Rezension: Dalos, György – „Der Vorhang geht auf – Das Ende der Diktaturen in Osteuropa“

Deutsche Bearbeitung von Elsbeth Zylla
Verlag C. H. Beck, 2009 ISBN: 978-3-406-58245-5
Bezug: Buchhandel Euro: 19.90

Dalos’ Buch führt nicht Einzelschicksale an, sondern es gibt, wie aus der Vogelperspektive, einen Überblick über die gesamte Lage der mittelosteuropäischen Länder hinter dem Eisernen Vorhang, in den „Wendejahren“. Er zeigt auf, wie die Lage eines jeden Landes im Speziellen war, wie jedes Land seine ihm eigene Dynamik entfaltete. Das Buch liest sich spannend und mitreißend wie ein Drama:
Prolog – Vorhang auf: – es folgen sechs dramatische, zum Teil tragikomische, Szenen – Epilog.
Die sechs Dramen:
Nachdem sich Gorbatschow entschlossen hatte, dem eigenen Land Glasnost und Perestrojka zu verordnen, lässt er die ihn störenden „Betonköpfe“ der Satelliten fallen und mit ihnen die Bruderstaaten, die fortan für sich selbst sorgen sollen. Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten. Auch in den Ostblockländern sieht die Bevölkerung in den Neuerungen, die in der UdSSR stattfinden, das ersehnte Mittel, die eigene Diktatur los zu werden: Die ersten Bürgerrechtsbewegungen formieren sich und lassen sich nicht mehr unterkriegen, sondern melden sich energisch zu Wort. Danach geht alles ganz schnell: Die alten Führungseliten müssen abdanken, die Partei versucht zwar noch mit mehr oder weniger Erfolg ihren Einfluss zu erhalten, doch die neuen Bewegungen können sich zunächst, mindestens bis zu den ersten freien Wahlen durchsetzen. Leider gelingt das nicht überall auf Dauer; denn häufig leben in den jungen Demokratien die alten Seilschaften weiter. Was fehlt sind Menschen mit Demokratie- und Toleranz-Erfahrung. Der letzte Akt des Vorwendedramas spielt sich meist nach einem ähnlichen Drehbuch ab, Dalos macht aber bei jedem Land auf überraschende Details aufmerksam, stellt Zusammenhänge her. Leicht, witzig bis ironisch-sarkastisch, in dem ihm eigenen Ton, nimmt er die Schwächen von Machthabern, Systemen und Bürgerrechtlern aufs Korn, wobei seine Sympathien offen bei den „Umstürzlern“ liegen. Er selbst, geboren und aufgewachsen in Ungarn, Dissident, weiß genau wovon er schreibt, kennt Verhältnisse und Eigenarten in den Ländern Mittelosteuropas.
Prolog:
1. Staatsbegräbnis und Trauergäste. Ein spätsowjetisches Gruppenbild
Bei Tschernenkos Begräbnis 1985. Gorbatschow, der neue junge Generalsekretär, im Gespräch mit den alten Regierungschefs der Bruderländer. Allen Ländern ist gemeinsam, dass sie finanziell am Abgrund hängen: Die meisten bekommen vom Westen Kredite, von Moskau Rohstofflieferungen und technische Hilfen.
2. Polen: Die Tafelrunde der Erzfeinde:
Schon 1986 amnestiert Polen anlässlich des Staatsfeiertages politische Gefangene, akzeptiert das Mitspracherecht der Solidarność. 1987 stärkt der Besuch Papst Johannes Paul II. in Polen die oppositionellen Gruppen, im November des gleichen Jahres unterliegt die Regierung bei einer Volksabstimmung über die Staatsreform dem Referendum. 1988 zeigt sie aber, dass sie Stil hat und lässt einen Runden Tisch mit 58 Stühlen herstellen. Die Gespräche daran sollen endlich stattfinden, der katholische Episkopat dabei vermitteln. Schon im Dezember wird das „Oppositionelle Bürgerkomitee“ gegründet, das mit der Regierungsseite verhandeln soll. Die Opposition gibt sich sehr moderat, was sicher auch damit zu tun hat, dass noch immer ein Eingreifen der Sowjets befürchtet wird. – 1989 finden verschiedene Wahlen statt, bei denen die kommunistische Partei katastrophale Niederlagen erlebt. Mit der Regierung Mazowiecki kommt erstmals ein Nichtkommunist an der Spitze des Staates. 1990 wird Lech Wałęsa zum Präsidenten gewählt. Damit beginnt eine extreme Aufsplitterung des politischen Lebens, die das hasserfüllte Mit- und Gegeneinander der Parteien jahrelang bestimmen. Die Gesellschaft muss erst mit dem Freiheitsschock fertig werden, der sie ganz aus ihrer gewohnten Lebensweise geworfen hat.
