Rezension: Kinsky, Esther – „Banatsko“

Roman
Verlag: Matthes & Seitz Berlin, 2011; ISBN: 978-3-882-21723-0
Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 19,90

Die Ich-Erzählerin in Esther Kinskys neuem Roman ‚Banatsko‘ kommt an einem Sommertag in dem kleinen Dorf Battonya im südostungarischen Banat an. Hier im ländlichen Niemandsland, wo die Eisenbahnstrecke endet und das Wort ‚Bahnhof‘ gleich in drei Sprachen – ungarisch, serbisch und rumänisch – angezeigt wird, bezieht sie ein altes gelbes Haus und entschwindet der Enge und ‚Vielmenschigkeit‘ der Großstadt, in der sie zuvor lebte.
Langsam und intensiv nähert sie sich der Gegend, den Bewohnern und ihrem Alltag; im Wechsel der von ihr bewusst wahrgenommenen Jahreszeiten verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Fremdem und Vertrautem: “Im leeren Licht des Winters rückte alles sehr weit fort. Hatte ich je irgendwo anders gelebt als in diesem Grenzland?”
Die ungarische Sprache erscheint ihr zeitweise “widerständig und unaussprechlich” und doch erschließt sie sich ihr allmählich: Als die Mohnblumen aufgehört hatten, Mohnblumen zu sein und nur noch Makvirág hießen, ist die Ich-Erzählerin “in der Fremde der Worte” angekommen.

Immer wieder beschäftigt die Erzählerin die Unwägbarkeit der Grenze in der Banat Region: Wie gestaltet sich die – auf ungarisch mit dem kurzen scharfen Wort ‚Határ‘ bezeichnete – Grenze abseits der Grenzübergangsstellen? In dieser Gegend, wo “Flüsse die Grenzen der Gegend” schrieben und “den Verlauf von Leben und Geschichten” bestimmten? Einmal fährt sie mit dem Fahrrad aus dem Dorf in Richtung Süden und entdeckt ein aus dem Riedgras hervorstehendes Schild mit der Aufschrift ‚Grenze‘: “Hier war nichts. Niemand kam, niemand ging, hier war das leere Land.” So wie hier alles von der ‚Traurigkeit des Getrenntseins‘ bestimmt ist, so wenig Interesse haben die Bewohner, die Grenze zu übertreten. Die Ich-Erzählerin bricht in das ‚Andersland‘ auf; “sehen, wie dieses Hierunddort oder Hieraberdort auf der anderen Seite” aussieht. Sie bereist Städte in Serbien und Rumänien, hält sich auf vielen Friedhöfen auf; malt sich beispielsweise die Zeit aus, in der die serbische Stadt Jimbolia noch auf der Strecke des Orient Express lag oder lässt sich von einem – mitten im Niemandsland in der rumänischen Stadt Turu gelegenen – Wohnblock an ihre Kindheit erinnern. Im rumänischen Covasint fährt sie mit einer aus Deutschland stammenden abgenutzten Straßenbahn und weiß, dass man die auf den Reklameschildern verzeichneten Möbel, Autos und Versicherungen hier vergeblich sucht. In Arad Nou, der ‚Deutschenstadt‘, entdeckt sie verwunschene Häuser, “eine Welt aus Bilderbüchern, die weit weg im Land meiner Kindheit schon vergangene Märchen gewesen waren.”

Die Erkundung der Umgebung, aber auch ihre gelegentlichen Aufenthalte in der Stadt – womit in der Regel immer Budapest gemeint ist – sowie ihre Vergleich mit dem ‚früheren Land‘, in dem sie gelebt hat, münden häufig in Reflektionen, die ihre Beobachtungen unterbrechen und gleichzeitig vervollständigen. So beispielsweise, als sie sich am Bahnhof in Budapest an ihre erste Ankunft vor Jahren dort erinnert und das Gefühl der nicht mehr vorhandenen Fremde feststellt: “Es gibt kein Weg zurück aus dem Kennen ins Nichtkennen. Sehen, Erkennen, Erinnern ist das Verschlingen von Welt ins eigene Leben hinein. Jede erste Freude ist unwiederholbar, auch wenn es keinen Heimweg gibt.”

Die vielen Menschen, denen die Ich-Erzählerin in der Region begegnet, betrachtet sie offen und mit Respekt. Details aus dem Alltag und den Lebensumständen vieler der Bewohner werden dem Leser akzentuiert vermittelt. Auf diese Weise entstehen mal mehr, mal weniger starke Konturen der Figuren, die sich dem Leser nachdrücklich einprägen. Dazu gehören namenlos bleibende Figuren wie der Melonenwächter, der sich auf Schlaflosigkeit verstand; der Fleischer mit dem ‚Schmerzensausdruck‘ in den Mundwinkeln, der streckenweise ganze Tage in der Kneipe vertrank oder ‚das schrille Mädchen‘ mit dem Kofferradio, das immer den Kopf zur Seite legte, wenn ihr ein Mann gefiel. Immer wieder begegnet auch der Akkordeonspieler, ein einsamer Mensch, dessen Leben “den Klängen seines Instruments und deren Zwischentönen” galt.
Dann gibt es Rozalia, die auf den Feldern arbeitet oder in einer Fliesenfabrik Scherben aufkehrt und von einem Verliebten, vom Sommer und von der schönen Melonenernte erzählt. Schließlich der Serbe Zoran mit dem ‚Gewächs‘ im Kopf, der die Toten auf ungarisch zählt, als “gehöre sich das Reden von Toten nur in dieser Sprache”.
Eine besondere Nähe und Vertrautheit entwickelt sich zwischen der Ich-Erzählerin und dem schweigsamen und in kurzen Sätzen sprechenden Attila, der gelegentlich an ihrem Haus Reparaturarbeiten verrichtet und ihr von seiner Arbeit in fremden Ländern oder vom Tod seiner Mutter erzählt.
Einige Kapitel des Buches treten innerhalb des Erlebten der Ich-Erzählerin insofern besonders hervor, als dass hier Bewohner selbst zu Wort kommen – wie beispielsweise der Akkordeonspieler im letzten Kapitel – oder als dass Geschichten nahezu schwebend unwirklich anmuten, wie ‚der Fisch‘, der an einem Sommermorgen mitten auf der Hauptstrasse liegt und allmählich verwest oder ‚der Apfelbaum‘, in dessen Astgabeln ein Mann über die Jahreszeiten verweilt.

Viele der Kapitel lassen sich als in sich abgeschlossene Geschichten lesen, die sich jedoch zu einem Ganzen fügen – tatsächlich zu einer Feier der Landschaft, wie es in der Verlagsvorschau heißt. Eine ruhige, melancholische und poetische Feier, an der man auch aus der Fremde aufgrund der Sprachkunst der Autorin mit allen Sinnen teilnehmen kann: “In den Zimmern zur Straße roch es nach Kuchen, nach den makellosen Marmorkuchen ferner Zeiten, ein Geruch, der in den Häkeldecken saß…”

Die Autorin Esther Kinsky selbst zieht es immer wieder in ihr ‚mariatheresiengelbes Serbenhaus‘ in Battonya, hier in der ungarischen Banat-Region, wo sie vor einigen Jahren zum ersten Mal weiße Mohnfelder gesehen hat und sich deshalb zum Bleiben entschied.

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