Rezension: Vajda, Miklós – „Mutterbild in amerikanischem Rahmen“

Roman
Originaltitel: Anyakép, amerikai keretben, 2009
aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Braumüller Verlag, Wien, 2012, ISBN: 978-3-99200-046-3
Bezug: Buchhandel, 21,90 Euro

„In letzter Zeit habe ich das Gefühl, sie steht mir näher, seitdem sie nicht mehr lebt“.
Im Alter von 78 Jahren, 24 Jahre nach ihrem Tod, lässt der bekannte ungarische Übersetzer und Literaturkritiker Miklós Vajda seine Mutter wie in einem Theaterstück, da erscheinen, wo er sie gerade haben will. Es ist der Versuch, die verschiedenen Bilder, die er im Laufe seines Lebens von seiner Mutter gesammelt hat, aufzudecken: Die Mutter, die sich täglich sorgfältig zurecht macht und schminkt, die Mutter als „eine der schönsten Frauen der Stadt“ (Budapest). Die Mutter im Abendkleid, im Seidenmorgenmantel, in modischen Kostümen, Hüten und Pelzen, im strengen, schwarzen Badeanzug. Dann die Mutter im Luftschutzkeller im Lodenmantel, als Trümmerfrau in Schnürstiefeln. Nach Vaters Tod in bescheidenerer Eleganz hinter der Kaffeemaschine ihres Bistros, kurz danach in Sträflingskleidung. Später, nach ihrer vorläufigen Freilassung sieht er sie im grauen Arbeitskittel und Schnürschuhen im Warenhaus Corvin, dann erneut in Sträflingskleidung, und schließlich in langen Hosen, Lodenmantel und Schnürschuhen, auf dem Budapester Südbahnhof am Silvestermorgen 1956, als sie dem Land endgültig entflieht. In Amerika lernt sie kochen, weiß mit Werkzeugen umzugehen, hütet anderer Leute Kinder oder bäckt Torten auf Bestellung. Sie, die sich wegen gesellschaftlicher Konventionen kaum um ihr Kind Miklós gekümmert und es Gouvernanten und deutschen Fräuleins überlassen hatte, lebt durch den Wandel der Geschichte, dann nur noch für ihn. Er, ihr Mukl, wird ihr immer fehlen.
Er erinnert sich nicht nur an ihr äußeres Bild, er hat auch noch genau ihre Stimmungen in sich: Die ruhige beherrschte Mutter, die zuhören kann, die ihr Schicksal annimmt, als sie vom Leben einer großbürgerlichen Dame ins Leben einer Unternehmerin und Geschäftsfrau wechselt. „Ihre Geduld, ihre Ruhe, ihr kluges Verständnis sind endlos, nähren sich aus einer tief unter der Oberfläche liegenden Quelle „.[..] Aber mehr von sich gibt sie nicht preis. Es gibt keine unerwarteten Umarmungen, liebevollen Worte, grundlosen Küsse, scherzhaften Neckereien“. Der Sohn erlebt ihre Angst, als sie zum ersten Mal nach ihrer Flucht wieder nach Budapest einreist, und dort als amerikanische Lady Eindruck schinden und sich Respekt verschaffen will. Später muss er ungläubig und ohnmächtig-wütend erfahren, dass sich seine (!) Mutter aus Einsamkeit einer amerikanischen Sekte angeschlossen hatte und es deswegen lange Zeit ablehnte, ihre lebensgefährliche Krankheit behandeln zu lassen. Er trägt aber auch das Bild seiner Mutter in sich, die ihren geliebten Sohn nicht beeinflussen will, sich klug und bescheiden zurück hält, er bewundert ihre Menschenkenntnis, aber auch ihre Sturheit, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.
Miklós Vajda versucht, diese Erinnerungen mit seinem eigenen Leben in Einklang zu bringen. In Rückblenden fügt er Puzzleteilchen zusammen, in der es auch leere Stellen gibt, Ereignisse und vor allem Gefühle, über die seine Mutter nie gesprochen hatte. Alles kann er nur aus seiner Sicht sehen, angefangen vom verwöhnten kleinen Knaben, der die Mutter nicht für sich hat, bis zum 25jährigen, der sie zum Zug begleitet, als sie flieht, bis zum jungen Mann zwischen zwei Frauen, bis zum Vater von zwei Söhnen – und schließlich bis zum Sohn, der weiß, dass er seine Mutter nie mehr „nimmermehr“, sehen und sprechen wird.
