Über die Fast-Sterbende hinweg wird deren Herkunft und Familie aus Ungarn erörtert, die Verwandtschaft mit der getöteten Pianistin Pia und der Leiterin des Etablissements Viola. Sämtliche Klischees, was sich Ärzte über den Kopf eines ums Leben ringenden Patienten zutratschen, kommen dabei zum Einsatz.
Später zeigt der Autor noch einmal sein gesamtes „Wissen“, als er in allen Einzelheiten verschiedene Pistolentypen, deren Funktionsweise und Anwendung analysiert. Wie gut, dass er die Polizei auf die richtige Spur bringt.
Kommen Sie noch mit? Zum Glück gibt der Autor selbst immer wieder eine kurze Zusammenfassung, damit weder Polizei noch Protagonisten, noch Leser den Überblick verlieren: „Anikö von Vászáry ist Studentin an der Hochschule für Musik. Um ihr Geigenstudium und ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können, jobbt sie als Tänzerin im Corps de Ballet vom Kabarett „Vielharmonie“. Dem Kabarett ist angeschlossen eine Hostessenagentur, die sich aus sechs bis zwölf jungen Frauen vom Ballett rekrutiert. Die Annahme von Hotelier von Michelbach, dass Anikö zu den Hostessen der Agentur gehört, die seine Gäste ins Hotel bestellen, wurde hier widerlegt und ist auch glaubwürdig, da Anikö sonst als ernstzunehmende Geigerin ihren guten Ruf aufs Spiel setzen würde. (Natürlich hat der Hotelier Recht!)
Anikö wird vorläufig noch mal gerettet. Der Graf von Nürnberg will sie heiraten, damit sie sich ganz der Musik widmen kann. Zu spät! Ihr Herz macht nicht mehr mit. Aber nicht weiter schlimm; es werden sicher wieder einige Krokodilstränen vergossen – und dann warten auf den Helden ja noch so viele weitere schmachtende Frauen, u. a. Viola, die Schwester, wie der Herr Strafverteidiger herausgefunden hat. „Gewürzt“ wird die dünne Krimibrühe außer mit Fachausdrücken und Funktionsbeschreibungen mit eingestreuten Hinweisen auf Politik und Gesellschaft.
Während der Herr Frauenarzt hauptsächlich durch seine Hormone gesteuert wird, legen die Frauen ein erstaunliches Realitätsbewusstsein vor, wenn auch sie den Sex immer – und in jeder Situation im Hinterkopf, pardon in den entsprechenden „körperlichen Vorgaben“ haben.
Zum Stil muss leider gesagt werden, dass weder das Berlinerisch, noch das Fränkisch einer neu eingeführten Kollegin, die es auf ihren verheirateten Kollegen abgesehen hat, noch das z. Tl. fehlerhafte Ungarisch den Leser irgendwie überzeugen können. Auch nicht die, sonst perfekt deutsch sprechende Anikö, wenn sie urplötzlich nur noch ungarisch-deutsch radebrechen kann. Selbst die arme „Piroschka“ wird noch bemüht. – Das Ganze ist einfach ärgerlich: Ständig wird schallend gelacht, es tönt zurück, es wird gekontert, ins Wort gefallen, das Telefon nervt, der Notarzt, tauchte akustisch wieder auf … usw.
Gespickt ist der Text mit Literatur- Film- und Musikzitaten, bzw. Titeln. Grammatikalisch nicht einwandfrei ist die Syntax.
Wer gern solche „Arztromane“ in Krimimanier liest, kommt hier natürlich auf seine Kosten.

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