Rezension: László Darvasi – „Blumenfresser“

Roman
Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer
Verlag Suhrkamp Berlin 2013
ISBN: 978-3-518-42359-2
Originaltitel: Virágzabálók, 2009
Bezug: Buchhandel, Preis: 28,00 Euro

11. März 1879: Der Theiß droht Hochwasser. Der deutsche Arzt Dr. Gustav Schütz steht im Wasser. Er ist alt und blind, schreit Unverständliches, prophezeit, dass der Fluss alles unter sich begraben werde. (1879 zerstörte tatsächlich ein katastrophales Hochwasser die Stadt. Von 6000 Häusern blieben nur 300 verschont.)
In seinem Haus sind Imre Schön, der schrullige Botaniker und seine Frau Klara Pelsőczy in einem mit Blumen und Pflanzen vollgestopften Zimmer, eng umschlungen verhungert. Eigenhändig hatten sie vorher jede Tür, jedes Fenster zugenagelt. Mit eintausendundeinem bunten Nagel. Die Leute geben ihm, Schütz, die Schuld daran. Man schubst ihn hin und her, schlägt ihn, durchsucht sein Haus, verwüstet seine Wohnung. Das Haus des Arztes bedeckt ein dicker Blumenteppich, er kaut Blüten und erinnert sich an die letzten Jahrzehnte. Inzwischen deckt die Theiß mit Gebrüll und Wassermassen die Stadt zu. Aus dem Romanende: Zu diesem Zeitpunkt lebt keiner der Protagonisten mehr: Weder der Arzt, noch das Ehepaar Imre Schön und Klara, noch ihre Liebhaber. Die Verstorbenen retten die Lebenden – so ähnlich sagt es am Schluss Gustav Schütz. Hat er etwa seinen eigenen Tod geträumt? „Es gibt Geschichten, die in dem Augenblick enden, in dem sie begonnen werden, aber beginnen, sobald sie zu Ende gehen! – Man erschafft keine Legenden, um dann an ihnen zugrunde zu gehen!“ Das könnte über dem ganzen Roman stehen: Die Legenden leben, und wenn eine zugrunde geht, wird eine andere auferstehen – auch das sagt Schütz etwas später. Der sterbende Alte hört die Stimmen von Klara und Imre. So ist es also gewesen? fragt er sich, beugt sich aus dem Fenster und hört die Musik des Grasmusikanten immer näher kommen.
Darvasis dicht gewebter farbiger und von Geschichten berstender 860-Seiten-Roman erzählt von den alten Problemen der Menschheit: Von Sehnsucht und Liebe, von Einsamkeit und Rache, von Verrat, Täuschung und Vergessen. In diesen Erzählungen überschlagen sich Historie, Geschichten, Geschichtchen, komische kleine Einschiebsel, skurrile und grausame Legenden und mythische Gestalten. Es ist die Zeit des Übergangs von der alten Welt zur neuen, als die Menschen noch mit mythischen Gestalten umgehen, ihr Auftauchen deuten konnten. Es ist die Zeit, als noch aus Wunden Blüten wachsen und sich das Besondere eines Menschen zeigt, wenn er, wie Klara, mit einem roten Fleck auf der Hand geboren wird.
Angesiedelt hat Darvasi diesen Roman in der Stadt Szeged am Zusammenfluss von Theiß und Marosch, als die Ungarn für ihre Unabhängigkeit kämpften, 1848/49. Sie führen aber auch bis nach Budapest und Wien. Enden lässt er die Träume der alten Zeit in der großen Katastrophe von 1879, im Hochwasser der Theiß. Ausgelöscht sind damit endgültig auch die mythisch-allegorischen Gestalten vom musizierenden Kosovaren Nero Koszta, der schon seit der Schlacht auf dem Amselfeld unterwegs ist um den nahen Tod anzuzeigen, ausgelöscht sind auch Wurzelmama, Blatt und Wurm, welche die Sterbenden in sich aufnehmen und ihnen den Tod leicht machen können.
