Rezension: Schiff, Julia – „Reihertanz“

Verlag Pop, 2011
ISBN: 978-3-86356-014-0
Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 15,80

In diesem Roman schlägt Julia Schiff ein weiteres Kapitel auf über die Vernichtungsstrategien der jungen rumänischen Diktatur und über die Leiden der Neinsager, über die Menschen, die zu „Volksfeinden“ erklärt wurden, einfach um sich ihrer zu erledigen. Hier widmet sie sich hauptsächlich den Leiden der Häftlinge in den Zwangsarbeitslagern am Donau-Schwarzmeer-Kanal.
In „Steppensalz“ schilderte sie bereits die Deportation in die Bărăgan-Steppe 1951, von der überdurchschnittlich viele Banater Schwaben betroffen waren. Sie selbst war als Elfjährige mit ihrer Familie dorthin verschleppt worden.
Als ich mich allerdings im Internet über die Geschichte dieses Kanals informieren wollte, musste ich mit einigem Erstaunen feststellen, dass nur sehr wenig über die Tausenden von Opfern, die der Bau forderte, berichtet wird. Ein rumänischer Propagandafilm aus den 50er Jahren zeigt die freiwillige, wohl verpflegte und fröhliche Jugend beim Bau des Kanals und beim Aufbau des „Neuen Menschen“. Allein die Landsmannschaften der Banater Schwaben stellen in einigen Artikeln die unmenschlichen Arbeitslager vor, in denen hauptsächlich politische Gefangene aus allen Gesellschaftsschichten und Volkszugehörigkeiten schuften mussten. Die tat­säch­lichen Verbrecher wurden zu ihren Aufsehern ernannt. Um die rumänischen Opfer ging es vor allem in einer Gedenkausstellung im Jahr 2010 mit dem Titel „Der Donau-Schwarzmeer-Kanal. Ein programmierter Friedhof“.
Erste Projekte zum Bau dieses Kanals, der letztendlich der Schifffahrt ungefähr 400 Kilometer von der Donau zum Schwarzen Meer einspart, sind seit 1837 bekannt. Doch erst 1927 fertigte ein rumänischer Ingenieur genauere Pläne für das Bauwerk, welches 1949 begonnen wurde. Mehrere zehntausend Häftlinge wurden im „rumänischen Archipel Gulag“, dem „vorprogrammierten Friedhof“, eingesetzt, darunter viele deutsch-stämmige. 1953, nach Stalins Tod, kam das Projekt allmählich zum Erliegen. Abgesehen von der schlechten Organisation, hatten der Diktator Gheorghiu-Dej und seine Außenministerin Ana Pauker diesen Kanal auf Empfehlung Stalins als Instrument der Vernichtung des Bürger­tums eingesetzt und nicht als wirtschaftliche Investition. Er sollte das „Grab des rumänischen Bürgertums“ sein. Der Kanal forderte mindestens 10 000 Tote als Folge von Repressalien, Folter, Hunger, Entkräftung und Mord. Dejs Nachfolger Ceauşescu nahm den Bau 20 Jahre später wieder auf, auch diesmal mit Soldaten, Studenten, Schülern, Arbeitern und Strafgefangenen. Wieder kamen zwei bis dreitausend Menschen um.
In den Arbeitslagern sollten die Häftlinge nicht nur wie Sklaven schuften, sondern auch gewaltsam umerzogen werden. Ein Menschen verachtendes System verbreitete Angst und Terror, um die Leute gefügig zu machen, selbst noch Jahre nach ihrer Freilassung. Sie sollten zu Nichts denkenden Maschinen umerzogen werden. Daher gehörte großer Mut und innere Festigkeit dazu, sich dem entgegen zu stellen. Als Überlebenstraining musste eingeübt werden, die obsessiven Gedanken, die sich oft genug nur um die Erfüllung der Norm, um den ständigen Hunger, das nicht vorhandene Essen kreisten, auf ein anderes, ein inneres Interesse zu lenken, auf heimliche menschliche Begegnungen und Gespräche gegen die Verödung der Sprache und der inneren Einsamkeit. Das Festhalten an der eigenen Individualität bewirkte eine innere Reife, die selbst in solch quälender Umgebung von Staatswillkür noch Mitmenschlichkeit gedeihen ließ.
