Rezension: Bánffy, Miklós – „In Stücke gerissen“

Roman
Aus dem Ungarischen von Andreas Oplatka
Verlag: Paul Zsolnay, Wien 2015
ISBN: 978-3-552-05633-6
Originaltitel: Darabokra szaggattatol, 1940
Bezug: Buchhandel; Preis: 26,00 Euro

Auch im dritten und letzten Teil seiner Siebenbürgischen Geschichte führt uns Bánffy – wiederum einfühlsam übersetzt und mit einem lesenswerten Nachwort versehen von Andreas Oplatka – in groß angelegten Bildern die siebenbürgische und ungarische Gesellschaft vor. Es ist eine Gesellschaftskritik, die es in sich hat: Mit beißender Ironie, oft zornig, aber auch mit großer Wehmut zeichnet er den Niedergang einer Gesellschaft in ihrer Epoche, den Niedergang der k. u. k. Monarchie. Beschleunigt durch Egoismus, Intrigen und kleinlichem Gezänk um Nichtigkeiten, während die Welt da draußen in Stücke zerfällt. Bánffy schreibt dieses Buch 1940 mit dem Wissen um den Ausgang des Krieges, der für Ungarn katastrophale Einschnitte brachte: Die Verteilung von 2/3 des Staatsgebietes an die umliegenden Länder. Der Autor klagt die Interesselosigkeit und Gleichgültigkeit seiner Klasse an, die sich nur mit ihren eigenen nichtigen Problemchen und Zwistigkeiten beschäftigt, anstatt über den Tellerrand ihres Landes in die Weltpolitik zu schauen. Er klagt die Gesellschaft an, die bewusste Irreführung durch Politiker und Presse, die dreisten Lügen gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber dem greisen König Franz Joseph. Der Krieg sollte, ja musste stattfinden, koste es, was es wolle.
Konsequent überschreibt Bánffy diesen dritten Teil mit dem alttestamentarischen Bibelspruch In Stücke wirst du gerissen! Doch dies sah keiner von den Menschen am Gelage, denn sie waren betrunken, und sie verschleuderten die von ihren Ahnen erworbenen … Gefäße und stritten sich … Das Heer der Perser aber stand schon vor den Toren der Stadt, ……“
Zunächst lässt sich alles noch gut an: Bálint Abády, der junge hochadelige und idealistische Abgeordnete trifft seine Liebe, Adrienne Milóth zufällig wieder. Ein Jahr zuvor hatten sie sich verzichtend getrennt, da Adriennes Mann, Graf Uzdy, dem Wahnsinn verfallen, in eine Anstalt eingeliefert worden war. Nun steht ihrer Liebe nichts mehr im Wege und beide bekennen sich auch in der Öffentlichkeit zueinander – allerdings unter Wahrung der schicklichen Etikette. Als dann ihr Mann stirbt, schmieden sie Heirats- und Umbaupläne für Bálints Gut Dénestornya.
Geschickt versteht es der Autor das Auf und Ab der Liebeserzählung in Bezug zu setzen mit dem Auf und Ab der politischen Veränderungen, mit der warmen Schönheit und Erhabenheit der Natur – und ihrer kalten Feindlichkeit. Wieder zeigt er am Gegensatzpaar der beiden Cousins, wie sich das Leben in der adeligen Welt abspielen kann: Bálint Abády, der „reine Tor“, der Idealist, der das beste für die ihm Anvertrauten will, dabei aber oft unüberlegt und emotional handelt, Abády, der Zeitungen liest, die Parlamentsdebatten verfolgt und sich tiefe und vorausschauende Gedanken macht; häufig zögernd und unentschlossen, da er nicht wirklich aus dem Kreis seiner adeligen Zunft ausbrechen kann. Und László Gyerőffy, sein Cousin der verarmte Adelige, das verkannte Genie, richtet sich mit seiner Trunksucht willentlich zu Grunde. Einzig das kleine Krämermädchen Regina liebt, pflegt und vergöttert ihn bis er stirbt. Er ist ihr Märchenprinz, obwohl er sie kaum beachtet. Abády dagegen, muss durchhalten bis zur Mobilmachung, muss wieder seiner Liebe entsagen, da Adrienne, bei ihrem schwer kranken Töchterchen im fernen Lausanne bleiben will. So wird auch die private Welt der Beiden zerbrechen.