Darvasi erzählt die Lebensgeschichten von Klara und ihren Liebhabern in fünf großen Kapiteln und aus deren Sicht, so dass wir mehrmals die fast gleiche Geschichte lesen. Oder doch nicht?, war alles vielleicht doch ganz anders? Fest steht, dass der Arzt Gustav Schütz alle Fäden in der Hand hält und an den Strippen zieht. Ist er es selbst sogar, der an diesen Legenden gewoben hat, als noch Nebelgestalten durch Kinderträume zogen, als die Menschen noch fähig waren mit Geistgestalten zu reden, den eigenen Tod herankommen zu fühlen? Nach dem niedergeschlagenen Freiheitskampf scheinen sie sich in einer nüchterneren Welt kein Gehör mehr verschaffen zu können. In einer neuen, technisierten Zeit wird man diese, in Parallelleben weilenden Schatten nicht mehr brauchen.
Klara, das exzentrische Mädchen, ist so eine, die mit den Nebelwesen spricht, für die auch die unbelebte Materie ein eigenes Leben hat – und die sich immer, bis an ihr Lebensende an alles erinnern möchte. Diesen Hang hat sie von ihrem Vater, einem poetisch angehauchten verarmten und verkrachten kleinadeligen Träumer, der zum Säufer wurde, als seine Welt in Brüche ging. Er macht seine Tochter auf die Wesen hinter der offensichtlichen Welt aufmerksam. Klara wird auch später so leben, als sei ihr Leben ein Traum – die Träume ihr Leben. „Wenn der Vater sprach, wurde die Welt groß und geheimnisvoll. Aus dieser Welt rief das Schweigen der Mutter sie zurück“. Auch dem Leser fällt es zuweilen schwer, zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden. Doch das macht nichts: Im Traum und durch den Traum erfahren wir Dinge, wie sie nicht im Geschichtsbuch stehen. Darvasi verwebt Traum und Leben, erzählt uns nebenbei einen Teil der Geschichte Szegeds, in der Juden, Christen und Zigeuner, Ungarn, Serben, Armenier und Deutsche neben- und miteinander leben müssen – und die Weltgeschichte der Zigeuner.
Mäandernd wechselt der Autor hin und her, erzählt die Geschichte von Klara, die Geschichte ihrer Mutter und ihres Vaters und deren Familien. Der Leser hängt atemlos an den Seiten des Buches; überlesen darf man nichts, sonst hat man den Eindruck, etwas Wichtiges verpasst zu haben.
September 1833: Klaras Vater kauft einen kleinen Raddampfer, mit dem er die Leute auf der Theiß befördert und auf dem er mit seiner Tochter herumschippert und ihr die Welt erklärt. In ihren Albträumen sieht sie immer wieder einen bleichen Jungen im Todeskampf, dem sie sich seltsam verwandt und von ihm angezogen fühlt. Er wird Adam Pallagi sein, ihr zweites Ich.