Fünf Jahre lang hat die Autorin recherchiert, Zeitzeugen, Überlebende und Hinterbliebene von Opfern befragt. Herausgekommen ist ein packender, mit viel Anteilnahme komponierter Roman, der sich in zwei große Erzählungen gliedert: Der Erzählung von den Deportierten in die Bărăgan-Steppe und die von den Zwangsarbeitern am Donau-Schwarzmeer-Kanal. Immer wieder schiebt Julia Schiff in den Fluss ihrer Erzählung politisch-geschichtliche Fakten, wörtlich eingefügte Dekrete und Verordnungen, die dem Leser Hintergrund und Zuordnung leichter machen.
Die beiden großen Erzählungen umtanzen sich in kleinen Schritten, wie der „Reihertanz“ der Vögel, begegnen sich und gehen wieder auseinander. Parallel dazu laufen in kleinen Verästelungen die Lebens- und Leidensgeschichten v on Deportierten und Häftlingen, die aus der Anonymität heraustreten und dem Vergessen entrissen werden. Diesen Menschen setzt Julia Schiff ein literarisches Denkmal:
Fred Reiter wird im Mai 1951, nach sechs Jahren, aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen. In seinem Heimatdorf ist nichts mehr wie früher. Viele waren enteignet worden, wegen „Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland“. Alles war Staatseigentum geworden, und „Alle im Dorf arbeiten mit Verbissenheit in ihren Gärten, dem einzig ihnen noch Verbliebenen.“ Bevor der junge Mann sich als Lehrer an einer Schule bewerben kann, wird er mit vielen anderen deportiert. „Rucksack und Essgeschirr liegen noch bereit“; mehr hat ein Kriegsheimkehrer nicht. Nach tagelanger Fahrt in Waggons und Lastwagen, nach vielen Halten in glühender Hitze mit wenig Wasser, kommen zehntau­sen­de von Menschen an: Sie werden in der Bărăgan-Steppe einfach abgeladen. Es gibt NICHTS. Keinen Raum, kein Dach über dem Kopf, nur Hitze, Sand, Staub und heftigen Wind. Die Miliz ist allgegenwärtig. Ein verzweifelter Überlebenskampf mit Natur und Behördenwillkür beginnt.
Mit seinem Jugendfreund Dominik gelingt ihm die Flucht. Nur Susi Bauer, mit der er sich angefreundet hat, weiß Bescheid. Fred kann sich bis nach Siebenbürgen durchschlagen, zu einem Freund, aus dem Kriegsgefangenenlager. Es geht ihm gut, bis ihn ein Brief seines Vaters erreicht, die Miliz würde ihn suchen. Um seine Eltern nicht zu gefährden, stellt er sich. Bevor er richtig zu sich kommt, sitzt er in einem Viehwaggon, Richtung Zwangsarbeitslager zum Schwarzmeerkanal, verurteilt zu zwei Jahren Arbeitslager.
Die Häftlingsuniform will ihm die Identität nehmen, er soll nur noch Einer von entsetzlich Vielen sein. Die Gefangenen werden ständig in andere Lager verlegt, damit kein persönlicher Gedankenaustausch stattfinden kann. Und doch, Fred macht so manche Bekanntschaft, die ihm weiterhilft. Auch er übt sich im Überlebenstraining, auch er sucht sich eine Leidenschaft, mit der er sich beschäftigen kann. Es ist die Musik. Nicht immer kann sie helfen, an elenden Tagen, wo er nur noch an Essen denken kann, wie seine Mitgefangenen. Er lernt Politische kennen, die nicht klein bei geben wollten, ehemalige Grafen und Minister, die in der Zwangsarbeit ums Leben kommen sollen. Viele Tote muss er sehen. Sie werden verscharrt, es wird nicht Buch geführt über sie. Später soll niemand mehr über die Verschollenen Bescheid wissen. Wie gehetzt müssen sie im Steinbruch arbeiten – es ist schwer, die Norm zu erfüllen, wenn man entkräftet und unterernährt ist. Wer liegen bleibt, dem kann nicht geholfen werden. Wer anderen hilft wird bestraft. –
Seine überreizten Sinne zeigen Fred immer wieder ein Bild, das er als Junge einmal beobachtet hatte: Ein Reiherpaar beim Brauttanz. Dieser Tanz hat etwas Zartes und Reines, was ihn immer wieder aufzurichten vermag. Bald erkennt er im Reiherweibchen Susi Bauer. Das gibt ihm die Hoffnung und den Willen zu überleben.