3. Ungarn: Der gemütliche Weltuntergang:
Kádár hatte es verstanden, die Bevölkerung mit kleinen Geschenken ruhig zu stellen, Reiseerleichterungen und private kleine Eigenbewirtschaftung kommen in Gang, so dass bald geflügelte Worte die Runde machten vom „Gulaschkommunismus“ oder von „Ungarn als der lustigsten Baracke im Lager“. Die ständigen Verbesserungen der Lebenssituation ohne gleichzeitiges Wirtschaftswachstum erhöht jedoch die Pro-Kopf-Verschuldung des Landes im Jahr 1985 auf 1400 US Dollar. Kádárs „freiwilliger“ Rücktritt 1988 wirkt dann wie ein Dammbruch: Zahlreiche Organisationen gründen sich, neue Zeitungen erscheinen. Im November wird Miklós Németh neuer Ministerpräsident, 1989 im April wird der „Oppositionelle Runde Tisch“ gegründet, um mit der Staatsmacht verhandeln zu können. Im Juni werden Imre Nagy und seine Mitstreiter feierlich neu beerdigt, wenige Tage später stirbt Kádár. Kurz nach seiner Ernennung zum Außenminister zerschneiden Gyula Horn (mit Billigung Némeths und mit Wissen Moskaus) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock Stücke des verrosteten Eisernen Vorhangs. Das ermuntert zahlreiche DDR-Bürger, spontan die Grenze zu überqueren. Die Verhandlungen am Runden Tisch werden am 11. September abgeschlossen, am 23. Oktober wird die „Dritte Ungarische Republik“ ausgerufen.
4. DDR: Demokratie zwischen Spaltung und Einheit.
Die Unzufriedenheit im Land wächst auf Grund von Bespitzelung, Unfreiheit und Repressalien. Honecker dagegen sonnt sich in der weltweite Anerkennung des Staates, die BRD gewährt Kredite sowie einen zollfreien deutsch-deutschen Binnenhandel. Auch von der Sowjetunion wird der Staat als Fenster zum Westen großzügig gefördert. Bis 1989 bilden sich kirchliche Basisgruppen, Friedenskreise, Ökologiegruppen. Diese Bürgerbewegungen gehen davon aus, dass der Demokratisierungsprozess lange dauern würde und nur unter westlichem Druck, im Gefolge der Perestrojka erfolgen könne. Von der tatsächlichen Bankrottsituation haben weder die eigene Bevölkerung, noch der Westen eine Vorstellung. Die erstmalige Kontrolle der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 durch Bürgerrechtler machen Betrug und Selbstüberschätzung der SED offenbar, doch gravierender ist die „Abstimmung mit den Füßen“ und der damit verbunden Besetzung der Botschaften in Prag, Warschau und Budapest, der massenhaften Flucht über die geöffnete ungarisch-österreichische Grenze. Im September beginnen die „Montagsdemonstrationen“ in Dresden, die schließlich in dem Slogan gipfeln „Wir sind das Volk!“.
Am 9. November erklärt Günter Schabowski, die Reisefreiheit würde sofort in Kraft treten Das veranlasst viele DDR-Bürger, sofort in den Westen hinüber zu spazieren. Bei den freien Wahlen zur Volkskammer, im März 1990. wird die Demokratische Opposition der DDR, Bündnis 90, überraschend mit nur 3% der Stimmen dafür abgestraft, dass sie die bevorstehende Wiedervereinigung nicht hatte erkennen wollen.