Zuvor verliebt sie sich in den Botaniker Imre Schön, von dessen Schrullen die ganze Stadt spricht: Überall streut er Samen aus, pflanzt an den unmöglichsten Stellen Blumenzwiebeln. So etwas Unnützes! Klara fühlt sich von ihm angezogen, bei ihm lernt sie eine andere Welt kennen. Der Mann, der lange im Ausland gelebt hatte, vermittelt ihr Schutz und Sicherheit. Ganz anders sein riesiger Bruder Peter, der alles erzittern lässt, wenn er auftritt, der aber auch fähig ist, ein gefülltes Likörgläschen in seiner Westentasche zu transportieren. Peter kommt und geht wann er will und nimmt sich ungestüm, was er möchte. Bei ihm sucht Klara das sexuelle Abenteuer, Kraft und Stärke. „Peters Aufrichtigkeit war roh, doch es war unmöglich, dem stürmischen Schauspiel seiner Zerknirschung zu widerstehen.“ – „Er war wirklich ein Barbar, ein gefühlvoller Wilder“. Während der träumerische Imre, genau wie sie, Zugang zur Welt hinter den Dingen hat, will Peter davon nichts wissen. Er verabscheut sie. Die Dunstgestalten seiner Kindheit haben ihm immer Angst gemacht. Und auch Adam, der zunächst unerkannte Halbbruder der Beiden, verliebt sich in Klara. Er ist der „weiße Schatten“, den keiner wahrnimmt und der deshalb glaubt, er könne sich alles erlauben, auch das Töten, nur damit er einmal beachtet wird. Fast hätte er aus Eifersucht Imre getötet, wenn Peter nicht dazwischengefahren wäre! Nur Klara wird aufmerksam auf ihn, er wird ihr immer fehlen, auch wenn er eigentlich nichts tut, als sie zu belauern, vor ihr zu stehen und sie immer nur anzusehent. „Auch später berührte sie nie seine Hand, sein Gesicht oder sein kräftiges blondes Haar … sie lernte seinen Körper, den Duft seines Körpers nicht kennen, nur sein Blick war ihr bekannt, dieser zugleich aufdringliche und schamhafte Blick. … Er war kein Bekannter, sondern ein Teil von ihr, ein Glied, eine Erweiterung ihres Lebens. Sie hatte das Gefühl, dass Adam eigentlich sie selbst sei.“ Auch Adam hat Zugang zur Parallelwelt. Er wird Nero Kosztas Nachfolger werden als Grasmusikant, als er bei einer Schlacht erstochen wird. Klara liebt ihre Verehrer, jeden auf besondere Weise – und sie verzweifelt auch an ihnen. Für sie verdichten sich die drei Männer zu einem: „Ich gebe ihn nicht her – was ich brauche, gehört mir!“
Im Hintergrund der Erzählungen um Klara, ihre Männer, um die Zigeuner mit ihrem Woiwoden Gilagóg und dem Fäden-ziehenden Dr. Schütz tobt der Freiheitskampf, brechen Verdächtigungen und Pogrome gegen die ethnischen Mitbürger Szegeds aus, werden blutige Schlachten geschlagen und viel gestorben. Klara und Imre hoffen auf die Revolution. Im April 1849 gehen sie in die festlich geschmückte, fiebernde Stadt: „…sie könnten auch andere Menschen sein. Ihr Leben könnte eine vollkommen neue Wendung nehmen, ihre aus Staub und Nebel gewebten Träume könnten zum Leben erwachen … Sie konnten daran glauben, dass es möglich war, feiner, mit mutigerer Seele, auf stärkere Art zu leben….“ Der Krieg wird verloren, das Land durch Grausamkeit und Rachdurst der Österreicher in Lethargie und Angst versetzt; Spitzel überall, Verhaftungen und Hinrichtungen im ganzen Land.
Februar 1852: Gilagóg spricht vor den versammelten städtischen Honoratioren über „die Weltgeschichte der Zigeuner“ – eine komische, skurrile Geschichte. Danach hält Imre einen Vortrag über „Blumenfresser“, wovor ihn viele gewarnt hatten. Sogar den neuen Grasmuskanten hatte er gehört. Und richtig: Die kaisertreue Obrigkeit fühlt sich derart provoziert, dass sie ihn zuerst zum Tode, dann zu lebenslangem Kerker in Olmütz verurteilt. Erst eine Amnestie des Kaisers lässt ihn nach 7 Jahren wieder frei.
Und immer hat der Arzt seine Hände im Spiel; er hatte die Verbindung zu Imre aufrecht erhalten – Klara hatte kaum geschrieben und ihn nur einmal besucht – er kommt zur rechten Zeit, wenn zu heilen ist, er bezahlt wenn nötig, er knüpft Fäden hierhin und dorthin, setzt sich für seine Schützlinge ein.