Als die Bauarbeiten nach Stalins Tod eingestellt werden, wird er in die Deportation der Bărăgan-Steppe entlassen. Er weigert sich mit der Staatsmacht zusammen zu arbeiten, muss aber unterschreiben, dass er nie von den Vorgängen im Lager berichten wird. Das sei „Staatsgeheimnis“. – Susi hat tatsächlich auf ihn gewartet. Sie heiraten und als ihre Tochter Lotte geboren wird, holt Freds Mutter das unterernährte Kind bald zu sich ins Heimatdorf. Fred kann in der Verbannung als Lehrer arbeiten. Hier erfährt er auch, dass ihn ein Landsmann mit Beziehungen auf die Deportier­tenliste hatte setzen lassen – statt seiner. – Kurz vor Weihnachten 1955 werden die Dossiers der Verschleppten geprüft, und alle, die nicht zu den ehemaligen Groß­grundbesitzern gezählt werden, kommen frei. Ab Anfang März mieten die Leute Viehwaggons für ihre übrig gebliebenen, kaputten Möbel. Sie fahren heim, ohne zu ahnen, dass ihre Häuser schon längst besetzt sind, dass sie lange Zeit Unterschlupf bei Verwandten suchen müssen, Prozesse führen, um endlich, nach Jahren ihre heruntergewirtschafteten Wohnhäuser wieder zu bekommen.
Fred bemerkt immer mehr, dass ehemalige Freunde und Bekannte nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Angst beherrscht den Alltag. Man will nicht mit ihm gesehen werden; denn er hatte sich offenbar mit der Macht angelegt und den Kürzeren gezogen. Perfide!! Der Staat will keine Schuld eingestehen, also müssen die Opfer schweigen.
1979 haben Susi und Fred ihre 24 Jahre alte Tochter und einen 20jährigen Sohn, Bernhard. Sie haben einen Ausreiseantrag gestellt, wie so viele ihrer Landsleute. Als „Landesverräter“ darf er nun nicht mehr unterrichten. Die Ungewissheit zehrt an ihnen. Es ist nicht leicht, über Jahre hinweg auf gepackten Koffern zu sitzen. Bernhard soll 1980 Abitur machen, doch die Ausreise-Epidemie steckt auch ihn an, er will fliehen, obwohl ihm sein Vater abrät. Der Junge soll über den Bersau-Fluss (Bârzava) schwimmen, hinüber nach Serbien. Doch er wird gestellt und gefangen genommen. „Fred wusste in dem Moment mit schrecklicher Klarheit …dass er den Selbstvorwurf,….seinen Sohn ins Gefängnis oder gar an den Kanal geliefert zu haben, nie loswerden wird“.
50 Jahre später will Fred die Stätten seiner Gefangenschaft noch einmal sehen. Es gibt zwar ein Denkmal für die vielen namenlosen Opfer des Kanalbaus, doch die jüngere Generation weiß nur noch vage Bescheid. Von einer Deportation in die Bărăgan-Steppe haben die Leute nie gehört. Alles ist zerfallen, die Felder verwüstet, die Natur hat sich ihren Teil zurückgeholt. Die Deportierten haben sogar viele ihrer Toten mitgenommen.
Es war höchste Zeit, dass einer breiten Öffentlichkeit diese Zeit des Leidens und Überlebens der Banater Schwaben, vieler anderer Ethnien und politisch Unerwünschten so eindringlich nahe gebracht wird, wie in diesem Roman.
Vielleicht lassen uns diese Schilderungen erahnen, was auch Verschleppte aus despotischen Unrechtsstaaten, in unseren Tagen, durchmachen müssen.

© Gudrun Brzoska, März 2012

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