Rezension: Márai, Sándor – „Die Möwe“

Roman
Aus dem Ungarischen von Christina Kunze
Verlag Piper, 2008; ISBN: 978-3-492-05208-5
Originaltitel: Sirály, 1943
Bezug: Buchhandel Preis: Euro 23,00

Schauplatz ist das winterliche Budapest, kurz bevor Ungarn direkt in den 2. Weltkrieg mit einbezogen wird. Ein, bis zum Ende des Romans namenloser Ministerialrat, 45 Jahre alt, trifft eine Entscheidung, die sein Land am nächsten Morgen tief treffen wird. Noch geben sich die Menschen in Budapest sorglos ihren Vergnügungen hin, auch der Regierungsbeamte hat vor, am Abend die Oper zu besuchen; – es herrscht gleichsam die Ruhe vor dem Sturm. Der Mann hatte sich, als der Krieg begann, dem Schicksal stellen und bis zum Ende ausharren wollen, nun aber lässt er sich, müde geworden, von den Ereignissen das Heft aus der Hand nehmen, nimmt an, was höhere Mächte über ihn beschlossen haben könnten.
Noch während er über seine Entscheidung und die Folgen nachgrübelt, betritt eine schöne junge Frau das Amtszimmer. Ein Déjavu überfällt ihn: Sie gleicht seiner toten Geliebten Ilona so sehr, dass er das Gefühl hat, diese sei wieder auferstanden. Allerdings will er sich nicht noch einmal quälen lassen, sondern alle Gefühle von sich abprallen lassen. Er fühlt sich nicht mehr jung, möchte, dass alles in seinem Leben berechenbar bleibt. Vom Anblick der jungen Frau ist der Rat jedoch so verwirrt, dass er ein regelrechtes Verhör mit ihr anstellt: Sie ist Finnin, Lehrerin, spricht mehrere Sprachen, hat ein Stipendium und möchte in Budapest arbeiten. Dazu braucht sie ein Visum und der Ministerialrat soll helfen; denn man hatte ihr gesagt, er würde das ganz bestimmt tun. Ihr Name ist Aino Laine „einzige Welle“ auf Ungarisch. Sie möchte deshalb hier unterrichten, weil sie nur in der Stadt leben könne, andernfalls sei ihr nur der hohe Norden in Lappland geblieben.
Der Beamte ist aus dem Gleichgewicht gebracht, versucht sich innerlich zu distanzieren während er sie ein Stück auf seinem Nachhauseweg begleitet. Als sie über eine Donaubrücke gehen, fallen ihm zum ersten Mal die vielen Möwen auf, die von genauso weit her kommen, wie seine junge Begleiterin, hierhin und dorthin geweht werden. Spontan – und fast gegen seinen Willen lädt er sie für den Abend in die Oper ein.
Zuhause bedrängen ihn die Gedanken an seine einstige Geliebte, die 20 Jahre zuvor, als auch er noch jung war, Selbstmord begangen hatte, mit Blausäure. Ihre depressive Mutter kam aus Schweden und ist schon tot. Sie studierte Chemie, war ehrgeizig und extravagant. Ihr Vater, der in Budapest eine Apotheke betrieb wollte herausgefunden haben, dass ihr Chemieprofessor, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, sie eiskalt in den Tod getrieben habe. Er hatte nämlich Briefe gefunden, aus denen klar hervorging, dass sie die Geliebte des Professors war.
Am Abend in der Oper ist der gebildete leise Mann erfreut über das geschmackvolle Auftreten der jungen Finnin, darüber, dass er sich nicht mit ihr genieren muss, da sie Beide doch vielen neugierigen Blicken ausgesetzt sind. Innerlich vergleicht er sie immer wieder mit der einstigen Geliebten, bemerkt die Unterschiede, ist aber immer noch irritiert ob der großen Ähnlichkeit. Später bittet der Mann sie noch auf einige Minuten zu sich, da wegen der Sperrstunde die Lokale bereits geschlossen haben.
Aus diesen wenigen geplanten Minuten entspinnt sich ein langes Gespräch. Monologe über Sein und Wesen des Menschen, um Persönlichkeit und Identität. Der Mann breitet seine ganze Weltanschauung, seine belesene Bildung vor ihr aus.
Das Erstaunliche geschieht: Obwohl er seine Emotionen und Leidenschaften schon so lange fest im Griff hat und sich nicht noch einmal von Gefühlen hinreißen lassen will, lässt er sich vorsichtig auf das Wunderbare der Nacht ein, darauf, dass da eine Frau von weit her, auch in übertragenem Sinne, zu ihm hergekommen ist. Wie eine Welle ist sie, die einzige Geliebte, wieder zu ihm zurückgekommen.