Während der Gefangenschaft ist ihr kleiner Sohn gestorben, was Imre bei seiner Heimkehr nicht realisieren will; er spricht mit dem Kind und es antwortet ihm: „Wovor haben wir Angst? flüsterte das Kind. – Dass wir nicht den Ort sehen, an dem wir uns befinden. .-. Vergiss nie: Auch wenn ich genau wüsste, wie es geschehen ist, würde ich es anders erzählen! “ – bis Klara ihn in die Wirklichkeit zurückschreit. Das Ehepaar hat sich fast ganz auseinander gelebt und versucht trotz allem einen gewissen täglichen Ritus beizubehalten und das alte Leben zwischen Traum und Wirklichkeit weiter zu führen. Adam ist tot und Klara gibt Peter die Schuld daran. Er sei sein Mörder. Davon ist sie nicht abzubringen, obwohl aus Peters Geschichte hervorgeht, dass er es gar nicht gewesen sein kann. Peter lebt inzwischen in Wien, er wird auch dort sterben.
Obwohl der Titel „Blumenfresser“ als Vortrag genannt wird, weiß man bis zum Schluss nicht, was Imre eigentlich gesagt hat. Jeder der Anwesenden hat etwas anderes gehört, nämlich das, was er hören wollte.
Alle Figuren der Geschichte haben etwas Unwirkliches an sich. Irgendwie sind alle verdreht und überspannt; jeder verrennt sich fanatisch in seine eigene Welt, die er besessen verteidigt und aus der er nicht mehr heraus kann:
Klara versteigt sich in ihre Träume und Sehnsüchte, Imre in seine Blumenforschungen, an denen er Klara nicht teilhaben lässt, Peter in seine Kraft und seinen sexuellen Appetit, Adam in seine Unsichtbarkeit und Einsamkeit, an den Glauben an seine Macht über Leben und Tod, Dr. Schütz in seine Schrulligkeit, die er oft einfach nur zur Schau trägt, die Zigeuner, allen voran Gilagóg, in ihren wundersamen Ursprung, den er zu ergründen sucht. Auch die weiteren Figuren des Romans kommen aus ihren Überspanntheiten nicht heraus und müssen in ihnen enden.
Zum Schluss versammelt Dr. Schütz noch einmal alle in einem löchrigen Boot auf der Hochwasser führenden Theiss: Peter und Gilagóg, den Zigeunerfürsten, Imre und Klara, die gerade im Blumenzimmer verhungert sind, Adam, den man nur als Grasmusikanten sieht und hört. Auch Schütz will sterben – oder ist er bereits tot? „Herr Schütz atmete nur noch schwach, Klara musste das Leben in ihn zurückhauchen. Schütz wollte sterben. Was hatten sie hier zu suchen? Schon wieder verließen sie sich auf die dubiosen Pläne von Herrn Schütz, der immer wieder ertrotzte, dass alles so geschah, wie er es sich ausgedacht hatte.“ …“Zwischen Schlamm und Unrat wiegten sich auf einmal Rosenblüten und es wurden immer mehr. In kurzer Zeit war die ganze Theiß von einem dicken Teppich aus Blüten bedeckt. Herr Schütz greift sich eine heraus und isst sie. Und die ganze Bootsbesatzung frisst unter Lachen und Geschrei Blumen über Blumen. Allmählich wurden sie ruhig und müde. Es war vorbei. Alles war vorbei. Die Dinge der Welt begaben sich zur Ruhe.“
Zu diesem grandiosen Buch, das zwar manchmal etwas zu sehr ausufert, aber spannend zu lesen ist bis zur letzten Seite, ist nur noch zu sagen, dass es auch eine grandiose Übersetzung hat von Heinrich Eisterer, der es verstanden hat, den ungarischen Tonfall, die Farbigkeit und Fülle ungeschmälert zu vermitteln.

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