Rezension: Zsolt, Ágnes – „Das rote Fahrrad“

Tagebuch mit der Einleitung der Mutter und einem Nachwort von Gábor Murányi
Aus dem Ungarischen von Ernő Zeltner
Verlag Nischen, Wien, 2012
ISBN: 978-3-9503345-0-0
Originaltitel: Éva lányom, 1949
Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 19,80

Nach dem 1. Weltkrieg wurde im Vertrag von Trianon auch die damals hauptsächlich von Ungarn bewohnte Stadt Nagyvárad (dt. Großwardein, heute Oradea) Großrumänien zugesprochen. Infolge des Zweiten Wiener Schiedsspruches fiel die Stadt 1940 dann wieder an Ungarn. Die dort lebenden Rumänen mussten die Stadt von einer Stunde zur anderen verlassen. Als Reichsverweser Horthy den Nationalsozialisten nicht mehr als sicherer Verbündeter galt, marschierten die Deutschen am 19. März 1944 in Ungarn ein, am 25. März auch in Nagyvárad. Ab sofort galten auch in Ungarn die verschärften Judengesetze. Schon seit 1941 waren Juden abtransportiert worden, die nicht im Mutterland Ungarn geboren waren; die „ungarischen“ Juden wurden aus ihren Geschäfte vertrieben, jüdischen Kindern der Besuch von arischen Schulen verboten. Große Verunsicherung kam auf. Es war klar, dass Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen würde und so hoffte die Mehrzahl der Juden, dass die Alliierten eingreifen und die Russen bereits vor Ort wären, bevor es zu weiteren Übergriffen käme. Mit ihrer systematischen Ausrottung rechneten die Wenigsten. Nach dem Einmarsch begann der Terror in großem Maßstab. Willfähig führten ihn ungarische Gendarmen und Pfeilkreuzler aus. Täglich wurden neue Judengesetze erlassen: Alle mussten den gelben Stern tragen, sie durften nur noch eine Stunde am Tag auf die Straße gehen, arischen Dienstboten wurde verboten bei Juden zu arbeiten. Schließlich folgte die totale Enteignung, der Raub von Schmuck, Geschirr, Möbeln und sogar Nahrungsmitteln. Es folgte Folter, um noch mehr aus den Juden herauszupressen – und schließlich das Zusammentreiben der gesamten jüdischen Bevölkerung in Ghettos, die Deportation in Viehwaggons nach Auschwitz. Dort selektierte der Naziarzt Mengele die Ankommenden in solche, die noch arbeiten konnten, in Menschen, an denen er seine Experimente vornehmen wollte – die anderen, Alte, Kranke, Kinder schickte er sofort ins Gas. Sie wurden anschließend verbrannt.
Eines dieser Kinder, die dem mörderischen Zynismus Mengeles zum Opfer fielen, nachdem es für seine Versuche nicht mehr taugte, war Éva Heyman, die Tochter von Ágnes Zsolt.
Sie hat uns ihr Tagebuch hinterlassen, in dem sie immer wieder gegen ihre Angst, ermordet zu werden ankämpft und hinausschreit, dass sie leben will!
Ágnes Zsolt schreibt im Vorwort, dass ihre Tochter am 17. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet wurde. (Eine Woche, nachdem ihre Heimatstadt Nagyvárad von rumänischen und russischen Truppen eingenommen worden war.)
Es wird wohl nie mehr zu klären sein, ob dieses Tagebuch eigenhändig von Éva Heyman, Ágnes Tochter aus erster Ehe, geschrieben wurde, ob die Mutter als Herausgeberin eingegriffen – oder es gar im Andenken an ihre ermordete Tochter selbst geschrieben hat. Die Fachleute sind geteilter Meinung, wie aus dem lesenswerten Nachwort hervorgeht. Letztlich ist das alles unerheblich: Ton und Anliegen sind die eines sensiblen, frühreifen 13jährigen Mädchens am Beginn der Pubertät, welches hellwach seine Umgebung beobachtet, seine Schlüsse daraus zieht, sich Gedanken über sein eigenes Leben macht und dabei erschreckend schnell erwachsen werden muss.
Die Situation ist so schaurig wie aussichtslos: 1941 wird bereits Évas Freundin Márta mit ihrer Familie nach Polen deportiert. Éva ahnt, dass sie dort ermordet wurde. Noch beschwört sie den lieben Gott, jetzt aber besser aufzupassen – die Sache mit Márta konnte ja nur ein Versehen sein. Aber ab März 1944 zieht sich auch in Siebenbürgen die Schlinge um die Juden immer enger zu, bis sie allesamt ins Gas getrieben werden.