Parallel zum privaten Drama blättert Bánffy die Zeitgeschichte auf: Kroatische Politiker werden ungerechtfertigt beschuldigt mit den Serben zu paktieren – die Stimmung ist angeheizt, am liebsten würde man den Serben sofort den Krieg erklären. – Ein Prozess findet statt, bei dem ein Dokument nach dem anderen als falsch entlarvt wird – das wird lautstark diskutiert – doch die Jagd ist wichtiger; auffallen um jeden Preis, den anderen den Rang ablaufen!
Eine neue Regierung wird gebildet, die Obstruktion geht trotzdem weiter. Mit Begeisterung wird um nichts gestritten, während Parlamentsverhandlungen wird mit
Papiermessern und Tintenfässern geworfen. Ein unglaublicher Skandal, doch niemand bedenkt, welchen Eindruck dieses unwürdige Treiben im Ausland hinterlässt.
Die zerstrittenen Parteien stimmen einzig darin überein, die Regierung zu stürzen. Sie sehen nichts, keine Probleme außerhalb des Parlaments und der Paragraphen, sehen nicht, was um sie herum in der Welt vorgeht, sehen nicht die Untertanen, die wählen wollen, die Landwirtschaft modernisieren, ebenso Handel und Industrie.
Die Friedensperiode in Europa seit 1878, geht 1911 allmählich zu Ende: Montenegro erklärt sich zum Königreich – das spätere Bündnis, Italien, Bulgarien, Serbien, formiert sich – in Albanien gibt es Unruhen – Habsburg annektiert Bosnien. Aber alle Stürme legen sich wieder.
Gleichzeitig tourt ein französischer Prinz durch Europa, um Mitglieder für seine Anti-Duell-Liga zu begeistern. Auch in Klausenburg wird er mit hohen Ehren empfangen –Adelige und Würdenträger hören sich an, wie barbarisch solch ein Duell sei – alle pflichten ihm bei, nicken eifrig – und bereiten zur gleichen Zeit ein Duell vor. Diesen siebenbürgischen Spaß wollen sie sich nicht entgehen lassen. Bánffy lässt es sich nicht nehmen, mit heiter-überlegener Ironie zu berichten, wie wichtig es vor allem war, sich vor anderen zu produzieren, zu glänzen mit ausgefallener Kleidung und Orden, mit auffälligem riesigem Schnurrbart „…(s)ein Riesenschnurrbart, der so groß und so schwarz war, dass man hätte meinen können, er halte eine Blutwurst quer im Mund.“
Über die Politik diskutiert man während eines Balls: über Russland als ständigen Feind – daran ist man gewöhnt – über die bosnische Annexionskrise – die deutsche Flotte – die ungarische Seefahrt und ihre Handelsinteressen. Über den verhassten Kronprinzen, dessen Krönung allein von ihnen, den Adeligen abhinge. Alles kommt zur Sprache, außer der Sicherheit des Landes. Die wirklichen Kenner der Situation werden bespöttelt und niedergeschrien. „Die gleichen Leute, welche die spitzfindigsten staatsrechtlichen Thesen tödlich ernst nahmen und sich ihretwegen selbst zu einer Rauferei bereit zeigten, betrachteten die Außenpolitik als Amüsement, etwas, das gar nicht wirklich bestand, als spräche man über Marsbewohner. Was jenseits der Grenze geschah, lieferte nur einen Anlass zu mehr oder minder gelungenen Scherzen, bestenfalls zu einem geistreichen Spruch.“ Selbst als König Franz Joseph mit der Abdankung droht, wird das nicht ernst genommen, allenfalls ins Kalkül gebracht, zum Ränkespiel um den Kronprinzen.
Inzwischen zieht sich die Schlinge immer enger, die Stimmung wird immer gereizter, beim geringsten Anlass drohend aufgetreten. Die Kriegsgefahr wächst in wenigen Tagen an. Die Menge ist aufgehetzt und ereifert sich gegen die Aufrüstung, am gleichen Tag, als ein britisches Torpedoboot mit unbekanntem Ziel ausläuft: „In Ungarns öffentlichem Leben änderte sich indessen nichts. Die Parteien, die sich für die patriotisch meistverpflichteten heilten, setzten die Obstruktion fort. Nichts konnte die öffentliche Meinung wachrütteln. – Ja, der Widerstand wurde umso hartnäckiger, je erstere Formen die außenpolitische Lage annahm.“
Mit dem Niedergang in der Politik geht auch die Natur ihrem Herbst entgegen:
… (die Blätter) flatterten in der Luft …. Und schon machten sich die nächsten Blätter auf den Weg – ebenso anmutig und leicht. Als wäre sich jedes einzelne seiner Schönheit bewusst, so gingen sie in den gemeinsamen freiwilligen Tod.“ Für Bánffy gleicht das Sterben der Natur in Anmut dem Untergang all des Schönen der Monarchie und des alten Lebens, das sich ebenfalls in Schönheit dem Untergang hingibt. Noch heißt es, sterben in Schönheit.