In seinen späteren Jahren kommt ihm sehr schmerzlich zum Bewusstsein, dass die Eltern sich kaum um ihn gekümmert hatten. Trotzdem war er in der Obhut seiner Kindermädchen und seiner Patentante Gizi Bajor, einer berühmten und gefeierten Schauspielerin, die ihn mit Liebe überhäuften, nicht unglücklich gewesen. Mutter und Sohn gehen Zeit Lebens distanziert miteinander um, kaschieren ihre Gefühle für einander, siezen sich bis zu Miklós’ 40. Geburtstag – und sind sich doch in Respekt und Liebe nah. „Heftigere Gefühle kann sie nicht, konnte sie nicht oder wollte sie nicht direkt, in Worten, geschweige denn in Gefühlsausbrüchen ausdrücken.“
Das erste große Bild: In ihrer Küche in Amerika. Erstaunt stellt der Sohn fest, dass seine Mutter inzwischen kochen kann. Neun Jahre sind vergangen, seit Judit Vajda im Dezember 1956 aus Ungarn fliehen konnte. Sohn Miklós, 34 Jahre alt, darf für drei Monate ausreisen, um seine Mutter erstmals zu besuchen. Sie ist stolz auf „ihr“ Amerika, das ihr ermöglicht hat, nach Gefängnisaufenthalten in Ungarn, ein neues, wenn auch bescheidenes Leben zu beginnen. Ihre Wohnungseinrichtung ist einfach, erinnert aber an ihre Wohnung in Budapest, an ihre vornehme Vergangenheit. Es „ist der vertraute Geschmack“, der ihm hier begegnet. Sie tasten sich ab in Gesprächen – die Mutter möchte ihrem Sohn beweisen, wie gut sie es mit Amerika getroffen hat, der Sohn will klar machen, dass es für ihn richtig war, in Ungarn zu bleiben um dort eine literarische Laufbahn einzuschlagen.
Sie war nach Amerika geflohen, weil sie nie mehr ins Gefängnis wollte: Sie war angeklagt worden, sie habe das Gerücht in Umlauf gebracht, die 100 Forint-Noten würden eingezogen. In Wahrheit sollte ein Exempel statuiert, die Aristokratin gedemütigt und die Bevölkerung eingeschüchtert werden. Judit Vajda stammte aus einer Arader Adelsfamilie, hatte den Vater, einen bekannten Budapester Rechtsanwalt geheiratet, sich eng mit dessen erster Frau, der umschwärmten Schauspielerin Gizi Bajor befreundet. Diese wird auch Miklós’ Taufpatin.
Die Eltern führen ein großes gesellschaftliches Leben, gehen oft aus, empfangen häufig Besuch. Berühmte Zeitgenossen, Literaten und Künstler, gehen bei ihnen ein und aus. Für Miklós haben sie wenig Zeit. Nach damaliger Konvention wird er Kindermädchen, Gouvernanten und deutschen Fräuleins überlassen.
In Amerika beginnt Judit Vajda ein neues Leben, emanzipiert sich und spart jeden Cent, um ihrem Sohn ihr Amerika zeigen zu können. Sie liebt das Patience-Spiel. Die Karten lenken sie ab, das Spiel beruhigt sie, der Ausgang des Spiels ist ihr wichtig zur Bewältigung der nächsten Zukunft.
Im nächsten Bild steht die Mutter in einer Wagontür am Budapester Ostbahnhof, als sie zum ersten Mal zu Besuch aus Amerika kommt. Unter einem riesigen Hut und einer aufgetakelten Maskerade versucht sie ihre Angst zu tarnen. Sie will als Respektsperson, als amerikanische Bürgerin wahrgenommen werden. In Budapest möchte sie die Zeit nutzen, um alte Bekannte, um die früheren Schauplätze ihres Lebens wieder zu sehen. „[…] Das Stück, dessen geheime Heldin sie ist, erzählt also eine ergreifende kleine Erfolgsgeschichte“.
