Rezension: Adorján, Johanna – „Eine exklusive Liebe“

Verlag: Luchterhand, 2000
ISBN:978-3-630-87291-9
Bezug: Buchhandel
Preis: Euro 17,95

Am 31. Oktober 1991 begingen die Großeltern von Johanna Adorján Selbstmord. Für die ganze Familie unerwartet, hatten sie doch Judenverfolgung – und der Großvater sogar Arbeitslager und KZ überlebt. Die Enkelin lässt der Tod nicht ruhen, sie spürt der Geschichte der Großeltern und damit ihrer eigenen, 16 Jahre später, nach. Sie selbst wird als Tochter eines ungarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, besucht Ungarn nur als Touristin und kann, außer einigen Ausdrücken, kein Ungarisch.
Die Großeltern schienen so assimiliert, dass sie mit ihren Kindern nur dänisch, bzw. deutsch sprachen. Sie versucht den Tag des Selbstmordes nachzuzeichnen, stellt sich vor, wie alles vorgegangen sein könnte. Die Großmutter Vera, 71jährig und kerngesund, wollte nicht allein zurückbleiben. Es war klar, dass der Großvater Pista (István), 82jährig, schwerkrank, nicht mehr lange zu leben hatte: Der Freitod wurde nach einem Anleitungsbuch aus den USA minutiös geplant, der Hund rechtzeitig weggebracht, die Rosen winterfest gemacht, Weihnachtsgeschenke für die Familie eingepackt und traditionell Weihnachtskuchen gebacken. Das ganze Haus auf Hochglanz gebracht. Niemand sollte nachträglich Probleme mit dem Paar haben.
Zwischen den Überlegungen zum Tagesablauf versucht die Enkelin die Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Viel weiß weder sie noch die Familie über das Leben der Großeltern, bevor diese nach Dänemark auswanderten. „Darüber sprach man nicht“. Punktum. Das Paar, ungewöhnlich elegant und exzentrisch, immer in eine Wolke aus Zigarettenrauch und Parfüm gehüllt, mit den tiefsten Stimmen, die man je gehört hat, so die Autorin, verbat sich jeden Versuch, sie über ihr früheres Leben auszufragen. Sie pflegten ihr Leben lang die distanzierte Haltung eines Paares aus dem jüdischen Großbürgertum, siezten sich bis ans Ende, was auch in diesen Kreisen außergewöhnlich war. Dazu gehörte eben auch, dass man über vergangene Leiden und Traumata nicht sprach, ebenso wenig über den geplanten Tod.
Johanna Adorján geht auf Spurensuche, besucht Freunde, Bekannte und Kollegen der Großeltern und kann einen Teil des Puzzles rekonstruieren: Kaum hatte das junge Ehepaar in Budapest geheiratet, brach der Krieg aus. Die Judenverfolgung trennte die Familie. Die Großmutter konnte sich 1944, als die Deutschen Ungarn besetzten und eine unvorstellbare Judenverfolgung und –Deportation einsetzte, mit gefälschten Papieren verstecken. Sie war zu diesem Zeitpunkt schwanger mit dem Vater der Autorin. Der Großvater war schon vorher in ein Arbeitslager abtransportiert worden. Schließlich landet er im KZ Mauthausen. Was er dort erlebte und wie er es überstand, darüber hat er nie gesprochen. Als schon niemand mehr daran glaubte, ihn je wieder zu sehen, tauchte er wieder in Budapest auf. Später tritt er in die KP Ungarns ein und hat als Mediziner eine gut bezahlte Stelle im Gesundheitsministerium erhalten. Während des Einmarsches der stalinistischen Truppen 1956 beim Volksaufstand, flieht die Familie bei Nacht und Nebel über die Grenze und landet in Dänemark. Auch nach dieser „Geschichte“ darf niemand fragen. „Darüber spricht man nicht“, sagen Vera und Pista, kettenrauchend. Nur anlässlich seines 77. Geburtstages hat der Großvater auf Drängen der Familie einen dürftigen Lebensbericht verfasst, eine jüdische Lebensgeschichte. Für sie scheint nur die Gegenwart zu existieren, alles was vorher war, wird in ein tiefes Loch der Erinnerungslosigkeit eingebuddelt. Die Enkelin stellt fest: Die perfekte Assimilation in die neue dänische Welt, ohne dass jemand ihre jüdischen und ungarischen Wurzeln kannte, war für sie „die Rolle ihres Lebens“. Sie lebten scheinbar nur für einander und schlossen darin auch nicht die nächste Familie ein.
Der Ton der Autorin ist leicht, wie plauderndes Erzählen, völlig unsentimental, liebevoll-ironisch und humorvoll, auch bewundernd. Den Großvater hat sie geliebt, die Großmutter bewundert. Sie erkennt beglückt, dass sie ihr in Vielem ähnlich ist, das aufbrausende Wesen, die Exzentrik und die Angst, nicht geliebt zu werden. Sie versucht sie zu imitieren, trägt nach deren Tod ihre Jacke, fängt für kurze Zeit selbst an zu rauchen. Um den Großeltern auf die Spur zu kommen, besucht sie mit ihrem Vater Mauthausen, fliegt in die USA und nach Frankreich; eines Tages auch nach Israel, obwohl sie kein Hebräisch kann und sich bisher auch nicht als Jüdin fühlte. Dort aber hat sie ein Gefühl der Heimat, des Dazugehörens. Adorján hat Verständnis für ihre Großeltern und deren selbst gewählten Tod, aber sie verübelt ihnen, dass sie die Enkelin mit ihrem „darüber spricht man nicht“ um ihr eigenes ungarisch-jüdisches Erbe, um ihre Tradition gebracht haben, die sie, trotz der Spurensuche, nie mehr ganz aufdecken können wird.

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