Éva bekommt am 13. Februar, zu ihrem 13. Geburtstag ein Tagebuch geschenkt. Dieses wird ihr zur Freundin. Ihm erzählt sie alles, füllt Wissenslücken auf, genau wie bei einer neuen Freundin, die noch nicht über alle Lebensumstände der Familie Bescheid weiß: Die Eltern sind schon seit einigen Jahren geschieden, der Vater, Architekt Béla Heyman, lebt in der gleichen Stadt, bei seiner Mutter, der Lujza-Oma. Die Mutter, Ági, von der Tochter als große Freundin betrachtet, hält sich nach einer schweren Operation in Budapest auf. Sie hat inzwischen wieder geheiratet, den bekannten links-intellektuellen Journalisten und Schriftsteller Béla Zsolt, von Éva liebevoll Béla-Bácsi genannt. Diesen achtet und schätzt sie sehr. Selbst wenn sie ihrer Mutter im Tagebuch vorwirft, sich einzig um Béla-Bácsi zu sorgen, so lastet sie nicht ihm diese Vorwürfe an.
Es ist fast unerträglich, lesen zu müssen, wie hoffnungslos die Situation ist – der Ausgang ist ja leider bereits gewiss. – nämlich, wie es wenigstens zweimal möglich gewesen wäre, Évas Leben zu retten, einmal mit falschen Papieren, und einmal in einem Versteck zu überleben. Aber Éva konnte nicht gerettet werden aus Familiensolidarität – und weil ihre Mutter zwar für ihren Mann fürchtete, Himmel und Erde in Bewegung setzte – und ihn retten konnte, aber die Gefahr für ihre Tochter nicht bedrohlich genug einschätzte – oder keine Kraft mehr dazu hatte.
Die ersten Einträge im Tagebuch sind noch die Überlegungen eines Teenagers, Kummer darüber, dass die Mutter am Geburtstag nicht da ist – auch in Várad gäbe es gute Ärzte – Mutmaßungen, ob Ági sie doch mindestens genau so liebt wie Béla-Bácsi, ein bisschen Familientratsch. Éva hat bereits Zukunftspläne, sie möchte Fotoreporterin werden und einen arischen Engländer heiraten – dann kann ihr nichts mehr passieren. Der Großvater lacht über sie, bis dahin sei alles ausgestanden – und niemand würde mehr nach Ariern oder Juden fragen. Éva zweifelt, sie weiß von den Judengesetzen, und davon, wie beeinträchtigend sie sind. Sie hat schon erleben müssen, wie sehr sich die Erwachsenen irren. Zwei Jahre zuvor war Béla-Bácsi als Zwangsarbeiter in die Ukraine verschleppt worden. Ági hatte alles daran gesetzt ihn zu befreien – 15 Monate hatte sie um ihn gekämpft – und auch Erfolg gehabt. Zsolt ist wieder in Budapest bei ihr. Es sickert bereits durch, dass schon tausende von Juden in Güterwaggons nach Polen abtransportiert werden. Ági scheint bereits zu ahnen, dass ihnen allen Unheil droht – doch vor der letzten Konsequenz verschließt auch sie die Augen.
Dem Großvater Rácz hatte man die Apotheke konfisziert. Um weiter dort als Angestellter arbeiten zu dürfen musste er viel Geld zahlen – und dafür das Familienklavier verkaufen. Mit im Haushalt leben noch die christliche Köchin Mariska und das österreichische Kinderfräulein Juszti, welches schon Ági erzogen hat. Die geliebte Juszti, als Eingedeutschte, musste bereits ihren Dienst bei einem arischen Ehepaar antreten. Die Stimmung gegen die Juden lädt sich immer weiter auf. Öffentlich macht man sich über sie lustig, alte Bekannte grüßen nicht mehr und drehen sich weg. Die Atmosphäre zu Hause wird bedrückend, die Rácz-Omi von Tag zu Tag nervöser und unberechenbarer. Das Tagebuch erfährt auch, dass Éva sich in einen älteren Jungen, einen Studenten verliebt hat– und dabei ihre ersten Nöte und Eifersüchte durchmacht, denn der junge Mann sieht in ihr nur das kleine Mädchen.
Am 14. März kommen Ági und Béla-Bácsi endlich aus Budapest. Ági ist von der OP noch sehr geschwächt, hat Schmerzen und muss viel liegen. Éva ist für kurze Zeit glücklich, Mutter und ihr Stiefvater sind da – alle sind zusammen, das ist das wichtigste. Zsolt versucht seinen Aufenthalt in Várad geheim zu halten. Als Jude und Linker – und damit als „Kommunist“ ist er noch mehr gefährdet als die übrige Familie. Er stellt bereits Überlegungen an, dass die Deutschen auch in Ungarn einmarschieren werden, was in der ganzen Familie Entsetzen auslöst. Am 18. März trägt Éva ins Tagebuch ein, dass in Budapest jetzt immer Bombenalarm sei. Sie fürchtet, dass Várad auch bald bombardiert würde – und: „Ich will doch leben. Unbedingt.“
Am 19. März 1944 geschieht, was Zsolt schon vermutet, viele gefürchtet, aber niemand wahrhaben wollte: Die Deutschen sind einmarschiert. Als die Rede darauf kommt, er solle sich nach Rumänien absetzen, rastet die Rácz-Omi aus. Sie hat Angst, alleine mit dem Großpapa und Éva zu bleiben und von den Deutschen gequält zu werden. Diese Großmutter wird vor Sorge und Angst langsam wahnsinnig und vereitelt mit ihren Anfällen jeden Versuch, ihre Enkelin zu retten.