5. Bulgarien: Echter Kollaps, imitierte Revolution
In den 80er Jahren wird Bulgarien von verschiedenen Umweltkatastrophen gebeutelt. Die Bürger nehmen das lethargisch hin, selbst die Katastrophe von Tschernobyl wird in den Medien nicht erwähnt. Tudor Schiwkow, seit 1956 im Amt, hält sein Volk mit der gefürchteten Geheimpolizei, die auch beim Attentat auf Papst Joh. Paul II. ihre Finger im Spiel gehabt haben soll, in Schach. Schiwkow treibt in den 50er und 60er Jahren die Industrialisierung rasant voran, vernichtet die kleinen Wirtschaften, begünstigt damit die Landflucht. Das große Problem des Landes aber ist die sehr enge Bindung an die UdSSR, an ihre Rohstofflieferungen und technischen Ausrüstungen. Als trotz Hinhaltetaktik die bulgarische Führung unter Reformdruck gerät, lässt sie 1984 alle türkisch klingenden Namen mit Gewalt slawisieren, die öffentliche Sprache Türkisch bei Strafe verbieten. Die westliche Öffentlichkeit erhält davon nur Kenntnis, durch einige damals namhafte bulgarische Spitzensportler.
Ab September 1987 formieren sich verschiedene Bürgerrechtsbewegungen und oppositionelle Gruppen. Im Juni 1988 beginnt die massive Vertreibung der türkischen Minderheit, bis Ende August werden etwa 300 000 Staatsbürger in die Türkei abgeschoben. Da endlich protestiert der Westen, was aber kein Ergebnis bringt. Eine Verständigung mit der Staatsmacht kann es immer noch nicht geben, die Menschen haben Angst vor der Geheimpolizei, dialogfähige Gruppen fehlen.- Am 9. November 1989 tritt Schiwkow wegen interner Auseinandersetzungen zurück, sein Nachfolger ist Außenminister Petar Mladenow. Der „Fall der Berliner Mauer“ wird in keinem Protokoll und erst recht nicht in den Medien erwähnt.
Am 18. November verläuft die erste genehmigte Demonstration der Opposition in Sofia mit 150 000 Menschen, friedlich. Sie fordern den Rücktritt der kommunistischen Regierung, die Streichung der führenden Rolle der KP aus der Verfassung, die Bestrafung der Schuldigen in der Diktatur und freie Wahlen. Als aber die Rehabilitierung der vertriebenen Türken gefordert wird, bilden sich heftige Kontroversen.
Der neue Wahlspruch der KPB heißt nun „Wahrer Sozialismus unter den Bedingungen von Demokratie und Glasnost“. Beim XIV. Parteitag 1990 wird sogar noch empfohlen an der Marx-Engels-Lenin-Dimitrow-Kontinuität festzuhalten. Die Zugeständnisse stellen das System nämlich keineswegs in Frage. Die große Verspätung Bulgariens behindert seinen Weg in die Demokratie beträchtlich. Dazu kommt, dass gleichzeitig mit der Demokratisierung die Wirtschaft des Landes völlig zusammenbricht. Auch wenn dies die Folge der Vorwendepolitik des Kommunismus ist, wird das neuerliche Elend doch der neuen Staatsform zugeschrieben. Mafiaähnliche Strukturen verstärken sich, ganze Bevölkerungsgruppen fallen aus dem sozialen Netz, Lebensmittel werden Mangelware. Qualifizierte Kräfte fliehen ins Ausland. Selbst 2007, nach dem EU-Beitritt steigt der europafeindliche Nationalismus weiter an.
6. ČSSR: Revolte mit Samthandschuhen
Die ČSSR steht in den 80er Jahren finanziell nicht so schlecht da, wie die anderen Ostblockländer, es gibt bereits einige Reiseerleichterungen. Trotzdem ist das Land nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 in Lethargie versunken. Viele Mitglieder der Intelligenzija haben das Land verlassen, langsam macht sich der Eindruck breit, die Bürger des Landes seien nur an Essen und Trinken interessiert. An der Spitze des Staates steht Gustav Husák. Die Führungselite fühlt sich, obwohl die sozialistischen Bruderländer bereits bröckeln, noch sehr sicher in ihren Sesseln.