Sie erzählt, dass ihre Kindheit zu Ende war, als eines Tages eine Bombe auf ihr Haus fiel und es total zerstörte. Seitdem ist sie auf der Flucht. In Paris findet sie sich an der Seite eines etwa 70jährigen mächtigen Mannes. Auch er hatte eine wichtige Entscheidung getroffen, die am nächsten Morgen sein ganzes Volk betraf. Sie speiste mit ihm in einem vornehmen, im Wald versteckten Hotel. Auch hier gehen die Gäste ihren Vergnügungen nach, denken nicht an morgen, oder wollen nicht daran denken. . Auch hier die Ruhe vor dem Sturm. Zwei ganz ähnliche Situationen. Der Franzose hatte ihr allerdings gegen Morgen sein Geheimnis verraten. Das Gespräch der Beiden „hört“ sich manchmal an wie ein Kampf: Klingen kreuzen und parieren.
Márai spielt mit Inhalt und Sprache. Nicht nur ist der Name „Einzige Welle“ vieldeutig, auch die Anrede „liebe Verwandte“, „lieber Verwandter“, bezieht sich wohl nicht nur auf die weitläufige Verwandtschaft zwischen Finnen und Ungarn, sondern vielleicht auch darauf, dass sowohl Finnland, als auch Ungarn in diesen Krieg eingetreten sind, um verlorene Gebiete wieder zurückzuerobern.
Als die Frau gehen will, bietet er ihr noch einen Kaffee an. Während er ihn zubereitet, denkt er daran, wie schicksalhaft diese Begegnung ist, ihm fällt ein, dass er das Foto seiner gestorbenen Geliebten auf dem Schreibtisch stehen hat – und dass die junge Frau es sicher sehen wird. Da hört er Aino Lainen mit jemandem in einer fremden Sprache telefonieren. Alles Mögliche geht ihm durch den Kopf, auch dass sie eine Spionin sein könnte – und dass er sie am nächsten Tag vielleicht müsste beobachten lassen. Er will sie dazu bringen, ihm selbst davon zu erzählen. Man spürt, wie enttäuscht er ist; denn das geht aus seinen Überlegungen und Gesprächen hervor, er sieht sich und die junge Frau von einer höheren Macht gelenkt. Es ist schon nach Mitternacht, als er einen Telefonanruf bekommt, der ihn total verändert. Das Unausweichliche am nächsten Tag wird noch nicht eintreffen. Es ist aufgeschoben – aber niemand kann wissen, wie lange.
Aino Lainen fällt die Veränderung auf. Schließlich erzählt sie ihm, das Foto vom Schreibtisch in der Hand, dass sie es schon einmal gesehen hat, dass man es ihr aber weggenommen habe. Ein Professor in Helsinki habe sie zu einem Chemieprofessor in Budapest geschickt, der ihr mit unangenehmem Lachen gesagt hatte, sie solle zu ihm, dem Beamten gehen. Er würde, ja er müsse ihr ganz bestimmt helfen.
Obwohl sich die beiden Menschen geheimnisvoll nahe sind, treibt der Krieg sie auseinander; jeder muss seine Aufgabe erfüllen.
Wir Leser müssen nun mit den offenen Fragen leben: Welche schwerwiegende Entscheidung hatte der Ministerialbeamte getroffen – und – wird Aino Lainen gelenkt, ist sie eine Spionin, oder hat eine höhere Macht sie geschickt um den alternden Junggesellen noch einmal aus seiner Lethargie zu reißen?
Die junge Frau geht, wünscht nicht, begleitet zu werden, muss und will ihren Weg allein gehen und der Mann lässt die Gelegenheit verstreichen, ins Schicksal einzugreifen.
Ein geradezu mystisches, esoterisches Buch, in dem Márai, wie er in sein Tagebuch notiert, die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden in Kriegszeiten ausdrücken wollte. In diesem Buch artikuliert er auch seine Enttäuschung über den moralischen Verfall der Völker Europas; der „Massenmensch“ kommt immer mehr zum Vorschein, der von allem eine Meinung hat, aber von nichts eine Ahnung. Auch diese Liebesgeschichte fasziniert uns noch mit dem Geist der Jahrhundertwende, schließt aber bereits Verfall und Niedergang der bürgerlichen Tugenden nach Ende des Krieges mit ein.

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