„Die innenpolitische Lage spitzt sich immer mehr zu. Der gegenseitige Hass der Parteien erfasste nun auch schon die persönliche Sphäre….“
„Während dies im Inland vor sich ging, gab die außenpolitische Lage zunehmend Anlass zu Besorgnis. Doch: „Die ungarische Gesellschaft spürte von all dem nicht das Geringste. auch das ungarische Parlament nicht. Dort unterhielt man sich, wie gewohnt, mit Skandalen. …“
Der Thronfolger wird in Sarajewo ermordet: „Die ungarische Öffentlichkeit atmete gleichsam auf, als die Nachricht von seinem Tod eintraf. Daran, dass dieser Mord einen Krieg verursachen könnte, dachte in der Bevölkerung niemand, zumal als man in der Folge sah, wie die offiziellen Würdenträger in Wien den Thronfolger beerdigten, wie wenig die Äußerlichkeiten seinem Rang entsprachen und mit welcher Gleichgültigkeit seine Ermordung ganz allgemein zur Kenntnis genommen wurde.“ Nur Bálint macht sich Sorgen.
Als Adrienne in der Schweiz sich endgültig von ihm trennt, spiegelt sich ihre Situation in der Natur: „Unter ihnen, so weit das Auge reichte, zogen sich die zu Glas erstarrten Abgründe des Gletschers hin. Eis und Schnee, nichts anderes. Eine starr gefrorene Welt, in der das Leben schon längst aufgehört hat….“
Bálint will überhaupt nicht mehr zurück, will sich nur noch verkriechen: „Zerbrochene Pläne, vernichtete Träume und Erinnerungen lauerten dort in jeder Ecke.“ – doch mitten hinein in diese Überlegungen hört er Ultimatum zurückgewiesen! Mobilisierung!
„Endlich“, sagten die Leute. Jetzt werden wir die feinen Serben Mores lehren!“ Eine Hochstimmung macht sich überall breit. Man ist erleichtert. Endlich Krieg! Wie trunken schreien die Massen, hoch der Krieg!
Bálint regelt alle anstehende Angelegenheiten, nimmt Abschied von Dénestornya. Im Gegensatz zu den meisten anderen ist er sicher, dass der Krieg lange andauern und für die Ungarn mit einer Niederlage enden wird. In bewegenden Bildern lässt Bánffy noch einmal die ganze Schönheit Siebenbürgens aufleuchten. „Alles, seine ganze Vergangenheit lag vor ihm. … Bitterkeit stieg in ihm auf. Ihm schien, als stehe er allein hier und blicke auf eine Welt hinab, die jetzt der Vernichtung entgegenging.“ Er rechnet mit seiner Generation ab, die alles, was sie von den Vätern ererbt hatte, in kleinlichem Gezänk verschleudert hatte. „Vor sich sah er die Klasse der Gutsbesitzer, die, in ihrem herrschaftlichen Dasein heruntergekommen, sich weigerte, eine Laufbahn in der Wirtschaft einzuschlagen, und stattdessen einzig Beamter oder Anwalt werden wollte. Er sah den Lehrkörper, dem der Geschichtsunterricht anvertraut war und der nur den Schneid und die Heldentaten der Freiheitskämpfer pries, jene aber gering schätzte, die in Ungarns Vergangenheit die Nation zu Arbeit und Selbsterkenntnis ermahnt hatten.“ – … „Die ganze Welt dort hinten war in Brand geraten. Der untere Rand des Himmels leuchtete blutrot. Flammende Tränen glühten zahllos, blendend, als weine das All über dem Meer von Blut. … Lange Bergkämme mit Steilhängen. Riesige Särge, die Särge von Völkern.“
Es ist schon gruselig, wie sich die Bilder – damals und heute – gleichen. Wie wenig die Menschheit gelernt hat. Auch heute werden wieder große Worte geschwungen, die Öffentlichkeit belogen, wahre Hintergründe verschleiert – und drum herum fällt die Welt in Stücke.
Bánffy lesen! Nicht nur als großartigen Schmöker, der uns ins gesellschaftliche Leben des vorigen Jahrhunderts einführt mit seinen Intrigen und Glanzpunkten, sondern auch, um aus erster Hand mitzuerleben, wie sich die Dinge entwickeln können – bei gleichzeitiger Nabelschau.

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