Im Januar 1988 beginnt jedoch die Unterschriftenaktion einer „Katholischen Initiative zur Besserung der Lage der Gläubigen“. Im März wird die Aktion mit etwa 4000 Teilnehmern zwar auseinander getrieben, man kann sie aber nicht mehr übersehen. Nach 20 Jahren traut sich jemand wieder auf die Straße um zu protestieren! Im Dezember 1987 wird auch Husák auf Betreiben Gorbatschows vom Vorsitz des Parteiführers abberufen, kann jedoch sein Präsidentenamt behalten. Sehr langsam setzt sich die Auffassung durch, dass die UdSSR diesmal nicht eingreifen würde. Am 21. August, dem 20. Jahrestag der Invasion, gehen 4000 Menschen auf die Straße, sie werden vertrieben. Am 28. Oktober feiert die ČSSR notgedrungen zum ersten Mal seit 1948 die 1918 gegründete Republik. Am 16. Januar 1989 folgt das Gedenken an Jan Palach, der sich 1969 aus Protest gegen die Besetzung des Landes selbst öffentlich verbrannt hatte. Die Kundgebungen werden jeweils brutal aufgelöst, mit über 500 Festnahmen, unter ihnen Vacláv Havel. Es schießen aber neue, von niemandem genehmigte demokratische Vereine aus dem Boden. Damit setzt sich derselbe gesellschaftliche Prozess in Gang, der in den Nachbarstaaten Polen und Ungarn bereits seinem Höhepunkt zustrebt. Als sich der 21. Jahrestag nähert, wird in Prag ein riesiges Netz von Sicherheitspolizei und informellen Mitarbeitern zusammengezogen, ähnlich, auch in Bratislava. Etwa 10 000 Demonstranten nehmen am 28. Oktober an den Feierlichkeiten zur Staatsgründung durch T.G. Masaryk teil, marschieren mit Blumen und Kerzen durch die Straßen. In der engen Altstadt werden sie jedoch von Sicherheitspolizei niedergeknüppelt. Drei Wochen später ruft eine radikalisierte Studentenschaft einen unbefristeten Streik aus, der sich auf Theater- und andere Kulturschaffende ausweitet, auf sämtliche Mittelschulen des Landes. Später kommt es zu Arbeitsniederlegungen der Betriebe. „Die Bürgerbewegung entfaltete eine Dynamik, wie sie gewöhnlich am Vorabend von Revolutionen entsteht.“ (Zitat Dalos). Danach folgt ein solch schneller und panischer Rückzug der politischen Elite, wie in sonst keinem der Warschauer Pakt-Länder. Regierungschef Ladislav Adamec entschuldigt sich im Gespräch mit Studenten für die unbegründete Härte des Einsatzes, das Bürgerforum fordert den Rücktritt aller für die Invasion 1968 Verantwortlichen. Das ganze Land ist in Aufruhr; überall wird der Ruf laut: „Freiheit für alle!“ „Freie Wahlen!“. Als sich dann am 24. November Vacláv Havel und Aleksander Dubček gemeinsam zeigen, ist die Kontinuität zwischen 1968 und 1989 hergestellt. Die Grundsätze des „Neuen Forums“ werden am 26. November veröffentlicht. Da der Machtapparat nach den blutigen Unruhen diesmal sehr passiv reagiert, wird diese Volksbewegung von den Westmedien mit dem Beinamen „samten“ belegt, was auch den Beteiligten gut zu gefallen scheint. Bereits am 25. November wird der Funktionär Karel Urbánek neuer Präsident. Der propagiert nun einen „Sozialismus ohne Fehler“. Bereits am 28. November einigen sich Regierung und Opposition auf eine Koalitionsregierung; der Führungsanspruch der KP wird aus der Verfassung gestrichen, einen Monat später ist Aleksander Dubček der einstimmig gewählte Parlamentspräsident und Vacláv Havel Präsident der Republik.
Soziale Spannungen, Machtintrigen und ein unbewältigtes Erbe aus der Vergangenheit führen zur friedlichen Trennung von Tschechei und Slowakei, die 2001 gleichzeitig der EU beitreten.
