Rezension: Kertész, Imre – „Liquidation“

Roman
Aus dem Ungarischen von László Kornitzer & Ingrid Krüger
Verlag: Rowohlt, 2003
ISBN: 978-3-499-24156-7
Originaltitel: Felszámolás, 2003
Bezug: Buchhandel

Mit dem folgenden Roman schließt sich der Kreis der „Überlebensromane“:
„Liquidation! knüpft an „Roman eines Schicksallosen“ an: 40 Jahre sind vergangen, Zeit der Wende: Nachgrübeln und Verzweiflung stehen im Vordergrund. Kertész sagt selbst über seinen Protagonisten:
„ Der Hauptdarsteller liquidiert sich selbst und die anderen liquidieren ihre Vergangenheit, liquidieren ihr Leben. Sie liquidieren alles in diesem Moment 1990, wo die Wende kam – traumatisch“.
Bé., Schriftsteller, Übersetzer der Werke von Th. Bernhard und P. Weiss bringt sich 1990 in einer elenden Eineinhalbzimmerwohnung um. Zwei Frauen trauern um ihn: Seine geschiedene Ehefrau, seine große Liebe – und seine letzte Geliebte.
Bé. hinterlässt ein Theaterstück mit dem Titel: „Liquidation“.
Neun Jahre später steht Keserű, Verlagsdirektor und Freund des Verstorbenen, am Wendepunkt seines Lebens: Die Prophezeiungen, die Bé. vor seiner Tat beschrieben hatte, treffen ein: Sein eigener Selbstmord, die Auflösung (Liquidation) des Verlages usw. Doch die Vorlage des Stückes endet hier; Keserű lebt und weiß nicht mehr weiter. Zudem forscht er nach einem verschollenen Roman seines Freundes; denn er glaubt, ohne ein Werk für die Nachwelt könne ein Schriftsteller unmöglich sterben.
Der Roman ist eine große Rückblende, aus Erinnerungen und Zitaten aus Kertész’ eigenen Werken, die miteinander verflochten sind. Sie zeigen, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, mit den Erfahrungen eines Auschwitz-Überlebenden umzugehen.
Entweder mit dem Selbstmord des Überlebenden. Bé hat diesen Weg gewählt; denn der Sinn seines Überlebens bestand für ihn darin, sich gegen das ungarische sozialistische Regime zu wehren, was mit der Wende überflüssig geworden ist.
Ratlosigkeit ist eine andere Möglichkeit. Keserű erträgt die Freiheit nicht, er klammert sich an das Theaterstück, an das, was ihm gesagt wird. Und als er alleine, ohne Vorgaben weiter machen muss, holt ihn die Wirklichkeit ein.
Oder ein Neubeginn: Bé’s. geschiedene Frau Judit beginnt ein neues Leben mit einem neuen Mann, Adam. Sie will das Vermächtnis und die Erinnerung der Zeitzeugen bewahren, und trotzdem ihren eigenen Weg gehen.

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