Am 25. März marschieren die Deutschen auch in Nagyvárad ein, „mit Kanonen und Panzern„ganz wie in der Wochenschau“. Ági ist bereits überzeugt, dass sie das Ende des Krieges nicht mehr erleben werden, doch Éva begehrt auf: „Ich will es aber erleben und werde mich einfach verstecken!“ […] Seit die Deutschen da sind, muss ich dauernd an Márta denken. Auch sie war noch ein Kind, und man hat sie umgebracht. […] Nein, nein, nein! Ich will nicht umgebracht werden! Ich will doch Fotoreporterin werden […]. „Ich will nicht sterben! Nicht jetzt schon, liebes Tagebuch! Ich habe ja überhaupt noch nicht lange gelebt.“
Ab jetzt spitzt sich die Situation täglich mehr zu: Die Juden dürfen ohne einen gelben Stern ihre Wohnungen nicht mehr verlassen, die Telefone werden abgestellt, nur noch eine Stunde pro Tag ist es erlaubt, auf die Straße zu gehen. Als die Gendarmen dann Évas rotes Fahrrad abholen, kommt ihr die ganze Tragweite zum Bewusstsein. Sie als Jüdin darf keines besitzen. Das Fahrrad ist ihr ein und alles, und hat sogar einen Namen, Freitag. Entsprechend lautstark wehrt sie sich, als es ihr abgenommen wird: „Das ist Diebstahl“. – Auch Mariska darf nicht mehr bei der jüdischen Familie arbeiten. Dann wird Évas Vater abgeholt und weggebracht. – Sie hat keine Lust mehr, etwas zu schreiben, weil ja nur noch Schreckliches passiert:
Am 18. April: kommt Ágis Cousin aus Pest mit falschen Papieren für Ági, Béla und Éva. Doch die Omi bekommt wieder einen solchen Anfall, dass alle von dem Vorhaben ablassen.
Dann will eine Näherin Éva bei sich verstecken – auch sie wird von den Wahnsinns-Attacken der Großmutter vertrieben, die letzte Chance für Éva – vertan. Das Mädchen würde auch, das gibt sie dem Tagebuch zu, allein, ohne Eltern und Großeltern sich verstecken, weil sie unbedingt leben will. – Jeder klammert sich an den Gedanken, die Russen oder die Alliierten würden rechtzeitig eingreifen, doch alle müssen ihre Häuser verlassen, werden ins Ghetto getrieben, wo sie kaum Platz haben, um sich hinzulegen. Das Leben besteht nur noch aus Verboten – auf Zuwiderhandlung steht die Todesstrafe – der reine Terror: Das Holz wird weggeschafft – es gibt kein warmes Wasser mehr, die Lebensmittel werden so rationalisiert, dass auch die Kinder oft hungern, alle Männer von 16 – 60 müssen zur Arbeit antreten, die jüdischen Häuser ausräumen – den Inventar macht das ungarische Volk den Deutschen „zum Geschenk“. – Im Ghetto nehmen die Selbstmorde zu, bevor es in Sektoren eingeteilt wird: der Reihe nach werden alle werggeschafft. „Alles ist aus“, schreibt Éva in ihr Tagebuch. Für je zwei Personen ist ein Rucksack erlaubt – Lebensmittel haben sie gar nicht mehr. Sie werden in Viehwaggons abtransportiert, das hat Éva schon gehört. Ein Gendarm erzählt, dass er desertieren will, er könne das nicht mehr mit ansehen: „80 Personen haben sie in einen Waggon hineingepfercht, mit einem einzigen Wasser für alle. […] Gewundert hat er sich über die Juden, die Kinder weinten nicht und die Erwachsenen waren wie mondsüchtig, als hätten sie gar nicht mehr gelebt, so abgestumpft sind sie in die Waggons gestiegen.“ und noch Évas letzter Aufschrei: „Aber ich will nicht nach Polen, ich will doch nicht sterben, liebes Tagebuch. Ich möchte auch dann noch leben, wenn ich im ganzen Bezirk allein zurück bleibe In einem Keller, auf irgendeinem Dachboden, sogar in einem Erdloch würde ich mich verkriechen, bis der Krieg zu Ende ist.“. Danach übergibt sie Mariska, die noch einmal zum Ghetto kommt, am 30. Mai das Tagebuch zur Aufbewahrung. Am nächsten Tag werden sie deportiert.
Dem Tagebuch angefügt sind zwei Briefe: Der Brief der Köchin Mariska, der Éva das Tagebuch übergeben hatte – und die nach dem Krieg an Ágnes Zsolt schreibt – und der Brief des Kinderfräuleins Juszti an ihren ehemaligen Zögling Ági.
Dazu wie gesagt, ein Essay von Gábor Murányi zur Situation, zur Familie, zur Biografie von Ágnes Zsolt und zur Rezeption des Buches.

„Das rote Fahrrad“ ist das 1. Buch des 2012 neu gegründeten Nischen-Verlages, Budapest und Wien, der es sich zur Aufgabe macht, vergessene oder wenig bekannte ungarische Literatur auf Deutsch herauszugeben.

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