7. Rumänien: Revolution bei Grabeskälte
Im Januar 1985 verfügt Ceauşescu, dass jeglicher Energieverbrauch stark eingeschränkt werden solle, auch wenn die Menschen bei nur wenigen Plusgraden in ihren Wohnungen frieren müssten. Die Kinderzahl soll mindestens vier betragen, Schwangerschaftsabbrüche werden schwer bestraft. Die Planziffer aller Produktionen wird um 40 % erhöht. Wieder ein Jahr später ist Gorbatschow in Bukarest und verleiht dem ungeliebten „Bruder“ den Leninorden. Im Westen ist der „Conducator“ anerkannt, weil er 1968 nicht mit einmarschiert ist in Prag, weil er nach dem 6-Tage-Krieg die diplomatischen Beziehungen mit Israel weiter aufrecht erhält, weil er auch mit der BRD diplomatische Beziehungen pflegt. Außenminister Genscher zahlt ein „Kopfgeld“, um möglichst viele Deutsche aus dem Land heraus zu holen. Wenig später, Ende Dezember 1987 verbietet die KP-Führung, weitere Auslandskredite aufzunehmen. Eine immer größere Flut von Gesetzen, Dekreten und Beschlüssen ergießt sich über die immer stärker am untersten Existenzminimum dahinvegetierende Bevölkerung. Den Höhepunkt an Zumutungen erreicht der Diktator mit dem „Plan zur Systematisierung“: 8000 Dörfer sollen geschleift und die Bevölkerung in Plattenbausiedlungen „umgeschichtet“ werden. Am 6. September 1988 wehrt sich der evangelische Geistliche László Tőkés in Temesvar gegen die Zerschlagung der Dörfer und ihrer Strukturen. Im März 1989 richten selbst Altkommunisten die Forderung an Ceauşescu, die katastrophale Lage zu ändern, doch dieser antwortet im April mit dem Beginn der vollständigen Rückzahlung aller Auslandsschulden, um damit die völlige Unabhängigkeit Rumäniens zu erreichen.
Am 20. November wird der XIV. Parteitag der RKP eröffnet, Ceauşescu mit 100 % der Stimmen gewählt. Drei Wochen später verhindern Bürger in Temesvar, die Aussiedlung von Pastor László Tőkés. Damit beginnen die Demonstrationen gegen Ceauşescu. Der befiehlt in einer Telefonkonferenz notfalls ohne Rücksicht auf die Demonstranten zu schießen, was auch geschieht. Es gibt zahlreiche Verletzte und Tote. Am 18. Dezember, fliegt der KP-Führer nach Teheran. In der eingeschlossenen Stadt Temesvar herrscht bereits der Ausnahmezustand, der Führer dehnt diesen nach seiner Rückkehr auf den ganzen Kreis Temes aus. Am 21. Dezember versucht Ceauşescu eine Rede auf dem Balkon der Bukarester Parteizentrale zu halten, wird aber ausgepfiffen und ausgebuht. Miliz und die Geheimpolizei Securitate eröffnen das Feuer auf die Demonstranten. In Cluj und Hermannstadt richten sie ein Blutbad an. Das Ehepaar Ceauşescu versucht per Hubschrauber die Flucht zu ergreifen und der Funktionär Ilies Iliescu lässt die „Nationale Rettungsfront“ mit ihm an der Spitze gründen. Von diesem Tag bis zum 25 Dezember halten die Kämpfe aus unerklärlichen Gründen an, es gibt sehr viele Tote und Verletzte. Am 25. Dezember wird dem Ehepaar Ceauşescu ein 40minütger Prozess gemacht, vor laufender Kamera werden beide hingerichtet.
Am 28. Januar kommen die Delegationen, in der Mehrzahl gewendete Politiker, Militärs und Geheimdiensstleute am Runden Tisch zu Verhandlungen zusammen, am 20. Mai werden die ersten „freien“ Parlamentswahlen abgehalten, aus denen die „Rettungsfront“ mit Iliescu als Präsidentschaftskandidat eindeutig als Sieger hervor geht.
Epilog:
Die Befreiung der Sowjetunion von ihren Satelliten. Eine Utopie. Geschrieben im Frühjahr 1985.
Im Frühjahr 1985, als Gorbatschow Generalsekretär wird, zeichnet sich offenbar für den hellsichtigen Historiker György Dalos schon ein Drehbuch ab, angestoßen durch Glasnost und Perestrojka, das gar nicht so weit weg vom tatsächlichen „Theaterbuch“ ist: Ein verjüngtes Zentralkomitee in Moskau entscheidet, sich von seinen immer lästiger werdenden Satelliten zu trennen. Die Truppen ziehen ab, freie Wahlen finden statt. Dann würde allerdings die mühevolle Demokratisierung beginnen, die weder das westliche noch das überwundene östliche Modell nachahmen würde, sondern als dritten Weg eine Konföderation der ostmitteleuropäischen Länder gründete.

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