Zu Beginn des Krieges ist der Vater schon schwer herzkrank. – Nach den Nürnberger Rassengesetzen muss er sich, obwohl er getaufter Jude ist, versteckt halten. Der Sohn hat von alledem keine Ahnung und hetzt mit seinen Altersgenossen munter gegen die Juden, bis ihm die Mutter die Wahrheit eröffnet. Für den Sohn bricht eine Welt der Sicherheit und Bevorzugung zusammen. Mutter und Sohn können einer Pfeilkreuzler-Razzia mit Hilfe von Gizi und des schwedischen Botschafters entkommen, müssen aber von da an bei Miklós Firmpaten leben; bis über die Bombardierung Budapests hinaus. Nach dem Krieg kann sich der Vater vorübergehend erholen und wieder arbeiten, erliegt 1946 aber einem Herzschlag. Nicht einmal da lässt die Mutter Tränen zu. – Sie muss nun für den Sohn und für sich sorgen, eröffnet ein Bistro, das sehr gut besucht wird – in den Augen der kommunistischen Partei von „klassenfremden Elementen“, bis sie wegen „klassenfeindlicher Propaganda“ angeklagt wird und ins Gefängnis nach Márianosztra kommt. Gizi Bajor und ihrem unermüdlichen schauspielerischen Einsatz in Briefen an Mátyás Rákosi und József Révai ist es zu verdanken, dass ihre Haft unterbrochen wird. Nach Gizis gewaltsamem Tod durch ihren paranoiden Ehemann, kommt die Mutter jedoch wieder ins Gefängnis, diesmal nach Kalocsa. Abermals wird ihre Haft „unterbrochen“. Danach ist sie fest entschlossen, nie wieder ins Gefängnis zu gehen. – Bis zu ihrer Flucht, an Silvester 1956, trägt sie immer eine Rasierklinge bei sich – um sich im Bedarfsfall einer neuerlichen Festnahme zu entziehen.
Im dritten Bild lässt er die Mutter im Garten sitzen, in Amerika, bei der Pflegerin ihres verstorbenen Mannes und inzwischen engen Vertrauten Annuska, die ihr nach Amerika gefolgt war.
Vieles kommt ihm wieder in den Sinn, als er sie dieses Mal besucht, anlässlich eines Kongresses, an dem er als Übersetzer aus dem Englischen teilnimmt. Sie erinnern sich an die Zeit der Pfandscheine, mit denen sie ihr Leben damals in Ungarn etwas fristen konnten – und er denkt daran, wie er 1975 als Spitzel angeworben werden sollte, mit einem Trick aber entkommen konnte.
Ende der 70er Jahre bekommt die Mutter eine Lungenentzündung, weigert sich jedoch, einen Arzt kommen zu lassen. Was der Sohn lange nicht weiß: Schon auf ihrer Flucht, bereits in Wien, fällt sie einer amerikanischen Sekte, der „Christian Science Church“ in die Hände. Die Mitglieder kümmern sich um sie, ebnen ihr die Wege zur Emigration nach Amerika. Sie ist nicht mehr allein – und wird Mitglied. Die Sektenmitglieder glauben an Selbstheilung durch Gebet und lehnen jedweden Arztbesuch oder Krankenhausaufenthalt ab.
Der Sohn kennt seine Mutter nicht mehr: Sie in einer Sekte??. Als ihm die ganze Tragweite aufgeht, bedrängt er die Mutter mit Argumenten derart, dass sie zwar zugibt, eine Dummheit begangen zu haben, und wieder ausgetreten zu sein, doch ihre Gesundheit zu retten, dazu ist es schon zu spät.
1982 kommt sie zum dritten Mal nach Budapest, um Abschied zu nehmen – das wissen Beide, wenn sie auch nicht darüber sprechen. Schon damals ist die Mutter schwer krank – sie möchte aber ihren zweiten Enkel noch sehen.
Drei Jahre später, ein Jahr vor ihrem Tod besucht Miklós sie noch einmal in Amerika, diesmal im Altersheim. Sie erzählt ihm über sich, über ihre Eltern und Familie – fast zu spät – vieles kann er nicht mehr erfragen – und das Nimmermehr, niemals mehr geht ihm nicht mehr aus Kopf und Herz. Er weiß, dass dieser Besuch der letzte sein wird.
Sie wünscht nicht, dass er länger bleibt – und er möchte nicht bei ihrem Tod dabei sein – bei einer solch privaten Angelegenheit.
1985 stirbt die Mutter in Amerika. Die Urne setzt Annuska in ihrem Garten bei.

Im Anhang sind die herzzerreißenden Bittbriefe Gizis abgedruckt, die sieben Briefe, die sie an Rákosi und seinen Hauptideologen József Révai schreibt, um Judit aus dem Gefängnis frei zu bekommen. Geschickt weiß sie mit der Eitelkeit des Diktators zu spielen, setzt alle ihre schauspielerischen Fähigkeiten ein – Irgendwann gibt man nach – eine Haftunterbrechung wird ausgesprochen, die später, nach Gizis Tod, wieder zurück genommen wird.

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